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Aus dem Elfenbeinturm

Interview: Der blinde Fleck der Beobachtung

Ins „dunkle Herz Chicagos“, und zwar in den 1930er Jahren, entführt uns Rowenna Davis, um eine Erkenntnis endlich auch für den Journalismus fruchtbar zu machen, die für Sozialforscher und Betriebswirte zum Standard-Repertoire gehört. Im „British Journalism Review“ kommt sie auf die berühmten Hawthorne-Experimente zurück, die zunächst unter Forschern für Erstaunen und Verwirrung gesorgt hatten. Um die Produktivität der Mitarbeiter zu steigern, experimentierten damals in einer Fabrik Wissenschaftler mit Veränderungen der Arbeitsbedingungen, variierten bei einer Gruppe von Beschäftigten die Beleuchtung am Arbeitsplatz, die Entlohnung, die Arbeitspausen und -zeiten und beobachteten parallel auch eine Kontrollgruppe, deren Arbeitsalltag unverändert blieb. Das Ergebnis: Beide Gruppen arbeiteten mehr.

Es bedurfte einiger wissenschaftlicher Kreativität, um das Rätsel zu lösen und in ein solides Forschungsresultat umzudeuten: Nicht die veränderten Arbeitsbedingungen, sondern die Tatsache, dass die Wissenschaftler den Beschäftigten als Forschungssubjekten Aufmerksamkeit geschenkt hatten, spornte offenbar die Mitarbeiter an.

Journalisten sollten diesen Hawthorne-Effekt kennen. Denn wo immer sie eines ihrer wichtigsten Recherche-Instrumente, das Interview, einsetzen, besteht die Gefahr, dass genau dieser Effekt eintritt. Davis verweist auf vielfältige Möglichkeiten, wie die Interview-Situation zu verfälschten Antworten führen kann und belegt ihre plausible These mit lesenswerten Beispielen. Das spannendste: Ein amerikanisches Forschungsexperiment habe klar gezeigt, dass auch die ethnische Herkunft des Interviewers die Antwort der Interviewten beeinflusse. So wurden im Süden der USA 1.000 Afroamerikaner befragt, ob sie in der Armee diskriminiert worden seien. Nur elf Prozent der Befragten bejahten dies, wenn sie von weißen Interviewern befragt wurden. Dagegen antworteten 35 Prozent mit „Ja“, wenn der Interviewer farbig war. Dies solle im Auge behalten, wer heutzutage „kulturell sensitive Geschichten“ recherchiere, meint Davis, etwa im Umgang mit der muslimischen Welt.

Aber das ist eigentlich nur der Anfang vom dicken Ende: Seit sich die PR-Branche professionalisiert, müssen Journalisten damit rechnen, dass Ereignisse exklusiv für sie inszeniert werden. Höchste Zeit, dass sich die Wissenschaft mit diesem Hawthorne-Effekt der zweiten Generation gründlicher auseinandergesetzt und vielleicht auch Journalisten darüber nachdenken, wie sich der Falle der Medieninszenierungen entkommen lässt, statt reflexartig zu reagieren und die Kamera „draufzuhalten“.

Quelle: Rowenna Davis: Truth and nothing like the truth, In: British Journalism Review, Vol.. 18, Nr. 4/2007, 63-67.

Fördert Medienkonzentration Vielfalt?

Für eine Überraschung sorgen auch die Forschungsergebnisse von Lisa George, Wirtschaftswissenschaftlerin am Hunter College in New York. Sie hat untersucht, welche Effekte Eigentümer-Konzentration bei Medienunternehmen im Blick auf Produktdifferenzierung, Themen- und Meinungsvielfalt haben. Entgegen der weit verbreiteten Auffassung, Konzentration sei der publizistischen Vielfalt abträglich, zeigt die Forscherin, dass Medienunternehmen von ihnen übernommene Titel oftmals neu positionieren, indem sie frische Inhalte anbieten, neue Zielgruppen ansprechen und vor allem so aufstellen, dass sie das bisherige konzerneigene Angebot eher sinnvoll ergänzen als duplizieren. So sorgen sie George zufolge für mehr, nicht für weniger Vielfalt. Eine Medienpolitik, welche eine möglichst große Zahl von Printmedien und Medienunternehmen zu erhalten versuche, sei deshalb nicht immer im Interesse der Leser. Das klingt ökonomisch plausibel und hat dennoch einen Haken. Unbeantwortet lässt George, wie es um Meinungsvielfalt bestellt ist, wenn Interessen der Eigentümer berührt sind. Haben sie – wie Berlusconi in Italien – selbst politische Ambitionen, oder ist – wie jüngst bei Springer – in der Diskussion um Mindestlöhne das eigene Unternehmen existentiell tangiert, wird aus der Vielfalt schnell Einfalt. Unabhängige Redaktionen verwandeln sich dann oftmals in vorauseilendem Gehorsam zu Außenstellen der hauseigenen PR-Abteilung.

Quelle: Lisa George: What’s fit to print. In: Information Economics and Policy 19 (2007), 285-303.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2008 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 70 bis 71. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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