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Medien

Nur auf Konflikte konzentriert

Von Interview: Engelbert Washietl

?Sie haben am 20. Juli 2004 als der vom Papst ernannte Visitator in der Krisensituation der Diözese St. Pölten eingegriffen, um nach schweren Verfehlungen von Kirchenverantwortlichen die Ordnung wiederherzustellen. Ist die Krise nach vier Jahren nur noch Vergangenheit, ist alles erledigt, was zu erledigen war?

Klaus Küng: Das kann man nicht sagen. Ich führte Gespräche mit wirklich allen. Das ist ein wichtiger Ansatzpunkt, der sich nicht immer ergibt, dass zu jemandem alle und von allen Seiten kommen. Das hat die Situation mit sich gebracht und ich habe es aufgegriffen.

Offenbar haben alle erwartet, dass irgendetwas geschieht?

Unbedingt. Ich hatte ja auch die Erfahrung als Bischof von Feldkirch in Vorarlberg, wo die Polarisierung sehr stark war, als ich als Bischof gekommen bin – und auch vor meiner Zeit. Deshalb kenne ich die Dynamik. Je nachdem, wer zu einem Vortrag einlädt, je nachdem, welcher Vortrag stattfindet und wer die Referenten sind, kommen andere Gruppen von Zuhörern. Es ist ganz schwierig zu erreichen, dass sich alle an einen Tisch setzen. Mein Wunsch war, viel zu hören und dafür zu sorgen, dass nicht nur einer Seite Gerechtigkeit widerfährt. Die Bemühungen um Erneuerung, um einen echten Aufbruch in eine neue Zeit sehe ich als Ziel. Das ist natürlich nicht erreicht, das Ziel ist wahrscheinlich ein Leben lang in der Ferne. Aber ich habe schon den Eindruck, dass die Entwicklung in diesen vier Jahren eine positive war.

Sie sagten einmal, Visitator zu sein sei eine gute Grundlage für das Bischofsamt. Lernt man Menschen und Strukturen am besten kennen, wenn man kontrolliert?

Richtig, ich habe schon 60 Orte visitiert. Ich wollte herausfinden, welche Ziele wir uns stecken müssen, damit eine positive Entwicklung auf diese Ziele hin eingeleitet wird.

Am 1. Adventsonntag 2004 wurden Sie als Nachfolger Kurt Krenns Diözesanbischof. Kardinal Schönborn sagte bei der Ansprache im St. Pöltner Dom, dass „viele Menschen verärgert, enttäuscht, traurig oder zornig“ ob der Zustände in der Diözese seien. Da sind alle negativen Emotionsformen aufgezählt, mit denen Sie fertig werden sollten. Gibt es in der Kirche auch so etwas wie ein Himmelfahrtskommando?

Ich bin sehr nüchtern. So etwas wie hier in der Diözese hat es immer wieder gegeben – in einem Betrieb, in der Kirche, auch in einer Ehe. Die Lage kann so sensibilisiert sein, dass alles, was man macht, die Wunden nur vertieft und zur weiteren Lähmung führt. Das war hier sehr stark zu merken, verbunden mit einer starken Schwarzweiß-Malerei auf allen Seiten. Das hat die Objektivität erschwert, auch die Bemühung um Wahrheitsfindung. Jeder hatte den Eindruck, dass er bedroht oder angefeindet wird. Damit betrachtet jeder die Lage nur aus seinem Blickwinkel. Dann sagten die einen: An allem hat nur der Bischof Krenn Schuld. Und ich musste ihnen sagen und sage heute noch: Ich kenne eine andere Diözese, die nicht die schlechteste ist, sondern gut ist, und dennoch die gleichen Probleme hat. Und die anderen meinen, es würde alles zerstört, was der Bischof wollte. Es bedurfte der Entdramatisierung, der Versachlichung und der Entdeckung eines gemeinsamen Zieles. Das ist der Heilungsvorgang. Ich habe lange darüber nachgedacht, warum es zu Religionskriegen gekommen ist – weil jede Seite glaubt, es würde das zerstört, was für sie ganz wichtig ist. Es muss gelingen, dass man beim anderen auch die gute Absicht wahrnimmt und anerkennt.

Könnte man das, was Sie soeben für die kleine Diözese St. Pölten darstellen, auf das Große übertragen, beispielsweise auf das Verhältnis zwischen Christenheit und Islam?

Das ist sicher auch ein Fragenkomplex dieser Art. Ich habe den Eindruck, dass das Christentum in den vergangenen Jahrhunderten durch die Auseinandersetzung mit der Aufklärung und durch viele schmerzhafte Erlebnisse einen Reifungsprozess im Sinne der Achtung der Freiheit des Einzelnen durchmachen musste, der für mich im Islam in manchen Belangen nicht so deutlich wird. Da ist die Gefahr, dass man etwas mit Gewalt durchsetzen will, noch stärker vorhanden. Und da wäre auch der Respekt voreinander, das Wahrnehmen des Positiven, sehr wesentlich, ohne sich in einer Relativierung zu verlieren, die zur Aufgabe der Identität führt.

Die Ära von Bischof Kurt Krenn, die Vorfälle im St. Pöltner Priesterseminar erregten in den Medien große Aufmerksamkeit. Empfanden Sie diese Berichte als feindselig oder für Ihre Sanierungsarbeit eher hilfreich?

