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Titel
Spurensuche im Fall Kampusch
Von Interview: Engelbert Washietl
?Ihr “Heute” hat mit der Kampusch-Berichterstattung ein riesiges Aufsehen erregt. Das ist eine neue Form des Zugangs zu dem Thema, und die meisten Kritiker sagen: ein unmöglicher Zugang.
Richard Schmitt: Für mich ist der Inhalt wichtig. Man kann immer diskutieren, ob man es so oder anders macht. Aber bei der jetzigen Aufregung werden die Fakten verschüttet. Die Fakten waren für mich, dass ein Mädchen nach Ende seiner Entführung den Arzt nach Erkennbarkeit einer Schwangerschaft fragt und sinngemäß sagt, dass es eh egal sei, weil es schon lange her sei. Und das zweite, dass sie über mögliche Komplizen sagt: “Ich weiß keine Namen.” So etwas macht nicht nur so angeblich geile Boulevardschweine wie uns stutzig, sondern jeden Kriminalisten und auch den Verfassungsrichter Ludwig Adamovich.
Sie setzen voraus, dass der Fall nicht ordentlich aufgeklärt wurde und bleiben bei Sätzen hängen, für die es vermutlich Antworten gegeben hat, aber Sie kennen die Antworten nicht. Warum können Sie von vornherein sagen, darüber ist nicht ermittelt worden?
Wir haben es nicht von vornherein behauptet. Es gab von Anfang an Unstimmigkeiten, die der Reihe nach dokumentiert sind. Zuerst hieß es, das Mädchen war immer im Keller, auf einmal war sie Schifahren mit dem Täter. Dann war sie im Supermarkt, beim Freund von Priklopil. Da passte die Geschichte nicht mehr, die für uns am Anfang auch galt: vom Opfer im Keller und dem wunderbaren Happy End. Der frühere Leiter des Bundeskriminalamtes Erich Haidinger, den ich sehr schätze, weil das immer ein aufrechter und ehrlicher Mann war, sagt: Eigentlich gehört der Fall evaluiert, man muss nachfragen, warum Fehler gemacht wurden. Und es gibt auch das E-Mail des Herrn Treibenreif (Kabinettsmitglied des Innenministeriums Bernhard Treibenreif, Anm.) an Haidinger: Vor der Wahl können wir keinen Skandal brauchen. Die Vertuschung ist nicht unsere Erfindung.
Wenn ich Ihnen zuhöre und auch Ihre Kommentare zum Fall Kampusch lese, müsste Natascha Kampusch über die Forderung von “Heute”, nach eventuellen Mittätern zu fahnden, eigentlich dankbar sein. Sie sagt aber wörtlich: “Tiefpunkt des österreichischen Journalismus”. Gibt Ihnen das zu denken?
Natürlich. Ich nehme die Kritik schon sehr ernst und mir geht auch sehr nahe, was Kollegen und andere Chefredakteure sagen. Wir sagen nicht, das ist uns wurscht, wir sind eh Boulevard. Wir haben den Akt eine Woche hier liegen gehabt, stundenlang diskutiert – für, wider, was machen wir und wie – und sind zur Entscheidung gekommen, nachdem auch strafrechtlich Relevantes drin steht, dass wir es machen sollten. Das war der ausschlaggebende Punkt.
Was ist strafrechtlich relevant?
Was mit dem Kind passiert ist, wenn es eine Schwangerschaft gegeben hat.
Wenn, wenn…
Sie hat gesagt: “Es ist eh schon länger her.” Also was war nachher? Das sollte man recherchieren. Und das Zweite: Für mich, ich habe selber zwei Kinder, ist das schon irgendwie beunruhigend, dass ein Täter Mitwisser gehabt haben könnte, einschlägig veranlagte Mittäter, von denen er sich Kinderpornos liefern ließ. Da gibt es einen großen Mitwisserkreis, die sind aber alle noch am Leben und in Freiheit. Dass die Frau Kampusch nicht begeistert ist, wenn wir das schreiben, verstehe ich.
Kennen Sie die anderen Akten, also das, was die Ermittler ermittelt und herausgefunden haben? Vielleicht arbeiteten sie gründlich und sagten dann: Schluss. Was ist, wenn es so war und Kampusch auch den Schlussstrich ziehen und nicht mehr darüber reden will? Sie verlangen trotzdem Aufklärung?
