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Kreative Zerstörungen

Internet: Die Vielfalt ist bedroht

Wo geht die Reise hin? Für den Journalismus und die Medien ist die Entwicklung derzeit ähnlich unübersichtlich und turbulent wie an den Börsen. Zu den Orientierungshilfen gehört inzwischen fraglos der jährliche Bericht des “Project on Excellence in Journalism” zum Zustand der US-Medien, der soeben für 2008 vorgelegt wurde. Als beunruhigend empfinden die Wissenschaftler, die kontinuierlich die Berichterstattung von 48 bedeutenden Nachrichten-Anbietern auswerten, wie sich die Agenda verengt habe: Im vergangenen Jahr hätten zwei Themen die Berichterstattung dominiert – der Irak-Krieg und die Präsidentschafts-Vorwahlen, wobei sich im Verlauf des Jahres die Gewichtung dramatisch verschoben habe. Diese thematische Verengung sei so stark, dass Anlass bestehe, darüber nachzudenken, über wie viele wichtige Themen “in Zeiten wirtschaftlicher Rezession, des Personalabbaus und reduzierter journalistischer Ambitionen” nicht mehr berichtet werde. Insbesondere erführen die Amerikaner kaum noch, was auf der Welt vorgehe – noch nicht einmal dann, wenn Interessen der USA tangiert seien: Außer dem Irak hätten die Medien nur zwei Ländern erwähnenswerte Beachtung geschenkt, die ebenfalls ins Kriegsgeschehen involviert sind, Iran und Pakistan. “Unter den nachrichtenwürdigen Orten, die nur kärglich Aufmerksamkeit erzielten, befinden sich Afghanistan, Nord-Korea, Darfur, Russland, China und Libanon.” Von Europa ist noch nicht einmal hier, in der wissenschaftlichen Medienkritik, die Rede.

Im Blick auf die Umwälzungen, die sich derzeit im Journalismus vollziehen, ist eine Formel, die vor Jahrzehnten der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter geprägt hat, aktueller denn je: Ein Prozess “schöpferischer Zerstörung” hat die Medienwelt erfasst und macht vor nichts und niemandem Halt. Thomas Patterson von der Harvard University beschreibt diesen Prozess in einer Studie, die am Beispiel von 160 Websites in den USA über ein Jahr hinweg genauer untersucht, wie sich die Nachrichtenangebote im Internet verändern. Auch seine Ergebnisse sind eher niederschmetternd: Auf der “Gewinnerseite” im Netz seien vor allem die Trittbrettfahrer – also jene Anbieter, die sich wie Google, Yahoo, AOL und MSN ohne nennenswerte journalistisch-redaktionelle Eigenanstrengungen bei den klassischen Medien bedienten. Zuwächse hätten – neben Blogs und einseitig-parteilichen Anbietern wie drugdereport.com auch die grossen Brands wie nytimes.com und cnn.com. Eher düster sieht es dagegen für die zahlreichen, durchschnittlichen Websites der Gross- und Kleinstadt-Zeitungen und -Sender aus, die meist stagnierten. Aus scheinbarer Vielfalt droht also auch im Netz immer mehr Medien-Einfalt zu erwachsen.

Quellen: Patterson, Thomas (2007): Creative Destruction, Harvard University; www.stateofthenewsmedia.org

PR: Eine Geschichte der Unzufriedenen

Nicht nur Medienkonzentration und free rider im Internet bedrohen indes den Journalismus. Dass von PR eine Gefahr ausgehe und “unabhängige” Berichterstattung von ihr unterlaufen werde, hat in den vergangenen 20 Jahren viele wissenschaftlichen Diskussionen bestimmt. Philomen Schönhagen, die an der Universität Fribourg lehrt, hat sich jetzt der Mühe unterzogen, einmal gründlicher der Entstehungsgeschichte von PR nachzuspüren. In der “Publizistik” arbeitet sie mit zahlreichen beeindruckenden Quellenverweisen heraus, dass zumindest die historische Entwicklung umgekehrt verlief und Öffentlichkeitsarbeit in erster Linie als Gegenreaktion auf Fehlentwicklungen der Presse gewertet werden muss. Vor allem “Unzufriedenheit über fehlende bzw. aus der Sicht der Betroffenen verfälschte Berichterstattung, die mit der Parteilichkeit der Medien und des Journalismus in Zusammenhang gebracht wird”, habe zu systematischer Pressearbeit geführt. Auch den Anfängen von PR in der Schweiz spürt Schönhagen nach. Zum Beispiel habe die Firma Maggi bereits 1886 ein “Reclame- und Pressebüro” eingerichtet und noch vor dem Ersten Weltkrieg einer Pressekampagne getrotzt. Und was lehrt uns all dies? Womöglich sind es ja nicht zuletzt Versäumnisse des Journalismus selbst, die zur Malaise und zu seiner “kreativen Zerstörung” führen.

Quelle: Philomen Schönhagen, Ko-Evolution von Public Relations und Journalismus, in: Publizistik 53. Jg., Heft 1, 2008, S. 9-24.

Erschienen in Ausgabe 04+05/2008 in der Rubrik “Rubriken” auf Seite 74 bis 74. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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