ARCHIV » 2008 » Ausgabe 04+05/2008 »
Unterkapitel wählen
Beruf
Matura muss sein
Von Umfrage Olga Dabrowski
Bettina Roither
Chefredakteurin ORF-Radio
Ich erwarte von Bewerbern u.a. eine sehr gute Allgemeinbildung, ausgezeichnete Sprachbeherrschung in möglichst mehr als der Muttersprache, eine journalistische Grundausbildung und auch journalistisch verwendbares Fachwissen, erworben durch Ausbildung oder Praxis. Das alles allein macht noch keine guten JournalistInnen, und im Radio gibt es natürlich noch andere Anforderungen, aber zumindest das Assessmentverfahren kann man damit bestehen. Eine journalistische Ausbildung, wie sie etwa an der Universität oder den Fachhochschulen angeboten wird, ist auf jeden Fall ein großer Vorteil. Bewerber sollten in diesem oder einem anderen Rahmen außerdem ausreichendes Wissen über rechtliche und politische Grundlagen unserer Verfassung, unseres politischen Systems, und über die europäische Union erworben haben.
Peter Pelinka
Chefredakteur “Format”
Natürlich ist eine fundierte journalistische Ausbildung (auf Universitäten/Fachhochschulen/anderen Medien) ein zusätzliches Plus für Bewerber. Entscheidend bleiben dennoch davon unabhängige Eigenschaften: Allgemeinbildung, Einsatzbereitschaft, Teamfähigkeit, Neugierde – und bei Printmedien eine gute “Schreibe”.
Josef Votzi
Chefredakteur “News”
Nach einem absolvierten Publizistikstudium, 30 Jahren Berufserfahrung, unzähligen Bewerbungsgesprächen und vielen erfreulichen Erlebnissen als Karriere-Mentor und -begleiter, bin ich überzeugt, die beste Ausbildung für einen Journalisten fußt auf zwei Standbeinen:
Standbein 1: Einer profunden Allgemeinbildung erworben an einer guten Schule und/oder Uni – abgerundet durch ein paar Monate “Blick über den Tellerrand”: Sei’s in Form eines Uni-Semesters oder Jobs im Ausland. Nur noch mit spitzen Fingern fasse ich Bewerbungsschreiben mit nahtlos perfekten Bildungskarriereverläufen (Matura-, Publizistikstudium, 3 Fremdsprachen in Wort und Schrift, schreibsicher in Microsoft, Apple, Linux und wer immer so sonst noch Computerprogramme entworfen hat …).
Standbein 2: Praktische Erfahrung im Journalismus, am besten im Chronikressort einer Zeitung oder eines Radio- oder TV-Senders. Wer sich einen Einspalter oder eine Sendeminute mit spannendem Inhalt zu erkämpfen gelernt hat, hat auch genügend Biss, einmal eine prall dampfende Cover-Story hinzukriegen.
Esther Mitterstieler
Mitglied der Chefredakteurion “WirtschaftsBlatt”
Das ist ganz unterschiedlich: Wenn jemand schon Berufserfahrung hat, erwarte ich mir natürlich mehr: Ein Journalist sollte nicht nur schreiben können, sondern auch binnen kürzester Zeit verstehen, was die Story ist, mir also in drei Sätzen sagen können, was die Story ist. Wenn jemand keine Berufserfahrung hat ‘schau’ ich mir sein Curriculum genauer an. Ein Studium ist immer eine gute Grundvoraussetzung, dabei wird in unserem Fall ein Wirtschaftsstudium gerne gesehen. Das ist aber keine Grundvoraussetzung. Wichtig ist, dass Leute genau recherchieren gelernt haben bzw. offen dafür sind, es zu lernen.
Dann gibt es noch Bewerber, die schon ein oder zwei Praktika hinter sich gebracht haben. Die sind mir fast die liebsten. Denn einerseits sind sie noch “hungrig” und wollen etwas lernen und andererseits muss man ihnen nicht jeden Handgriff beibringen. Prinzipiell muss aber auch gesagt sein: Wenn wir den Jungen keine Chance geben, werden sie es nie lernen. Wie lange jemand braucht, um ein “ganzer” Journalist zu werden, hängt auch sehr stark von der Persönlichkeit des Einzelnen ab. Es gibt Blitzstarter, die alles sofort aufsaugen und Verantwortung übernehmen und es gibt Menschen, die etwas länger brauchen. Daher ist mein Schluss: Journalismus ist ein Handwerk, das jeder lernen kann. Zur Exzellenz bringen es viel weniger.
