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Hoch zu Rad - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2008 » Ausgabe 06+07/2008 »

Leben

Hoch zu Rad

Von Sophia T. Fielhauer

In würdevoller Haltung oder mit Stöckelschuh - österreichische Journalisten sitzen fest im Sattel.

Verdammte „Ohrwascheln“. Dorothee Frank, Gestalterin von „Ö1“-Radiobeiträgen und Features (2006 erschien ihr Buch „Menschen töten“), kann sich maßlos über die Ausbuchtungen auf Gehsteig-Radwegen ärgern. Zu schmal, zu gefährlich. Täglich wird ihr auf dem Weg ins Funkhaus mindestens einmal von Autofahrern der Vorrang genommen – bei sieben Minuten Wegzeit. „Oft täuscht der Radweg-Verlauf. Die Wege wurden wohl am Reißbrett geplant und niemals getestet.“ Seit 14 Jahren ist sie mit ihrem „Simplon“, 21 Gänge, unterwegs. „Stabile Vorarlberger Bauart, die 2.000 Euro haben sich rentiert und als Fortbewegungsmittel ist es steuerlich absetzbar.“

Ihre Klingel trägt das Bild des Heiligen Christophorus, das ist Zufall – aber nutzt wohl. Sie hatte nie einen Unfall. Und auch keinen Führerschein. Dorothee Frank, 47, weiß, wie undiszipliniert manch Radfahrer ist, doch vor allem muss sie Autofahrer rügen. „Ist man in Wien auf dem Rad unterwegs, kann man den Vertrauensgrundsatz als ein Stück Klopapier betrachten.“ Zu denken gibt Frank, dass selbst Autofahrer das Radfahren als zu gefährlich einstufen: „Ich habe geistig einen Neo- prenanzug an“. Radeln ist mehr als flotte Fortbewegung: „Ich habe fünf Kilo abgenommen, kriege im Winter keine Grippe mehr und bin fitter als mit 20 Jahren“. Nicht nur das „Simplon“ wird bewegt, Frank und ihr Freund haben zwei „Brompton“-Falträder – „die sind in 15 Sekunden aufgeklappt.“ Die „Bromptons“ reisen im Flieger-Großgepäck oft nach London, waren in New York und Rio. „In Malmö werden 40 Prozent der Wege mit dem Rad zurückgelegt. Bei uns wird das Radfahren als Programm für ausgefranste Jugendliche betrachtet.“ Dorothee Frank fährt mit Stil, trägt zumeist elegante Stöckelschuhe und Rock. Auch Burgschauspieler, die sie ständig radeln sieht, vermitteln ein adrettes Bild. Höchste Zeit für ein Image-Programm, findet Frank. Sie überlegt, an Politiker zu schreiben. Mit anderen Radeltücken wird sie ohne Unterstützung fertig: sexistische Zurufe von Autofahrern und Fußgängern quittiert Frank mit „einer guten, nicht zitierbaren Antwort“.

Die „Falter“-Vorreiter. Freilich, auch Armin Thurnher fährt seit Jahren ein „Falterrad“ – ein KTM-Bau, den der „Falter“-Chefredakteur günstig erworben hat. Siegmar Schlager, Geschäftsführer und Verlags-Teilhaber, ist der Experte im Haus. „Erst war es ein US- ‚Schwinn-Cruiser‘, in Ungarn gebaut, eine Serie kam aus China. Es folgte ein ‚KTM‘-Bau, jetzt ist es ein holländisches ‚Batavus‘ mit 6-Gang-Innenschaltung.“ Samt Abo für 469 Euro. Seit 1995 wurden 10.000 Räder verkauft. Schlager: „Die Falterradler erkennen und grüßen einander. Vom Aufbau ist es ein Rad, das einen in Würde fahren lässt. Auch Ältere sehen beim Radeln nicht so blöd aus.“ Thurnher, 59, fährt gekonnt und würdevoll – er ist auf dem Rad groß geworden. Mit zwölf Jahren bekam er zu Weihnachten das „Jungmeister“ mit Dreigangschaltung geschenkt – in der Farbauswahl Rot und Grün war es seinerzeit in den 50er- Jahren das Prunkstück. Im Gegensatz zum „Puch“ ohne Gänge. Der gebürtige Vorarlberger lobt die Fahrradstadt Bregenz: “ Bereits in den 50ies wurden neu gebaute Straßen mit einem Fahrradstreifen bedacht.“ Die Bundesstraße 1 als täglicher Schulweg. „Im Regen sind wir mit dem praktischen Lodenfleck gefahren, der hing über die Lenkstange und den Sattel.“

