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ARCHIV » 2008 » Ausgabe 06+07/2008 »

Beruf

Von Starbucks in den Krieg

Von Thomas Seifert

Diese Geschichte beginnt bei Starbucks. Genauer, weit nach Mitternacht in der Starbucks-Filiale am internationalen Flughafen von Kuwait City. Dort, so hieß es in der eMail-Nachricht, die ich vom CPIC (Combined Press Information Center) zugesandt bekommen habe, solle ich darauf warten, abgeholt und zur Ali Al Saleem Airbase gebracht zu werden. Starbucks – ein seltsamer Warteraum auf dem Weg in den Krieg.

Auf der Basis werde ich ins Zelt „H5“ einquartiert, die Aircondition läuft auf Hochtouren, fröstelnd sinke ich in den Schlaf. Ein paar Tage später geht es los. Es ist früh am Morgen, wir werden zu einer C-130 Hercules-Maschine der US-Airforce gefahren. Der Flug zum Baghdad International Airport dauert rund eineinhalb Stunden, die Passagiere sitzen in voller Montur – mit beschusssicherer Weste und Helm – im Bauch der Maschine, nach steilem Sinkflug landen wir im militärischen Bereich des Flughafens. Ich habe Glück: Man lässt mich wissen, dass ich einen Platz auf „Catfish-Air“ – der Helikopterverbindung von BIAP in die Grüne Zone – erhalten habe und somit auf dem nächsten UH-60 Blackhawk mitfliegen kann. Als der Hubschrauber abhebt, um dann sanft über die geschundene Millionenstadt zu schweben, wirkt das alles recht unwirklich. Unter dem Helikopter breitet sich die irakische Hauptstadt aus. Ein friedliches Bild von hier oben, nur der Lauf eines M-60 Maschinengewehrs, der ins Gesichtsfeld ragt, stört die Idylle. An der „Landezone Washington“ werde ich abgeholt und zu CPIC gebracht. Hier wird die Akkreditierungskarte angefertigt, in den nächsten Tagen warte ich darauf, zur FOB (Forward Operating Base) Loyalty, nordöstlich des Stadtzentrums von Bagdad gebracht zu werden. Major John Schulz wird mich mit seiner Patrouille dorthin bringen. Er begrüßt mich mit „Guten Tag ‚wie geht’s“ – ihn und seine Soldaten werde ich in den kommenden Tagen begleiten.

Nun bin ich also embedded, als Journalist eingebettet in eine Einheit der US-Armee, genauer, in die 3-89 CAV, 4-10 MTN (3. Bataillon der 89. Cavalry der 4. Brigade der 10th Mountain Division, Anm.).

Unabhängig? Ist man, wenn man eingebettet ist, mit der Armee im Bett? Darüber gibt es unter den Journalisten heftige Debatten. Wenn man tagtäglich, durchgehend 24 Stunden mit den US-Soldaten verbringt, deren Ängste man teilt und die einem Bilder ihrer Liebsten von Zuhause zeigen und wenn man von der US-Armee Transport, Verpflegung und Unterkunft erhält, wie kann man dann noch unabhängig berichten? Dazu kommt: Wenn man mit den US-Truppen unterwegs ist, dann trägt man Helm und Schutzweste, ist somit kaum von den Soldaten zu unterscheiden, auch wenn man keine Waffe trägt. Wie sollen einem irakische Zivilisten begegnen, wenn man für sie von einem US-Soldaten kaum zu unterscheiden ist?

Gleichzeitig: Wie kann man über den wohl wichtigsten Player im Irak – die US-Armee – berichten, ohne Informationen aus erster Hand zu erhalten? Wie kann man über das, was die US-Soldaten im Irak tun, erzählen, ohne mit ihnen durchs Land zu reisen und sie auf ihren Missionen zu begleiten?

Kriegstourismus. Ein journalistisches Dilemma, das vor allem von den US-Kollegen leidenschaftlich debattiert wird (siehe Columbia Journalism Review: http://www.cjr.org/feature/the_embeds.php?page=1). Den wohl wichtigsten Beitrag zum deutschsprachigen Diskurs verfasste Dietmar Herz, Professor für vergleichende Regierungslehre an der Universität Erfurt, mit seinem Essay „Die Amerikaner im Krieg“ (Verlag Ch. Beck, München, 2007). Merz schreibt: „Sich sein eigenes Bild von einer politischen Krise zu machen, ist nicht immer unproblematisch. Manche diskreditieren es als ‚Kriegstourismus‘, und nicht immer ist dieser Vorwurf fehl am Platz. Dagegen ist aber ebenso viel zu sagen.“ Merz kommt zu dem Schluss, dass die amerikanischen Soldaten den Krieg ähnlich wie die Iraker erleiden – „besser geschützt, doch herausgerissen aus ihrer Lebenswelt. Objekte der hilflosen Strategie ihrer eigenen Regierung.“

Wer den Irak-Krieg in seiner Komplexität und mit all seinen absurden Facetten, verwirrenden Widersprüchen und fragwürdigen US-Strategien fassen möchte, muss sich wohl an den Ort des Geschehens begeben, lautet das Fazit von Prof. Merz. Ich teile seine Meinung.

