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APA-Special

„Der Wahlkampf ist nicht einmal skurril“

Von Interview: Elisabeth Horvath

Mit Ihrer Wiederkehr in die APA sind Sie mitten hineingeworfen worden in eine aufregende und hektische Zeit: Zuerst EURO und jetzt Neuwahlen. Wie ergeht es Ihnen da als nunmehrige Ressortchefin?

KATHARINA SCHELL: Es ist natürlich nicht so, dass ich innerhalb eines langweiligen Jahres in der Mitte einer Legislaturperiode eingestiegen bin und mich mal umschauen kann, wie das alles so abläuft. Kaum war die EURO vorbei, ist der Wahnsinn weitergegangen.

Vor kurzem waren Sie noch Kollegin, jetzt sind Sie Chefin. Wie gehen Ihre Leute damit um?

Ich kenn sie ja alle schon von früher. Das ist natürlich eine interessante Konstellation. Leute von außen sagen oft: „Ressortchefin, das ist ja urwichtig und ursuper.“ Ich selber sehe es weniger so. Ich bin ja in ein Ressort gekommen, das wirklich gut funktioniert und gute Arbeit leistet. Es ist ja nicht so, dass ich quasi verbrannte Erde übernommen hätte, wo wir jetzt einen Masterplan brauchen, um alles neu aufzubauen. Im Gegenteil, es wurde bereits seit Jahren aufgebaut. Es war nicht so, dass ich sofort vom Tage eins an gefordert war. Ich bin auch nicht mit einem Programm oder einem Plan angetreten. Es funktioniert, und es hat vorher funktioniert und es ist einfach ein super Team. Natürlich werden wir in ruhigeren Zeiten über eventuell neue Schwerpunkte reden und eine Bilanz machen: was funktioniert gut, was weniger gut. Aber das mache ich gemeinsam mit den Leuten.

Sie bevorzugen also Teamarbeit?

In der APA geht insgesamt wenig ohne Teamarbeit. Man muss sich auf die Eigenverantwortlichkeit der Leute verlassen können. In einer Nachrichtenagentur greift alles ineinander. Das liegt im System. Das ist in der Agenturwelt noch stärker als in manchen Tageszeitungen. Unser Newsroom sollte ja auch ein in Stein gemeißeltes Mahnmal für den Fall der Ressort-Grenzen sein. So einfach ist es natürlich nicht, weil auch die Zeitungen in Ressorts unterteilt sind. Aber es ist grundsätzlich ein kooperatives Arbeiten. Und ich muss für mein Ressort immer schauen, dass es meinem Ressort gut geht.

Wieviel Zeit bleibt Ihnen noch für die klassische journalistische Arbeit?

Nicht mehr so viel wie früher. Das überrascht mich auch nicht. Wenn es beispielsweise eine große Geschichte gibt mit vielen Recherchen, also eine Running Story, dann ist in vielen Fällen nicht vernünftig, dass ich das mache. Nachdem ich am gleichen Tag auch Direktorenkonferenz und dann vielleicht auch noch ein Treffen mit einem Ressortkollegen habe. Natürlich wäre es zu schaffen, aber ich versuche, es zu vermeiden. Wir haben genug Leute dazu.

Geht Ihnen da was ab?

Nicht wirklich. Ich bin jetzt viel mehr gestalterisch als schreiberisch tätig. Und das gefällt mir sehr gut. Es ist mir wichtiger, dass ich mir am Abend denken kann, „heute haben wir etwas Schönes abgeliefert“, als dass ich auf fünf Meldungen zurückschaue. Das wäre auch nicht ganz meine Aufgabe.

Es ist Ihre erste große Wahl als Ressortchefin, wie erleben Sie das?

Ich lerne natürlich auch viel dabei.

Was zum Beispiel?

Es geht oft nur um Kleinigkeiten, die aber sehr wichtig sind. Etwa die Erstellung des Wahlarbeitskalenders. Auf das wäre ich alleine nicht gekommen. Da ist jahrelange Erfahrung nötig, die Kolleginnen und Kollegen haben. Ohne sie wäre ich aufgeschmissen. Ich sag immer: Je nervöser die Politiker, desto ruhiger müssen die Journalisten werden. Das ist wirklich spannend, ich krieg das jetzt zum ersten Mal so richtig mit. Und da sitz ich schon ganz gerne einmal einfach da und schau mir das genau an und überlege mir die nächsten Schritte.

Was sind die gravierendsten Unterschiede zwischen Tageszeitung und Nachrichtenagentur?

Die Tageszeitung ist ein tagesaktuelles Medium, und die Nachrichtenagentur ist ein minutenaktuelles Medium. Bei der Tageszeitung gibt es am Abend irgendwann ein Ende, bei uns geht es Ende nie. Wir schreiben für die Minute. Damit muss man journalistisch aufwachsen, dass man eine Meldung schreibt, rausschickt, in drei Minuten steht sie im Teletext und fünf Minuten später in allen Online-Medien. Die journalistische Relevanz ist natürlich im Moment enorm. Diese Minuten-Präsenz verdient natürlich eine völlig andere Arbeitsweise und auch ein völlig anderes journalistisches Selbstverständnis.

Es ist also das Momentum der Gegenwärtigkeit?

Ja, es bedingt eine journalistische Alertheit. Deshalb sollten Nachrichtenagentur-Journalisten tunlichst schon sehr wache Menschen sein.

Wie erleben Sie den Wahlkampf was die Inhalte, die Machtfrage, Populismus und die „Kronen Zeitung“ betrifft?

Die „Kronen Zeitung“ ist ein eigenes Thema.

Ist die „Krone“ APA-Mitglied?

Nein. In diesem Wahlkampf wird zum ersten Mal eine „Krone“-Kampagne wirklich breit thematisiert, eben auch im ORF. Nämlich in der Form, dass die „Kronen Zeitung“ regelmäßig in der Rolle, die sie in diesem Wahlkampf zu spielen scheint, also als Kampagne-Macherin für eine Partei, auch vorkommt. Das habe ich bisher so noch nicht gesehen. Dass die „Krone“ eine Kampagne fährt, das ist ja bei Gott nichts Neues. Aber dass diese Kampagne auch in den Fernsehnachrichten kommt, das war vorher noch nie der Fall. Was das jetzt für Auswirkungen hat und für wen – ich spekuliere nicht. Ansonsten ist dieser Wahlkampf eigentlich nicht spannend. Er ist nicht einmal skurril.

Es kandidieren sehr viele Kleingruppen. Das ist ein Novum.

Das ist wohl interessant, aber den Wahlkampf spannender macht es auch nicht.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2008 in der Rubrik „APA-Special“ auf Seite 100 bis 101 Autor/en: Interview: Elisabeth Horvath. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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