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ARCHIV » 2008 » Ausgabe 08+09/2008 »

Medien

Das Drehbuch des US-Wahlkampfes

Von Meinrad Rahofer

Was gehört zu einem Hollywood-Hit? Helden, schöne Frauen, Intrigen und eine spannende Dramaturgie. Was gehört zu einem erfolgreichen amerikanischen Wahlkampf? Ja – genau das Gleiche. Zwar kennen wir den Sieger der Wahl in den USA noch nicht, aber beide Seiten versuchen derzeit, ihn zu stellen. Und die Medien sind das willige Instrument dafür.

1. Akt: Stell die Akteure vor! Mach sie sympathisch!

John McCain tut sich da leicht. Glaubt man dem Buch „McCain and the Media“, kann gar nichts schief gehen: Er ist ein Kriegsheld, ein Veteran, einer, den man nicht in Frage stellen kann – ein Amerikanischer Held durch und durch. Hinterfragt wird das nicht, sondern seit Jahren transportiert; teils automatisch, teils von McCain geschickt eingesetzt. Der POW (Prisoner Of War = Kriegsgefangener) ist das gelebte amerikanische Ideal der Vaterlandsliebe und Kameradentreue. Da verzeiht man auch Alleingänge und Uneinschätzbarkeiten.

Auf der anderen Seite der schwarze Newcomer Barak Obama. Also macht man auch ihn zum Helden: Er hatte eine glänzende Anwaltskarriere vor sich, aber er half den Armen, blieb in Boston und setzte sich für die Armen ein. Ein Held des Volkes, einer „von uns“. Seine Herkunft zwar schillernd international, aber ohne den Glanz von Reichtum und Einfluss. Und hier beginnt die Arbeit der Spin-Doktoren, Whistle-Blower und Kampagnen-Führer: Obama der Gutmensch, Obama der Familienmensch, Obama der intellektuelle Redner. Die Gegenseite antwortete mit „unerfahren“, „abgehoben intellektuell“ und „links“.

Hier kommt auch die erste Frau ins Spiel: Michelle Obama, die schwarze Frau des schwarzen Helden. Und sie hilft erstmal der Gegenseite: Sie sei keineswegs immer stolz, Amerikanerin zu sein, und anderes Wasser auf die Mühlen von McCain ließ die kluge, selbstsichere Frau vernehmen. Sie wurde mittlerweile geglättet: Bei ihrer Rede auf der National Convention der Demokraten Ende August in Denver gab sie glaubwürdig nur noch die Rolle der liebenden Gattin und Mutter. Ganz getreu ihrer neuen Rolle. Die kommenden First Ladys sind zwar erst seit den 30er-Jahren bei den Parteitagen dabei, heute aber eine medienwirksame Zugabe.

Die zweite Frau im Drehbuch heißt Sarah Pallin und war bisher Gouverneurin im fernen Alaska. Auch sie ein Mensch mit vielen Prinzipien, auch sie eine Kämpferin und auch sie jung; die Antwort auf Obamas Frische und die Vorwürfe, McCain sei zwar ein Held aber er wäre auch der älteste jemals erstmals zum Präsidenten der USA gewählte. Die 44-jährige, ehemalige Schönheitskönigin mit knallharten republikanischen Parolen, Waffenliebhaberin mit glasklarem Charme bietet den Gegenpol. Zwar hat sie ihr Leben vor allem durch die Tätigkeit von Bloggern bereits eingeholt, aber das ledige Kind ihrer jugendlichen Tochter und die Querelen um ihre Interventionen scheinen zumindest bei den Delegierten in St. Paul kein Problem zu sein. Mit diesem Thema sind wir aber eigentlich schon im nächsten Akt.

2. Akt: Spannung aufbauen

Die Demokraten, so erzählt man, haben derartigen Überraschungen heuer vorgebaut, indem sie die Journalisten benutzten: Name-Dropping im Vorfeld, also das scheinbar unabsichtliche Fallenlassen von Namen lange vor der Listenerstellung. Dadurch recherchieren die Medien – zumindest in den USA – alle dunklen Punkte in der Vergangenheit. Wer das übersteht, kommt auch für ein politisches Amt in Frage. Zum Spannungsaufbau und ersten Höhepunkt dienen traditionell die Parteitage (Conventions) der beiden großen Parteien, der Demokraten (Obama) in Denver und der Republikaner (McCain) in St. Paul.

