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Titel

Dürfen oder müssen sie?

Von Engelbert Washietl

Die schweren Kapitalverbrechen, die in Österreich geschahen oder aufgedeckt wurden, bescherten dem Land eine seltene Mediendebatte. Sie ist wichtig, unerlässlich, aber so verwinkelt wie die Kellerverliese in Amstetten, in denen der weitgehend geständige Josef Fritzl seine Opfer einsperrte. Die Mediendebatte gleicht bisher etwa der Entscheidungsfindung, die die Iren vor der Abstimmung über den EU-Reformvertrag durchmachten. Die einen redeten über die Friedensgemeinschaft EU und den Aufschwung, den Irland seit dem Beitritt gemacht hatte, die anderen über hohe Benzinpreise und den Verrat an den Körndl- bauern. Diese „anderen“ bildeten dann unter denen, die zur Abstimmung gingen, die Mehrheit. Wechselseitiges Verständnis ist über die Frontlinie hinweg nicht zu erwarten.

So auch in der Mediendebatte, in deren erstem Abschnitt das einstige Entführungsopfer Natascha Kampusch im Mittepunkt stand. Der Fall ist noch immer so komplex und war so erschütternd, dass alle Varianten journalistischer Anständigkeit einzufordern sind: medienrechtliche im Sinne von Achtung des „höchstpersönlichen Lebensbereiches“, Opferschutz, sorgsamer Umgang mit Fakten und Fotos, verantwortungsvolle Berichterstattung im Ausnahmefall eines jungen Menschen, der nach einem schweren Schicksalsschlag den Anfang sucht, ohne eine Modellvorlage dafür zu haben.

schonungslose Preisgabe. Jeder der aufgezählten Grundsätze ist von Massenmedien durch den Fleischwolf der Sensationsgier gedreht und streckenweise schwer beschädigt worden. Die perfide Mechanik medialer Ausbeuterei von Schicksalen ließ sich am 18. und 20. April anhand der Zeitungsständer und Entnahmeboxen verifizieren. Am ersten Tag löste die Gratiszeitung „Heute“ eine neue Welle von Kampusch-Enthüllungsstorys mit Mutmaßungen über bewusste Verschleierungen durch die Ermittlungsbehörden aus. Es handelte sich um eine schonungslose Preisgabe von allem, was aus einem einzigen bis dahin geheim gehaltenen Ermittlungsfaszikel abgeleitet oder auch erdichtet werden konnte. Zwei Tage später folgte eine knallige Titelseite der Hochglanz-Sonntagsnummer der Zeitung „Österreich“: „Natascha. So lebt sie mit der Enthüllung.“ Zuerst also die Enthüllung, danach die Enthüllung, wie sie mit der Enthüllung fertig wird – wehrloses Objekt ist sie in beiden Fällen und Opfer somit schon zum dritten Mal. „Österreich“ mit voll ausgelebter Scheinheiligkeit: „Es sind Informationen, die nie an die Öffentlichkeit gelangen sollten … Lauter grausliche Geschichten, wie man sie sonst nur aus dem Fernsehen kennt und dann entsetzt weiterzappt.“

vulgäre Versuchungen. Und warum hat, wenn schon der Konkurrent „Heute“ den fragwürdigen Exklusivitätsanspruch erheben konnte, nicht auch „Österreich“ weitergezappt, sondern mehr oder weniger genüsslich alles nachgeschrieben, was „nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollte“? Weil die Schlüsselloch-Methode seit urdenklichen Zeiten den Marktwert von Nachrichten erhöht. Genau diesen „vulgären Versuchungen des Marktes“ müsse ein anständiger Journalismus widerstehen, forderte der Kurt-Vorhofer-Preisträger dieses Jahres, „profil“-Chefredakteur Herbert Lackner, bei der Preisverleihung in Anwesenheit des Bundespräsidenten.

Wahrscheinlich sind Leute wie Lackner oder der unentwegt für journalistisches Verantwortungsbewusstsein kämpfende „Falter“-Herausgeber Armin Thurnher oder der neue Vorsitzende der Initiative Qualität im Journalismus, Andreas Koller, und viele andere Journalisten aus der Sicht der medialen Blood-and-Money-World bloß hoffnungslose Gutmenschen, zum Vergessen. Manchmal bekommen sie das auch ganz offen zu hören.

