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Titel

Der Junge aus Haifa

Von Klaus Stimeder

Und wieder hat er es geschafft und wieder hätte das Timing kaum besser ausfallen können. Anfang September, knapp vor dem 20. Geburtstag, den der „Standard“ am 19. Oktober begeht, gab Mehrheitseigentümer Oscar Bronner bekannt, dass die Zeitung bald wieder zu fast 100 Prozent ihrem Gründer gehören würde.

Rund zwei Monate zuvor waren wir im Büro Bronners in der Herrengasse in der Wiener Innenstadt gesessen und hatten eine Warnung erhalten. „Ich werde, wie es aussieht, die 49 Prozent des Süddeutschen Verlags zurückkaufen. Das sollten Sie für das Buch noch berücksichtigen. Bis auf weiteres bitte ich Sie um Stillschweigen“, sagte er. Wir saßen da und schauten drein wie Alfred Gusenbauer während Wilhelm Molterers „Es reicht“-Ansage. Rund zwei Jahre lang hatten wir regelmäßig Zeit mit ihm verbracht. Zeitweise Woche für Woche war einer von uns ins „Standard“-Büro gepilgert, um uns das Leben eines der bedeutendsten Verleger der Zweiten Republik erzählen zu lassen; das Leben des Gründers jener paar maßgeblichen überregionalen Publikumsmedien Österreichs, deren Anspruch über den Verkauf bedruckten Papiers hinausgeht. Und jetzt das. Wir gingen raus und tranken ein Bier. Und dann noch eins. Und noch eins. Und noch vier. „Das gibt’s ja nicht“, erzählten wir uns gegenseitig gefühlte hundert Mal. „Er vertraut uns“. Er vertraut uns. Nie zuvor hatten wir uns der Entschlüsselung des Rätsels Oscar Bronner so nah gefühlt.

Er hat es geschafft, uns um den Finger zu wickeln. So wie er es immer schafft, Leute um den Finger zu wickeln, von denen er a) tatsächlich etwas hält (selten) oder b) die ihm nützlich erscheinen (öfter). Bis heute wissen wir nicht, zu welcher Kategorie wir zählen. Wie die meisten anderen, die für ihn oder mit ihm arbeiten oder gearbeitet haben. Dieser Mechanismus, dessen Anwendung ihm selber wahrscheinlich gar nicht bewusst ist, bildet einen wesentlichen Teil des Mythos Bronner. Er klappt bei allen, außer bei seinen Feinden. Die gab und gibt es Sonderzahl. Auch wenn er bis heute darauf beharrt, „keine Feinde zu haben. Vielleicht Konkurrenten oder Neider. Aber so ist das Geschäft.“

Legenden. Beginnen wir mit vergleichbar Harmlosem. Bis heute ranken sich um die Menschenscheu des Oscar Bronner zahlreiche Legenden. Er habe keine Freunde. Er denke nur ans Geld. Er möge seine Mitarbeiter nicht. An „faktischen“ Belegen für diese Thesen mangelt es nicht: Im „Standard“ nehme er immer den kleinen Lift, der so langsam fährt, dass ihn alle anderen meiden, damit er auf dem Weg ins Büro niemandem begegnet, heißt es; er habe die Sicherheitsmaßnahmen am Eingang verstärkt, nachdem er ständig ihm fremde Personen im Haus gesehen habe – Menschen, die schon jahrelang für ihn arbeiten würden; er habe sich heftig dagegen gewehrt, das Sitzungszimmer zu verlegen, um nur ja nicht über den Gang gehen zu müssen; er könnte dabei ja einen seiner Angestellten treffen.

Oscar Bronner kann all diese Geschichten widerlegen: Er geht meist zu Fuß in sein Büro im zweiten Stock; die neuen Sicherheitsmaßnahmen hat die Polizei empfohlen; der Konferenzraum war auch nach der Verlegung nahe der Chefredaktion angesiedelt, unweit seines Büros. Und dennoch. Was würde passieren, wenn er sich plötzlich auf den Weg durchs Haus machte, um dem einen Redakteur, der anderen Ressortleiterin auf die Schulter zu klopfen? Die meisten würden sich fragen, ob er getrunken hat.

Wie jetzt? Dementsprechend lautete die erste Frage unserer Interviewpartner stets gleich. Egal, ob es sich um den Ex-Geschäftspartner, den besten Freund oder den aktuellen Starkolumnisten handelte. „Bekommt er das vorher zu lesen?“ „Ja. Aber es ist trotzdem keine autorisierte Biografie.“ „Ja, wie jetzt?“ „Er bekommt es vor dem Druck zu lesen. Aber wir haben uns darauf geeinigt, dass er sich ausschließlich darauf beschränken wird, etwaige faktische Fehler zu berichtigen. That’s it.“ Ein Konzept, das bis zuletzt funktionierte. Nicht nur einmal zu seinem wie zu unserem Leidwesen.

