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Medien
Geld aus dem Internet
Von David Röthler
Nach etwas mehr als zehn Jahren Online-Präsenz von Medien stehen wir noch immer am Beginn einer Entwicklung, bei der anfangs kaum mehr als das Offline-Produkt ins Internet gestellt worden ist. Die Sicherung der Marktposition des Printprodukts war die ursprüngliche Absicht der Online-Aktivitäten von Verlagen. Erst in den jüngsten Jahren wird erkannt, dass das Internet weit mehr Möglichkeiten bietet und damit neue Zielgruppen erreicht werden können.
Die meisten deutschen Journalisten sind inzwischen der Meinung, dass sich das Engagement der Verlage im Internet lohnen wird. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage von “news aktuell” der dpa. Der Großteil der 3.000 befragten Redakteure ist der Meinung, dass Investitionen jetzt nötig sind, es mittelfristig lukrative Erlösmodelle geben wird und in Zukunft auf jeden Fall wachsende Umsätze mit Online-Werbung zu erwarten sind.
Zwei Millionen Gewinn. Spiegel Online ist nach wie vor die Referenz der deutschsprachigen Online-Medien. Ein 80-köpfiges Redaktionsteam bereitet die Inhalte auf, die diesen Februar 86 Millionen Visits erhielten. Spiegel Online machte im Jahr 2006 einen Umsatz von 15 Millionen Euro, davon zwei Millionen Gewinn. Erst kürzlich erregte Spiegel Online mit der Öffnung des gesamten Archivs seit 1947 Aufmerksamkeit. Mit Hilfe des “Spiegel Wissen” genannten Dienstes, können mit einer Abfrage zugleich alle Ausgaben des “Spiegel”, Bertelsmann-Lexikon-Einträge sowie Wikipedia kostenlos durchsucht werden. Lediglich die jüngsten Ausgaben des “Spiegel” sind nur als Paid Content verfügbar. Prof. Lorenz Lorenz-Meyer, Hochschule Darmstadt und ehemaliger Ressortleiter Netzwelt von Spiegel Online, sieht das Paid-Content-Konzept noch nicht als gescheitert an, – solange sich allerdings der Werbemarkt im Internet weiterhin so positiv entwickelt, gibt es im onlinejournalistischen Mainstream wenig Grund, dieses schwierige Projekt voranzutreiben. Wollte man es tun, dann müsste man sich mehr Gedanken über die Entwicklung attraktiver Produkte machen. Denn letztlich ist Paid Content daran gescheitert, dass man für die falschen Dinge Geld verlangt hat. Für Archivtexte zum Beispiel. Das ist so, als würde ich die Zeitung von heute umsonst verteilen, aber für die von gestern Geld verlangen.
Weiters fällt Spiegel Online mit einer gelungenen Integration von Videos sowie mit interaktiven Infografiken auf.
Spiegel Online verzichtet weitgehend auf Leserbeteiligung. Das einzige Projekt, das sich auf Beteiligung stützt, ist das Zeitgeschichte-Portal “einestages”. Die Berichte der Leser, die von einer Redaktion geprüft werden, sollen ein kollektives Gedächtnis unserer Gesellschaft schaffen.
Welt-Gruppe. Seit 2006 ist Crossmedia ein Thema ersten Ranges bei einigen Online-Redaktionen. Verlagshäuser, die bisher lediglich Printprodukte im Programm hatten, werden zu Medienhäusern. Technische Konvergenz ermöglicht diesen Wandel und stellt Redaktionen wie auch Journalisten vor neue Herausforderungen. Prominentes Beispiel hierfür ist die Welt-Gruppe. Ende 2006 wurde ein gemeinsamer Newsroom für die Tageszeitungen (“Die Welt”, “Welt Kompakt” und “Berliner Morgenpost”), die Sonntagszeitung “Welt am Sonntag” und die entsprechenden Online-Versionen eröffnet. Klaus Meier, ebenfalls Professor an der Hochschule Darmstadt, beschreibt – in einer noch unveröffentlichten Studie über Konvergenz im Newsroom – die Herausforderung, die in der Kombination von Print und Internet, aber ebenso in der Notwendigkeit der Integration der unterschiedlichen Printtitel liegt. 400 Journalisten, darunter 38 Online-Journalisten arbeiten nun für die Welt-Gruppe im Axel-Springer-Haus in Berlin. Weiters wurde unter dem ehemaligen vorsitzenden Chefredakteur “Online First” zum Motto. Im Großraumbüro hat zwar jeder Titel seinen eigenen Chefredakteur, die Redakteure arbeiten allerdings zu 70 Prozent für alle Titel. Lediglich 30 Prozent schreiben ausschließlich für eine Zeitung oder nur für online. Die Online-Redaktion kann gemäß dem Motto “Online First” alle Artikel, sobald sie fertig gestellt sind, aus dem internen Redaktionssystem nehmen und auf den jeweiligen Web-sites veröffentlichen. Die Welt-Gruppe konnte im Jahr 2007 erstmals schwarze Zahlen schreiben. Den Journalisten werden Trainings in Audio- und Videoproduktion angeboten. Bisher haben 100 Mitarbeiter die Ausbildung angenommen und wurden somit fit für Crossmedia gemacht.