Wolfgang Höllrigl, Chronik-Chef von „Österreich“, kommt überhaupt nicht klar mit dieser Debatte. „Prinzipiell bestimmt der Markt die Entwicklung und nicht Kollegen, die bestenfalls einmal die Tuchent aufgedeckt haben und jetzt irgendwelche Werturteile fällen. Aber es gibt zwei Dinge. Sicher würde ‚Österreich‘ keine Bilder von den Kindern des Fritzl bringen, auch wenn sich darum die englischen Medien anstellen. Denn da verliert man extrem stark in der Gunst der Leser und auch bei den Inserenten. Und zweitens habe ich mich schon sehr gewundert, als Frau Kampusch sagt, Gebt mir ein ruhiges Leben‘, und sich dann im Fall Amstetten selber meldet und ein Interview gibt. Das ist doch verblüffend. Natürlich darf sie selber entscheiden, wann und wo sie sich meldet, das weiß ich schon. Aber wenn man schon ruhig leben will, ist es überraschend, dass sie sich dann doch in der Öffentlichkeit meldet.“

Die Reduktion der journalistischen Ethik auf Marktqualität ist zwar jenseitig, aber einige Stellen in Höllrigls Äußerung künden doch deutlich an, dass die so genannten Gutmenschen auf ihrer moralischen Seite niemals ganz sicher sein können. Sie müssen sich damit zufrieden geben, dass sie ihren Beruf als einen erkannt haben, der sie in einem existenziellen Sinn herausfordert, dabei aber auf die Garantie verzichten, den einzig richtigen Standpunkt zu erkennen und zu vertreten. Erstaunt registrieren sie, dass sich ein Opfer wie Kampusch nicht immer wie ein Opfer verhält, sondern aus der Vitrine ausbricht, in die sie nicht zuletzt von den Medien gesetzt wurde. Journalisten können nicht einmal damit rechnen, dass in den auf Seriosität bedachten Medien die besser recherchierten Kriminalgeschichten stehen. Die Kollegen vom Boulevard, die fanatisch dort entlang schnüffeln, wo die Blutspur hinführt, können recherchetouristisch früher am Ziel sein.

Paparazzo-Einbruch. Neuerdings sind nicht einmal mehr die Medienrichter auf der Seite der orthodoxen Medienethik. Denn was ist geschehen: Da brachte „Heute“ und danach gleich auch „Österreich“ die Fotos von Natascha Kampusch, die in der Disko tanzt, etwas eng umschlungen. Der aggressive Paparazzo-Einbruch in ihr Privatleben ist selbstverständlich eine schwere Fehlleistung. Tatsächlich wurde „Heute“ zu 13.000 Euro Entschädigungszahlungen verurteilt, wegen Enthüllung, Bloßstellung und der Verletzung des in Paragraph 7 Mediengesetz schutzwürdig angeführten „höchstpersönlichen Lebensbereiches“. Und dann kommt das Oberlandesgericht Wien daher und hebt das Urteil auf und behauptet, dass es eine „Rechtsfortentwicklung“ gebe und dass es sich bei Kampuschs Auftritt zwar um „privates Handeln im öffentlichen Raum“ handle, aber nicht um einen höchstpersönlichen Lebensbereich. Und fügt hinzu, dass sich Personen, die sich freiwillig auch in das Schlaglicht der Medien begeben (wie Kampusch), damit rechnen müssen, dass an ihren Bewegungen in der Öffentlichkeit ein Medieninteresse besteht (siehe Kasten).

Diese Entscheidung des Oberlandesgerichtes, gegen die es in Österreich bestenfalls die Möglichkeit einer Nichtigkeitsbeschwerde beim Obersten Gerichtshof gäbe, radiert die Linie aus, hinter der „Personen der Öffentlichkeit“ bisher relativen Schutz fanden, wenn sie ein letzten Stück Privatheit für sich retten wollten. Der Spruch kehrt auch im journalistischen Handwerk alles um, was bisher galt, weshalb zu wünschen wäre, dass die Stichhaltigkeit der Urteilsbegründung in einem Verfahren vor dem Menschenrechtsgerichtshof des Europarates (MRK) geprüft wird. Das kann allerdings Jahre bis zur Entscheidung brauchen.

