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Beruf

Vorsicht mit den Öko-Medien-Flops!

Von Michael Lohmeyer

Schon wieder eine Hitliste. Diesmal sogar eine Anti-Hitliste: die Hitliste der größten Öko-Medien-Flops. Zergeht hervorragend auf der Zunge und liegt auch ganz auf Linie mit dem Zeitgeist. Ein bisserl ist sogar etwas dran. Am Anfang steht schlichtweg die Frage: Wie oft ist die Welt schon untergegangen? Und warum steht sie noch immer? Vorsicht mit den Öko-Medien-Flops! Es lohnt sich, schon etwas genauer hinzuschauen.

Flop, die Erste: „Die Ressourcen gehen aus!“ Diese Botschaft ist 1972 zum geflügelten Wort geworden, das auf fruchtbaren Boden fiel. Aufbereitet ist dieser Boden spätestens im Juni dieses Jahres worden: Damals ist in Stockholm der erste Umweltgipfel der Vereinten Nationen in Szene gesetzt worden – anders als 20 Jahre später in Rio de Janeiro war das Treffen in der schwedischen Hauptstadt damals mehr eine Erholung für die Politik vom Kalten Krieg als ein Meeting mit konkreten und umweltrelevanten Beschlüssen.

„Die Ressourcen gehen aus!“ Dieser Satz ist Kernbotschaft eines Buches geworden, das mittlerweile in zig Sprachen übersetzt und 30 Millionen Mal, so man Wikipedia glauben darf, verkauft worden ist: „Die Grenzen des Wachstums“. Diese Studie, erstellt von Donella und Dennis Meadows im Auftrag des „Club of Rome“, kommt zum Schluss, das Ressourcenverbrauch und -vorhaben immer deutlicher auseinanderklaffen. Errechnet wird etwa, dass die Vorräte für Gold nur noch bis 1979 reichen sollen, die von Silber und Quecksilber bis 1983, Öl bis 1990 und Erdgas bis 1992. Schlagzeilen sonder Zahl ließen die Stoppuhr ticken. Als Botschaft zwischen den Zeilen kommt an: „Der Kollaps ist nah.“

Rohstoffe. Kaum eine umweltpolitische Diskussion vergeht, in der nicht auch dieses Beispiel zitiert wird. Die Apokalypse ist ausgeblieben, die genannten Jahreszahlen verstrichen und diese Rohstoffe sind noch immer nicht ausgegangen – Wasser auf die Mühlen jener, die in erster Linie an „Propheten der Apokalypse“ denken, wenn sie „Umwelt“ hören. Tatsache ist, dass die verkürzte Darstellung, die Studie habe das Ausgehen der Ressourcen prognostiziert, schlichtweg falsch ist. Dennis Meadows wird nicht müde zu betonen, dass er keine Prognose, sondern ein Szenario erstellt hat – aufgrund der damals bekannten Zahlen, Entwicklungen und Fakten. Meadows: „‚Die Grenzen des Wachstums‘ sind eine Hochrechnung, dass ein grenzenloses Wachstum nicht möglich ist. Das ist bis heute unwiderlegt, wann auch immer die jeweiligen Ressourcen zu Ende sein werden.“ Der Zeitpunkt könne sich verschieben, wenn Menschen reagieren und sich der Verbrauch ändert.

Klassisches Beispiel: die Ölvorräte. Ein Jahr nach Erscheinen des Buchs sind die Industriestaaten im Zeichen des so genannten „ersten Ölschocks“ gestanden. Ein Barrel (159 Liter) Rohöl hat sich 1973 von sechs auf 35 US-Dollar verteuert (um wenig später wieder auf zwölf Dollar zu fallen). Beim zweiten Ölschock – 1979, nach der islamischen Revolution im Iran – stieg der Preis wieder auf 38 Dollar, um sich dann wieder bei 20 Dollar einzupendeln. Diese Entwicklung ließ die Öl-Förderung in der Nordsee regelrecht explodieren und die Industriestaaten massiv in Energiesparszenarien investieren. Wachstum und Energieverbrauch begannen sich zu entkoppeln.