Andreas Unterberger
Chefredakteur “Wiener Zeitung”
Aufgrund langjähriger Erfahrung mit journalistischem Nachwuchs habe ich klare Prioritäten entwickelt – was aber nicht heißt, dass man im Einzelfall, wenn man sich von bestimmten Umständen überzeugen lässt, nicht auch diese Prioritäten vergessen könnte.
1. Journalisten sollten ein abgeschlossenes Studium haben; die Akquisition von journalistischem Nachwuchs aus Schülern oder Studenten in den Anfangssemestern, die als Praktikanten einmal irgendwo hängen bleiben, perpetuiert genau den halbgebildeten Journalismus, den man leider vielerorts antreffen kann.
2. Ganz entscheidend, und das teste ich daher bei jeder Aufnahme, sind (a) eine möglichst perfekte Beherrschung der Rechtschreibung und eines guten Stils sowie (b) ein möglichst breites Allgemeinwissen.
3. Unter den Studienrichtungen gibt es wieder klare Prioritäten. Die größten Chance auf eine Aufnahme in eine Redaktion eröffnet ein Wirtschaftsstudium, die schlechtesten ein Publizistikstudium. Generell gilt, dass jedes Studium, das vom Inhalt und Aufbau ein seriöses und qualitätsorientiertes Image hat, willkommen ist, während die Absolventen von Leichtstudien wenig willkommen sind. Dazu gehören etwa Publizistik und Politikwissenschaft. Unter den seriösen Studien sind aus den Naturwissenschaften bis zu den Rechtswissenschaften interessante Grundlagen zu erwarten.
4. Letztlich bleibt es aber auch eine Einschätzung, wie sehr die Persönlichkeit eines Bewerbers in ein Team passen könnte.
Karl Amon
Chefredakteur ORF
Aktueller Dienst Fernsehen
Ich erwarte mir eine möglichst umfassende Ausbildung, gepaart mit der Fähigkeit, auch komplizierte Sachverhalte verständlich, tatsachengetreu und objektiv wieder zu geben.
Gerald Mandlbauer
Chefredakteur “OÖNachrichten”
Die Ausbildung bei den “Oberösterreichischen Nachrichten” ist seit zwei Jahren in der “OÖNachrichten”-Journalisten-Ausbildung gebündelt und folgt einem klaren Lehrplan. Wir wählen vorerst aus vielen Bewerbern (beim letzten Mal sind es mehr als 40 gewesen) aufgrund umfangreicher Tests acht sogenannte Trainees aus, die in diese Akademie aufgenommen werden. Dieser Aufnahmetest berücksichtigt Allgemeinbildung, sprachliche Fähigkeiten, Offenheit und Kommunikationsbereitschaft. Dazu werden auch persönliche Interviews geführt.
Jene Kandidaten, die dann in unsere Akademie aufgenommen werden, erfahren zwei Jahre hindurch ein “training on the job”. Sie werden in allen Belangen journalistischen Arbeitens geschult (z.B. Interview-Technik, Titelgestaltung, Kommentar, Analyse). Sie dürfen sich dabei auch in Spezialbereiche einarbeiten (z.b. Online-Journalismus, Hörfunk-Journalismus, Wirtschaftsberichterstattung, Sport) und sie arbeiten im Rahmen einer Rotation auch in den unterschiedlichen “OÖN”-Abteilungen mit.
Die Erfahrungen, die wir mit dieser Akademie gemacht haben, sind großartig. Wir filtern wirklich den besten Nachwuchs heraus, können die Stärken und Schwächen, auch die Leistungsbereitschaft richtig einschätzen und die Leute nach Ablauf dieses Ausbildungsprogrammes auf Grund ihrer Vorzüge auch einsetzen.
Soeben wird ein neuer Jahrgang ausgeschrieben. Dies ist ein Teil des “OÖN”-Bildungsprogrammes.
Der zweite Teil betrifft die Weiterbildung, die bei uns so aussieht, dass wir gezielt Nachwuchskräfte aus der Redaktion auf Seminare und Fortbildungsveranstaltungen schicken. Das zahlt sich aus. Das wichtigste Kapital der Zeitung sind ihre Redakteure.