Der 1943 in der Hafenstadt Haifa geborene, großteils in Österreich und Deutschland aufgewachsene Sohn einer jüdischen Familie aus Wien polarisiert seit jeher. Nach Lehrjahren bei der „AZ“, bei „Express“ und „Kurier“, beim ORF und beim von Friedrich Torberg gegründeten „Forum“ – wo er sich einen Namen als Aufdecker machte – hatte er 1970 zuerst den „trend“ und kurz darauf das „profil“ gegründet. Blätter, die heute trotz aller Schönheitschirurgie- und Fettabsaugungscover der vergangenen Jahre zum Inventar der heimischen Qualitätspresse zählen. Blätter, die einzig und allein dank der Überzeugung Oscar Bronners ins Leben gerufen worden waren, dass „die Österreicher genau so sind wie alle anderen Westeuropäer. In jedem Land gibt es einen bestimmten Anteil an Idioten, einen bestimmten an Genies. Viele Leute, die sich für etwas interessieren, und viele, die das nicht tun. Und das gilt auch fürs Konsumverhalten und damit auch für den Konsum von Medien.“

Maler in Manhattan. 1974 hatte er seine Anteile am trend/profil-Verlag an die Kurier-Gruppe verkauft und in der Folge zuerst als Bildhauer, dann als Maler auf Manhattan gelebt. Zwölf Jahre tägliche „New York Times“-Lektüre später kehrte er mit der Idee nach Wien zurück, in Österreich eine Qualitätszeitung zu gründen, die internationalen Maßstäben standhält. Wieder gab ihm die Branche keine Chance, wieder schaffte er es. Trotz enormer Widerstände aus dem politischen und publizistischen Establishment, die sich bei ihrem Abwehrkampf nicht selten latent antisemitischer Ressentiments bedienten. Kostprobe? „In New York lebend, gelang es ihm, Bronner, in Zeiten wie diesen, unschwer kapitalstarke Persönlichkeiten aus Finanzkreisen der Ostküste für das zunächst abenteuerlich scheinende Projekt zu interessieren. Der Wirbel um Waldheim, das einhellig negative Auslandsecho, die Attacken des jüdischen Weltkongresses waren Anlass genug. Person und Herkunft von Bronners Blattmacher (Peter Sichrovsky, Anm.) lassen freilich darauf schließen, dass die Intentionen der Proponenten nicht nur kaufmännische sind …“ Copyright: Hans Werner Scheidl, heute „Presse“-Spezialist für Zeitgeschichte, in einem Kommentar im Vorfeld des Erscheinens der Erstausgabe des „Standard“. Heute hat der „Standard“ die „Presse“ in Sachen Reichweite längst hinter sich gelassen. Off- wie online (siehe Kasten unten).

Elefantenhaut. „Auch wenn er physisch nicht da ist, entfaltet Oscar Bronner Wirkung“, sagt Erhard Stackl, der schon Teil der Ursuppe des „trend“ war, dann rund 20 Jahre lang dem „profil“ diente, bevor er Anfang der 90er zum „Standard“ wechselte. Die- se Aussage birgt eine tiefere Wahrheit. Wie sich während der Buchrecherche herausstellte, halten nicht wenige Kollegen Bronner für präpotent, arrogant und selbstherrlich. Dabei ist er nur eines: grenzenlos selbstbewusst. In den USA setzt man so eine Haltung voraus, bei einem, der erfolgreich sein will. Dementsprechend hart hat sich Oscar Bronner seine Elefantenhaut erarbeitet. Härter als jeder andere Verleger, weil er sich nie auf gute Verbindungen in der einen oder anderen Reichshälfte verlassen konnte und kann. Weil der Junge aus Haifa sich nie mit den Konrads und Dichands dieser Welt verhabert hat und nie den Weg des geringsten Widerstands gegangen ist. Dass er dabei trotzdem wohlhabend, ja reich geworden ist, verzeiht man ihm nicht.

Hass. Aber auch wenn sich jener Hass, der Leuten wie ihm hinter vorgehaltener Hand entgegenschlägt, offen zeigen würde, wäre ihm das vermutlich scheißegal (ein Wort, das der feinsinnige Mann nie öffentlich in den Mund nehmen würde). Eine Haltung, welche jene Leute, die ihm intellektuell und/oder in Sachen moralischer wie beruflicher Integrität unterlegen sind, noch wahnsinniger macht, als sie es schon sind. Beispiele? Noch zu seinen Lebzeiten hat uns Alfred Worm – wie andere damalige Mitarbeiter der News-Gruppe auch – bestätigt, dass es der Chef persönlich war, der den publizistischen Krieg des Magazinriesen gegen den „Standard“ befehigt hat, nachdem Oscar Bronner nach dem Aus
stieg von Springer 1995 einen 200-Millionen-Schilling-Kredit der Bank Austria aufnehmen hatte müssen und seine persönliche wie die Zukunft des „Standard“ in der Luft hing. Mit den Worten „der Bronner schnauft eh schon aus dem letzten Loch, den machen wir jetzt endgültig fertig“, gab Wolfgang Fellner die „News“- und „tv-media“-Blattlinie in punkto Berichterstattung über die „Standard“-Krise vor. Pflichtgemäß haben wir Fellner eine eMail geschrieben, in der wir um eine Stellungnahme baten. Bis heute warten wir auf Antworten.