Flop, die Zweite: Kaum war die eine Katastrophe ausgeblieben, lauert schon eine neue hinter der nächsten Ecke. „Der Wald stirbt“. Fotos von Hügeln im Erzgebirge gingen um die Welt, auf denen Baumgerippe zu sehen waren, Schwefel in der Luft ließ lauen Sommerregen zur Säureattacke werden. Eine Armada rauchender Schlote im Hintergrund, ein von Rauchschwaden eingenebelter Wald; darunter in fetten, weißen Lettern: „Der Wald stirbt“. Dieser „Spiegel“-Titel von Mitte November 1981 hat die Massen mobilisiert; und in den Folgemonaten wurde dann noch mit Schlagzeilen „Wir stehen vor einem ökologischen Hiroshima“ oder „Wer den Wald liebt, kann nur noch beten“ nachgelegt.

Auch dieser Zusammenbruch ist uns erspart geblieben – der Wald ist noch nicht tot, auch wenn es um ihn bei weitem nicht gut bestellt ist: dem Stickstoff im Boden, den Monokulturen, dem Klimastress und Bodenozon sei dank. Nur: Die unmittelbare Gefahr durch den ungefilterten Schwefelausstoß ist innerhalb von eineinhalb Jahrzehnten gebannt worden, der Wald hat sich regeneriert oder wurde aufgeforstet. Milliardenbeträge, überwiegend aus öffentlichen Töpfen, haben zudem den Schwefel aus den Abgasen verschwinden lassen.

Hubert Weinzierl, einer der Mitgestalter der deutschen Umweltpolitik der vergangenen Jahrzehnte und Präsident des Deutschen Naturschutzrings: „Dass viele unserer düsteren Prognosen nicht eingetreten sind, ist eine Erfolgsgeschichte staatlicher und zivilgesellschaftlicher Umweltpolitik: Das Waldsterben hat sich durch Luftreinhaltepolitik, Großfeuerungsanlagenverordnung, Katalysator verlangsamt, die Gewässer sind sauberer geworden, die Abfallwirtschaft ist geordnet.“

Flop, die Dritte: 1995 lässt die Umweltorganisation Greenpeace die PR-Maschinerie gegen den Ölmulti Shell anlaufen. Mit Slogans wie „Go hell, go Shell“ wird Stimmung dagegen gemacht, dass die Ölplattform „Brent Spar“ sang- und klanglos in der Nordsee versenkt werden soll. Die Öko-Truppe wartet auch mit einer Analyse auf, in der aufgelistet wird, wie viele Schadstoffe da im Meer versenkt werden sollen. Schönheitsfehler dabei: Die Werte stimmen nur teilweise, ein Messfehler hat sich eingeschlichen.

Greenpeace geht damit selbst an die Öffentlichkeit und korrigiert die Werte, trotzdem ist dies ein gefundenes Fressen für Kritiker. Shell lässt „Brent Spar“ an Land entsorgen und wenig später melden sich Wissenschaftler, die behaupten, dass die Schadstoffe in so geringen Dosen seien, dass das Leben in den Tiefen des Ozeans geradezu danach lechze, etwas Öl abzubekommen, während die Entsorgung an Land eine energieintensive und teure Angelegenheit sei.

Ein Flop sind Hitler-Tagebücher, die ein mit reichlich Phantasie Ausgestatteter Jahrzehnte nach dem Ende der Nazi-Diktatur selbst schreibt und als „zeithistorisches Dokument“ gewinnbringend verhökert. Flop ist wohl nicht, wenn ein Auto ein Loch in einer Steinmauer reißt und sich später herausstellt, dass der Pkw mit 180 und nicht mit 210 auf das Hindernis geprallt ist. Für die Mauer macht das keinen Unterschied.

Und deshalb ist die These von „Brent Spar“ real, auch wenn sie eine auf Perfektion angelegte Inszenierung gewesen sein mag, die gewiss auch Spender im Visier gehabt hat – aber im Vordergrund stand nicht die Menge der Schadstoffe, ein Überschreiten von Grenzwerten, sondern im Mittelpunkt war das „Überhaupt“: Wie umweltverträglich kann es denn überhaupt sein, Plattformen im Meer zu versenken?