Dass sie uns etwas verschwiegen hat, wissen wir. Ich höre ja, was die Mahner sagen, besonders auch, dass die Mahner dabei nacherzählen, nachdem sie es gerade kritisiert haben. Das ist besonders heuchlerisch. Wir können aber alle nicht mit diesem neuen Opfer umgehen, wir haben so etwas noch nie gehabt, auch nicht in den Medien: dass ein Opfer offensiv in die Medien geht. Sie hat drei ORF-Interviews gemacht …
Sie hatte die Wahl, ob sie sich ewig von den Medien verfolgen lassen soll oder die Handlung an sich reißt und selber medial macht, was sie für richtig hält.
Das stimmt ja nicht. Es gibt tragische Kriminalfälle, in denen das Opferschutzprogramm funktioniert hat: eine neue Identität, und schon ist Ruhe. Mich ärgert, wenn es heißt, ihr hättet eh ein Interview haben können. Ja, wenn wir 50.000 Euro gezahlt hätten, und 70.000 für ein Foto. Das ist doch wirklich abstoßend, wenn man ein Opfer so verkauft. Da 30.000, dort 70.000 Euro, der ORF muss für die Rechte in den Kampusch-Fonds einzahlen. Wobei wir bis heute nicht wissen, was mit dem Geld passiert. Angeblich für Hilfsprojekte in Mexiko, aber in Mexiko gibt es niemanden, der Bescheid weiß. Gleichzeitig werden wir Medien aber gezwungen, entweder ihr kauft das oder ihr dürft nicht schreiben.
Haben Sie für die Unterlagen, die Sie bekommen haben, gezahlt?
Nicht einen Cent. Wir könnten uns das gar nicht leisten. Das ist auch nicht unser Stil. Wenn der Informant bei uns etwas verlangt hätte, wäre die Geschichte wahrscheinlich direkt an unsere Konkurrenz gegangen.
Sie wollen es nicht sagen, fragen muss ich trotzdem: Wer hat Ihnen die geheimen Ermittlungsakten zugespielt und welche Motive können Sie sich zusammenreimen? Warum überhaupt und warum jetzt?
Seit 2007 wissen wir schon, was Inhalt dieser Akten ist.
Da haben Sie aber lange gewartet.
Sicher. Weil wir 100-prozentig sicher sein wollten, dass in den Akten schwarz auf weiß steht, was wir vorher übermittelt bekommen haben. Oswald Hicker (Autor der Story, Anm.) hat die Akten abgeschrieben, woher er sie hatte, will ich gar nicht wissen. Plötzlich gibt es möglicherweise Mittäter – warum haben die Ermittler die Öffentlichkeit nie informiert, dass auch in diese Richtungen ermittelt worden ist?
Sie können ja ruhig verlangen, dass der Garten des Gefangenen-Hauses umgegraben wird. Aber müssen Sie alles ausbreiten, was das Opfer Kampusch als erledigt betrachten will? Diese Grenze haben Sie überschritten.
Das stimmt. Das haben wir riskiert, weil wir gesehen haben, wie sich Frau Kampusch ins öffentliche Leben stellt und immer wieder über ihr Schicksal berichtet, auch gegen Bezahlung. Dann ist auch das öffentliche Interesse da. Dann sagt man: Na Moment, ganz so war es vielleicht nicht, wie es geschildert wurde. Etwas Entscheidendes wurde weggelassen.
Warum hat Ihre Zeitung das Material gekriegt und nicht eine andere? Oder haben es andere auch gehabt, aber nicht geschrieben?
Das war ein langer Weg und nicht die Entscheidung des Informanten, bei welcher Haustür er das abliefert. Es lag an den jahrelang gepflegten Kontakten von Oswald Hicker zur Justiz und zum Innenministerium oder wohin immer. Wenn jemand mit der Öffentlichkeit leben will oder sie sucht, dann gibt es andere Maßstäbe.
Ist das Ihre Entscheidung gewesen, die Geschichte so zu behandeln, oder ist das mit Herausgeberin Eva Dichand abgesprochen gewesen, hat sie entschieden?
Es war meine Entscheidung.
Frau Dichand wird ja auch etwas damit zu tun gehabt haben.
Also im redaktionellen Tagesablauf ist die Geschäftsführerin …
Aber bitte, das ist doch kein normaler Tagesablauf, wenn man so eine Geschichte bringt. Das ist Blattpolitik!
… ist die Geschäftsführerin sehr zurückhaltend. Wir haben das mit Wolfgang Jansky besprochen, dem zweiten Geschäftsführer, der für die Redaktion zuständig ist, mit ihm alle Für und Wider abgewogen. Und dann gibt es bei einer Zeitung ja auch noch einen Chefredakteur, oder?