Dennoch hält Daniela Kraus, Geschäftsführerin der Forschungs- und Weiterbildungseinrichtung “Medienhaus Wien” den “Journalisten, der alles macht” für eine Fehleinschätzung. “Es bleibt gar nicht die Zeit dafür. Synergien lassen sich in der Praxis nicht dadurch erzielen, dass eine Person Text, Audio und Video produziert.” Allerdings lassen sich für die Konvergenzexpertin und Co-Autorin der eingangs erwähnten Studie durch Umstrukturierungen der Redaktionen sowie durch “crossmediales Mitdenken” Vorteile gewinnen.
20 Minuten Online. Chefredakteur Hansi Voigt von 20min.ch ist seinerseits davon überzeugt, dass “die Trennung und Unabhängigkeit von Print und Online das absolute Erfolgsrezept” ist. Natürlich gibt es Informationsaustausch zwischen der Redaktion der Schweizer Gratiszeitung und dem korrespondierenden Internet-Portal, bezüglich Crossmedia ist die Haltung jedoch eher ablehnend traditionell. Mit 7,7 Millionen Visits im Februar 2008 ist 20 Minuten Online die Nummer eins unter den Newsplattformen. In den beiden Redaktionen an der Zürcher Werdstrasse und in Lausanne arbeiten insgesamt 43 redaktionelle Mitarbeiter. Ein weiterer Ausbau der Redaktionen soll bald folgen.
Die Online-Präsenz fällt durch die sehr gute Integration eines zum großen Teil selbst produzierten Videoangebots auf. Für die größeren Städte werden darüber hinaus regionalspezifische Nachrichten angeboten. “Online First” ist selbstverständlich. Die Plattform nimmt für sich in Anspruch: “Wir sind die Ersten, die die Nachricht bringen und die Ersten, die die Geschichte auch vertiefen”. Der Eindruck eines interaktiven Frühstücksfernsehens entsteht nicht nur durch die Uhr im Logo, zahlreiche interaktive Infografiken und Berichte von Citizen-Journalists im Chronik-Teil runden das Angebot ab. Das zu 99 Prozent werbefinanzierte Online Medium – lediglich CDs können im Online-Shop erworben werden – erzielte zuletzt einen deutlichen Gewinn.
oe24.at. Bei der Online-Plattform der 2006 gestarteten Tageszeitung “Österreich” bestehen laut Chefredakteurin Maria Jelenko-Benedikt sehr enge Kontakte zwischen Online und Print im großen Newsroom am Wiener Naschmarkt. “Exklusivgeschichten werden online sofort veröffentlicht. Auch unser Personal vermischt sich immer mehr.” Mittlerweile hat oe24.at mehr als 1,4 Millionen Besucher (März 2008). Die Werbeeinnahmen steigen stetig.
derStandard.at. Die aus insgesamt 50 Mitarbeitern bestehende Online-Redaktion des “Standard” arbeitet, trotz enger Abstimmung, unabhängig von der Printredaktion und trifft autonome Entscheidungen. Seit vier Jahren erzielt derStandard.at bei einem Umsatz von unter zehn Millionen Euro steigende Gewinne. 6,5 Millionen Visits im Februar 2008 machen der- Standard.at zu einem der erfolgreichsten Online-Medien in Österreich. Neu sind Videoblogs des Schriftstellers Robert Misik und des Journalisten Hans Rauscher. Zur Fußball-Europameisterschaft sind neue Video-Features geplant.