Flop, die Vierte. „Das Klima ändert sich.“ Je seriöser Wissenschaftler sind, desto mehr Anhängsel wird dieser Satz haben. Und je verkürzter diese Botschaft wird, desto weniger zutreffend wird sie sein. Da werden Klima und Wetter dann schon mal gleichgesetzt. Die täglichen Wetterschwankungen haben mit dem Klima aber so gut wie gar nichts zu tun – und deshalb ist es schlichtweg falsch, wenn ein schnee- reicher Winter als Gegenbeweis zur Klimaänderung gesehen wird, oder wenn starke Regenfälle zur „Sintflut“ werden, die zum Kronzeugen der Klimaänderung hochstilisiert wird. Pech dabei: Nicht wenige Experten können der Versuchung nicht widerstehen, Aussagen „zuzuspitzen“, indem sie Aussagen weglassen, die den Gesamtzusammenhang herstellen.

Und völlig unübersichtlich wird die Debatte, wenn Statistiker auftreten. Bjørn Lomborg, dänischer Politologe und Statistiker, stellt bestechende Rechnungen an, in denen er einige der auf Schlagzeilen verkürzten und gängigen Thesen in Frage stellt. Seine Bücher sind Bestseller und seine Grundaussage lautet: Umweltprobleme, die im Vordergrund stehen, tun dies zu Unrecht, denn für das Wohl der Menschen und der Erde sind andere Maßnahmen sinnvoller. Etwa: Gegen Hunger vorzugehen, nütze Mensch und Umwelt weit mehr als sich abzuplagen, den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern.

Das Argument klingt besteche
nd, denn wer will schon sagen, dass es nicht sinnvoll ist, etwas gegen Hunger zu unternehmen? Und: Wer behauptet, dass das eine ausgeschlossen wird, wenn das andere gefordert wird? Wer behauptet, dass Maßnahmen gegen Klimaänderung ausschließt, auch Maßnahmen gegen Hunger zu ergreifen? Hier wird einander gegenübergestellt, was einander nicht widerspricht – ein guter Marketing-Gag für das Buch, in dem diese und andere Forderungen aufgelistet werden. Aber die Kontroverse, die durch die Schlagzeilen geistert, gibt es gar nicht.

Ähnlich gelagert ist der Fall um Lomborgs Vorschlag, Siedlungen in Küstennähe zu verhindern, um die Folgeschäden bei Hurrikans zu verringern. Das sei sinnvoller, als sich um die Verringerung von Treibhausgasen zu kümmern. Eine numerische Bewertung, was die eine wie die andere Maßnahme bringt (bzw. an Schäden erspart), ist zwar theoretisch möglich, bedarf aber der rückhaltlosen Darstellung der grundlegenden Fakten für diese Berechnung – nur dann bleibt eine seriöse Abwägung möglich.

Knallige Schlagzeilen. Flop eins bis vier sind Momentaufnahmen aus fast vier Jahrzehnten Umweltdebatte – und auch Momentaufnahmen von ebenso vielen Jahren Journalismus zu diesem Thema. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Was den Flop zum Flop macht, sind die Nachwirkungen der knalligen Schlagzeile – sie klingt gut, stimmt aber nicht, oder nicht ganz. Das Pendel schwingt zum Gegenteil – das mag ebenso gut klingen, stimmt aber genauso wenig. Auf der Strecke bleibt der wahre Kern. Ihn frei zu legen, muss die ureigenste Aufgabe von Journalisten sein, gerade wenn es um derart komplexe Zusammenhänge wie Ökologie geht.

Zweifelsohne, es gibt sie – die Einzelpersonen und Organisationen, die verkürzen und zuspitzen, die „auf den Punkt bringen“, ganz individuell interpretieren: Es wird nicht das Wesentliche in den Vordergrund gerückt, wenn auf den Punkt gebracht wird, sondern die Aussage, die die besten Schlagzeilen bringt. Und dahinter den größten Zuspruch und den größte Zulauf. Auch von Spendengeldern.

All das würde in einer Leere verpuffen, wenn es nicht auch die zweite Seite gäbe: die Journalisten, die hinterhecheln und knallige Verkürzungen in den Mittelpunkt stellen. Und manchmal sind sie es, die Wissenschaftler oder Öko-Organisationen vor sich hertreiben. Flop ist das immer noch nicht – es geht hier nicht um frei erfundene Tagebücher, es geht um Realität, die von unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden kann. Aber immer noch um Realitäten.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2008 in der Rubrik „Beruf“ auf Seite 94 bis 97 Autor/en: Michael Lohmeyer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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