Die hätten wir auch gerne von Peter Michael Lingens bekommen, dem langjährigen Weggefährten und lange Zeit auch persönlichen Freund Bronners. Auch er entschlug sich der Aussage, wenn auch aus gänzlich anderen Motiven als Fellner. „Ich könnte über Bronner viel Positives erzählen, aber dann müsste ich auch das Negative erzählen. Also sage ich lieber gar nichts.“ Lingens, bis zu seinem Stolpern über die „Kalal-Mekis-Hummelbrunner-Affäre“ Anfang der 90er der „sauberste Zeigefinger der Republik“ (Daniel Glattauer in der „Zeit“). Kurze Zeit später stolperten wir über einen Brief, den Lingens noch als „profil“-Herausgeber an seine Geschäftsführung geschickt hat und dessen Inhalt, wie uns im Nachhinein klar wurde, unter Journalisten seiner Generation ein offenes Geheimnis ist.

Lingens besser als Bronner? In dem Schreiben listet Lingens eine Reihe von Dingen auf, die er haben will, damit er nicht zu Bronners Projekt wechselt. Seine Forderungen beschränken sich fast gänzlich auf materielle Dinge, teils so lächerliche, dass sie es nicht einmal wert sind, hier aufgezählt zu werden – die aber von der Statussucht und dem Geltungsdrang einer Journalistengeneration zeugen, die alles hatte und trotzdem noch immer mehr wollte. Die offenbar in einer Welt agierte, deren Hierarchien, Regeln und Rituale heute nicht mehr nachvollziehbar sind. Bronner holte ihn trotzdem als Co-Chefredakteur zum „Standard“. Als Dank hatte Lingens bereits im Vorfeld einen Brief an den Springer-Vorstand geschickt, in dem er unmissverständlich erklärt, dass er ein Unternehmen wie den „Standard“ besser führen könne als sein „Freund“.

Sauer auf Bronner. Die Liste jener, die sich als Opfer Oscar Bronners fühlen, ließe sich endlos fortsetzen. Jene Mitarbeiter, die ihm unterstellen, während der Zeit des BA-Kredits Einflussnahme auf die Berichterstattung über die Bank genommen zu haben – obwohl der in jener Periode (1995 bis 1998) amtierende Ressortleiter Michael Hann beteuert, dass es die nie gegeben hätte. Jener Michael Hann, der als eines der prominentesten Opfer der zahlreichen „Standard“-Sparmaßnahmen prädestiniert wäre, sauer auf Bronner zu sein.

Die Ex-Ressortchefin, die Bronner gram ist, weil er sich auch in den vielen schwierigen Zeiten des „Standard“ – nach herkömmlichen Begriffen – geschmalzene Entnahmen geneh- migt hatte. Motto: So lange ich meine 15 Monatsgehälter und meine Quinquenniensprünge bekomme, muss sich der Unternehmer, dem ich meinen Job verdanke, bitteschön kasteien. Das letzte Gerücht, das uns zugetragen wurde, bestand darin, dass der Süddeutsche Verlag in Wahrheit die Mehrheit am „Standard“ hält. Der Informant hatte „ganz sichere Quellen in München“. Ein paar Anrufe ebendort, ein paar Zahlen nachgeschlagen: nichts.

„Man kann niemand zwingen, die Wahrheit zu glauben. Gerüchte sind eben interessanter als die Wahrheit“, schrieb Oscar Bronner in einem Editorial in einer der ersten „trend“-Ausgaben im Jahr 1970. Sätze von scheinbar ewiger Gültigkeit. Die Arbeit an „Trotzdem“ hat uns desillusionierter, zynischer, misstrauischer gemacht. Mit einem Wort: erwachsen. Danke, Herr Bronner. Auf die nächsten 20 Jahre „Standard“.

„Rise again little fighter

And let the world know the reason why

Shout again little fighter

And don’t let them impair the things you do.“

White Lion, „Little fighter“

Die beste Beschreibung Oscar Bronners, findet Klaus Stimeder.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2008 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 44 bis 45 Autor/en: Klaus Stimeder. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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