Hubert Huber
Stv. Chef vom Dienst
“Kurier”
Grundsätzlich hält der “Kurier” den Zutritt allen Bewerbern offen, d.h. nicht die Zeugnisse, die ein Bewerber vorlegt, sind relevant, sondern das, was sie/er kann. Voraussetzung ist ein solides Allgemeinwissen, Neugier und ein Gefühl für Aktualität. Sie müssen Geschichten bewerten, recherchieren und modern umsetzen können. Die Anforderungen sind jedoch von Ressort zu Ressort unterschiedlich. Eine praxisorientierte journalistische Grundausbildung, wie sie von Fachhochschulen angeboten wird, ist von Vorteil. Viele unserer Neuzugänge haben bei uns ein vierwöchiges Volontariat/Praktikum absolviert. Das gibt beiden Seiten die Möglichkeit zu prüfen, ob man ins Tea
m passt.
Alexandra Föderl-Schmid
Chefredakteurin “Der Standard”
Das kommt darauf an, wofür sich jemand bewirbt. Für mich hat ein Abschluss an einer Uni oder FH den Vorzug einer soliden Grundbasis. Dies signalisiert, dass sich der Bewerber in einem Bereich gut auskennt, sich intensiv beschäftigt hat. Generell hat sich die Ausbildung von Berufseinsteigern verbessert, wenngleich die Qualität von Journalistenschulen etwa in Deutschland noch längst nicht erreicht ist. Im Bereich Weiterbildung gibt es in Österreich noch immer Nachholbedarf.
Frank Staud
Chefredakteur “Tiroler Tageszeitung”
Grundvoraussetzung für einen “TT”-Job ist die Matura. Ein Studium ist nicht zwingend Voraussetzung, aber ein Vorteil. Wir achten sehr darauf, welche Zusatzqualifikationen vorliegen. Geschätzt werden Menschen, welche sich in der bisherigen Vita als flexibel erwiesen haben. Journalistische Erfahrungen sind immer von Vorteil.
Herbert Lackner
Chefredakteur “profil”
Wir haben keine formalen Ausbildungserwartungen. In der Praxis wird ein Magazin-Journalist über schreiberische Fertigkeiten, sowie eine fundierte Allgemeinbildung verfügen müssen. Ohne gute Englischkenntnisse geht nichts mehr, eine zweite Fremdsprache nützt sehr. Mit dem neuen Arbeitsgerät – Laptop, Internet-Recherche etc. – sollte man mit einer gewissen Selbstverständlichkeit umgehen. Wo sich unsere Bewerber diese Fähigkeiten holen, ist uns einigermaßen egal.
Harald Knabl
Chefredakteur “NÖN”
Ich bin nach wie vor für einen freien Zugang zu dem Beruf. Sonst könnte man auf Naturtalente nicht eingehen. Ich erwarte mir von Bewerbern eine natürliche Sprache, guten Umgang mit der Rechtschreibung, ein sicheres, ganz breites Allgemeinwissen und die Gabe, Zusammenhänge zu erkennen.
Alles andere muss geschult werden. Man sollte Aspiranten während des Jobs wesentlich intensiver schulen, als es im Moment der Fall ist. Ein Studium sollte nicht Grundvoraussetzung für den Beruf sein, denn sonst könnte man auch nicht auf die Naturtalente eingehen. Ein Fachstudium für den Bereich, in dem man was machen möchte (Medizinstudium, Jusstudium, etc.), wäre aber ideal.
Hubert Patterer
Chefredakteur “Kleine Zeitung”
Matura muss sein. Ein abgeschlossenes Studium ist zwar nicht Voraussetzung, aber ein Hinweis auf Beharrlichkeit, und die ist auch im Journalismus eine wichtige Tugend. Die Wahl des Studiums halte ich eher für zweitrangig. Was das Anforderungsprofil für junge Kollegen betrifft, schätze und erwarte ich ein Bewusstsein für Sprache, Interesse an Menschen, Unvoreingenommenheit im Denken, Leidenschaft sowie Neugier als geistige Grundhaltung. Der Rest ist Handwerk, also lernbar.
Erschienen in Ausgabe 04+05/2008 in der Rubrik “Beruf” auf Seite 58 bis 59 Autor/en: Umfrage Olga Dabrowski. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.
