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Österreichisches Geld in der Schweiz - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2008 » Ausgabe 06+07/2008 »

Special

Österreichisches Geld in der Schweiz

Von Engelbert Washietl

Gratis III. Die österreichischen Investoren der Schweizer Gratiszeitung rüsten mit auf - das Projekt ".ch" frisst Geld und Nerven.

Acht Monate ist die Schweizer Gratiszeitung „.ch“ alt – und in den Schweizer Medien wird bereits heftig diskutiert, ob sich das Verlagsprojekt rechnen wird. Treibende Kraft ist der Gründer der Zeitung, Sacha Wigdorovits. In Österreich erregte die Zeitung, die in den städtischen Agglomerationen von Zürich, Basel, Bern, Luzern und St. Gallen erscheint, vor allem deshalb Aufmerksamkeit, weil österreichische Investoren an ihr beteiligt sind.

Michael Grabner hängt als einer der österreichischen „.ch“-Investoren zwar nur mit 2,5 Prozent Anteil in dem Gratiszeitungsunternehmen, als begabter medialer Strippenzieher ist er aber nicht zu unterschätzen. Er denke nicht daran, seine Beteiligung an der Schweizer Gratiszeitung aufzugeben, sagt er, auch wenn es bei „.ch“ genau so gehe wie bei jeder anderen Zeitungsgründung: „Es läuft nie so, wie man es sich am Anfang vorgestellt hat. Es ist die alte Regel: Es kostet doppelt so viel und dauert zwei Mal so lang. Aber wir sind froher Dinge und machen weiter.“

Grabner bestätigt „Schwächen“ in der Entwicklung der neuen Zeitung, doch sei man schon dabei, die entsprechenden Adaptionen vorzunehmen. „Die Zeitung wird gut angenommen, sie ist aber schon ein sehr aufwendiges Produkt, weil wir mit einer hohen Auflage gestartet sind. Die Distribution im öffentlichen Verkehr der Schweizer Großstädte hat sich als mühsamer herausgestellt als erwartet.“

Im August wird Grabner 60. Seine Laufbahn führte ihn von internationalen Konzernen wie Persil und Estée Lauder in die Medienbranche. 1986 war er im Vorstand der Kurier-AG, 1988 Geschäftsführer der für „Kronen Zeitung“, „Kurier“ und den deutschen Verlagspartner WAZ gegründeten Mediaprint, 1991 ging er zu Holtzbrinck nach Stuttgart und wurde Vizevorsitzender der Geschäftsführung. 2007 kehrte er nach Wien zurück und ist, wenn man die dichte und vernetzte Struktur des österreichischen Medienmarktes ins Auge fasst, im Grunde genommen überall zu finden. Der Raiffeisenkonzern Niederösterreich-Wien, der die Mehrheit an der Tageszeitung „Kurier“ hält, postierte ihn im Gesellschafterausschuss der Mediaprint, worauf Grabner sofort in mehrere Richtungen mediatisierend wirkte. Es geht ja dabei nicht nur um die innere Konkurrenz zwischen „Kurier“ und der „Kronen Zeitung“ in der Mediaprint, sondern um den Dauerkonflikt zwischen den „Krone“-Hälfteeigentümern Hans Dichand und der deutschen WAZ. Die Fronten bröckeln, Neues kündigt sich an, ohne dass man genau wüsste, was es sein wird.

Außer Grabner sind mindestens zwei aus Österreich kommende Investoren an „.ch“ beteiligt: Der Chef des Vorarlberger Medienhauses, Eugen Russ, und Ernst Buob, der den Aufsichtsrat der Tiroler Moserholding leitet und in der Schweiz eine Rechtsanwaltskanzlei führt. Während die Moserholding, die unter anderem die „Tiroler Tageszeitung“ herausgibt, zunächst den Eindruck erweckte, sie sei direkt an „.ch“ beteiligt, wird neuerdings präzisiert: nicht die Moserholding, sondern Buob halte den Anteil. Buob ist freilich innerhalb der Holding der Vertreter der JS Moser Familienholding: Er ist 100-Prozent-Gesellschafter und Geschäftsführer der JS Moser Medien-Treuhand GmbH, die Alleinaktionär der Moser Holding Aktiengesellschaft ist.

