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Extra

„Wir sind keine Dinosaurier“

Von Interview: Olga Dabrovski, Georg Taitl

Weltzeitungskongress I. Timothy Balding, Geschäftsführer der World Association of Newspapers, sieht rosige Zeiten für Print. Dafür aber lässt er TV sterben.

?Print stirbt. Und Sie organisieren einen Weltkongress für Zeitungen. Ist das ein Treffen für Dinosaurier?

Timothy Balding: Keinesfalls. Print ist nicht tot. Das ist weltweit eine der größten Lügen. Einige innerhalb der Online-Welt wünschen sich, dass Print stirbt, aber das wird nicht passieren. Zeitungen sind innovativ, ihre Verkäufe steigern sich in den meisten Ländern oder bleiben zumindest stabil. Und die meisten Menschen bevorzugen immer noch gedruckte Nachrichten anstatt des Lesens im Internet.

Zeitung ist nicht tot – nicht schon jetzt?

Vor 15 Jahren haben viele das Ende für Print innerhalb von zehn Jahren gesehen. Bill Gates sagte 1997 beim World Economic Forum in Dallas gar das Ende von Zeitungen für das Jahr 2000 voraus. Tut mir Leid, Bill, Sie haben sich geirrt. Nun haben sich die Dinge geändert. Die Vorhersagen beziehen sich jetzt auf das Jahr 2050, so dass nicht mehr so schnell die Richtigkeit der Aussagen überprüft werden kann.

Und wie schauts in Mitteleuropa aus. Haben Zeitungen hier eine Überlebens- chance?

In Großbritannien kommen die Zeitungen unter Druck, weil die Anzeigen Richtung Web abwandern. Aber im restlichen Europa sind die Zahlen nicht dramatisch. Überhaupt, wenn Sie auf die Kombination von Kaufzeitung und Gratiszeitung schauen, so haben wir einen Zuwachs von Zeitungen, die die Menschen in die Hand bekommen.

Hat nur Gratis Zukunft in Europa?

Ich weiß es nicht wirklich, denn das Problem mit Gratiszeitungen ist, dass nur sehr wenige Verleger bis jetzt ein ökonomisches Modell gefunden haben, das erfolgreich ist. Nur sehr wenige machen den Gewinn, der nötig ist, um ihn für Qualitätsjournalismus zu reinvestieren. Wie wir auf Englisch sagen, die „Jury sitzt noch immer über das Modell Gratis zusammen“.

Für ein Zeitungshaus kann Gratis alleine keine Lösung sein, denn wenn plötzlich der Anzeigenmarkt wegbricht, ist das Modell am Ende.

Im Netz ist alles gratis und die Info kommt noch dazu schneller zu den Menschen …

Das schon, aber: die meisten Menschen suchen im Internet das, was sie kennen. Die ganze Freude aber, jeden Tag eine Zeitung aufzuschlagen, ist die Überraschung etwas zu finden, von dem man im Vorhinein noch gar nicht wusste, dass es einen interessiert. Menschen lieben es einfach, Gedrucktes zu lesen. Es gibt keinen rationellen Grund, zu behaupten, Print sei tot.

Papier und Vertrieb verursachen die größten Kosten beim Zeitungsmachen. Warum geht beim ePaper nichts weiter?

Das habe ich mich schon selbst gefragt. Momentan sind die Modelle noch nicht befriedigend – die Augen schmerzen nach dem Lesen und auch das Herunterladen der Daten ist noch zu langsam.

Wie lange wird’s noch dauern?

Der Durchbruch wird kommen, wenn in einem kleinen Land eine marktdominierende Zeitung auf ePaper umstellt und das gesparte Geld für besseren Journalismus und mehr Service einsetzt.

Was war die wichtigste Entwicklung am Zeitungsmarkt im vergangenen Jahr?

Der Trend zu multimedialen Newsrooms ist deutlich. Viele Zeitungshäuser haben hier bereits ihre Hausaufgaben erledigt. Sie haben sich entschieden, Zeitung, Internet, Radio und Web-TV aus einem Newsroom zu gestalten. Das war die Revolution dieses Jahres und sie wird sich fortsetzten.

