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ARCHIV » 2008 » Ausgabe 06+07/2008 »

Medien

Stilvolle Recherchen

Von Thomas Schuler

Die "Washington Post" ist heute journalistisch erfolgreich wie nie. Ein Grund: Bei seinen Arbeitsweisen geht das Traditionsblatt neue Wege.

Dana Priest recherchiert seit mehr als 20 Jahren für die „Washington Post“. Sie hat über die Kriege in Panama, Irak und Kosovo berichtet und begleitete amerikanische Einheiten auf Friedensmissionen in Asien, Afrika und Südamerika. 2003 veröffentlichte sie das Buch „The Mission: Waging War and Keeping Peace with America’s Military“ über die Friedensmissionen amerikanischer Soldaten und war im gleichen Jahr für einen Pulitzerpreis nominiert worden. Als Reporterin, die sich auf Geheimdienste spezialisiert hat, liebt sie Akten, vor allem wenn sie als vertraulich eingestuft sind. Sie hat vieles erreicht und gilt in der Redaktion der „Washington Post“ als Star. Doch als sie im Jahr 2006 von einem Bekannten einen Hinweis über problematische Zustände am Walter-Reed-Militärkrankenhaus in Washington erhielt, zögerte sie. Würde es ihr gelingen, die Geschichte zu recherchieren und zu schreiben?

Nicht, dass sie sich die Geschichte nicht zutraute. Immerhin hatte sie 2006 gerade einen Pulitzerpreis gewonnen für eine Recherche über geheime Gefängnisse der Central Intelligence Agency (CIA) im Ausland, mit denen die CIA amerikanische Gesetze umgehen wollte. Priest zögerte, weil sie gewohnt war, mit Akten und Institutionen umzugehen. Hier aber musste sie das Vertrauen von Soldaten gewinnen, die mit Gehirnschäden und Traumata und ohne Beine oder Arme aus den Kriegen in Afghanistan und dem Irak nach Washington zurückgekehrt waren und ihre eigene Welt nicht mehr verstanden. Sie musste nicht nur Missstände enthüllen, sondern dazu vor allem menschliches Leid schildern und begreiflich machen. Sie war erfahren genug, um eines zu wissen: Sie musste sich Hilfe suchen.

Teamwork. Dana Priest bat ihre Kollegin Anne Hull, mit ihr zu arbeiten. Hull hatte ihren Schreibtisch am anderen Ende der Redaktion. Beide schrieben einst für die „St. Petersburg Times“ in Florida, bevor sie zur „Post“ kamen. Aber sie hatten noch nie zusammen gearbeitet. Hulls Serien über die Opfer von Hurricane Katrina und andere Geschichten waren meisterhaft erzählt; Hull war damit wiederholt für den Pulitzerpreis nominiert worden. Ihre Geschichten lebten nicht von einer Enthüllung. Sie berichtete nicht über Verbrechen von Tätern, sondern über die Ohnmacht von Opfern. Damit war Hull genau jene Kollegin, die Priest suchte.

Die Öffentlichkeit kannte das Walter-Reed-Militärkrankenhaus als den Ort, an dem man den amerikanischen Soldaten die bestmögliche Fürsorge zukommen ließ, die man sich denken kann. So oder so ähnlich formulierten es Präsident George Bush und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bei ihren symbolischen Besuchen. Priest und Hull schrieben über „das andere“ Militärkrankenhaus, wo Soldaten ein zweites Mal zum Opfer wurden.

Es ist eine dieser klassischen Geschichten über „Helden“, die öffentlich präsentiert werden und vergessen sind, sobald die Scheinwerfer ausgeschaltet sind. Denn obwohl das Walter-Reed-Militärkrankenhaus als Vorzeigeeinrichtung gilt, vegetierten verwundete und traumatisierte Heimkehrer bis zu zwei Jahre vor sich hin, umgeben von Mäusen, Schimmel und Küchenschaben, von Schmerzen, Leid und Hoffnungslosigkeit. Allein gelassen mit ihren Erlebnissen, Verlusten und Traumata aus dem Krieg und ihren Sorgen um Rentenansprüche, allein gelassen mit ihren Angehörigen und ihrer Zukunft. Ein junger Verwundeter verfiel im Krankenhaus dem Alkohol und starb an einer Alkoholvergiftung, während er in Behandlung war. Offensichtlich gab es keine oder nur unzureichende Aufsicht.