Bis er das Zeitliche segnete, saß ein entfernt Verwandter, ein Bauer in Vorarlberg, fest im Sattel: er wurde 104 Jahre alt. „Wenn ich nicht vertrottele, würde ich gerne so alt werden. Doch Journalisten leben ja nicht so gesund.“

In jeder Jahreszeit ist Armin Thurnher in Bregenz und Umland unterwegs gewesen. „Wir sind die Hügel abgefahren, wenn der Schnee nur hart genug war, fuhren 20 Kilometer zu Fußball-Auswärtsspielen, zum Tennis und Skifahren.“ Die Ski hat der junge Thurnher mit Skifix auf die Lenkstange montiert. Abenteuerfahrten sind Geschichte: von der Wohnung in der Wiener Innenstadt liegt die Redaktion in der Marc-Aurel-Straße drei Minuten entfernt. Er parkt an einem Mast, die Plätze sind begehrt. Zwar hat die „Falter“-Redaktion einen Bügelständer erkämpft, doch die kann der Chefredakteur nicht leiden. „Die Gemeinde müsste jeden fünften Autoparkplatz auflösen“. Er schätzt Christoph Chorherr, der mit den Freitagsfahrten – Rollerblader und Radfahrer auf der Fahrbahn – eine „Pionierfunktion“ innehat. „Alle anderen Parteien machen aus Angst vor der Autofahrer-Lobby zu wenig in der Verkehrspolitik.“ Cap ist ein Radfahrer, Gusenbauer ein Läufer. „Vom Kanzler und dem Bürgermeister kann man aber nicht verlangen, dass sie mit dem Rad zu offiziellen Anlässen fahren.“ Thurnher fehlt die kritische Masse, die ein Umdenken einleiten könnte. „Es müssten so viele Radfahrer wie Autofahrer auf der Straße sein.“ Dass der „Falter“ einst vom angesehenen Architekten Holzbauer verächtlich als „Radlerzeitung“ tituliert wurde, ist heute bloß amüsant. „Der ‚Falter‘-Leser hat ein Auto, in der Stadt fährt er Rad – insofern sind wir eine Radlerzeitung.“

Thurnher spricht als Autofahrer, der die Stadtfahrt meidet. Von seinem Landhaus in Niederösterreich fährt er nach Retz, von da mit dem Zug nach Wien. Im Grünen hatte er den einzigen Radunfall: sein „großer, sanfter, gelber“ Labrador, der angeleint, samt Armin Thurnher auf dem Rad, aus Angst bockig wurde. „Mit allen Vieren hat er abgestemmt, ich bin gestürzt, nichts ist passiert“. Im Übrigen heißt der Hund „Cato“, bekam vom Züchter als reinrassiger Artenvertreter den Buchstaben C verliehen. Was also lag näher, als dem Rüden den Namen eines großen, sanften Herausgebers um den Hals zu hängen. „Zwar eine ironische Namensgebung, doch den Dichand habe ich auch ständig bei mir.“ Und der hat ihm noch ein Interview versprochen – vielleicht ein harmonisches Tratscherl von Retriever- zu Retriever-Besitzer. Seinesgleichen möge geschehen. Im Übrigen hat Hans Dichand drei Golden Retriever und einen Mischling.

Fahren im Ländle. Elisabeth Willi arbeitet als Lokalredakteurin der „Neuen am Sonntag“. Ihr aktuelles, rotes Damenrad hat sie vergangenes Jahr um 50 Euro am Frühjahrs-Fahrradmarkt in Dornbirn erstanden, die Marke ist nicht erkennbar – die Reparatur kostete 90 Euro. „Von den 21 Gängen gebrauche ich maximal sechs oder sieben.“ Zum Vorarlberger-Medienhaus in Schwarzach fährt sie aus dem angrenzenden Dornbirner Stadtteil Haselstauden gerade fünf Minuten. Zwei Mitarbeiter radeln sogar die 15 Kilometer von Bregenz zur Arbeit.

