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Beruf

Die „Weisheit der Massen“ nutzen

Von David Röthler

Crowdsourcing“ ist ein erst vor zwei Jahren eingeführter Sammelbegriff für die Teilauslagerung von kreativen Dienstleistungen an eine Masse von Internet-Telearbeitern. Crowdsourcing unterscheidet sich vom „Outsourcing“ dadurch, dass klar definierte Aufträge nicht an andere Unternehmen vergeben werden, sondern sich möglichst viele der rund eine Milliarde Internetnutzer an kreativen Prozessen entweder aus reiner Begeisterung, aufgrund der Auslobung von Preisen oder für geringe Bezahlung beteiligen sollen. Mit Crowdsourcing werden Strategien adaptiert, die sich bei der Entwicklung von Open Source Software – man denke an Linux oder das Online-Lexikon Wikipedia – als erfolgreich erwiesen haben. Eine Vielzahl ehrenamtlicher oder gering bezahlter Amateure generiert Inhalte, löst verschiedene Aufgaben und Probleme oder ist an Forschungs- und Entwicklungsprojekten beteiligt. Die „Schwarmintelligenz“ oder „Weisheit der Massen“ führt in vielen Fällen zu guten Ergebnissen.

Open Innovation. Ein eng verwandter Begriff ist „Open Innovation“. Durch das Öffnen von Innovationsprozessen soll die Internet-Community ihren Ideenreichtum einbringen, um Fragestellungen von Unternehmen kreativ zu lösen. Open Innovation geht davon aus, dass die aktuellen Herausforderungen einen derartigen Komplexitätsgrad erreicht haben, dass relativ geschlossene Strukturen nicht mehr in der Lage sind, die Probleme intern zu lösen.

Die Paradigmen des Web 2.0 werden also zunehmend in vielerlei Domänen wirksam. Die One-to-many-Kommunikation mit dem passiven, reizüberfluteten Konsumenten wandelt sich zu Dialog über soziale Netzwerke und einer aktiven Rolle des Konsumenten. Es sind faszinierende Parallelen zu beispielsweise Citizen Journalism und Social News zu entdecken.

Crowdsourcing in den Medien. Dass die neuen Innovationsstrategien bereits im Medienbereich angekommen sind, wird an zahlreichen Beispielen sichtbar. So versucht das britische Startup Thenerve.tv die Kreativität des Fernsehpublikums anzuzapfen um DIE Idee zur nächsten großen TV-Show zu bekommen. „Grundsätzlich sind die Menschen kreativ, aber sie bekommen nicht die Möglichkeit ihren Ideenreichtum mitzuteilen. Während sie zu Hause, in der Arbeit oder Freizeit tagträumen, bekommen sie die besten Ideen“, heißt es auf der Website des Unternehmens.

Weniger um Ideen und Kreativität sondern um „menschliche Datendienstleistungen“ und die „effektive Nutzung der menschlichen ‚Prozessorleistung'“ geht es bei dem seit November 2007 in Betrieb befindlichem und mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Unternehmen HumanGrid.eu. Alexander Linden, CEO, Gründer und Visionär ist begeistert von der Möglichkeit „Aufgaben, die weder inhouse noch über Outsourcing oder durch Computer erledigt werden können“ an „Clickworker“ per Crowdsourcing zu vergeben. Zur Zeit „erzeugen“ in der „Datenfabrik“ rund 250 Clickworker, großteils Studenten, deren „Zugang zum virtuellen Fließband der Internetbrowser ist“, digitale Werkstücke. Zu den HumanGrid-Angeboten zählen unter anderem „Medienerzeugungsdienste, die die Erzeugung von Texten oder Bildern nach bestimmten Anweisungen (z.B. für Blogs, Internetportale, Foren bzw. Agenturen erlauben“, weiters „Recherche- und Auskunftsdienste […] z.B. Information Brokering“ oder „Textdienste, die die Korrektur, Übersetzung, Abwandlung und Transkription von Text- bzw. Sprachdaten erlauben.“ Ein Projekt, das über HumanGrid umgesetzt wurde, war die Text- erstellung für die Website finanzfernsehen.de. Jeder Clickworker kann auswählen, welche Aufträge er übernehmen will: „Die Aufträge im HumanGrid sind kleinere, in sich schlüssige Mikro-Werkverträge (häufig nur im Euro-Cent-Preisbereich). Dennoch können bei entsprechender Qualifikation gute Stundenhonorare (ca. sechs bis elf Euro pro Stunde und mitunter auch viel mehr) erarbeitet werden.“ Trotz des Glaubens an den Erfolg der Unternehmensidee geht Linden davon aus, dass „Clickworker keine Gefahr für den Arbeitsmarkt insgesamt sind und nur ein geringer Anteil des BIP über Crowdsourcing erwirtschaftet werden wird.“ Wachstums- potential erwartet er auch durch die Verbreitung des 100$-Laptops im afrikanischen Raum.