Hatten Sie Angst, dass Ihnen andere Medien die Geschichte wegschnappen könnten?
Angst nicht. Man kann sich ausrechnen, wenn man ein derartiges Info-Material hat, aber nicht bringt, dass der Informant nach einer gewissen Zeit möglicherweise eine andere Zeitung verständigt. Wobei ich meine Kollegen Chefredakteure so einschätze, dass etwa 50 Prozent von ihnen das Material ebenfalls veröffentlicht hätten. Das ist dann im Hint
erkopf, wenn man entscheiden muss, ob man es selbst macht.
Herr Schmitt, es gibt die Privatsphäre, es gibt den “höchstpersönlichen Lebensbereich”, wie das im Mediengesetz steht – das muss sich eine Zeitung überlegen. Gelten solche Kriterien auch für Sie oder nicht?
Was hätten Sie gemacht, wo Sie doch von einem Fachmedium kommen? Ich kann nicht schreiben: Ein Mädchen, das acht Jahre in Gefangenschaft war, “soll”, “angeblich”, “Indizien zufolge” usw. Entweder man bringt es oder bringt es nicht.
Aber belegen können Sie auch nichts. Was ist geschehen? Wir wissen es alle nicht.
Wenn jetzt gesagt wird: Ja das war nur eine Äußerung von der Frau Kampusch gegenüber einer Polizistin, gegenüber einem Arzt, dann kann ich die ganze Vernehmung in Zweifel ziehen. Wenn ich alles, was sie gesagt hat, in Zweifel ziehe …
Sie wissen ja gar nicht, was sie bei den Vernehmungen alles gesagt hat.
Sie hätte ja dementieren können. Aber es ist kein einziges Wort von dem, was wir geschrieben haben, dementiert worden.
Wäre es Ihnen egal, wenn Sie mit Ihrem Vertrauensarzt sprechen, und zwei Tage später oder auch Monate später steht das in der Zeitung?
Wenn es dabei um Rückenschmerzen geht, werde ich vielleicht sauer sein, aber es ist ohne strafrechtlich relevanten Tatbestand. Im Fall Kampusch ist das anders. Das ist ja kein Klacks. Warum hat da keiner nachgefragt?
Wenn ich Ihren Ausführungen folge, dann gibt es ein Komplott zwischen der Frau Kampusch und den Ermittlungsbehörden, die alles vertuschen oder gar nicht ermitteln.
Fakten, die nicht in die schöne Geschichte passen, wurden weggelassen, ganz brutal. Und uns macht man zum Vorwurf, dass wir sagen: Hoppla, da war noch etwas anderes. Das sind ja alles Pharisäer. Es wird doch kein Chefredakteur einer anderen Zeitung glauben, dass der Herr Priklopil das Mädchen Kampusch zum Halma-Spielen entführt hat.
Im Fall der englischen Prinzessin Diana können Sie noch heute jedes halbe Jahr eine Verschwörungstheorie aufstellen und sie wird gedruckt werden. Sie können behaupten, der Autounfall sei ein geplanter Mord gewesen – es wird gedruckt werden, obwohl ihr Tod in Frankreich und in England bis ins letzte Detail und wiederholt untersucht worden ist. Es gibt Geschichten, die kann man ewig spielen, weil sich der Inhalt der Geschichte im medialen Gebrauch von der Person löst und sich selbstständig macht. Die Frau Kampusch ist dafür eine ideale Figur, ein junges Mädchen, ein Opfer …
Ich weiß schon, in welche Richtung das geht.
In die Richtung, die der Fall in Ihrem Blatt genommen hat.
Wir haben allein in Wien 340.000 Leser, ohne Kampusch-Berichterstattung. Wir brauchen uns nicht mit solchen Geschichten besser positionieren oder die Konkurrenz übertrumpfen. Vielen Lesern ist das, was wir jetzt berichtet haben, äußerst unangenehm. Mir auch. Und es ist nicht die ideale Story für unser Blatt, wirklich nicht.
Sie zählen höhere Motive auf, warum Sie aufdecken. Sie wollen erreichen, dass genauer untersucht wird und sofort. Jetzt zeige ich Ihnen die Ausgabe von “Heute”, 16. Juli 2007 mit dem Aufmacher: “Natascha: Sooo süß ist ihre erste Liebe!” mit einem großen Bild, wie sie in einer Disko eng mit einem Partner tanzt. War das auch Aufdeckung aus höheren journalistischen Interessen? Damals war sie 19 Jahr alt. Wie kommt sie dazu, dass sie in der Zeitung steht, wenn sie tanzt?
