ARCHIV » 2008 » Ausgabe 06+07/2008 »

Rubriken

Der teure Indikativ

Die Meldung ging im Herbst des Vorjahrs durch alle Zeitungen: Mord in einem Wiener Obdachlosenheim, Leiche aufgeschlitzt, das Gehirn des Opfers lag auf einem Teller in der Küche, ein aus Deutschland stammender Mann wurde am Tatort festgenommen, sein Mund war blutverschmiert.

Die Tat eines Kannibalen? Die „Bild“-Zeitung formulierte es deftig: „Deutscher isst Österreicher“. Auch die „KronenZeitung“ brachte zahlreiche Berichte und ging bei der Schilderung ins grausige Detail. Anfang Mai stand sie deshalb vor Gericht, denn „der Kannibale“ wollte wegen Missachtung der Unschuldsvermutung und Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs eine Entschädigung von der Zeitung.

Richterin Lucie Heindl-Koenig sah die Unschuldsvermutung mehrfach verletzt. Der Mann sei „im Indikativ als Täter“ hingestellt worden und nicht nur als Tatverdächtiger. Außerdem wurde durch Berichte über seine schwere Kindheit – vom „Krone“-Anwalt Christian Ebert als Entlastung des Mannes gewertet – seine Intimsphäre verletzt.

Der verwendete Indikativ wurde für die Zeitung teuer: insgesamt verhängte die Richterin, eingeschlossen auch die Internet-Veröffentlichungen, einen Entschädigungsbetrag von 25.500 Euro. „Volle Berufung“ meldete der „Krone“-Anwalt sofort an.

Übrigens: Der noch in U-Haft befindliche Beschuldigte wird voraussichtlich nicht wegen Mordes angeklagt sondern in eine Anstalt für abnorme Rechtsbrecher auf unbestimmte Zeit eingewiesen werden.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2008 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 18 bis 19. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;