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Journalistin

Welche Köder ziehen bei Frauen?

Von Umfrage Olga Dabrowski

Was machen Österreichs Tageszeitungen, um verstärkt Frauen anzusprechen?

Dass Frauen oft etwas andere Vorlieben haben als Männer ist ganz klar. Doch haben sie auch andere Erwartungen an die Qualitäten und Inhalte der österreichischen Tageszeitungen? Gibt es vielleicht sogar spezielle „Frauenthemen“? Eine Frage die von Österreichs Chefradakteuren beantwortet wurde: „Welche Köder ziehen bei Frauen?“

Manfred Perterer

„Salzburger Nachrichten“

Wir haben aus ReaderScan ziemlich genaue Erkenntnisse darüber gewonnen, was bei Frauen zieht und was nicht. Die Themen Gesundheit, Wissenschaft, Gesellschaft sind es, die Frauen ganz besonders interessieren. Aber auch die klassischen Ressorts wie Politik, Wirtschaft und Kultur werden von Frauen gerne frequentiert. Voraussetzung: die Themen müssen personalisiert sein, einen gewissen Nutzwert vermitteln und/oder emotionalisieren. Das gilt ganz besonders für Sportthemen: Geht es nur um technische Beschreibungen über den Ablauf von Sportveranstaltungen, dann haben sie bei Frauen keine Chance damit. Lassen Sie jedoch die Sportler selbst zu Wort kommen, sie über ihr Leben und nicht nur über ihre Disziplin reden, dann sind die Frauen mit von der Partie. Ich habe unter anderem auch deshalb zwei Frauen in die Sportredaktion gebracht, um mehr Verständnis für die Interessen der Frauen am Sport zu wecken. In der Vergangenheit haben so gut wie keine Frauen die Sportseiten der „SN“ gelesen. Das hat sich schlagartig geändert. Wenngleich der eine oder andere Sport-Hardcore-Freak mit dieser „Feminisierung“ des Sports nicht einverstanden sein mag.

Christoph Kotanko

„Kurier“

Köder sind für Fische, nicht für Menschen. Wir im „Kurier“ versuchen, mit interessanten Themen die Medienwünsche von Frauen zu erfüllen. Tageszeitungen machen oft zwei Fehler: Frauen werden überwiegend in ihren alten Rollen beschrieben, die mit der Lebenswirklichkeit längst nicht mehr übereinstimmen; und Frauen, die nicht den Klischees von Aussehen und Auftreten entsprechen, werden als Außenseiterinnen dargestellt. Ich behaupte nicht, dass der „Kurier“ an jedem Tag in jedem Beitrag frei von solchen Mängeln ist. Wir versuchen aber bei unserer Arbeit, die Vielfalt von Lebenssituationen abzubilden. Erleichtert wird das beim „Kurier“ durch die Vielzahl von Frauen in verantwortungsvollen Positionen, sei es als Chefredakteurin des Sonntag-„Kurier“ (Conny Bischofberger) oder als Ressortleiterin (Eva Gogala/Chronik, Alexandra Uccusic/Weltchronik, Margaretha Kopeinig/Europa, Heike Kroemer/Burgenland-KURIER, Ela Angerer/IMMO etc.). Auch bei den Kommentatorinnen und Kolumnistinnen bemüht sich der „Kurier“ um Vielfalt, von Doris Knecht bis Anneliese Rohrer, von Daniela Kittner bis Gaby Kuhn, von Livia Klingl bis Barbara Reiter, von Isabella Klausnitzer bis Andrea Hodoschek, Steffi Graf usw.