Die Medienanwältin Maria Windhager, die sich auf die Problematik des Opferschutzes spezialisiert, ist über dieses Urteil völlig verblüfft, um nicht zu sagen verstört. „Hier wird Frau Kampusch als öffentliche Figur gewertet. Aber man kann sie doch nicht in gleicher Weise zur ‚public figure‘ machen wie Politiker. Sie ist durch einen Kriminalfall in die Öffentlichkeit geraten.“ Dass Kampusch jetzt teilweise in den Medien aktiv wird und nicht gegen diese, könne zwar problematisch sein, sei aber auch eine Form der Aufarbeitung dessen, was passiert ist. „Opfer gehen unterschiedlich mit ihrem Trauma um, man kann das nicht kontrollieren. Was sie macht, wirkt wie ein neuartiges Schulbeispiel.“

Tiefpunkt. In der Tat: da reagiert Kampusch „entsetzt“ auf die Veröffentlichung intimer Ermittlungsdetails, nennt di
e Vorgangsweise einen „Tiefpunkt des österreichischen Journalismus“, wiederholt zum x-ten Mal, dass ihre persönlichen Belange niemanden etwas angehen – und setzt sich Tags darauf mit Niki Lauda vor die Fernsehkamera von Puls 4 und redet mit ihm 50 Minuten lang über die Extremfälle in Laudas und ihrem eigenen Leben. Und sammelt interessiert Reaktionen auf ihre erste Fernseh-Show.

Für Windhager ist die Verunsicherung der Juristen und Medienleute nicht zu übersehen. Der einzige Ausweg sei, die Unsicherheit transparent zu machen. Die Zeitungen sollten ihren Lesern mitteilen, warum sie im Einzelfall so oder anders handeln, also Fotos bringen oder bewusst nicht bringen. Dadurch würde die Entscheidungsfindung durchschaubar und diskutierbar. Das wäre ein wichtiger Beitrag zur Selbstkontrolle der Medien.

Freilich, auch da verschwimmen die Konturen. Parallel zur aufgeflammten Medien- und Ethikdebatte bemühen sich auch die Aufdecker und Neugierstiller, den Sinn ihres Tuns zu begründen. Im „News“-Heft vom 15. Mai finden sich nicht weniger als vier Artikel, die die extrem indiskrete Vorgangsweise ins gesellschaftlich zumutbare Licht rücken sollen. Kein Wunder, hatte doch das unanständige „News“-Cover mit der virtuellen Foto-Reihe der Inzest-Opfer von Amstetten für öffentlichen Unmut gesorgt.

Zwei unversöhnliche Welten prallen aufeinander. Die Zeitung „Der Standard“, die sich in der tragischen Kriminalserie vom Fall Kampusch bis zur Ermordung einer fünfköpfigen Familie engagiert für journalistische Verantwortung einsetzte, beantwortete die Frage, wie Journalisten mit dem Privatleben jener umgehen sollen, über die sie berichten, lakonisch: „Das ist einfach: Das Privatleben ist tabu. Ein Journalist sollte stets versuchen, sich im Sinne des kategorischen Imperativs in die Rolle des Betroffenen hineinzuversetzen: Wie wäre es, wenn ich das über mich in der Zeitung lesen würde?“

Voyeurismus. Die Gegenwelt breitet „News“ in ihren Verteidigungsschriften aus und leitet das Recht, über alles zu berichten, hauptsächlich vom internationalen Medienecho ihrer Sensationsstorys ab. Chefredakteur Andreas Weber über die Artikelserien der Chronikchefin Martina Prewein: „Die vollinhaltliche Übernahme von Preweins Story zeigt nicht nur das außergewöhnliche weltweite Interesse an diesem wohl einzigartigen Kriminalfall, sondern auch die Seriosität und Glaubwürdigkeit der Arbeit unserer Chronikchefin.“