Denver ist nicht zufällig gewählt: Hier hatte auch John F. Kennedy seine Convention. Überhaupt dienen John F. und sein ebenfalls ermordeter Bruder Robert F. als Role-Models. Obama tritt auf wie sie, redet wie sie und lässt sich feiern wie sie. Ins Profil hineingemixt wurde noch etwas Lincoln und natürlich Martin Luther King, der schwarze Bürgerrechtskämpfer, der „zufällig“ genau 45 Jahre vor der Rede Obamas auf dem Parteitag seine „I have a dream“-Rede gehalten hat. In Denver traten dazupassend auch die beiden Kinder von Luther King als Unterstützung auf. In Denver setzte man überhaupt auf Namen, da Obama ja seinen erst zur Marke machen muss. Star, mit einer ergreifenden Rede, war Edward Ted Kennedy, der letzte der Brüder, der letzte einer Generation und der letzte aus dem Clan der Kennedys, die einmal Amerika beherrschten. Fürs Drehbuch besonders geglückt: Ted Kennedy kam direkt aus dem Krankenhaus, sein Gehirntumor, so ließ man wissen, lässt nur eine Diagnose zu: baldiger Tod. Das alte Polit-Schlachtross zeigte sich von seiner besten Seite: kämpferisch, stark und als Brücke zur großen Vergangenheit, als alles noch besser war – zumindest in der Erinnerung.

Unterstützt wurde er von Caroline Kennedy, der Tochter Johns F., ebenfalls eine Überlebende ihrer Generation, nachdem die Söhne von John und Bobby eher für wenig rühmliche Schlagzeilen sorgten. Daneben Roosevelts Enkelin, die Clintons, Oscar- und Nobelpreisträger Al Gore und viele andere.

Transportiert werden diese „Informationen“ von den Medien. Alle großen TV-Stationen berichten rund um die Uhr. Dafür haben sie am Parteitag alle Privilegien. CNN und Co haben nicht nur die besten Plätze am Veranstaltungsort „Pepsi-Center“ und im Stadion, ihre Star-Moderatoren fahren auch wie die Polit-Profis mit schwarzen Limousinen durch alle Absperrungen. Ganz anders der Rest der insgesamt 15.000 Journalisten aus 138 Staaten. Darunter auch eine Gruppe aus Österreich – Stipendiaten des Journalisten-Austauschprogrammes, das vom Kuratorium für Journalistenausbildung in Salzburg bereits zum zweiten Mal in Zusammenarbeit mit dem „International Center for Journalists“ in Washington DC durchgeführt wird. Der Großteil der Journalisten am Parteitag erhält einen Presseausweis „Perimeter“, der ermöglicht den Zutritt zum Gelände. Dieses ist immerhin rund einen Quadratkilometer groß, aber ins Kongresszentrum kommt man damit nicht, nicht einmal bis zur Tür. Etwas besser gestellt sind die mit „Arena“-Ausweisen, sie dürfen in die Gänge des Zentrums, nicht in die Räume, also immerhin auf die Toi- letten, die es sonst auf dem Gelände nirgends gibt. „Hall“-Pässe sind schon höhere Weihe, damit darf man in der obersten Etage des Zentrums in einen abgegrenzten Bereich und zum „Writing Press“-Bereich einen Stock tiefer. „Floor“, der Bereich, wo die eigentliche Veranstaltung stattfindet, ist den wichtigen TV-Berichterstattern und Fotografen vorbehalten. Sie machen dort ihre Interviews und haben eigene, abgegrenzte Kojen. Das Fußvolk, ab „Arena“-Pass, kann sich Kurzzeit-Zutritt erbitten, zwischen einer hal- ben Stunde und einer. Insgesamt gab es fast 30 verschiedene Pässe für den Eintritt und vor allem die Sicherheitszonen. Ausländische Medien rangieren unter ferner liefen. Ein ARD/ZDF-Korrespondent meint, man sei „ganz hinten in der Nahrungskette“. Die Blogger wurden in einem eigenen Zelt untergebracht, auch weit weg vom Ereignis und nur zugänglich für Journalisten, die sich Wochen und Monate zuvor als Blogger angemeldet haben. Für die große Show im Stadion mit Obama-Auftritt und 85.000 Gästen gelten für Journalisten ebenfalls nur die Pressepässe oberhalb des „Perimeter“, deshalb wurde eine Tombola eingerichtet, bei der Journalisten am Veranstaltungstag um den Eintritt mitspielen konnten. Die österreichische Delegation war dank österreichischem Charme und Hartnäckigkeit zu diesem Zeitpunkt schon auf „Hall“ vorgerückt. Der Großteil der 300 Journalisten von USA-today, die an der Veranstaltung teilnahmen, blieben draußen.

Wie wichtig die US-TV-Sender sind, erlebt man nicht nur durch die Bevorzugung, sondern in Bars und Restaurants. In jedem Raum mindestens ein TV-Schirm, manchmal zwei News-Sender nebeneinander. Zum Verständnis werden alle Texte untertitelt, hören würde man ohnedies nichts. Außer bei den wichtigen Rednern. Bei Ted Kennedy, Michelle Obama oder natürlich Barak Obama schaffen „Scht“-Rufe Ruhe, wird mitgeklatscht, mitgeweint oder mitg
elacht. Politik hautnah am Gasthaustisch. Die anschließenden Analysen der Top-Kommentatoren gehen wieder im Lärm unter – sie interessieren nicht, nur die unmittelbaren Ereignisse. Dabei ist das Interesse an der Celebrity Obamas groß: Zu groß meinen die Republikaner. Sie schalteten einen TV-Spot nach dem Rummel um Obama mit 200.000 Menschen in Berlin, in dem sie ihn mit Britney Spears und Paris Hilton verglichen – ein Star ohne Tiefgang, unfähig zu regieren. Seitdem gibt es verstärkt Bilder von Obama in kleiner Runde, mitten unterm Volk. Auswirkungen hat der Star-Kult auch schon: Obama-Frisur ist der neue Hit, auch wenn manchen nicht klar ist, was das Besondere an diesem Haarschnitt sein soll.

