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„ORF hat 1.000 Leute zu viel“ - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2008 » Ausgabe 02+03/2008 »

Medien

„ORF hat 1.000 Leute zu viel“

Von Interview: Engelbert Washietl

Ex-ORF-Generalintendant Gerd Bacher vermisst Alpha-Tiere im ORF und in der Politik.

In dem schon 1987 erschienen Buch „Zeitzeugen“ beklagten Sie, dass die Zeitungen Europas immer mehr von Inseraten und immer weniger von ihren Lesern bezahlt werden. Inzwischen sind wir in der Gratiszeitungsära und bei der hundertprozentigen Abhängigkeit von Werbeeinnahmen angekommen. Unterwirft sich auch der Journalismus zumindest hintergründig dem Prinzip: Auf die Quote kommt es an?

Gerd Bacher: Diese Entwicklung ist nicht nur im Gange, sondern eine vollzogene Tatsache. Das wird nur nicht definiert und nicht offen ausgesprochen. Sie wirkt sich auf den ORF verheerender aus als auf die Zeitungen. Die wertvollen Sendezeiten am Vorabend sind ein Besitzstand der Werbung geworden. Da unterscheidet sich der ORF am wenigsten von den Kommerziellen, weil die alle nur Werbung machen. Ich bin ja überhaupt der Meinung, dass ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk keine oder fast keine Werbung machen sollte. Der ORF müsste jeden Tag zum Beispiel eine Kultursendung machen wie SAT1, die wunderbar ist und nicht nur Theater und Musik bietet, sondern einem ganz weit gefassten Kulturbegriff folgt. Da könnte auch der Platz für eine ausgedehnte Informationsshow sein. Wir wären damit die Ersten im deutschen Sprachraum.

Jetzt wundere ich mich, dass Ihnen so leicht der Begriff „Info-Show“ über die Lippen kommt.

Aber ja. Passieren wird sowieso nichts, weil der ORF überall auf die Werbung Rücksicht nimmt.

Vielleicht weil er Geld braucht, Herr Bacher?

Der ORF hat die Gebühren, er soll sie ganz bekommen, ohne den Abzug von einem Drittel für Bund und Länder, und auch die Gebührenbefreiung soll man streichen. Wir sind ja keine Sozialanstalt.

Die Seher und Hörer wären dennoch nicht bereit, den dreifachen Tarif zu bezahlen.

Brauchen sie ja nicht. Es käme ja automatisch ein Drittel dazu. Das ist schon fast das, was die Werbung bringt.

Verkümmert in unserer durchkommerzialisierten Gesellschaft der politische Dialog, mit oder ohne ORF?

Wir haben eine Diktatur der B-Gesellschaft. Es fehlen die Alpha-Tiere. Außer in der Wirtschaft – dort sind sie toll da. Da zeigen die österreichischen Wirtschaftler in Osteuropa, was wir können.

Wahrscheinlich gehen die Alpha-Tiere nicht mehr in die Politik?

Sie gehen nicht mehr in die Politik beziehungsweise es gibt sie nicht. Es ist doch geradezu zum Weinen, wie dieser begabte neue französische Staatspräsident als der Gockel der Marianne durch die Gegend zieht. Was sind denn das für Leute? Wo sind die Adenauers, Brandts, Schmidts, Mitterrands, Kohls, Degasperis und Paul-Henri Spaaks? In Europa fällt mir mit Ausnahme der Angelika Merkel überhaupt niemand auf. So einen lieben Nasenbären wie den Beck (SPD-Chef Kurt Beck, Anm.) hat sich doch die Sozialdemokratie in ihrer gesamten Nachkriegsgeschichte nicht vorzustellen vermocht.

Sie haben Bundeskanzler Helmut Kohl eine Zeit lang beraten. War es Kohl, der mit der deutschen Einigung Geschichte gemacht hat? Die Deutschen scheinen darüber uneins zu sein.

Für mich gibt es ganz wenige deutsche Politiker, die Geschichte gemacht haben. Das sind der Adenauer, der Erhard, der Brandt und der Kohl. Alle anderen sind gute bis sehr gute Leute, beispielsweise auch Helmut Schmidt, den ich verehre. Aber Geschichte hat er nicht gemacht und es ist ihm auf Grund seiner schundigen Partei nichts gelungen. Wenn ich an Brandt und Schmidt denke und dann den Beck vor mir sehe! Gewiss, das ist ein honoriger, anständiger Durchschnitts- politiker. Aber bringt die Sozialdemokratie nicht mehr hervor? Nein. Auch der Sarkozy oder wie der heißt ist kein de Gaulle, und so eine Figur im negativen Sinn wie der Bush in Amerika, das war ja einfach undenkbar, bis Bush die Figur wirklich verwirklichte.

