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Special

“Ich bin nur für Berufspolitiker”

Von Interview: Freddie Kräftner

Sie betreiben seit mehr als einem Vierteljahrhundert politischen Journalismus. Wird das nicht fad auf Dauer?

Herbert Lackner: Nein, aber natürlich nerven bestimmte Themen. Jahrelang gab es im Sommerloch stets die Debatte “Frauen zum Bundesheer”. Jetzt gibt es Frauen im Bundesheer und die Sache hat sich erledigt. Dafür haben wir jetzt die Homoehe – ein Thema, über das eigentlich alles gesagt ist.

Wenn ich dank Hauszustellung Sonntag morgen das “profil” in die Hand nehme, denke ich oft, da wurde versehentlich ein anderes Heft geliefert, ein “Psychologie heute” oder ein “Geo”. Wozu braucht ein eigentlich politisches Magazin Covers wie “Rätsel Liebe”?

Die Nachrichtenmagazine unterliegen einem Wandel. Die Tageszeitungen weichen seit ein, zwei Jahren vor der Aktualität des Internets aus und werden magazinöser – jeder spricht ja heute vom Tagesmagazin. Auch in der Politikberichterstattung. Früher genügte die APA-Meldung, ergänzt mit ein, zwei Telefonaten. Mittlerweile dominiert die Hintergrundberichterstattung, die rühren jetzt selbst das ganze Gulasch zusammen. Darauf müssen die Magazine reagieren.

Wie?

Mit eigenen Formaten, mit neuen Formen, Geschichten zu erzählen und zu präsentieren. Und wir müssen uns auf unsere Stärken besinnen. Sprachpflege ist vielleicht ein altmodischer Begriff, aber wir haben auch mehr Zeit für unsere Geschichten. Eine Form, die praktisch verloren gegangen ist, gilt es wiederzuentdecken: die Reportage. Natürlich: Die frühere Sozialreportage als geschriebene Schwarz-weiß-Fotografie ist heute nicht mehr so einfach und wird leicht zum lächerlichen Sozialporno …

Und das Ausweichen auf Softthemen?

Sehr gut gehen bei uns Gesundheitsthemen. Gesundheit ist aber kein Softthema. Detto Zeitgeschichte und Kirchenthemen. Das können wir in aller Bescheidenheit besser als andere.

Mit klassischer Innenpolitik ist keine Auflage zu machen?

Nur vor und nach Wahlen bis zur Regierungsbildung.

Ihr jüngstes Enthüllungs-Cover über die geheimen ÖVP-Pläne war also wohl kein Hit in der hausinternen Verkaufsbestenliste.

Ja. Die Leute wissen den Kern der Geschichte schon am Wochenende durch Internet, Radio, Fernsehen und Tageszeitungen.

Da ist der Kaufanreiz am Montag wohl gering.

Derartige Geschichten sind aber enorm wichtig für das Image. Gerade für das “profil”.

Der Scoop mit den geheimen Wahlkampfunterlagen prägte die politische Debatte über Wochen. Die exklusive Enthüllungskompetenz hat das “profil” aber verloren.

Die anderen schlafen auch nicht in der Pendeluhr. Ich kann mich noch erinnern als Alfred Worm im Zimmer neben mir saß. Dort landeten alle Akten – aber auch viel Schwachsinn mit dem Beamte andere Beamte denunzieren wollten. Er hatte es nicht leicht.

Dann ging Worm zu “News”, jetzt gibt es dort einen Kurt Kuch, nicht selten landen Exklusivgeschichten auch bei Tageszeitungen.

Generell gilt: Man muss heute für Exklusivgeschichten mehr rennen als früher. Wir hatten aber nicht nur das VP-Wahlkonzept, auch das Gusenbauer-Upgrading stand im “profil”.

Manchmal wird es aber auch kleinlich. “Österreich” enthüllte, dass der Kanzler mit einem iPhone telefoniert, das angeblich illegal freigeschalten wurde …

Man darf nicht übertreiben. Die Geschichte hat auch keiner übernommen und sie stimmt, so glaube ich, auch nicht. Die Menschen wollen aber die Politiker einschätzen können. Dazu gehört natürlich auch, in welchem Milieu sie verkehren – siehe Westenthaler -, vor allem aber geht es um Glaubwürdigkeit. Und da interessiert auch, ob ein wohlhabender Wirtschaftsminister beim Schuhkauf feilscht.

Darüber ist auch leichter zu schreiben als über Finanzausgleich, Föderalismus oder Mehrheitswahlrecht.

Ein guter Innenpolitiker muss viele Themen im Kopf haben. Auch ein Anfänger hat zu wissen, wo die drei Haken an Schüssels Steuerreform liegen, sonst kann er die aktuelle Debatte nicht beurteilen. Es reicht nicht, nur Haltungsnoten zu vergeben.

Klingt mäßig spannend und sehr anstrengend. Den Nachwuchs zieht es wohl eher nicht in die Politikressorts.

Stimmt. Die meisten wollen in die Kultur. Das klingt irgendwie vornehmer. Und viele drängt es ins Internet.

Welchen Politiker schätzen Sie besonders?

