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Porträt

„BamS“ in Ösi-Händen

Von Sophia T. Fielhauer

Guten Morgen, Deutschland! In Berlin wird starker Kaffee zum Lesen gebraut – die g’schmackige Mischung des Österreichers Walter Mayer, seit einem Monat Chefredakteur des Springer-Mediums „Bild am Sonntag“ (Reichweite 11,19 Millionen). Bis zum Wechsel hat Mayer die Chefredaktion der Berliner Springer-Tageszeitung „B.Z.“ (476.000 Leser) geführt. Der „B.Z.“-Alltag: „Um 15 Uhr Angst vor der Seite eins, um 18 Uhr war die Aufgabe gelöst – dann hast du Glücksgefühle.“ Eine „Sucht“, die er für die „BamS“ loslassen musste. „Die ersten Tage sind eine neue Existenz auf einem fremden Planeten – du weißt nicht, was wahr ist und was nicht.“ Interviews zu geben ist Walter Mayer kein Bedürfnis, er ist Blattmacher. Öffentlich Berichtenswertes steht in der Zeitung.

Von seinem an zwei Fronten verglasten Chefredaktions-Büro im 15. Stock des Springer-Hochhauses aus überblickt Walter Mayer, 49, in Salzburg geboren, den Berliner Westen. München, Hamburg, Berlin. Mayer war stellvertretender Chefredakteur von „Bunte“, „B.Z.“ und „Bild“, Chefredakteur von „Prinz“, „Tempo“ und ab 2004 der „B.Z.“ – als Stellvertreter von Franz Josef Wagner, hochgradig kreativ wie gnadenlos, hatte Mayer bereits jeden Millimeter von „Berlins größter Zeitung“ verinnerlicht. Im Dezember 2005 erschien eine der unterhaltsamsten Ausgaben ihrer Geschichte (131 Jahre alt) – 32 Künstler (u. a. Georg Baselitz, Elvira Bach, Markus Lüpertz) malten und illustrierten passend zu den Schlagzeilen – ein wahres Sammlerstück.

„Die Übergangszeit war emotional schwierig, die ‚B.Z.‘ habe ich nicht gerne aufgegeben.“ Der Vater eines Sohnes und einer Tochter (Marlene Mayer, 27, schreibt für die Online-Ausgabe der „Presse“) wohnt in Berlin Mitte.

We are family. Wieder Mal ist der deutsche Bestsellerautor Helge Timmerberg („In 80 Tagen um die Welt“) Zeitungspoet für Leckerbissen: Er hat das Land in der Mayer-Ausgabe Nr. 2 mit der vierseitigen Titelgeschichte „Lovestory des Sommers“ vor dem Saisonzeitloch bewahrt. „Boris (Anm. Becker) & Sandy“ – ihre Verlobung war der Boulevard-Glücksfall im August. Der herzerwärmende Gegenpol zum Aufmacher „Die Wahrheit über die neue Renten-Steuer“. Seine These – der familiäre Boris-Kosmos – untermalt Timmerberg viermal mit dem Gleichnis „We are family“. Das trifft auch auf die „BamS“-Spitze zu. Mayer kennt Timmerberg seit bald zwei Dekaden, mit Art-Direktor Lo Breier, gebürtiger Wiener, hat er unter anderem bei „Bunte“ und „Tempo“ gearbeitet, mit der übergeordneten Art-Direktorin Veronika Illmer, gebürtige Lienzerin, unter anderem bei „Prinz“. Gerede über eine Ösi-Partie ist unerwünscht. Das Team macht Genuss und Furcht der Deutschen anschaulich – Nr. 3, 24. August, erschien mit dem Aufmacher „Schützt endlich unsere Kinder!“ als Folge eines Kindermords, Nr. 4 setzte mit „Die 100 meist verkauften Medikamente im Preisvergleich“ auf Alltagsbeschwerden, dazu reihte sich das „Ehe-Aus im Hause Porsche“. Nationsbefindlichkeit für 1,50 Euro. Selbst vor dem Verlagssitz in der Axel-Springer-Straße 65 liegt Stoff auf dem Boulevard. Seit 30. April eckt die neu benannte Rudi-Dutschke-Straße direkt ans „Springer“-Hochhaus an. Von vis-a-vis grüßt stolz die „taz“ – Initiatorin der Umbenennung – aus dem Dutschke-Haus. Kein Kommentar – als Blattmacher spürt Mayer lieber die nationale Herzfrequenz der Woche auf.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2008 in der Rubrik „Porträt“ auf Seite 107 bis 107 Autor/en: Sophia T. Fielhauer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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