ARCHIV » 2008 » Ausgabe 06+07/2008 »

Extra

Neue Trends gegen alte Sorgen

Von Meinrad Rahofer

Weltzeitungskongress II. Der 61. Weltkongress der Zeitungen und das World Editors Forum führten mehr als 1.800 Medienleute nach Göteborg.

Der integrierte Newsroom ist ein Muss – nur wie er im Einzelfall aussehen soll, weiß niemand. Daher bietet das World Editors Forum (WEF) nun eine Art Selbstbausatz nach IKEA-Vorbild an, in Form eines Kurses. Das scheint ein Ergebnis der Tagung im schwedischen Göteburg.

Gelungene Einzelbeispiele der Einführung eines Newsrooms wie etwa bei der „New York Times“ wurden vorgestellt. Dort wurde 2005 den Redakteuren mitgeteilt, dass sie in Zukunft auch Web-Redakteure seien. Im November 2007 übersiedelten die 1.200 Personen der „NYTimes“ in einen neuen Newsroom – gemeinsam mit den 75 Online-Mitarbeitern. Der Wirtschaftsredakteur hatte schon seit Jänner 2007 die Integration geübt. Motto: Nicht mehr auf Web oder Zeitung schauen, sondern das Ganze des Medienkonzerns sehen. So standen den ganzen Tag über ständig neue Geschichten im Web: Nachrichten mit wenig Hintergrund, denn der stand am nächsten Tag in der Printausgabe. Die Zugriffe stiegen deutlich, denn die Nutzer, die bisher einmal am Tag die Seite besucht hatten, kamen nun mehrmals. Die Zeitung sei ein wenig wie eine Wochenzeitung geworden, da das Web ein wenig zu einer Tageszeitung wurde. Mit 17 Millionen unique monthly visitors führt NYTimes.com die Hitliste der Zeitungsseiten an. Die User bleiben außerdem deutlich länger: durchschnittlich über 34 Minuten.

Online first. Dementsprechend gehört der Redaktionsschluss der Vergangenheit an. Denn die Zeitung mit einer klaren Deadline ist nur noch ein Teil im Mix der Kanäle. Die Forderung nach Online first wird ja bereits in mehreren Zeitungshäusern erfolgreich ausprobiert, etwa in der deutschen „Welt“. Das geht zurück auf ein weiteres Konzept, das einmal mehr auf dem Kongress zu hören war: User sollen ihre Nachrichten dann erhalten, wann sie es wollen. Medienhäuser stellen die Inhalte also immer dann auf einem Kanal zur Verfügung, wenn den Usern gewöhnlich danach ist, also Web nach dem Aufstehen, Zeitung zum Frühstück, Pager und Breaking News für die Fahrt zum Büro, Radio fürs Auto, wieder Web fürs Büro und die Mittagspause und Fernsehen am Abend. Die Redaktion denkt nicht mehr nach Medien sondern nach Nutzergewohnheiten und wird auch so organisiert.

Mehr Leser, mehr arbeit. Damit seien nicht nur die Nutzerzahlen gewachsen sondern auch der Arbeitsaufwand der Journalisten. Um das zu bewältigen, wird Weiterbildung immer wichtiger, nicht nur für junge Journalisten sondern beinahe noch mehr für die etablierten, die Chefs. Nur auf interne Weiterbildung setzt dabei in den erfolgreichen Häusern niemand. So bedient sich auch der „Daily Telegraph“ mit einer großen internen Ausbildungseinrichtung externer Weiterbildungsinstitutionen. „Es ist keine Frage, dass Out-House-Training am besten ist.“ Das erklärte der Bildchef von „The Stoke Sentinel“. Nur dieses sei erfahren und variabel genug. Es geht bei der Weiterbildung schon lange nicht mehr nur um handwerkliches Können, das Wichtigste ist das Begleiten des Umdenkprozesses.

Trend MoJo. Ein zentrales Thema der neuen Anforderungen an heutige und zukünftige Journalisten ist das Story-Telling, also das „Wie erzähle ich eine Geschichte?“ Neben den zusätzlichen Möglichkeiten im Web sind es vor allem die geänderten Seh- und Lesegewohnheiten. Der Journalismus muss darauf reagieren. Zwar werden die Texte wieder länger, seit man weiß, dass nicht die Textlänge abschreckt, sondern nur schlecht erzählte oder uninteressante Inhalte. Bild und Infografik werden verstärkt eingesetzt, um Zusammenhänge und Inhalte zu erzählen; in der Zeitung und im Web. Dazu kommen Ton und Video. Der Trend gehe zum MOJO, zum Mobilen Journalisten, der überall Informationen sammelt und von überall senden kann, sind die Experten überzeugt. So hat beispielsweise der Agentur-Riese Reuters gemeinsam mit Nokia ein Mobiltelefon mit Kamera zum Voll-Werkzeug weiterentwickelt: externes Mikro, besserer Akku, sendefähige Bild- und Videoaufnahmen. Das Ganze so groß wie ein Herren-Handtäschchen der 1970er-Jahre. Mit dem neuen Gerät wolle man nicht Fotoapparate und Kameras ersetzen, aber vielen Journalisten das Leben erleichtern, denn schon heute stellt Reuters täglich zehn Stunden Video und 1.000 Bilder ins Netz. Dabei sei aber klar: Ein Drittel der Journalisten seien schon MOJOS, ein Drittel könne es lernen und ein Drittel werde es nie tun.