Diese lässt sich sowieso nicht den geringsten Zweifel anmerken, dass ihre Arbeit in irgendeiner Weise fragwürdig sein könnte. „Fritzl spricht“, „Priklopils Mutter spricht“, „Fritzls Frau spricht“ – die in der „News“-Redaktion gefeierten „Coups“ werden zur Serie. Prewein dazu: „Wir können ja nicht so tun, als würde das alles niemanden interessieren. Da waren Fernsehstationen aus der ganzen Welt und das öffentliche Interesse ist riesig bei solchen Fällen. Also wäre es abnormal, darüber nicht zu berichten. Es ist auch völlig normal, dass man von jemandem, der eine Tat begangen hat, wissen will, warum er diese Tat begangen hat. Sonst würde bei solchen Verbrechen ja nichts aufgeklärt werden.“ Dass damit in erster Linie Neugier und Voyeurismus breiter Lesermassen befriedigt würden, bestreit sie und lässt sich davon auch nicht stören. „Es dient nicht nur der Neugier. Ich glaube auch, dass damit eine gewisse Prävention erreicht wird. Ich habe mit relativ vielen Tätern gesprochen – nicht mit Fritzl. Auch die Polizei spricht mit ihnen, die Kriminalpsychologen, die Psychiater. Das ist Prävention, weil sich dabei zeigt, wie sich gewisse Täter verhalten. Man kann künftig Auffälligkeiten besser erkennen, rascher reagieren. Weil über Missbrauchsfälle mehr berichtet wird, ist auch die Bereitschaft der Opfer, sich bei der Polizei zu melden und die Vorfälle anzuzeigen, enorm gewachsen. Verschweigen bringt nichts.“

Ob Priklopil, Fritzl oder ein Familienmörder – Prewein fühlt sich journalistisch in der Reihe der Präventionsbeauftragten und weniger der Hobby-Kriminalisten. Deshalb nimmt sie im Gegensatz zu „Heute“ die Polizei bezüglich der Ermittlungspannen im Entführungsfall Kampusch eher in Schutz: „Ich glaube, dass die Polizei das sowieso sehr genau gemacht hat. Fehler hat es gegeben, darüber gibt es keine Diskussion. Ich sehe ein grundsätzliches Problem unserer Polizei, dass sie aus Personalmangel keine Sonderkommission gegründet hat und so. Das gehört aufgearbeitet. Aber der Fall Wolfgang Priklopil als solcher ist seit dem Tag der Flucht von Frau Kampusch sehr genau behandelt worden. Jetzt sollte aber noch ganz genau und mit allem schon vorhandenen Wissen und auch mit weiteren Informationen, die man noch bekommen kann, das Täterprofil dieses Mannes Priklopil herausgearbeitet werden – damit man künftig mehr als bisher darüber weiß. Wenn wieder einmal ein Kind spurlos verschwindet, dann könnte man auch erkennen, dass ein Mensch als Täter in Frage kommt, der so unauffällig wie Priklopil ist. Das ist ja internationaler Level, dass man so arbeitet.“

Die ganze Wahrheit. „Heute“-Chronikchef Oswald Hicker hat eine Ermittlungsakte des Falles Kampusch, die den Weg in den Untersuchungsausschuss des Nationalrates genommen hatte, zu Tage befördert und am 18. April unter dem Titel „Akte Kampusch. Die ganze Wahrheit“ veröffentlicht. Kritik hagelte es von allen Seiten, auch von manchen Lesern. Eine gewisse Verstörung merkt man den vorsichtigen und juristisch abgesicherten Antworten Hickers noch immer an. Die Frage, ob Mediengesetze auch für ihn Gültigkeit hätten, beantwortet er: „Natürlich, Gesetze sind für alle Bürger gültig. Meine Aufgabe ist es aber nicht, das Mediengesetz zu interpretieren. Ich sehe meine Aufgabe als Journalist darin, Informationen und die bestmöglichen Geschichten zusammenzutragen. Diese Informationen gebe ich dann an die Chefredaktion weiter, die sämtliche weiteren Fragestellungen abwiegt und in Absprache mit Juristen Entscheidungen trifft. Stellen Sie sich einen Journalisten vor, der brisantes Material zusammenträgt und vor seiner Redaktion verheimlicht. Das wäre absurd. Grenzen sind unbedingt notwendig, auch wenn sie manchmal als Einengung empfunden werden. In Einzelfällen versucht man aber genau an die Grenze zu gehen – und sich der Kritik einer möglichen Überschreitung zu stellen. Wenn man das tut, muss man sich aber über die Konsequenzen im Klaren sein. Und zwar in moralischer und rechtlicher Sicht.“