Es haben also nur große Medienhäuser Zukunft. Nur-Printprodukte werden sterben.

Nein, denn das außergewöhnliche ist, dass zu ersten Mal in der Geschichte Zeitungen unabängig von ihrer Größe die Chance haben, den Markt in allen Gattungen der Medien zu dominieren. Und wir haben bei dieser Konferenz Bespiele von kleinen Zeitungshäusern aus Skandinavien gesehen, die die Menschen mit Print, Radio, Online und Web-TV an sich binden können. Geld verdienen sie, indem sie den Werbekunden Pakete für alle Mediengattungen anbieten. So können kleine Zeitungen in die Fußstapfen der Radio- und Fernsehmenschen treten.

In den vergangenen Jahren ist auch Fernsehen durch Internet in die Krise gekommen …

Genau. Und jetzt ist es möglich, Radio und Fernsehen über das Netz laufen zu lassen. Die Zahl der Zeitungshäuser, die Fernsehstudios in der Mitte ihrer Newsrooms haben, steigt kontinuierlich. Vielleicht sollte die Frage heißen: Ist Fernsehen tot? Und ich hoffe, die Menschen fangen an dies zu fragen und hören auf mit der idiotischen Frage nach dem Tod der Zeitungen.

Das ist das wunderbare am Internet. Es gibt jedem eine Stimme. Früher war die Freiheit der Presse die Freiheit, die jemandem gegeben wurde, der sich eine Druckmaschine kaufen konnte. Heute kann jeder aus seiner Garage, wenn er etwas intelligentes zu sagen hat, Einfluss nehmen.

Das ist aber gerade das Problem. So werden doch Zeitungen überflüssig.

Aber nur, wenn Zeitungen nicht ihre Kompetenz nutzen. Denn sie können beispielsweise die Plattformen für Blogger zur Verfügung stellen. 810 der wichtigsten Blogs in Finnland zum Bespiel werden von Zeitungen geleitet.

Die Zeitungen sind digital. Es sollte also jetzt ein Zeitpunkt von grandiosem Optimismus sein.

Verleger lieben es, über Content zu sprechen. Sie sprechen nicht über Journalismus. Warum sollen Menschen zur Zeitung greifen, wenn dort die Qualität fehlt?

Richtig, das muss sich ändern. Das Dilemma ist, dass die großen Konzerne zur Zeit mit ihrer Strategie des Outsourcing und des Sparens an Inhalten und somit an Qualitätsjournalismus – viel Geld verdienen. Das wird sich aber schnell ändern. Denn wird keine Qualität in der Zeitung geboten, wandern die Leser ins Internet ab. Der große Wettbewerbsvorteil von Zeitung ist die Qualität.

Was ist die wichtigste Botschaft des World Newspaper Congresses?

Stellen Sie ihre Zeitung in den Mittelpunkt! Und werden Sie neugierig darauf, mit neuen Medien zu experimentieren! Machen Sie alles, um neue Leser mit neuen Kanälen zu erreichen! Vergessen Sie aber dabei nicht darauf, was Zeitung über 300 Jahre hinweg erfolgreich gemacht hat!

Die wirkliche Gefahr für Zeitungen ist der fehlende Glaube an Print. Der Kongress hat aber gezeigt, dass es keinen Grund zur Panik für Zeitungsmacher gibt.

Investieren Sie weiter in Print, seien Sie aber auch sicher, dass Sie im Netz präsent sind!

Die zweite wichtige Botschaft ist, dass Verleger und Journalisten ihr Selbstverständnis ändern müssen. Wir arbeiten nicht länger für das eine oder andere Medium. Zeitungen sind heute ein wachsendes Multimedia-Geschäft.

Erschienen in Ausgabe 06+07/2008 in der Rubrik „Extra“ auf Seite 98 bis 99 Autor/en: Interview: Olga Dabrovski, Georg Taitl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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