Die beiden Reporterinnen verschafften sich Zugang zum Militärkrankenhaus und recherchierten vier Monate lang, ohne dass die Presseoffiziere davon wussten. Die beiden Frauen taten einfach so, als besuchten sie Angehörige und Freunde und als gehörten sie dazu. „Wir haben niemanden belogen“, beteuern sie. Alle namentlich genannten Patienten hätten zugestimmt, genannt zu werden. Aber natürlich haben sie niemandem voreilig ihre Identität verraten. Sie sprachen stundenlang mit ihnen, immer wieder. Zahlreiche Patienten waren so frustriert und enttäuscht von ihren Vorgesetzten, dass sie sich mit vollem Namen befragen ließen.

HArte Arbeit. Hull und Priest befragten 200 Soldaten und Angehörige. Sie suchten ambulante Patienten auf, ob in ihren Zimmern in einem angemieteten Hotel oder in einem Stripclub. Sie besuchten die rund 700 ambulanten Patienten des Krankenhauses immer wieder und veröffentlichten im Februar 2007 eine Serie, die Konsequenzen hatte: Mehrere Verantwortliche, darunter hochrangige Militärs, mussten zurücktreten. Bei der Enthüllung von Abu Ghraib war niemand entlassen worden. Tausende Leser waren so tief berührt, dass sie anriefen und eMails schickten. Der Fernsehsender HBO kaufte die Rechte und will die Geschichte verfilmen.

Monate später, am 7. April 2008, versammelten sich die Reporter und Redakteure der „Washington Post“ erwartungsvoll im Großraumbüro der Zeitung, als Leonard Downie Jr, der Chefredakteur, die Gewinner der diesjährigen Pulitzerpreise bekannt gab. Priest und Hull hatten mit ihrer Serie die Goldmedaille für „Dienst an der Allgemeinheit“ erhalten, die höchste Auszeichnung der Pulitzer-Jury. Damit aber nicht genug: Downies Bekanntgabe hörte sich an, als würde er die Gewinner eines hausinternen Wettbewerbs aufzählen. Denn neben Priest und Hull, die ihren Preis gemeinsam mit ihrem Fotografen Michel du Cille erhielten (für ihn war es bereits der dritte Pulitzerpreis), zeichnete die Jury noch fünf Kollegen aus – darunter Recherchen über Vizepräsident Richard Cheney, über die amerikanischen Blackwater-Söldner im Irak, über fragwürdige Immobilienkredite sowie über einen Weltklassemusiker, der an einer U-Bahnstation spielte. Die „Washington Post“ erhielt insgesamt sechs Pulitzerpreise – so viel hatte sie noch nie davor gewonnen und nur eine Zeitung hatte schon einmal Ähnliches geschafft. 2002 hatte die „New York Times“ sieben Auszeichnungen ergattert. Die „Washington Post“ ist eine bedeutende, aber weder die auflagenstärkste noch die einflussreichste Zeitung der USA. Wie kam es, dass ausgerechnet dieses Blatt mehr Pulitzerpreise erhielt als jede andere Zeitung und sogar die „New York Times“ überholte? Zufall?

Neue Ansätze. Das könnte man behaupten, wenn sie nicht 2004 bereits einmal vier Preise erhalten hätte. Die Glanzzeit der „New York Times“ dagegen liegt etliche Jahre zurück. Unter dem ehemaligen Chefredakteur Howell Raines hatte die „Times“ für die Berichterstattung über den 11. September und seine Folgen insgesamt sieben Preise erhalten. Danach erlebte sie ein Waterloo, indem am Ende sogar der vielgelobte Chefredakteur seinen Abschied nehmen musste. Freilich hat sich auch die „Washington Post“ mit ihrer Berichterstattung über Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen nicht mit Ruhm bekleckert und musste eine falsche Berichterstattung und Gewichtung eingestehen.

So war die Bekanntgabe der Pulitzerpreise 2008 ein Moment des Triumphs für Downie. Der 66-Jährige ist zu beherrscht und zurückhaltend, um lauthals zu bejubeln, was jeder Journalist weiß: Die Pulitzerpreise – vergeben von der Columbia University in New York – sind der Goldstandard im amerikanischen Journalismus. Sig Gissler, der Administrator der Preise, sagt, 2008 wurden 1.167 Texte eingereicht; im Vorjahr waren es 1.225. Rund 15 bis 20 Prozent der eingereichten Arbeiten beinhalteten Online-Komponenten. Während 25 Prozent der Arbeiten im Bereich investigativer Journalismus solche Teile enthielten, war ihr Anteil im Bereich „Public Service“ mit 44 Prozent besonders hoch.