Ungefragt in Öffentlichkeit. Tatsächlich hat man den Eindruck, dass „Heute“ etwas vorsichtiger geworden ist. Die Serie knallharter und schonungsloser Enthüllungsberichte ist nach dem großen Knall abgerissen oder gar nicht richtig in Gang gekommen. Folge einer kritischen Reflexion? Die Hot Stories werden seit damals offenbar wie heiße Kartoffeln durch die Hierarchie der Verantwortlichen weitergegeben. Die Gratiszeitung „Heute“ steckt genau in jenem Prozess der „Rechtsfortentwicklung“, der im OLG-Urteil erwähnt wird, das die „Heute“-Redaktion von einer Verfehlung freisprach. Hicker: „Frau Kampusch hat die gleichen Rechte wie jeder andere Staatsbürger. So lange sie aber weiter und vermehrt die Öffentlichkeit sucht, muss ihr klar sein, dass sie weiterhin auch Objekt von Berichterstattung ist. Das ist ja auch nicht das, was sie zu stören scheint. Im Gegenteil, im Fall F. hat sie sich mit ihrer Meinung auch ungebeten regelrecht in die Öffentlichkeit gedrängt. Die Inhalte der Berichterstattung lassen sich aber nie ganz kontrollieren. Und man muss dann wohl auch damit leben, dass Aussagen oder Auftritte kritisch hinterfragt werden.“

Ein Mitwirkender der „Rechtsfortentwicklung“ ist ungewollt auch Ex-Höchstrichter Ludwig Adamovich, der die „Evaluierungskommission“ über die Ermittlungen im Fall Kampusch leitete. In dem am 9. Juni ausgefertigten Abschlussbericht wurden nicht nur die schon bekannten Ermittlungsfehler aufgezählt. Die Adamovich-Kommission leerte ein Füllhorn kollidierender Wertvorstellungen im lebendigen Einzelfall der Kriminalgeschichte aus. Genüsslich zitiert deshalb „Heute“, wie die Adamovich-Kommission die zweite Hälfte
des Opferschutzes einfordert, die die Ermittler offenbar übersahen. Im Original des auf der Website des Innenministeriums www.bmi.gv.at veröffentlichten Berichtes lautet der Passus: „Es ist nämlich nicht zu übersehen, dass Opferschutz nicht allein die Interessensphäre des schon tatbetroffenen Opfers, vielmehr auch das (nicht allein individuelle, vielmehr öffentlich dominierte) Interesse daran berührt, das Risiko weiterer potentieller Opfer zu minimieren. Letztbezeichnetem Aspekt kommt insbesondere dann gesteigerte Bedeutung zu, wenn fassbare Gründe für die Annahme sprechen, dass (zumindest) ein bisher nicht ausgeforschter (weiterer) Täter tatinvolviert war.“

Der vielseitige Abschlussbericht ist von den Medien, die sich vor allem auf den innenpolitischen Aspekt der „Vertuschung“ aus parteipolitischen Motiven konzentrierten, rasch ad acta gelegt worden. Die Vertuschungssuppe war zu dünn. Hingegen sind die medienrelevanten Passagen des Reports aufregend und weiterführend. In dem durch mediale Zudringlichkeit und die Arroganz nichtautorisierter „Beschützer“ und „Berater“ nach der Befreiung Natascha Kampuschs enstandenen Labyrinth versagten die Ermittler fast zwangsläufig, zumal obendrein der Draht zwischen Justiz und Sicherheitsbüro schlecht funktionierte.