Pazifisten in Uniform. Im Irak angekommen ist man schon bald verwirrt: Die Soldaten nehmen sich kein Blatt vor den Mund, wenn sie mit Journalisten sprechen, die Meinung vieler Uniformierter über den Irak-Krieg geht mit der Meinung so mancher pazifistischer Irak-Kriegs-Gegner in Europa konform. „Manchmal scheint es, als hätten wir zu Beginn eine Liste an möglichen Fehlern gehabt und irgendjemand hat sichergestellt, dass wir jeden einzelnen dieser Fehler auch tatsächlich machen. Es ist einfach unglaublich“, sagt mir ein hochrangiger US-Offizier. „Am wichtigsten“, so Leutnant Benjamin Kommor aus Charleston, South Carolina, „ist mir, dass alle meine Boys wieder gesund nach Hause zurückkommen.“ Wer könnte ihm da widersprechen? Oder wie passt Major John Schulz ins Bild der scheinbar sinistren Irak-Kriegs-Strategie der USA? Schulz versucht mit seinen Soldaten, Schulen zu reparieren, Generatoren für Spitäler aufzutreiben und das Abwasserentsorgungssystem in einem Stadtteil von Bagdad wiederherzustellen. Man findet viel guten Willen bei den US-Soldaten mitzuhelfen, dass die Situation sich bessert.

Beeinträchtigen diese Beobachtungen die Urteilsfähigkeit? Ist man eingekauft, wie der Vorwurf an embedded journalists manchmal lautet, weil man berichtet, dass es Fortschritte gibt, dass man endlich Licht am Ende des Tunnels im Irak sieht? „Nach all dem Blut und Pfusch ist es den Menschen nicht zu verdenken, wenn sie skeptisch sind, wenn aus dem Irak die Kunde von positiven Nachrichten kommt“, schrieb das britische Wochenmagazin „The Economist“ erst vor wenigen Wochen. „Aber es scheint nun, dass viele Dinge im Irak in den vergangenen Monaten – während die Amerikaner von ihren Präsidentschaftsvorwahlen abgelenkt wurden in die richtige Richtung laufen.“

Wenig Kontakte. Doch all das ändert nichts an der Einschätzung, dass die Invasion im Irak völkerrechtswidrig und die Okkupation von Anfang an ein Desaster war. Die positiven Erfahrungen, die man auf der Ebene der Fußsoldaten machen kann, ändern wenig am Urteil über das katastrophale Versagen von George W. Bush im Irak.

Was den Blick aber trübt, sind die mangelnden Kontakte zur irakischen Zivilbevölkerung. Treffen mit Irakern – unbegleitet von schwer bewaffneten US-Soldaten – waren selten. Für mich beschränkten sie sich etwa auf Zusammenkünfte mit irakischen Freunden, die gleich bei der Brücke des 14. Juli in der Nähe der Green Zone stattfanden, weil mein Übersetzer Hussam und mein Fahrer Rafid es als zu gefährlich erachteten, mit mir gemeinsam auch nur in ein Restaurant im vergleichsweise sicheren Bagdader Stadtteil Karrada zu gehen. Ein zweites Mal trafen wir uns gleich im Hotel Rashid in der schwer bewachten und vergleichsweise sicheren Green Zone. Die beiden waren meine wichtigste Verbindung zum Denken der „normalen“ Iraker. Die beiden, die ich seit der Invasion 2003 regelmäßig getroffen oder mit ihnen zumindest per Telefon und eMail Kontakt gehalten hatte, waren für mich die Erinnerung daran, wie radikal sich das Leben der Iraker seit der US-Invasion geändert hatte.

Gemeinsam mit US-Soldaten hatte ich freilich ausreichend Gelegenheit zur Interaktion mit Irakern. Doch die so gewonnenen Erkenntnisse sind mit Vorsicht zu genießen: Wer wird schon in Anwesenheit der allmächtigen Besatzer offen mit Journalisten sprechen?

Einschränkung. Die Verengung des Gesichtsfelds ist also sicherlich ein Problem: Man sieht nur einen Schnappschuss der Realität aus einer ganz bestimmten Perspektive – jener des Militärs. Orville Schell hat wohl auch recht, wenn er in der „New York Review of Books“ (6. April 2006) schreibt, dass es für einen Reporter ohne CPIC-Presseakkreditierung der US-Armee „nahezu unmöglich ist, im Paralleluniversum der US-Einrichtungen zu überleben, die – mit wenigen Ausnahmen – die einzigen fu
nktionierenden Transportsysteme, Kommunikationskanäle, Übernachtungsmöglichkeiten und Not-Gesundheitsversorgung bereitstellen.“

Diese Einschränkungen habe ich in Kauf genommen, um fünf Jahre nach der Irak-Invasion aus dem Irak berichten zu können. Denn die Option, aus dem gemütlichen Ohrensessel von Wien aus die Lage im 2850 Kilometer entfernten Bagdad zu beurteilen, ist noch unbefriedigender.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2008 in der Rubrik „Beruf“ auf Seite 108 bis 109 Autor/en: Thomas Seifert. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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