Michael Fleischhacker

Die Presse

Ich muss gestehen, dass ich mit der Formulierung „welche Köder ziehen bei Frauen“ ein Problem habe. Ich glaube noch immer fest daran, dass Männer und Frauen eine gut gemachte, spannend gestaltete Zeitung mit den Schwerpunkten, Politik, Wirtschaft, Kultur und Wien gleichermaßen schätzen. Das Köder-Bild behagt mir – unabhängig, ob Männer oder Frauen „geködert“ werden sollen – vor allem deshalb nicht, weil es ja nur stimmig ist, wenn der Fisch, der da geangelt wird, entweder stirbt oder aber gnadenhalber zurück ins Wasser geworfen wird. Beides scheint mir unpassend, wenn es darum geht, die Frage zu stellen, ob es etwas gibt, das Leserinnen in besonderem Maß interessieren könnte. Was ich aus vielen Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen, mit Leserinnen und aus Studien zu wissen glaube, ist, dass sich Frauen mehr als Männer für Fragen des täglichen Lebens in der Familie, in der Beziehung und mit Kindern (Schule, Erziehung) interessieren, weil sie nach wie vor den größeren Teil dieses Lebens aktiv bestreiten.

Claus Reitan

„Österreich“

Auf die Fragestellung „Welche Köder ziehen bei Frauen“ möchte ich in der vorgegebenen Wortwahl nicht eingehen, wofür ich um Verständnis ersuche.

Zum Thema Frauen & Tageszeitung: Journalistische Berufskenntnis sowie quantitative und qualitative Medien- und Meinungsforschung zeigen unter anderem frauenspezifisches Informationsinteresse und Leseverhalten (siehe dazu u.a. MA). Leserinnen wünschen einen kompakten Überblick über alle Ressorts, ein Vademecum für den Alltag in all seinen Facetten, Themen mit direktem Bezug zur Lebensführung, Service und Nützliches, dazu etwas Unterhaltung, Gesprächsstoff und Glamour. Will man dazu mehr sagen, müsste es wesentlich mehr sein, um nicht zu einer unsachlichen Verallgemeinerung von Frauen zu gelangen.

Andreas Unterberger

„Wiener Zeitung“

Ich bin vielleicht ein altmodischer Journalist, aber ich lehne es ab, in Termini wie „Köder“ zu denken. Ich müsste meinen Beruf aufgeben, wäre ich nicht überzeugt, dass geschlechtsübergreifend zumindest bei einem Teil der Leserschaft primär gute, spannende, verständlich geschriebene, seriös recherchierte, kreativ betitelte und illustrierte Geschichten zählen und nicht irgendein nur sehr kurzfristig schmackhafter Köder, der mit Widerhaken und einer freiheitsberaubenden Angelschnur verbunden ist. Und auch die bei Analysen statistisch nachweisbaren Unterschiede im Leseverhalten (Frauen lesen überdurchschnittlich Kultur und Chronik und unterdurchschnittlich Wirtschaft, Politik und Sport) werden sich – so bin ich überzeugt – zunehmend verwischen. Jene Druckprodukte, die mit unkritischen Geschichten über Parfums und Mode Frauen anzusprechen versuchen (oder ein anderes Geschlecht über Auto-„Rezensionen“), ordne ich nicht beim Journalismus, sondern in der PR- und Marketing-Branche an.“

Esther Mitterstieler

„WirtschaftsBlatt“

Ich glaube nicht, dass es sehr viele Themen gibt, bei denen sich Männer und Frauen so stark unterscheiden. Und ein Autofreak, egal ob männlich oder weiblich, sucht diese Themen in speziellen Magazinen. Ich halte nichts davon, beispielsweise eigene Frauenschwerpunkte einzuführen. Wenn ich eine Tageszeitung lese, will ich genauso wie ein interessierter Mann Fakten oder Hintergründe lesen, die nichts mit meinem Geschlecht an sich zu tun haben. Was Frauen an einer Tageszeitung besonders interessiert? Dass sie gut gemacht ist und ihr Lesernutzen bringt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau öfter zu einer Tageszeitung greift, weil diese etwa Kosmetik- oder Modethemen anbietet. Was mir aber aufgefallen ist: Am meisten Leserinnenbriefe bekomme ich, wenn ich über ein Frauenthema schreibe, etwa, dass es so wenig Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten im Land gibt. Fazit: Frau will über ihre Professionalität was gelten. Dahingehend haben wohl alle Tageszeitungen Aufholbedarf. Also sozusagen „politische“ Frauenthemen ja, aber keine typische Schubladenlogik, siehe oben.