HumanGrid verfolgt ein ähnliches Konzept wie der Mechanical Turk (www.mturk.com) von Amazon. Mit demselben Login, mit dem man Bücher, CDs und Elektronik-Artikel kaufen kann, lassen sich dort beispielsweise Aufträge wie das Schreiben von Artikeln mit 350 Wörtern zum Thema „Digitales Gedächtnis“ für 2 US$, von Kommentaren in Weblogs für 0,01 US$ oder die Transkription eines 43-sekündigen Videos für 0,12 US$ übernehmen.

Ideen durch Open Innovation. Das deutsch-österreichische Start- up Brainfloor.com mit Sitz in Tirol, das seit April 2008 online ist, will die „kollektive Kreativität als Motor einer jeden zivilisierten Gesellschaft“ nutzen. „Aus Ideen werden Erfindungen, Innovationen oder Optimierungen. Sie erhöhen die Produktivität und sorgen für wirtschaftliches Wachstum.“ Die Plattform versteht sich als Ideenvermittler und will Ideensucher und Ideengeber branchenübergreifend zusammenbringen. Ein aktueller Kunde ist das Magazin „music supporter“, das die Frage stellt, welche Maßnahmen ergriffen werden sollen, „damit möglichst viele Leute das Magazin abonnieren. Das Magazin will 500 Ideen erhalten. Für jede Idee muss der Ideensucher zwei Euro bezahlen. Der Ideengeber, der keine besondere Qualifikation braucht und sich lediglich auf der Plattform anmelden muss, erhält pro gut bewerteter Idee einen „BrainChip“ im Wert von 0,25 Euro. Darüber hinaus schafft ein nichtmonetäres System basierend auf Reputation und Events Anreize. Marcus Berthold, Mitgründer und -geschäftsführer ist überzeugt, dass „die Weiterentwicklung von Web 2.0 ein Geschäftsmodell wie Brainfloor.com sein wird. Bei Wikipedia bringt jeder sein Wissen kostenlos für die Allgemeinheit ein. In Zukunft stellen die Internetnutzer ihr Wissen gezielt Unternehmen gegen Bezahlung zur Verfügung.“ NPOs können die Plattform kostenlos nutzen.

Einen vergleichbaren Ansatz hat die Plattform Innocentive.com. Allerdings ist Innocentive eine Online-Community aus Wissenschaftern, die Unternehmen bei Forschungsfragen unterstützen und dafür entlohnt werden.

Das durch Dialogfähigkeit und Partizipation geprägte Web 2.0 benutzen auch Unternehmen wie Lego. So werden erwachsene Lego-Enthusiasten an der Entwicklung neuer Projekte beteiligt. Anreize sind bestimmte Zuwendungen von Lego sowie Reputation und Privilegien innerhalb der Community.