trend Gratiszeitung. Buob lässt keinen Zweifel daran, dass er an „.ch“ glaubt. „Die Kaufzeitungen verlieren Reichweite, der Trend geht klar Richtung Gratiszeitung. Wir investieren in die Zukunft“, sagt er. Nur zwei Gratiszeitungen seien Ernst zu nehmen: „20 Minuten“ und „.ch“. Dessen Investoren, die nicht alle öffentlich bekannt seien, bildeten ein „illustres Gremium“. Auch er lässt wie Grabner durchblicken, dass man nach mehr als acht Monaten Markterfahrung gewisse Anpassungen vornehme: „Wir rüsten massiv mit Entnahme-Boxen auf.“ Übersetzt heißt das: Die ursprüngliche Strategie, hauptsächlich auf Zulieferung des Gratisblattes an ausgewählte Haushalte zu setzen, reicht für den Markterfolg nicht. Der Zeitungsverlag ist stärker als angenommen und gewünscht auf die anonymen Zufallskunden angewiesen. 800 Boxen gebe es derzeit schon. Auch Buob lässt den Begriff „Pendlerzeitung“ fallen, auch wenn sich diese grundlegend von „20 Minuten“ unterscheide. „Die Hauszustellung wird unser USP bleiben, aber zusätzlich müssen wir im öffentlichen Verkehr zulegen.“ An der Auflagenhöhe habe sich nicht viel geändert – Buob beziffert sie mit 430.000. „Der Vertrieb ist nicht einfach.“

Strukturwandel. Buobs Medien-Kosmologie unterscheidet sich nicht wesentlich von einem weiteren Hauptinvestor von „.ch“, dem Vorarlberger Eugen Russ. Beide sind der Ansicht, dass die Kaufzeitungen die guten Jahre hinter sich hätten. Was freilich nicht heißt, dass die regionale Basis – wenn es eine solche gibt – mit Zähnen und Klauen verteidigt werden muss. Russ macht das in seinem Vorarlberger Medienimperium, Buob als Partner des Moserholding-Vorstandes Hermann Petz. Seine Aufgabe in Tirol skizziert Buob mit wenigen Worten: „Ich bin verantwortlich für das Investment der Familie Moser. Dass ein großer Strukturwandel stattfindet, steht außer Zweifel, also muss man entscheiden: Entweder steigt man aus oder positioniert sich neu. Eine Bundesländerzeitung, die sich darauf beschränkt, eine solche zu sein, hat nicht gerade blendende Zukunftsaussichten.“

Druck in Schwarzach. Für Russ ist die Schweizer Massenzeitung sowohl ein Investment als auch ein willkommener Auftrag für sein technisch modernes Medienhaus: Die Auflagen für St. Gallen und Zürich werden größtenteils bei ihm in Schwarzach bei Dornbirn gedruckt. Das ergibt rechnerisch bis zu 250.000 Exemplare, also mehr als die Hälfte der „.ch“-Gesamtauflage. Und dass davon möglichst wenig in den Entnahme-Boxen liegen bleibt und eingestampft werden muss, ist die aktuelle Herausforderung des Zeitungsmanagements.

Russ äußert sich zu „.ch“ allerdings gar nicht. Er will nicht. Er bleibt aber gläubig: Der Gratistrend sei unaufhaltsam, das Verlagskonzept gut. Und den Rest an Zukunftsgewissheit holt er sich durch eine Menge Internet-Aktivitäten. In seiner Wertschätzung für Gratiszeitungsmodelle trifft er sich mit Buob, dem Statistiken aus Holland oder Dänemark offenbar glitzernde Augen bereiten: Dort kämen bereits drei bis vier Leser auf eine Gratiszeitung. In die Richtung müsse man auch in der Schweiz arbeiten.

Am Rand lassen die Investoren durchblicken, dass die Rahmenbedingungen für den Schweizer Zeitungsmarkt manchmal anstrengend und bürokratisch sind. Wenn „.ch“ weitere Entnahmeboxen aufstellen möchte, wird genau geprüft, dass Konkurrenzzeitungen dadurch nicht übervorteilt werden. Aber der Kampf um den Markt ist eröffnet. Dass der Break-Even in greifbarer Nähe liegt, behauptet derzeit niemand von denen, die das Geld hineinstecken.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2008 in der Rubrik „Special“ auf Seite 84 bis 84 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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