Ihr Auto nutzt Willi bloß bei Schlechtwetter. Ihr Vorgänger-Rad, ein „KTM-Citybike“, hat Elisabeth Willi, gerade 30 geworden, mit zwölf Jahren in ihrem Heimatort Schoppernau im Bregenzerwald bekommen – bis letztes Jahr war es in Betrieb, war beim Studium in Innsbruck dabei, übersiedelte nach Dornbirn. Gefährdet hat sich Willi nie gefühlt: „Radwege und Seitenstreifen sind tadellos. In Dornbirn fahre ich auch in der Fußgängerzone. Ich bin sozusagen eine Berufsfahrerin, nutze es für kleine Einkäufe und zum Ausgehen. Sportradlerin bin ich keine.“ Außerdem wandert Willi lieber, als das Rad auf die Hügel zu treten. Alle zwei Wochen zu Hause im Bregenzerwald, zieht es sie zu Fuß ins Grüne um Warth und Lech, sie wandert in der Gegend von Au und Schoppernau, wo die nördlichen Kalkalpen beginnen. Oder sie fährt zur „Gaudi“ mit Mamas Rad ins Nachbardorf Au. Vorarlberg, ein verkehrssündenfreies Radlerparadies: „Selbst auf der Bundesstraße im Bregenzerwald wird jetzt ein Radweg angelegt“.

Radl-Gespann. Marlene Mayer, 27, ist freie Journalistin für die Online-Redaktion der „Presse“ und schreibt den Architekturteil der Zeitschrift „Wohnen“. Mayer fährt mit dem Rad und Kyara, die fünf jährige Golden-Retriever-Hündin, läuft meist an der Leine nebenher. Bisweilen viel zu langsam, findet die Journalistin und weicht deshalb auch öfters vom Radweg auf den Gehsteig aus – mit einem gewinnenden Lächeln im Gesicht beugt sie Schimpftiraden vor. „Ich habe Kyara und arbeite viel, der Auslauf ist mit dem Radeln auch erledigt. Bei unserem Sitzjob ist es auch meine einzige Bewegung.“
Führerschein hat sie keinen. Erst vor einigen Wochen hat sich Mayer ein bordeauxfarbenes Citybike für 200 Euro gekauft, für 20 Euro eine Diebstahlversicherung abgeschlossen. „Nach meinem Puch-Rad fahre ich jetzt wie auf einer Schwebebahn. Außer dem Körbchen am Gepäckträger ist mir nichts wichtig.“ Auf dem Rad sieht sie mehr von der Stadt, die Architektur, die kleinen Geschäfte. „Ich bin autonom, schneller und kann auch meine Termine besser koordinieren.“

Mit der Familie ist sie oft umgezogen: von Salzburg nach Wien, dann nach Hamburg und München. Dank ihres Vaters, dem Journalisten Walter Mayer, der seit Jahren Chefredakteur der Berliner Tageszeitung „B.Z.“ ist. Seine Tochter ist jetzt gerne sesshaft. „Wien hat so was Statisches, man kann sich drauf verlassen, dass sich nicht so schnell etwas verändert.“

Der alte, kopfsteingepflasterte Hof ist mit Fahrrädern zugeparkt. Es ist noch EM-Zeit und Marlene Mayer hat mit Freunden das Kulturprojekt „EM Studio Schiffamt“ im 2. Wiener Bezirk eröffnet. Jeden Spieltag rammelvoll, ersichtlich mit Radfahrern, wird in Liegestühlen, unter Arkaden geschützt, Fußball genossen. Post-EM ist ein Kulturzentrum mit Musik, Film und Lesungen geplant.

Dienst am Rad. Der „Kurier“ stellt seinen Mitarbeitern seit August 2007 „KTM“-Citybikes zur Verfügung – zwei Herrenräder mit Außenschaltung und 24 Gängen, zwei Damenräder mit 7-Gang-Innenschaltung. In „Kurier“-Rot lackiert, werden sie täglich mehrfach genutzt. Andreas Berger, CvD: „Mitarbeiter werden von Radwegdefiziten im 7. Bezirk abgeschreckt. Aber alle, die unsere Diensträder nutzen, fahren jetzt nicht mehr mit der U-Bahn oder dem Taxi zu ihren Terminen.“ Unter der Offensive „Wadeln fürs Klima“ stattete das Lebensministerium in Kooperation mit „KTM“ den ORF-Hörfunk im April mit sechs „klima:aktiv“-Dienstfahrrädern aus. Weiß mit grünem Sattel. Es profitierten: Ö1, Ö3, FM4 und Radio Wien – auch HD1 bekam eins ab. Das sechste Umweltgefährt wurde hausintern verlost.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2008 in der Rubrik „Leben“ auf Seite 48 bis 51 Autor/en: Sophia T. Fielhauer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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