In dieser Stimmung und vor allem beim Großereignis im Stadion mit 85.000 Zusehern ist Objektivität schwierig. CNN lädt daher jeden Abend Kritiker aus den Reihen der Republikaner ein, spät in der Nacht. Die gemachte Euphorie springt auch auf die Medien über – Obama als Chance auf den Wechsel, Obama, der es immer schon wusste, als McCain nichts verstand, Obama, der ständig seine Sprüche wiederholt: „We can do it!“ oder „McCain – more of the same“. Sprüche ziehen sich durch die Reden durch – das Publikum „singt“ sie mit. Gegenstimmen gibt es kaum, Demonstrationen sind verschwindend klein und werden rasch aufgelöst. Die Festnahme von drei möglichen Obama-Attentätern entpuppt sich als Zufallstreffer, drei kleine Dealer sind ins dichte Polizeinetz rund um den Parteitag geraten. McCain-Buttons oder T-Shirts gibt es nicht in Denver. Obwohl die Stadt voll ist von Straßenhändlern, die alles mit Obama anbieten: T-Shirts, Buttons, Kappen, aber auch Dragees und Feuerzeuge. Die Fans kaufen wie verrückt, die Produzenten reagieren mit immer neuen Motiven. Hillary-Buttons mit Datum und Bild vom Vortag, Obama als Fotomontage mit Luther King. Verschenkt wird nichts, keine Politiker-Kugelschreiber oder Aufkleber, alles ist Geschäft. Auch die Journalisten werden nicht verwöhnt. In einem Willkommens-Sack sind Informationen der Stadt, Schreiber von Firmen und Werbung. Im Pressecenter gibt es Unter- lagen und Arbeitsplätze, Getränke und kleine Imbisse nur zu vorgegebener Zeit und gesponsert von Firmen. Alles andere, in unserer Welt so vertraute, wäre US-Journalisten unverständlich.

Dabei ist den Veranstaltern sonst nichts zu teuer. Angeblich kostete der Großbildschirm im Stadion dreimal soviel wie der gesamte neue Newsroom des ORF. Die Zimmer im Zentrum Denvers kosteten in Durchschnittshotels bis zu 800 Dollar je Nacht und auf Taxis musste man außerhalb des Zentrums Stunden warten. Trotzdem war die Stimmung unglaublich gut, die Menschen in Denver alle freundlich und das Wetter strahlend schön.

3. Akt: Verschnaufpause und Entspannung

Für Obama ist die erste Durchschnaufpause während des Parteitages der Republikaner. Er muss nur reagieren, gibt aber auch hier vor, indem er zum Auftakt mitteilt, McCain werde nie Präsident – und die Medien drucken und senden die PR-Aussage.

Zu einer Pause trägt auch der Wirbelsturm bei, der McCain die Möglichkeit gibt, George W. Bush auszuladen. Allerdings bietet Sarah Pallin, die designierte Vize McCains ausreichend Gesprächsstoff. Die Demokraten lehnen sich zurück und befolgen den Rat der Strategen. Man werde verstärkt zeigen, dass McCain ein Maverick, ein unzuverlässiger Einzelgänger, sei, hatte einer der Strategen Obamas, natürlich strikt off the records, in Denver erzählt. Und McCain lieferte alle notwendigen Anhaltspunkte dafür.

4. Akt: Wahl, Abschluss

Wie auch immer die Wahl ausgehen wird – die Quote wird auch diesmal enttäuschend sein. Jedenfalls aber scheint gelungen, die Bevölkerung der USA wieder stärker zu politisieren. Vergleiche zu europäischen Wahlkämpfen fallen schwer: In welchem Land klatschen und weinen Menschen in Bars bei einer Rede von Spitzenpolitikern? Wo berichten TV-Sender rund um die Uhr von Parteitagen und das mit einer Quote, die höher liegt als bei Fußball oder dem Finale einer Superstar-Suche? Wo werden die Personen und ihr Umfeld dermaßen öffentlich wie in den USA? Wohl nirgends in Europa, auch wenn ein Ex-SPÖ-Stratege nach seinem Besuch in Denver den Schluss zieht, Obama sei wie Faymann.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2008 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 34 bis 37 Autor/en: Meinrad Rahofer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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