Warum nicht? Wir haben da gerade ein anderes Mädchen gehabt …
Es wird Mädchen geben, die sogar hineindrängen und vorkommen wollen. Aber in dieser Berichterstattung machen Sie Frau Kampusch zu einer medialen Nippfigur. Man stellt sie ins Regal und nimmt sie herunter, wenn man sie braucht.
Das ist eine Unterstellung. Ich würde das rückblickend vielleicht auch nicht mehr ganz so machen. Diese Fotos …
Ich lese Ihnen aus Ihrer Zeitung die Einleitung vor: “Blitz! Blitz! Und noch ein Blitz! Was ein Paparazzo beim In-Clubbing in der Wiener Babenberger-Passage auf seinem Foto-Chip festhält, ist zu schön, um nicht erzählt zu werden.” Das ist Wahrung der Privatsphäre?
Mein Empfinden war damals so: Kann man sich nicht mit jemandem freuen, dürfen sich die Leser nicht mit jemandem freuen?
Also ich möchte schon gefragt werden, wenn sich mit mir jemand freuen will und mich deshalb in die Zeitung stellt.
Sie sind auch nicht von der Berühmtheit der Natascha Kampusch. Wenn sie aber ein, zwei, drei Interviews macht …
Dann ist sie vogelfrei?
Nicht vogelfrei. Dann muss sie sich damit abfinden, dass sie öffentliches Interesse an ihrer Person herstellt.
Gerald Ganzger, der Anwalt von Frau Kampusch, hat in der “ZiB2″ gesagt, dass selbst die Lugners ein Recht auf Privatheit haben und ihr persönlicher Lebensbereich schutzwürdig ist. Ich habe mit den Lugners ja kein Mitleid. Aber “Heute” lässt eine Villa am Wilhelminenberg in Wien belauern und Frau Lugner fotografieren, wenn sie im Auto durchs Gartentor hineinfährt und von gestoppt 14.03 Uhr bis 16.57 Uhr drin bleibt. Und dann präsentieren Sie das in der Ausgabe vom 28. Juni 2007 den Lesern als Faktum mit irgendeiner tieferen Bedeutung. Wie kommt eigentlich Frau Lugner dazu? Warum darf sie nicht irgendwo sein, ohne dass “Heute” darüber schreibt?
Also da muss ich schon klarstellen. Erstens belauern wir niemanden. Uns wurden die Fotos zugespielt …
Da wird Ihnen aber viel zugespielt.
Ja, wir haben auch den Ruf, dass wir etwas bringen. Wenn ich als Medium den Ruf habe, ich halte eh alles nieder und bringe nichts, dann werde ich auch keine Geschichten mehr kriegen. Und zweitens: Wenn ich öffentlich so wie die Lugners mit meiner Ehe hausieren gehe, eine eigene ATV-Sendung habe, dann darf ich mich über so etwas nicht wundern. Und drittens: Warum wundert sich in Österreich jeder, dass der Boulevard Boulevard macht?
Boulevard wird es immer geben. Und zwar einen guten und einen schlechten.
Sie kennen sicher eine “Sun” oder einen “Daily Mirror”. Da sind wir ja Welten davon entfernt, wie die mit Fußballtrainern, Finanzministern und Show-Stars umgehen.
Ich sage jetzt: Gott sei Dank sind wir davon entfernt, aber wir nähern uns rapid an.
Das glaube ich nicht. Davon lebt ja eine Zeitung, dass sie etwas hat, was andere nicht haben. Warum geht denn bei der “Presse” die Auflage zurück, warum bei den “Salzburger Nachrichten”? Da gibt’s ja überhaupt keine Überraschung. Wir machen uns manchmal den Spaß, dass wir uns den Aufmacher des “Standard” von morgen ausdenken. Zu 80 Prozent liegen wir richtig.
Ich versuche jetzt, Ihre Überraschungen Ernst zu nehmen. Da stand also bei den Bildern der tanzenden Natascha Kampusch über ihren Tanzpartner, dass er ein “cooler Youngster” sei, der “den oberen Rand seines dunkelblauen Unterhoserls” sehen ließ. Und im Bildtext wird der Rest eines journalistischen Gewissens befriedigt, denn dort heißt es: “Bewusst wählten wir Bilder aus, die seine Identität keinesfalls preisgeben.” Aber die von Natascha Kampusch durfte man preisgeben? Und die Identifizierung ihres Partners überließen Sie anderntags der Zeitung “Österreich”?
