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„Mehr Verantwortung als Macht“

Barbara Reiter: „Ich war fünf Jahre lang beim ORF Niederösterreich im Bereich Aktueller Dienst für Radio und Fernsehen tätig. Davor bei verschiedenen Privatradios (88,6, Antenne Wien). Im „Kurier“ habe ich zwei Jahre im Ressort Leben gearbeitet, bevor ich im Juli 2007 in das Ressort Menschen gewechselt bin.“

Wie viel Macht hat ein Journalist?

Eigentlich haben Journalisten mehr Verantwortung als Macht, weil sie Meinungsbildner sind.

Ihr Verhältnis zur Macht?

Ein sehr entspanntes.

Hat Ihre Arbeit schon einmal Einfluss auf wichtige Entscheidungen gehabt?

Nein.

Ihre Vorbilder im Journalismus?

Mir imponieren Journalisten, die keine Befehlsempfänger sind. Und Journalisten, die einen durch die Art und Weise, wie sie Dinge transportieren, fesseln. Im Bereich Unterhaltung ist das für mich der deutsche Journalist Axel Hacke, weil er Allerweltsthemen in spannende und witzige Kolumnen verpackt. Er liest sich einfach gut.

Was zeichnet einen guten Journalisten aus?

Am wichtigsten sind Neugier und Leidenschaft. Jemand, der seinen Dienst absitzt und um 17 Uhr den Bleistift fallen lässt, kann kein Journalist sein. Journalismus ist kein Beruf, sondern Berufung. Was zur Folge hat, dass man leider nicht sehr gut abschalten kann und sich Job und Privatleben oft vermischen. Deshalb sind Freundschaften außerhalb des Journalismus sehr wichtig.

Wie wird sich der Journalismus künftig verändern?

Darüber wurden dicke Wälzer geschrieben. Schwierig, diese Frage in aller Kürze zu beantworten. Aber das Internet wird in den kommenden Jahren für immer mehr Menschen immer schneller zugänglich sein. Die Online-Ausgaben von Zeitungen werden immer mehr an Bedeutung gewinnen. Die Herausforderung wird sein, in den gedruckten Ausgaben Informationen weiterzugeben, die nicht schon Stunden vorher im Internet gestanden sind.

Warum sind Sie Journalist geworden?

Weil ich neugierig bin und durch den Beruf die Legitimation habe, es zu sein. Weil mich Sprache interessiert und ich meine Kreativität ausleben kann. Weil ich mit interessanten Menschen in Kontakt komme und kein Tag ist, wie der andere.

Wie kamen Sie an Ihren ersten Beitrag und was war das Thema?

Ich habe mit ganz kleinen Meldungen über Verkehrsunfälle angefangen.

Ist das Schreiben für Sie Bedürfnis oder Qual?

Ich mache es einfach gerne, wobei es gute und schlechte Tage gibt. Manchmal habe ich einen Text sofort im Kopf, manchmal ist eine Geschichte aber auch Schwerstarbeit, weil mir einfach nichts einfallen will.

Schon einmal überlegt, den Beruf zu wechseln?

Bisher macht es noch sehr viel Spaß. Aber das Leben ist Veränderung und woher soll ich heute wissen, wozu ich in zehn Jahren Lust habe?

Wo und wie lernt man Journalismus am besten?

Indem man ein Praktikum nach dem anderen in den unterschiedlichsten Redaktionen (Radio/Fernsehen/Zeitung) und in den unterschiedlichsten Ressorts absolviert. Dann weiß man nachher, was man will.

Was sind Ihre persönlichen Stärken und Schwächen?

Dass mich fast nichts aus der Ruhe bringen kann. Dass ich am liebsten immer alles selber machen möchte, weil ich weiß, dass ich mich auf mich verlassen kann.

Ihre Lieblingssendung? Ihre Lieblingsinternetadresse?

Dokumentationen wie „Am Schauplatz“ oder Themenabende auf ARTE. www.welt.de.

Wie wichtig ist Klatsch?

Sehr wichtig. Er erfüllt eine Sozialisationsfunktion. Gäbe es keine Klatsch, würden die Menschen viel weniger miteinander reden. Polarisierer wie Richard Lugner werden immer ein ergiebiges Thema sein, egal ob bei Akademikern oder Arbeitern. Jeder tratscht gerne über andere und deren Glück oder Unglück, auch wenn es niemand zugibt. Das ist menschlich.

An welchem Ort würden Sie am liebsten arbeiten?

In einem sonnendurchfluteten Loft mit vielen Pflanzen und einem tollen Ausblick.

Mit wem würden Sie Ihren Schreibtisch am liebsten teilen?

Mit niemandem. In meinem Chaos herrscht Ordnung, die nur ich alleine überblicke. Mir gegenüber darf aber gerne jemand sitzen. Zum Reflektieren und gemeinsamen Kreativsein.

Stört Sie das schlechte Image von Journalisten?

Es kommt immer darauf an, für welches Medium man arbeitet. Der „Kurier“ hat einen guten Ruf. Insofern werde ich mit dem schlechten Image von Journalisten nicht konfrontiert.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2008 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 90 bis 90. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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