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Editorial
Die Akte “Heute”
Kampusch, April 2008: Der Zwischenstand der Journalisten-Akte “Heute” ist weitgehend klar: Österreichs größte tägliche Gratiszeitung wird in den nächsten Monaten vom Landesgericht Wien wegen grober Verletzung der Persönlichkeitsrechte zur Höchststrafe von 20.000 Euro verurteilt werden. Alles andere wäre eine große Überraschung. Die Verurteilung von Richard Schmitt, dem Chefredakteur von “Heute”, hat die Branche bereits selbst übernommen. Sie hat bestenfalls Stunden gebraucht – und das Urteil überrascht nicht. Gutjournalisten wie “Falter”-Chefredakteur Florian Klenk wollen künftig mit Richard Schmitt nicht einmal mehr am selben Tisch sitzen. Mit der Veröffentlichung eines Arztgespräches habe Schmitt einen Tabubruch begonnen und eine Spirale nach unten in Gang gesetzt, wogegen er ein Zeichen setzen wolle. Klenk ist auch sonst recht klar in seinem Urteil: “Boulevardschweine” titelte er erst kürzlich über diese Art von Journalismus.
Mehr als ein Jahr nach dem Ende ihrer Gefangenschaft überrascht vor allem das enorme Interesse der Öffentlichkeit am Schicksal von Kampusch. Und das weltweit! In einer Zeit, in der Themen mitunter innerhalb von Stunden durch sind, bevor die sprichwörtlich nächste Sau durchs Dorf gejagt wird, giert die Öffentlichkeit nach jedem Detail in dieser Sache. Selbst die ehemals ehrwürdige Londoner “Times” hat die komplette Titelseite von “Heute” auf der Seite eins abgedruckt.
Die Berichterstattung von “Heute” drängt sich als Anlassfall für eine notwendige Moral- und Qualitätsdiskussion geradezu auf, sie ist aber nicht einfach: Auch das betroffene Opfer und ihre Berater tragen einen Teil dazu bei. Ich kann persönlich absolut nachvollziehen, dass Frau Kampusch ihre Geschichte an verschiedene Medien bestmöglich verkauft hat, um damit zumindest den zweiten Teil ihrer lebenslangen Gefangenschaft wirtschaftlich abzusichern. Doch wenn die Medien und letzten Endes ihre Nutzer rund 1,5 Millionen Euro oder gar mehr für eine Geschichte bezahlt haben, von der viele (überspitzt) das Gefühl haben, “dem größten Medienbetrug seit den Hitlertagebüchern” aufgesessen zu sein (ein Blogger), dann zeigt das doch eine enorme Sprengkraft.
Letztlich – und das ist Teil einer großen Heuchelei – ist auch entscheidend, wer den Auslöser für die Sprengung drückt. Nicht von der Hand zu weisen ist, was Schmitt in unserem Interview sagt: Hätte “profil” die Story gebracht – niemand hätte sich aufgeregt. Es wäre Teil unseres Medienverständnisses gewesen: Hier die Aufdecker, die sich der Ungereimtheiten annehmen. Doch den Boulevardschweinen verzeiht man solches nicht.
Das Entsetzen der Branche ist zudem nur zum Teil aufrichtig. Einige hätten die Geschichte gerne selbst als Erstes gehabt und viele erzählten die Geschichte brav nach – nach dem alten Motto: Erschüttert berichten, was die anderen geschrieben haben. “News” ist in dieser Perfidie perfekt. “Penibel recherchiert und brillant formuliert” – wie Chefredakteur Andreas Weber im Editorial sagt -, erzählt Martina Prewein den ganzen Schmuddel nach, um dann zu schließen: “Alles nicht wahr”. Und als journalistische Tiefstleistung: Zu den Schwangerschaftsspekulationen stellt “News” ein Bild, auf dem Kampusch zärtlich die Hand zum Unterbauch hält. Der Bildtext beginnt mit “Die Hoffnung”. In einem weiteren Bildtext zwang Entführer Priklopil sein Opfer, ihn zu lieben. Lieben in Anführungszeichen. Diese widerwärtige “News”-Berichterstattung wird vermutlich nicht geklagt. Auch weil das “Opfer” mitgemacht hat – aber hoffentlich nicht deshalb, weil “News” und Kampusch denselben Anwalt haben.
Für das unvorstellbare Martyrium in Amstetten ist Kampusch das Bezugssystem. “Drei Mal so schlimm wie Kampusch”, sei das Verbrechen. Hoffen wir, dass wir diese Abgründe nicht auch in der Berichterstattung sehen werden.
Erschienen in Ausgabe 04+05/2008 in der Rubrik “Editorial” auf Seite 5 bis 73. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.