Sie müssen schon sehen, dass das erstens in einer Boulevardzeitung steht, zweitens haben Sie den “Leute”-Teil der Boulevardzeitung in der Hand und drittens, was ist daran schlimm, dass erwähnt wird, dass sein blaues Unterhoserl hervorschaut. Das ist amüsant, es ist niemand beleidigt …
Ich halte es eher für kindisch, aber darum geht’s mir ja nicht.
Wir schreiben nicht für ein Publikum von 80 plus, und außerdem wollen wir, dass die jungen Leute in der Straßenbahn auch etwas zu schmunzeln haben und morgen vielleicht wieder schauen, ob es was zu schmunzeln gibt. Nein. Die ernste Geschichte ist die andere Kampusch-Geschichte, über die wir hauptsächlich gesprochen haben, und mit der bin ich nicht zufrieden.
Warum das?
Ich finde die Geschichte nicht geeignet für unser Medium. Ich bin sehr unglücklich darüber.
Ist Ihr Medium damit überfordert, oder was?
Es ist eine Image-Frage, die w
ir uns schon vorher gestellt haben: Ob eine Gratiszeitung das machen kann, machen darf. Wenn das “profil” diese Akten gebracht hätte – ich will dem Herrn Rainer nicht zu nahe treten und weiß nicht, ob er sie veröffentlicht hätte – die Entrüstung wäre, glaube ich, eine ziemlich niedrige gewesen. Das Gedankenspiel haben wir durchgespielt.
Weil man Ihnen ein höheres Sensationspotenzial zuschreibt?
Richtig. Wir sind gratis, und gratis heißt billig, gratis ist nicht recherchiert, die erfinden sich etwas und wie das halt so heißt. Wobei wir andere Geschichten hatten, die auch durch die Weltpresse gegangen sind und von allen österreichischen Zeitungen übernommen wurden. Wir waren die erste Zeitung, die die Kritik unseres Kardinals zu dieser blauen Stadträtin in Graz gebracht hatte. Die Ernsthaftigkeit haben wir, aber nach vier Jahren noch nicht das Image, dass wir uns alles zutrauen können, was andere machen. Denn bei uns redet man dann gleich über die Moral, ob man das überhaupt darf, ohne zu fragen, was dahintersteckt. Ich vergesse nicht das Cover des “Falter” mit einem Schweinskopf und der Unterschrift: So ist Boulevard. Da macht man es sich leicht. Wenn der Herr Chefredakteur Mandlbauer in den “Oberösterreichischen Nachrichten” schreibt, dass der Tiefpunkt erreicht sei und geile Boulevardjournalisten am Werk seien – und hinten steht im Anzeigenteil desselben Blatts “Natascha, ruf mich an”, mit Telefonnummer – da denkt man sich ja auch etwas über die Doppelmoral.
Ich ziehe das Resümee: Sie sehen in Frau Kampusch eine öffentliche Person …
Sagen wir besser: eine Person öffentlichen Interesses.
Wir haben einen neuen Punkt erreicht, eine “neue Qualität” will ich nicht sagen. Natascha Kampusch wird nachdenken müssen, wie sie mit der Wirklichkeit ihres Gefangenenlebens öffentlich fertig wird. Soll sie ihre Strategie ändern?
Das Mädchen war am Anfang sehr schlecht beraten von Leuten, die das Beste für sie wollten. Auch das, was da passiert ist mit der Versteigerung von Interviews und dem Kampusch-Fonds, gehört einmal extra durchleuchtet und ist aufklärungsbedürftig. Wenn sie aus dem Bauch heraus gesagt hätte, jetzt gebe ich einmal ein Interview und dann ist Schluss, ich verschwinde – wir Medienleute hätten null Interesse. Null.
Die Geschichte ist so komplex und so vielfältig, dass man aus ihr immer etwas herausholen kann, was gewesen ist, und leider auch, was bloß gewesen sein könnte, obwohl es nicht so war. Ein idealer Stoff für die Content-Industrie der Medien. Der Fall ist einmalig.
Und wir alle können damit nicht umgehen. Natürlich hat Herr Ganzger völlig Recht, wenn er sagt, es gibt den Persönlichkeitsschutz. Aber wie können wir Journalisten dann je noch über einen Kriminalfall schreiben? Wir kriegen jetzt eh die Prügel dafür.
Erschienen in Ausgabe 04+05/2008 in der Rubrik “Titel” auf Seite 32 bis 45 Autor/en: Interview: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.