Bei den deutschen Politikern kommt aus österreichischer Sicht noch ein Aspekt dazu. Ich halte Kohl für den letzten deutschen Bundeskanzler, der von Österreich etwas verstanden hat. Ist das so?

Merkel ist sehr interessiert und hat wahrscheinlich auch von Kohl mitbekommen, dass das andere, besondere Beziehungen sind mit dem zweiten deutschsprachigen Staat. Im Ausland hat ja unsere Kultur noch ein Mordsansehen. Aber Sie haben recht. Kohl ist Zeit seines Lebens ein Österreich-Liebhaber. Ich kenne keine drei österreichischen Spitzenpolitiker, die die österreichische Geschichte so kennen wie der Kohl. Er hat jahrzehntelang den Urlaub in Österreich verbracht, aber von unseren Bundeskanzlern wurde das überhaupt nicht genutzt. Ohne ihn gäbe es den Euro nicht, die Wiedervereinigung nicht – es gibt ganz selten einen Politiker, auf den hin so vieles zu personalisieren ist. Ich war ein Jahr lang jeden Tag bei der Lage dabei …

Sie meinen die Lagebesprechungen im deutschen Bundeskanzleramt, mit Horst Teltschik als dem außenpolitischen Berater Kohls?

Das war überhaupt sein bester Mann. Der Teltschik ist eine ganz großartige Figur, und es spricht ja so wahnsinnig viel gegen die heutige Art, mit älteren Leuten – was ist der schon älter, er ist 62- umzugehen. Die Wehrkundetagung in München ist, seit Teltschik sie macht, dreimal so gut wie alles, was vorher war. Der hat ein derartiges Ansehen, der ruft beim Putin an und wird durchgestellt. Ich habe die Rede zu seinem 60. Geburtstag am Tegernsee gehalten, da kommt auf einmal der Gorbatschow bei der Tür herein und bittet um Entschuldigung, dass er jetzt erst kommt, denn er hat vom Geburtstag zu spät erfahren.

Können Sie sich erklären, was dem Bundeskanzler Schröder und dem Außenminister Fischer im Jahr 2000 eingefallen ist, als sie die Sanktionspolitik gegen Österreich betrieben?

Das ist der Österreich-Komplex. Es gibt zwei Arten von Intellektuellen und Spitzenpolitikern in Deutschland, was Österreich betrifft. Es gibt die, die uns vorbehaltlos lieben und die, die uns nicht mögen aus mehreren durchaus erklärlichen Gründen. Sie tragen uns nach, dass wir uns nach dem Krieg abgeseilt haben. Dann kommt dazu, dass das zumeist Leute von nördlich der Main-Linie sind, die keine Österreich-Beziehung haben. Die EU-Sanktionen waren ganz eindeutig – die wollten es uns heimzahlen. Rächen wäre zu pathetisch und zu großzügig. Heimzahlen. So etwas ist von Frau Merkel nicht zu befürchten, sie ist auch nicht so hochmütig. Was für hochmütige Grätzn der Schröder und der Fischer sind! Also beim Brandt wäre man nie auf die Idee gekommen, der sei hochmütig. Der war souverän. Er war auch der Sozialdemokrat, der sich bei der Wiedervereinigung am solidarischsten erwiesen hat: „Es wächst zusammen, was zusammenwachsen muss“, sagte er. Das steht in 100 Jahren in den Geschichtsbüchern.

Die internationale Politik hat in den Jahren, als Sie Generalintendant waren, eine wichtige Rolle gespielt. Bestes Beispiel: der Prager Frühling und dessen Niederwalzung durch sowjetische Panzer 1968. Der ORF erkannte seine Chance und baute sich als Nachrichtentransporteur der freien Welt für den Ostblock auf. Das geschah in Ihrer ersten Funktionsperiode nach dem ORF-Volksbegehren. Politisch irgendwie eine Sternstunde. So etwas kommt heute nicht wieder?

Der ORF ist zu wenig originell. Es war ja unendlich schwer, was der Helmut Zilk so blendend gemacht hat, nämlich in Prag oder in Budapest die Stadtgespräche zu inszenieren. Sowas muss einem halt einfallen.