Junge Leser. Ein weiteres Dauerthema sind die jungen Leser – sie zeigen seit Jahren zu wenig Interesse an der Tageszeitung, informieren sich im Internet, sind aber dabei unzufrieden. Sie verfügen zu 96 Prozent über ein Handy und haben viele gleichartige Ziele und Wünsche, zumindest gehen verschiedene Medienhäuser davon aus. Svetlana Khorosheva aus St. Petersburg versucht die jungen Leser über ihre Träume zu packen: In ihrem Wirtschaftsblatt gibt es die eigene Abteilung „next“ für junge Menschen, die über ihre Zukunft nachdenken: „30 Prozent denken über eine Geschäftsgründung nach, 20 Prozent tun es.“ „next“ gibt die Tipps und stellt Erfolgsmodelle vor – erfolgreich. Ganz anders zeichnet Grzegorz Piechota seinen Erfolg bei jungen Lesern bei der polnischen „Gazeta Wyborcza“ nach. Keinesfalls eine eigene Abteilung für junge Leser im Blatt, sondern Themen, auf die junge Menschen besonders ansprechen. So haben er und seine Zeitung ein Straßenbauprojekt durch ein wunderschönes Tal zu Fall gebracht. Man müsse den jungen Menschen ein Thema geben, einen Führer und Ideen. Mit seiner kleinen Abteilung habe er eine Kampagne gestartet, dazu einen für Junge vertrauenswürdigen Mitstreiter außerhalb der Redaktion gefunden und in der Redaktion die Fachleute zu Themen eingebunden, die sie journalistisch aufbereitet haben, also einen Spezialisten für die Berichte über das technische Projekt, einen für die wirtschaftlichen Aspekte und so weiter. Am Schluss sei bei den jungen Menschen das Bewusstsein entstanden: Diese Zeitung nimmt sich meiner Anliegen an, versteht mich. Journalismus sei für ihn auch politische Agitation, denn so sei Journalismus während des Kommunismus notwendig gewesen und heute noch richtig.

Auch Jim Kennedy von AP (Associated Press) und der Anthropologe Robbie Blinkoff ließen nach einer weltweiten Studie keinen Zweifel daran, dass sich die Nachrichtenkonsumation grundlegend geändert habe. Die Informationsschwemme fadisiere die Menschen, sie wollen Tiefe in den Geschichten, nicht ständige Wiederholungen des Bekannten. Ihre Untersuchung zeige: Die Überschrift sei die Nachricht, der Text (maximal 130 Wörter) die Details und nach einem kurzen Hintergrund sei vor allem das „Wie geht es weiter?“ interessant. Man müsse eine „soziale Währung“ erzeugen, etwas, das sich weitererzählen lässt. Das zeigen die Videos, die weitergemailt werden, aber auch die weitererzählten Geschichten.

Soziale Netzwerke. Das bestätigt auch das regelmäßige „Newsroom Barometer“, bei dem weltweit mehr als 700 Journalisten befragt wurden. Lokale Zeitungen seien früher die sozialen Netzwerke gewesen, diesen Wert gelte es nun auf die neuen Medien zu übertragen. Die heutige Generation lebe zwischen der alten Ordnung mit klarer Wissensautorität und dem Wunsch teilzuhaben. Jedenfalls aber sei sie keine Generation, die von oben informiert werden wolle. Dementsprechend sei es die Aufgabe, die Zeitung in ihre Bestandteile aufzulösen, die den jeweils Interessierten zur Verfügung gestellt werden müssen. User generated content, also Inhalte, die von den Lesern kommen, seien nicht neu, aber heute von völlig anderer Bedeutung, da derzeit jede Minute zehn Stunden Video von den Usern ins Netz gestellt würden. Geblieben sei aber die Aufgabe des Journalismus, Auswahl und Bearbeitung vorzunehmen. „Gate keeping“ sei zu einem schmutzigen Wort geworden, beklagte ein Redner, aber es sei nach wie vor der Job des Journalisten. Vor allem auch, weil die Nachrichten immer schneller würden. So habe es beim Erdbeben in China nur 30 Sekunden gedauert, bis die Nachricht „Erdbeben in China“ in den internationalen Agenturen zu lesen war. Aber nicht nur internationale Nachrichten sind schnell geworden, auch lokale N
achrichten sind schnell – und waren es immer. Überhaupt seien die lokalen Nachrichten ein Erfolgskonzept, ob durch Internet oder durch die Zeitung.

All diese Neuerungen seien der Grund für die neue Newsroom-Struktur, meinen die meisten der Fachleute. Auch wenn es Widerstände in den Redaktionen gibt und Probleme nicht wegdiskutiert oder weggeplant werden können, etwa das Problem, dem einzelnen Mitarbeiter seinen persönlichen Rahmen und Raum zu lassen.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2008 in der Rubrik „Extra“ auf Seite 102 bis 103 Autor/en: Meinrad Rahofer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;