Kleine.at. Die Online-Präsenz der “Kleinen Zeitung” macht sich seit kurzer Zeit mit einem sehr regionalisierten Angebot bemerkbar. “737 neue Seiten, die lokale Information für jede Gemeinde in der Steiermark, Kärnten und Osttirol anbieten, sind hinzugekommen”, berichtet Nora Kanzler stolz von dem neuen Projekt. Diese Fülle an Information ist nur mit Hilfe von engagierten Leserinnen und Lesern zu bewältigen, die regelmäßig über Babys, Hochzeiten und das lokale Geschehen berichten. Zudem erhalten die Gemeinden die Möglichkeit, Ortsinformationen online zu veröffentlichen. 2,2 Millionen Visits belohnen das Engagement der aus 50 Mitarbeitern bestehenden Online-Redaktio
n. Der Break-Even wurde laut Geschäftsführerin Barbara Ebner bereits vor einigen Jahren erreicht. Neben dem bundesweiten Werbegeschäft gibt es auch spezielle Produkte für die regionalen Anzeigenkunden.
Der Westen. Ebenfalls auf ausgeprägte Regionalisierung und Userbeteiligung setzt das im Herbst 2007 gestartete Internetportal “Der Westen” der WAZ-Gruppe unter derwesten.de. Das mit zahlreichen Web 2.0-Elementen wie Weblogs und Geotagging ausgestattete Angebot wird von 90 Lokalredaktionen, in denen insgesamt 800 Journalisten arbeiten, mit Information über 140 Städte aus dem Ruhrgebiet beliefert. Für die Umsetzung wurde die Bloggerin Katharina Borchert engagiert. Bislang einzigartig im deutschen Sprachraum ist die im März 2008 angekündigte Kooperation des Verlagshauses WAZ mit der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt WDR, die regionale Radio- und Fernsehbeiträge zur Verfügung stellen wird.
Facts 2.0. Im Juni 2007 wurde “Facts”, das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin der Schweiz, eingestellt. Da das Verlagshaus Tamedia die Marke und Domain verwerten wollte, wagte es mit Facts 2.0 einen radikalen Neustart.
Das Social-News-Network, das Information zu einem großen Teil aus 430 Nachrichten-Quellen aggregiert, basiert auf einem ausgewogenen Verhältnis von Community, Technologie und Redaktion.
Projektleiter Christoph Lüscher versucht dies folgendermaßen zu erklären: “Sowohl Community, als auch Technologie, wie etwa ein Bewertungssystem, das auf Nennungs- und Verlinkungsfrequenzen basiert, können der Redaktion Indikatoren für die Newsbewertung liefern. Ziel ist es, auf Fats 2.0 mit der Zeit die Gewichtung der Community-Inputs und Inputs aus einer technologischen Aggregationslösung mit den Redaktions-Inputs so auszutarieren, dass ein System mit eigener Dynamik entsteht, das Endprodukt jedoch weiterhin von hohem Niveau und allgemeinem Interesse bleibt – und nicht etwa zu einem reinen Community- oder Technologieprodukt wird.”
Die äußerst schlanke Redaktion, die lediglich an der Auswahl der Themen mitarbeitet, besteht aus einer halben und drei 20-Prozent-Stellen. Das im September 2007 gestartete Projekt soll aus Werbung finanziert werden. Immerhin hat facts.ch mit 93.000 Visits im Februar bereits mehr Zugriffe als die ursprüngliche “Facts”-Site. Eine spannende Geschäftsidee ist das zukünftige Angebot, die innovative Kommentarkultur bei facts.ch, in technischer und sozialer Hinsicht an andere Portale in Form von Beratungsdienstleistungen zu verkaufen.
Zum Abschluss sei nochmals Lorenz Lorenz-Meyer zitiert: “Wer Geld verdient, tut gut daran, in Qualität zu investieren, denn auf lange Sicht werden die bekannten Marken alleine nicht reichen, um ein interessiertes Publikum anzuziehen und zu halten. In Deutschland setzen die großen Anbieter und viele Werbetreibende erstaunlicherweise weiterhin auf das alte Rezept Reichweite, als hätten sie immer noch nicht verstanden, dass die wahre Revolution im Internet die Zielgruppengenauigkeit ist. Gewinnen werden auf lange Sicht diejenigen, die sich vom Fetisch Reichweite verabschieden und sich das Prinzip der genauen und qualitativ hochwertigen Zielgruppenansprache zunutze machen.”
Links:
na news aktuell der dpa, Bericht über die Umfrage unter 3.000 Journalisten zu den Internetinvestitionen der Verlage: http://www.newsaktuell.de/pdf/newsletter12008.pdf
Österreichische Webanalyse/ÖWA: http://www.oewa.at
Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern: http://www.ivw.eu/
Internetforschung NET-Metrix: www.net-metrix.ch
Erschienen in Ausgabe 04+05/2008 in der Rubrik “Medien” auf Seite 92 bis 92 Autor/en: David Röthler. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.