Goldstandard. Pulitzerpreise sind die Währung, die Qualität be- misst. Und Downie kann sich messen lassen. Seit 1991 steht er an der Spitze der „Washington Post“ und er hat mit seiner Zeitung in dieser Zeit 25 Pulitzerpreise gewonnen, mehr als die Hälfte aller Pulitzerpreise der „Washington Post“ (47) und mehr als jeder andere Chefredakteur.

Wie schaffte er das? Das Geheimnis der „Washington Post“ sei die Recherche, betonen Beobachter. Gleiches sagen Reporter im eigenen Hau
s. Downie gilt selbst als renommierter Reporter, der in jungen Jahren als Lokalreporter investigativ recherchierte und ein Buch über die „neuen Muckraker“ veröffentlichte. Darin beschrieb er Motivation und Arbeitsweise seiner Kollegen Bob Woodward und Carl Bernstein, der Enthüller der Watergate-Affäre, des Weiteren von Sy Hersh, Jack Anderson, Donald Barlett und Jim Steele und anderen Reportern.

Würde er das Buch heute neu schreiben, dann wäre darin vermutlich von Priest und Hull die Rede. Das Besondere an ihrer Recherche ist, dass die beiden überhaupt zusammenfanden und sich ergänzen. Denn eigentlich, sagt Hull, recherchierten sie nach ganz unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Ansätzen. Priest enthüllt. Hull erzählt. In der Regel meiden sich Reporter mit solch unterschiedlichen Ansätzen.

Priest wird eine schnelle Auffassungsgabe nachgesagt, die ihr erlaube, die Protagonisten einer Geschichte rasch in Täter und Opfer einzuteilen. Sie habe oft über das Versagen einer Institution geschrieben und verstehe es, die Beteiligten in Schwarz und Weiss zu zeichnen. Hull dagegen sucht Grautöne. Sie versenkt sich in ihre Gesprächspartner und versucht sie zu verstehen. Manchmal dachte Priest, sie hätten eine schöne Anekdote gefunden, während Hull lediglich einen interessanten Einstieg zu weiteren Gesprächen und Fragen darin sah. Priest suchte Belege, Hull suchte Erklärungen und will die Beteiligten und ihr Handeln verstehen.

Beide Reporterinnen betonen, dass sie dabei ganz neue Erfahrungen machten und von ihrer Partnerin lernten. Der Erfolg ihrer Geschichte liegt also vermutlich in der Paarung der Stärken. Der Ansatz ist vielversprechend, weil Rechercheuren oft vorgeworfen wird, distanzlos gegenüber den eigenen Enthüllungen zu sein und die Bedürfnisse der Leser zu vergessen. Was liegt also näher, als einem Profi der enthüllenden Recherche einen Profi des verstehenden Schreibens an die Hand zu geben und die dafür nötigen Details gemeinsam zu recherchieren?

Recherche kostet Zeit und Geld. Die „Washington Post“ liegt mit knapp unter 700.000 Exemplaren Auflage nur an siebter Stelle in den USA, noch hinter der „New York Post“. Doch ihre Marktdurchdringung gilt als ungewöhnlich hoch und ihr finanzielles Fundament ist im Gegensatz zu vielen anderen börsennotierten Medienunternehmen stabil. Das liegt daran, dass der Verlag 1984 das Unternehmen Kaplan kaufte, das mit seinen Bildungsangeboten, darunter Tests, allein 2007 mehr als zwei Milliarden Dollar umgesetzt hat.

Kritik. Vor einigen Jahren wurde Leonard Downie und Verleger Donald Graham vorgeworfen, dass die Zeitung zwar wirtschaftlich erfolgreich sei, aber zu einem gut gemachten Provinzblatt verkomme, dem das politische Geschehen im Rathaus wichtiger sei als das im Weißen Haus. Nach dem Gewinn der sechs Pulitzerpreise ist diese Kritik verstummt. Nicht mehr Rathaus statt Weißes Haus, sondern Rathaus und Weißes Haus, scheint die Devise der „Washington Post“ zu sein.