Gerald Mandlbauer

„Oberösterreichische Nachrichten“

Die Antwort ist so einfach, wie die Umsetzung schwierig ist: Frauen verlangen eine andere Aufbereitung, einen anderen Themenzugang, andere Inhalte. Und es wäre zu billig und würde den Leserinnen nicht gerecht, ihre Sonder-Interessen auf die Bereiche Mode, Gesundheit, Familie, Gesellschaft/Society zu verdichten. Natürlich üben diese Themen eher Zugkraft auf die Weiblichkeit aus – so wie Sport, Motor, auch Politik und Wirtschaft quantitativ eher als Männer-affine Themen bezeichnet werden. Diese Klassifizierung ist richtig – und zugleich falsch. Denn Sport kann Frauen begeistern, wenn er anders als bisher aufgezogen wird, dasselbe gilt für Motor. Wir bringen z.B einen regelmäßigen Autotest für Frauen. Dabei stehen ganz andere Aspekte als Pferdestärken und Höchstgeschwindigkeit im Vordergrund: Nämlich Kofferramvolumen, Wendigkeit, Pfiffigkeit (Design). Frauen erwarten damit andere Zugänge. Wenn ich jetzt überzeichnen wollte und bewusst übertreiben, dann würde ich sagen, Frauen sind als Tageszeitungsleserinnen eher an Emotionen, an Menschen, an Bauchthemen interessiert – während Männer eher die Sachlichkeit, die Ratio anspricht (gilt nat
ürlich nicht in dieser reinen Ausprägung). Frauen wollen Geschichten, die an Menschen ausgerichtet und aufgehängt sind (gilt auch für Männer, aber vielleicht nicht in demselben Ausmaß). Frauen wollen stärker das in der Zeitung lesen, was einmal als new journalism bezeichnet wurde und was eigentlich alter Journalismus ist: Die einfühlsam geschriebene, erzählerische Form, die detailreiche Schilderung.

Alexandra Föderl-Schmid

„Der Standard“

Ich glaube nicht, dass es „frauenspezifische Themen“ in einer Tageszeitung gibt. Wir planen jetzt auch nicht Themen unter dem Motto: Was nehmen wir, damit es für Frauen attraktiv ist. Es gibt persönlichkeitsbedingt verschiedene Interessen und eine Zeitung sollte möglichst für alle etwas bieten. Es gibt auch Frauen, die sich für Autoberichte interessieren. Und im „Standard“ schreiben im Wirtschaftsteil weitaus mehr Frauen als Männer. Ich glaube nicht, dass es eine geschlechtsspezifische Berichterstattung gibt und auch nicht, dass es sie geben sollte.

Hubert Patterer

„Kleine Zeitung“

Die Angler-Metapher finde ich problematisch. Ich glaube nicht, dass Zeitungen Leserinnen „ködern“ können und sollen. Was sie können und sollen: Die weiblichen Gefühls- und Lebenswelten sowie die Anliegen der Frauen glaubwürdig und authentisch zu vertreten, und zwar quer durch die Zeitung und nicht in künstlichen spekulativen Ghettos. Das lässt sich am besten mit einer Vielzahl kompetenter weiblicher Stimmen im Redaktionschor verwirklichen. Das gilt vor allem für die noch immer viel zu männlichen Ressorts wie Wirtschaft und Sport.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2008 in der Rubrik „Journalistin“ auf Seite 52 bis 55 Autor/en: Umfrage Olga Dabrowski. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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