Design. Die deutsche Plattform Realisr.com „ist eine Community-Plattform für aktive Menschen, die gemeinsam mit anderen Menschen etwas bewegen wollen. Privatpersonen, Vereine, Gemeinschaften und Organisationen können über das Portal Gleichgesinnte für gemeinsame Projekte finden.“ Aber auch Designideen können über diese Plattform von der „Crowd“ entwickelt werden. So hat das Frankfurter Unternehmen adero design, das üblicherweise hochwertige Möbel vertreibt, dem iPod Shuffle ein neues Kleid über zahlreiche ehrenamtliche Designer mittels Realisr.com zur Fußball-EM gegeben. Geschäftsführer Klaus Berghaus zeigt sich erfreut über den „unerwarteten Erfolg und die zahlreichen Ideen. Für uns ist das ein ganz neuer Weg. Wir können direkt mit den Konsumenten kommunizieren und wissen, was ihnen gefällt. Crowdsourcing ist für uns auch ein Marketing-Tool, da es Aufmerksamkeit schafft und die Bindung zwischen uns und den Kunden erhöht.“

Designmarktplätze. Insbesondere in den USA finden sich eine Reihe von Online-Portalen für Graphikdesign, Logoentwürfe oder Programmieraufträge. Auf 99designs.com sind mehr als 13.600 Designer aus der ganzen Welt registriert. Der Preis für den Logoentwurf für ein Reisebüro beträgt beispielsweise 100 US $, den lediglich der vom Auftraggeber ausgewählte Gewinner erhält. Der Salzburger Graphikdesigner Eric Pratter sieht in solchen Plattformen keine ernsthafte Konkurrenz: „Zur Entwicklung eines Logos oder Corporate Designs gehört auch ein Diskurs über Ziele und Werte eines Unternehmen
s. Allerdings kann solch ein Wettbewerb bei der Suche nach einem Gestalter helfen, mit dem langfristig zusammengearbeitet werden soll.“

Marketing. Open Innovation ist nicht nur ein Werkzeug um Ideen zu generieren sondern erfüllt auch Marketingaufgaben, wie beispielsweise die Plattformen www.dellideastorm.com (Dell-Kunden machen Verbesserungsvorschläge für Computer) oder der Kampagnen-Designwettbewerb von Berliner Pilsener unter www.berlin-wunderbar.de zeigen.

Bewertung. Die wirkliche Bedeutung der jüngsten Netzentwicklung, die als Web 2.0 bezeichnet wird, besteht im Entstehen einer globalen Infrastruktur, einem globalen Arbeitsmarkt für digital übermittelte Produkte und Dienstleistungen. Unternehmen zahlreicher Branchen ergänzen B2B mit der Auslagerung von Aufgaben an eine Masse an Clickworkers oder Kunden. Interessant findet der Industrie- und Techniksoziologe an der TU Chemnitz und Autor des Buchs „Der arbeitende Kunde“ Günter Voß die zunehmende Aufhebung der seit der Industrialisierung vorherrschenden Trennung zwischen beruflicher und privater Sphäre mit kaum vorhersagbaren gesellschaftlichen Folgen.

Letztendlich bleiben mehr Fragen als Antworten: Was bedeutet die teilweise festzustellende Industrialisierung von Kreativität? Was bedeutet die neuen Freiheit der Mitarbeit bei der allein das Resultat zählt? Entstehen neuen Formen des Hyperwettbewerbs oder gar ein digitaler Darwinismus?

Obwohl die Konzepte von Crowdsourcing und Open Innovation eine gewisse Verwandtschaft haben, ist insbesondere in Hinblick auf die Gestaltung der entsprechenden Prozesse zu differenzieren.

Der Unternehmensberater Thomas Fundneider empfindet Crowdsourcing und Open Innovation zwar als „etwas übertriebenen Hype“. Dennoch bieten die neuen Konzepte Chancen, wenn man es richtig macht und es ein Unternehmen schafft, langfristige Beziehungen zu einer „Crowd“ herzustellen. „Bei der Weisheit der Vielen ist insbesondere deren Heterogenität interessant, die es erlaubt durch branchenübergreifende Analogien zu Lösungen zu kommen, die in einem anderen Kontext bereits gefunden sind“, erläutert Fundneider.

Linktipp:

Weblog zum Thema www.crowdwisdom.de

Englischsprachiges Weblog zum Thema www.crowdsourcingdirectory.com

Österreichisches Business-Blog http://www.hannestreichl.com/

Teilweise kommentierte Linksammlung des Autors http://del.icio.us/davidro/crowdsourcing

Erschienen in Ausgabe 06+07/2008 in der Rubrik „Beruf“ auf Seite 110 bis 111 Autor/en: David Röthler. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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