Von Donald Graham, dem Sohn der bereits legendären Verlegerin Katherine Graham, weiß man, dass er erst als Streifenpolizist arbeitete, bevor er vom Lokalreporter zum Herausgeber der Zeitung (1979) aufstieg und sehr viel später, 1993, schließlich zum Vorstandsvorsitzenden der Washington Post Company. Während seine Mutter rauschende Partys liebte, haben Donald Grahams Mitarbeiter ihren Chef beim Wochenendeinkauf auf Schnäppchenjagd getroffen. Den Partys der High Society zieht er Auftritte im Umland vor, und überhaupt fürchtet er mehr die lokale Konkurrenz als die „New York Times“.

Zurückhaltung. Während Leonard Downies Vorgänger Ben Bradlee die öffentliche Aufmerksamkeit suchte und ungemein selbstbewusst und elegant wirkte, so gilt der heutige ChefRedakteur als ein Mann, der die Unsicherheit verkörpert. Während des Gespräches streckt er die Beine auf ein kleines Schemelchen unter seinem Schreibtisch – bei anderen mag das lässig aussehen, bei ihm wirkt selbst das ein wenig verkrampft. Seine Zurückhaltung ist fast schon legendär, seitdem er im Präsidentschaftswahlkampf 1992 seiner Redaktion verkündet hat, dass er weder den Bürgermeister noch den Präsidenten wähle, weil er sich nicht einmal privat für eine Partei oder einen Politiker entscheiden wolle – um seine Objektivität nicht zu gefährden. Er kennt die Vorbehalte gegen sich und den Verleger nur zu gut: „Wir sind die Langweiler“, sagt er.

Doch das, betonte er vor Jahren, betreffe nur die Medienmeinung über den Privatmann Downie, nicht den Journalisten. „Ich bin niemand, der auffällt. Ich trete nicht im Fernsehen auf. Ich gehe zu keiner Party. Aber all das hat nichts mit Journalismus zu tun. Als Journalisten sind wir sehr streitlustig und aggressiv.“ Donald Graham hat die Rolle seiner Zeitung einmal mit den Worten beschrieben: „Wir sind keine nationale Zeitung. Wir sind eine Lokalzeitung für einen Ort, der zufällig die Hauptstadt der Vereinigten Staaten ist. Wir schreiben für die Regierenden, aber auch für jene, die ihre Büros putzen.“

Katherine Weymouth, die die Eigentümerfamilie Graham in vierter Generation als Herausgeberin vertritt, betonte erst im Mai schriftlich gegenüber ihren Mitarbeitern, die Zeitung habe eine „glänzende Zukunft“ vor sich. Doch erst muss sie einige Probleme bewältigen. Um sich zu konsolidieren, hat sie 200 von 750 Mitarbeitern angeboten, sie in vorzeitigen Ruhestand abzufinden. Mehr als die Hälfte will das Angebot annehmen. Mit ihnen geht der Zeitung viel Erfahrung verloren. Weymoth sagte, die Verpflichtung zu Qualitätsjournalismus sei „platform-agnostic“. Mit anderen Worten: Man wolle online genauso hohe Qualität liefern wie gedruckt. Ob sich aufwendige Recherchen online finanzieren lassen, ist jedoch unklar.

Nachfolge. Ein Onlineprojekt, das mit mikrolokalen Inhalten Leser und Anzeigen gewinnen sollte, ist jedenfalls hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Das größte Problem für Weymouth wird jedoch sein, einen Nachfolger für Leonard Downie Jr zu finden. Downie bestätigte der „New York Times“, dass er abtreten werde – ohne ein konkretes Datum zu nennen. Im Gespräch ist angeblich Marcus Brauchli, der ehemalige Chefredakteur des „Wall Street Journal“.

Sind Pulitzerpreise planbar? Lars-Marten Nagel ging dieser Frage in einer wissenschaftlichen Arbeit („Bedingt ermitttlungsbereit“, LIT-Verlag, 2007) nach und besuchte und beobachtete dazu auch die „Washington Post“. Investigativer Journalismus sei dort nicht dem Einzel- oder Zufall überlassen, sondern werde mit großer Beharrlichkeit und Systematik betrieben. Die größte Herausforderung für Verleger Donald Graham sei, teure Recherchen im Internet profitabel zu vermarkten. „Nur wenn ihm dieser Schritt gelingt, können die Rechercheure des Flaggschiffs des amerikanischen investigativen Journalismus langfristig und zuverlässig von Enthüllung zu Enthüllung segeln.“

Erschienen in Ausgabe 06+07/2008 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 104 bis 107 Autor/en: Thomas Schuler. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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