Ich habe mich bemüht, die Öffentlichkeit immer wieder über manche Vorkommnisse zu informieren, um objektive Gegebenheiten auch durch die Medien hinüberzubringen. Dass das eine große Schwierigkeit bedeutet, ist auch jetzt wieder sehr schmerzhaft zu beobachten. Das Medieninteresse an den schrecklichen Dingen in Am- stetten ist von einer Art, dass man sich fragt: Geht es den Medien überhaupt um das Wohl der Gesellschaft, um Beistand und Hilfe? Es wird dramatisiert und verzerrt – daraus ergab sich auch für mich die Notwendigkeit, die Integrität der Personen zu wahren.

Papst Benedikt XVI. kritisiert in einem Dokument zum Thema Kommunikation ausdrücklich, dass moderne Medien nicht nur informieren, sondern auch Ereignisse „schaffen“ könnten. Sind manche Ereignisse in St. Pölten bloß medial-virtuell gewesen?

Die große Öffentlichkeit ist nach einiger Zeit, relativ bald, zu einer um Objektivität bemühten Beobachterhaltung gelangt. Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Realitäten, die die Journalisten nicht so sehr aufgreifen. Die wollen Zahlen hören und etwas über Maßnahmen erfahren, nicht aber über spirituelle Grundlegungen, die für mich das Wichtigste sind. Da ist es wirklich schwer, Positives hinüberzubringen. Es gibt auch eine Neigung im Journalismus, sich auf Konflikte zu konzentrieren. Je heftiger sie sind, desto lieber ist es manchen Medien. Da gibt es schon Bereiche, wo es mir nicht gelungen ist, eine richtige Darstellung zu erreichen. Bestimmte Kreise verschließen sich der Realität, und zwar hauptsächlich an den beiden Polen: bei den besonders Konservativen und bei den besonders Liberalen, um diese Begriffe zu verwenden. Da kommen Halbwahrheiten in Umlauf, auf die ich nicht reagiere, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit dafür zu schaffen.

In einem Brief an Leute, die aus der Kirche ausgetreten waren, entschuldigten Sie sich für die Vorkommnisse. Hat das etwas genützt? Kehrten welche zurück?

Ja. Erstens sind die Kirchenaustritte deutlich zurückgegangen, heute haben wir die Probleme wie alle anderen, aber keine besonderen. Es sind die gleichen Probleme wie in ganz Mitteleuropa: Ein Materialismus und auch Hedonismus erfasst die Menschen total. Sie verlieren das Ziel und den Weg aus ihrem Blick, dann kommt eine Aufforderung zur Zahlung des Kirchenbeitrags, dann treten sie aus.

Nach dem Besuch Papst Benedikts XVI. in Österreich wurde beklagt, dass es dabei nicht wirklich zu einer Diskussion im Sinne eines nachkonziliaren Prozesses gekommen sei. Diesbezügliche Erwartungen der Plattform „Wir sind Kirche“ und anderer aktiver Gruppen wurden enttäuscht. Werden hier Chancen vertan?

Ich glaube, dass das sehr viel Geduld braucht.

Ja schon, aber die Geduldigen sind vor allem die Bischöfe, sie haben es nicht eilig damit.

Das Erste ist, medizinisch gesprochen, immer die Diagnose. Was ist eigentlich das Problem? Ich kann manchen Kreisen nicht ganz den Vorwurf ersparen, dass sie sich von vornherein auf ganz bestimmte Lösungen fixieren. Das Wichtigste ist, dass die Priester heiraten.

Dass sie heiraten dürfen sollen.

Wenn man die Lage analysiert, kommt man drauf, dass die Frage der Priesterberufe parallel läuft mit der Frage der christlichen Familie. Wie steht es mit der Familie auf der Grundlage der Ehe, wie steht es mit der Bejahung von Kindern – da stoßen wir auf Riesenprobleme. Die demographische Frage trifft alle, natürlich auch in Form einer Überalterung des Klerus.

Es gab in den vergangenen Jahren eine Reihe von Bischofsernennungen, also personellen
Entscheidungen des Papstes, die in Österreich auf große Kritik und auf Widerstand stießen. In den zwei Fällen Groer und Krenn lassen sich die Ursachen des Unmuts doch stark objektivieren. Auch Bischof Eder gehörte in die Reihe und auch Küng, also Sie. Aber Sie steigen jetzt wie ein Phönix aus der Asche, haben das Wohlgefallen Roms und werden vom Kirchenvolk akzeptiert. Was machen Sie anders, was besser als die genannten anderen?

Das ist eine schwierige Frage. Ich bin sehr vorsichtig im Urteil, also will ich auch keinen der Bischöfe beurteilen. Ich habe auch erlebt, wie Menschen, die es ganz gut meinen und beste Absichten haben, dann aber in der Vorgangsweise unterschiedliche Wege gehen, zum Beispiel bei der Auswahl ihrer Mitarbeiter. Die einen wollen nur solche, die denken wie sie, die anderen legen Wert auf unterschiedliche Standpunkte. Jeder Weg, den man wählt, hat seine Vor- und seine Nachteile. Ich habe mir gesagt, wer es besser macht, das sehen wir vor dem lieben Gott am letzten Tag.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2008 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 86 bis 87 Autor/en: Interview: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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