Vielleicht spiegeln ORF und Zeitungen bloß die Gesellschaft, wie sie ist.

Bei uns war die österreichische Gesellschaft auch keine vorwärts blickende. Wir haben uns als die dazu Berufenen gefühlt, die Gesellschaft zu mobilisieren, und das ist uns gelungen.

Die Gesellschaft ist zunehmend fragmentiert, nicht zuletzt durch die Medienvielfalt. Jeder kann sich heraussuchen, was im passt und den Rest ignorieren. Da haben Gesellschaftsreformer wenig Spielraum.

Unter diesem Zwang steht ja die ganze Wirtschaft im Zeitalter der Globalisierung. Dem haben wir uns zu stellen. Wenn man von mir glaubt, ich möchte alles so haben wie es war, dann ist das für mich eine Ehrenbeleidigung, man hält mich für einen Trottel, der glaubt, es hat sich in 40 Jahren n
ichts geändert. Wir haben eine neue Situation. Wir hatten auch neue Situationen vorgefunden. Als ich die Informationsexplosion startete, hat halb Österreich gesagt, der ist größenwahnsinnig. Aber wir haben es gemacht. Glauben Sie, dass heute noch ein Auslandskorrespondentennetz aufgebaut werden könnte, wie wir es geschaffen haben? Ich würde das Netz sogar ausbauen. Nur brauche ich keinen Auslandskorrespondenten, damit er einen 60-Sekunden-Bericht durchgibt.

Die Gegenrede der Macher lautet: Länger hört sowieso niemand mehr zu.

Dem Herrn Pfeifer hört jeder zu, weil jeder Beitrag von ihm ein kleines Kunstwerk ist. Und der Frau Vospernik auch, wenn die aus Asien berichtet. Man muss sich halt anstrengen. Aber erstens machen sie nicht ausreichend gute Sendungen und zweitens hat der Abstieg nach Zeiler begonnen. Und auch der hat schon eine ganz andere Politik gemacht als ich. Er war ein gottbegnadeter Kommerzialist, der mit dem Öffentlich-Rechtlichen wenig im Sinn hatte.

So wie Zeiler sucht der ORF auch heute das Geld, wo er es findet.

So wie der ORF heute aufgestellt ist, ist er unfinanzierbar. Der Apparat, also Strukturen und Personal, kosten zu viel und für das Programm bleibt zu wenig. Außerdem hat er um tausend Leute zu viel. Diese Todsünde hat der damalige kaufmännische Direktor Alexander Wrabetz mitbegangen.

Wenn er hier säße, würde er sagen: Mit der finanziellen Großzügigkeit hat schon der Bacher begonnen, und heute haben wir den Salat.

Aber überhaupt nicht. Ich hab das denen mit weit mehr als tausend Angestellten weniger übergeben. Sie haben heute über 4.000 Angestellte, bei mir waren es weniger als 3.000.

Sie waren fünf Perioden hindurch Generalintendant. Gab es zu Ihrer Zeit so viele Sachzwänge wie heute?

Es gab weniger Sachzwänge. Wir hatten es mit der Politik bis zu einem gewissen Grad leichter. Die ersten acht Jahre war der ORF mit Sicherheit eine der unabhängigsten Anstalten in Europa. Seit Kreisky und seiner Gegenreform sind die Parteien ins Haus zurückgekehrt. Und da kommt es dann sehr drauf an, ob ein Generalintendant im Stande ist, Widerstand zu leisten. Ich habe mich nie als Verwalter verstanden, sondern als Unternehmer. Ich habe meine Aufgabe als höchst kreative betrachtet. Und ich hatte auch viel bessere Mitarbeiter, als sie heute haben. Mehr als die Hälfte der heutigen Direktoren ist zweitklassig. Ich habe im ORF mitgemischt wie ein Herausgeber, ich war jeden zweiten Tag bei der Redaktionskonferenz. Drum war ich ja so happig auf das Recht der direkten Weisung. Es ist wichtig, dass die Rundfunkanstalt großes Ansehen genießt, dass sie Geltung hat. Es ist völlig falsch zu glauben, dass das Ansehen gewissermaßen im Fleckerlteppichverfahren zu Stande kommt, wenn man nur ausreichend gute Sendungen macht.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2008 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 66 bis 69 Autor/en: Interview: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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