Rechte und Pflichten. Die Adamovich-Kommission vertritt die Ansicht, dass das Handeln der Ermittler im damaligen Sicherheitsbüro bereits in der Anfangsphase „in mehr oder weniger intensiver Weise durch Pressestimmen geprägt“ gewesen sei, was allein schon eine bemerkenswerte Aussage ist. Denn die heutigen Vorwürfe durch journalistische Enthüller, die Polizei habe schlampig gearbeitet, geraten dadurch in eine merkwürdige Ursache-Wirkung-Schlinge. Der Report bekennt sich ausdrücklich zum Grundrecht der Medienfreiheit, hält aber fest, dass die Ausübung dieser Freiheiten auch Pflichten und Verantwortung mit sich bringt. „Im Zusammenhang mit der Evaluierung des Falles Natascha Kampusch sei die Frage erlaubt, inwieweit das Grundrecht auch den Schutz aller Personen miteinschließt, die einerseits als Informanten teilweise schwere strafbare Handlungen begehen oder andererseits durch Anbot von enormen pekuniären Zuwendungen (im konkreten Fall soll für ein einziges Foto von Natascha Kampusch bis zu 70.000 Euro geboten worden sein, für ein Video des Verlieses in Amstetten dem Vernehmen nach schon rund 1 Million Euro), die juristische Aufarbeitung verhindern, vermindern oder zumindest verzögern und dadurch die einfachsten Bedürfnisse eines Opfers nach persönlicher, emotioneller und psychologischer Freiheit in Mitleidenschaft gezogen werden.“

Die Kommission fordert von Ermittlern und Staatsanwälten einen professionellen Umgang mit den Medien, der neben rechtlichen Kenntnissen (etwa über den Umfang der Amtsverschwiegenheit und des Datenschutzes) vor allem ein profundes Wissen über mediengerechtes Verhalten voraussetze. Die Einsetzung eines Medienbetreuungsteams wäre angebracht – hat es aber im Fall Kampusch nicht gegeben.

medialer Andrang. Wenn es dann am Ende noch heißt, dass „die sachdienlichen Ermittlungsansätze bisher nicht vollständig ausgeschöpft wurden“, so heißt das nichts anderes, als dass der staatliche Ermittlungsapparat einerseits zwischen der Wucht des medialen Andrangs und andererseits durch eine präzis definierte Barriere versagt hat. Diese bestand darin: „Eine kritiklose Haltung der zuständigen Organe führte dazu, dass eine Anzahl von nicht vom Gericht bestellten Personen eine Art ‚Schutzschirm‘ um Natascha Kampusch bilden konnte, der die ohnehin schwierigen kriminalpolizeilichen Ermittlungen um und rund um Wolfgang Priklopil durch Vorgaben, Einschränkungen und Restriktionen erheblich erschwerte. Die richtige Balance zwischen dem Schutz der Interessen der Medien, dem Schutz der sonst betroffenen Personen, insbesondere des Opfers,und dem öffentlichen Interesse an der Wahrheitsfindung konnte im vorliegenden Fall nicht festgestellt werden.“

Folgt man dem Bericht, dann haben die Ermittler weniger auf Kampusch Rücksicht genommen als auf Medien und selbsternannte Kampusch-Betreuer. Deren Interessen sind natürlich auch schutzwürdig so wie die eines Opfers, aber im Fall Kampusch scheint die Schere in bedenklicher Weise auseinander gegangen zu sein: „Die Informationsfreiheit als solche ist nicht in Frage zu stellen. Es kann aber nicht dem Sinn der Informationsfreiheit entsprechen, diesen Schutz auch dann zu gewähren, wenn damit die Rechte des Opfers verletzt werden oder Informationsmaterial durch strafrechtlich relevantes Verhalten, insbesondere durch Anstiftung zum Amtsmissbrauch, beschafft wird. Es muss ein Grundrechtsverständnis angestrebt werden, das beiden Interessen Rechnung trägt.“

Erschienen in Ausgabe 06+07/2008 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 28 bis 29 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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