Heinz Fischer. Seit Mitte der sechziger Jahre ist er mitten im Geschehen der Zweiten Republik, immer nahe an den Mächtigen. Er kannte alle, hat einen reichen Erfahrungsschatz und enormen Überblick. Ich schätze persönliche Gespräche mit ihm.

Bei allem Respekt: ein klassischer Berufspolitiker, der als Klubsekretär im Parlament begonnen hat.

Ich bin nur für Berufspolitiker! Alle Großen waren und sind Berufspolitiker. Gut, Kreisky war am Anfang Diplomat – aber eigentlich damals schon Politiker. Schüssel, Khol, Haider und Fischer – alles Berufspolitiker. Und dann sehen Sie sich im Vergleich die Quereinsteiger an: Lütgendorf zum Beispiel. Ursula Haubner wird auch nicht als große Sozialministerin in die Politikgeschichte eingehen.

Trotzdem ertönt immer wieder der Ruf nach Quereinsteigern, die neue Sichteinweisen einbringen sollen.

Die so genannte Unvoreingenommenheit bringt überhaupt nichts. Veit Schalle war sicher ein erfolgreicher Handelsmanager, seine politische Performance ist nicht existent. Anderseits schaffen es Politiker immer wieder, erfolgreich in der Wirtschaft Fuß zu fassen wie beispielsweise Brigitte Ederer bei Siemens.

Bei aller üblichen Kritik am heutigen politischen Personal – ist beim Vergleich mit der Vergangenheit nicht viel Verklärung im Spiel?

Eindeutige Antwort: Ja. Die Gründerväter haben alle einen Heiligenschein. Aber nach den nun zugänglichen Ministerratsprotokollen kann man ein differenzierteres Bild zeichnen. Sieben Jahre nach dem Krieg wusste das Kabinett nicht, wie viele Juden vertrieben worden waren. Da wurde Innenminister Helmer beauftragt, mal bei der Kultusgemeinde nachzufragen. Das muss man sich mal vorstellen, das hat lange niemanden interessiert. Kreisky später war natürlich eine Ausnahmeerscheinung. Man soll über Tote nichts Schlechtes reden, aber Anton Benya war sicher kein Faszinosum.

Als “AZ”-Redakteur haben Sie ja einiges hautnah miterleben dürfen. Wie war die Zeit beim Parteiorgan?

80 Prozent der Zeit verbrachten wir damit, uns politischen Freiraum zu erkämpfen. Das war ja nicht nur die “Parteizeitung”, es war im Detail komplizierter. Eigentümer waren die Bundespartei und die Landesorganisationen von Niederösterreich und Wien – mit teils unterschiedlichen Interessen. Dazu kam die Fraktion Sozialistischer Gewerkschafter. Die waren am schlimmsten. Einmal brachten wir ein Bild des damaligen grünen Bundesgeschäftsführers Pius Strobl. Die typische wütende Reaktion: “Warum ist der in der Zeitung und nicht wir.” Aber wir haben uns gewehrt. Was ich über Hainburg geschrieben habe, traue ich mich heute noch herzuzeigen. Nach dem Ende der “AZ” sind alle mit offenen Armen von den anderen Zeitungen aufgenommen worden.

Gibt es nach so vielen Jahren in der Politik eigentlich noch Dinge, die Sie überraschen?

Ja, wir alle wissen um den Effekt der Inszenierung in der Politik. Warum er aber bei manchen funktioniert, bei anderen nicht, bleibt ein Rätsel. Beispiel Grasser. Er konnte behaupten, was er wollte – größte Steuerreform der Geschichte, Nulldefizit -, es wurde geglaubt. Auf der anderen Seite der Extreme Elisabeth Gehrer. Die hätte zum Schluss ihrer Amtszeit nobelpreiswürdige Vorschläge zum Bildungswesen machen können – es hätte nichts gebracht.

Sie haben eingangs die Veränderungen durch das Internet angesprochen. “Spiegel online” hat ein sensationelles Angebot, manche halten es sogar für besser als die Printausgabe. Tut es Ihnen als Chefredakteur nicht sehr weh, wenn Sie sich den Online-Auftritt des “profil” ansehen?

Ich glaube alle Printmedien, vielleicht mit Ausnahme des “Standard”, haben Nachholbedarf. Der News-Verlag hat 2008 zum “Online-Jahr” erklärt. Es wird also heftig an der Behebung von Mä
ngeln gearbeitet.

Das ist den Usern aber unbekannt und wohl herzhaft egal.

Die Konzepte sind jedenfalls fertig. Wir sind guter Hoffnung.

Sie sind mit einer Innenpolitikerin verheiratet. Wie darf man sich das vorstellen? Wird da jeden Abend “ZiB- 2″ geschaut und den Sonntag vormittag verbringt man gemeinsam vor der ORF-”Pressestunde”?

Wir sehen sicher überdurchschnittlich viele Informationssendungen, aber nicht jede “Pressestunde”. Mit einer Einschätzung der “Dancing Stars” kann ich hingegen nicht dienen.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2008 in der Rubrik “Special” auf Seite 96 bis 97 Autor/en: Interview: Freddie Kräftner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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