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Leben

Die Schmitts – eine Familiensaga

Von Sophia T. Fielhauer

Richard IV. steht weniger für ein blaublütiges denn für ein journalistisches Geschlecht. Eines, das die Pros und Contras des Redaktionswesens in zwei Generationen reichlich diskutieren kann. Und dabei teilen sich gleich fünf Familienmitglieder bloß zwei österreichische Wirkungsstätten: „Heute“ und die „Kronen Zeitung“. Dass es zwischen diesen österreichischen Tageszeitungs-Polen auch Querverbindungen anderer Journalistendynastien gibt, ist Historie in höchsten Etagen. Die Schmitts aber, die sind bekennende Handwerker mit guter Bodenhaftung.

Der bereits vierte Richard Schmitt ist Chefredakteur von „Heute“, sein Vater, Richard Schmitt III., ist stellvertretender Chefredakteur der oberösterreichischen „Krone“ – Großvater, Urgroßvater waren, soweit bekannt, nicht in den Medien tätig. Catherina Schmitt ist die Gattin von Junior Schmitt, leitete das Auslandsressort von „Heute“ und ist derzeit noch in Karenz. Sie ist die Tochter von Peter Strasser, Leiter des Wien-Ressorts der „Kronen Zeitung“. Vera Schmitt, Mutter von Richard Schmitt jun., kümmert sich seit einem Jahr um die Anzeigen für „Heute“ in Oberösterreich. Und ihr Bruder, Magnus Carlo Korosa, tanzt aus der Reihe: er hat ein Pressebüro und gibt den „Stadtblick“ in Enns und Steyr heraus.

„Ich würde mich nicht als netten Chef bezeichnen, da wäre ich eine Fehlbesetzung. Ich sage immer: ich will keine Miss-Wahl gewinnen.“ Dieses Chef-Prinzip scheint aufzugehen: im August feierte Richard Schmitt, 40, die 1.000. Ausgabe von „Heute“. Seine Bilanz: „Ich bin jeden Tag froh, wenn die Zeitung wieder erscheint“. Zwei bis drei Zigarillos raucht er pro Tag, liebt den Boulevard, solange der nicht, wie er sagt, „ins moralisch Bedenkliche abgleitet“. Im Frühling rückten Schmitt und „Heute“ jedoch erst mit der „Akte Kampusch“, dann mit dem Amstettener Fall F. empfindlich an den moralischen Abgrund. Zur „Akte Kampusch. Die ganze Wahrheit“ erklärte der „Heute“-Chefredakteur im Interview mit dem „Journalisten“: „Ich bereue nichts, bin aber unzufrieden“.

In Punkto Aufdeckung misst sich die unmittelbare Konkurrenz im stetigen Wettstreit, doch Schmitt genießt die „Österreich“-Lektüre. Bald zwei Jahre liegt die abgespeckte Ausgabe Tag für Tag an der Wiener U-Bahn in nächster Nähe zu „Heute“ auf. „Ich betrachte es nicht mehr als Konkurrenz im Gratis-Bereich, wohl aber im Tageszeitungs-Sektor“. Und in aller Gelassenheit weiß er das Blatt sogar zu loben: „Sie machen sehr gute Arbeit, die Wirtschaft und die Politik haben eine gewaltige Dimension – um die beneide ich sie.“

Ein bis zweimal pro Woche fährt Chefredakteur Schmitt U-Bahn und prüft dabei eingehend den Markt. „Ich mache meine Studien. 70 Leute lesen ‚Heute‘, 20 ‚Österreich‘, der Rest was anderes. Wenn’s umgekehrt wäre und von 100 Fahrgästen 70 ‚Österreich‘ lesen, da würde ich mir wirklich Sorgen machen.“

Workaholic. Seinen Beruf liebt er vor allem der Abwechslung wegen und weil er mit Spendenaktionen Positives bewegen kann. Die Arbeitszeiten jedoch liegen ihm ein bissel im Magen: „Ich leide schon, dass ich meine Kinder selten sehe, aber an drei von fünf Abenden bin ich um 19 Uhr zu Hause. Zumindest sollte ich das.“ Während sich Schmitt keineswegs als Workaholic betrachtet, hegt seine Frau leise Zweifel an dieser Einschätzung.

Mit Paul, drei, und Alma-Sophia, ein Jahr alt, steht die nächste Schmitt’sche Journalisten-Generation theoretisch in den Startlöchern. Dass ihr Enkel Paul auch mal Journalist wird, würde Vera Schmitt schon gefallen. Ihr Mann sieht es anders: „Paul wird hoffentlich keiner“. Und Sohn Richard Schmitt will sich als Vater lieber nicht festlegen: „Es ist ja nicht garantiert, dass sie talentiert sind. Ich will sie weder raus- noch reinzwingen.“

Kleine Schrammen seines eigenen Werdegangs, der ganz anders hätte verlaufen sollen. Ginge es denn im Leben jemals nach den Wünschen der Eltern. Schon 40 Jahre lebt Vera Schmitt, 59, jetzt Seite an Seite mit der „Kronen Zeitung“, ihren Mann hat sie bei unzähligen journalistischen Terminen begleitet. Mit dem Bürgermeister von Linz spielt sie Tennis, kennt jeden und auch den Landeshauptmann. „Ich habe sehr gute Kontakte“, sagt sie und bereichert damit das Anzeigengeschäft von „Heute“ in Oberösterreich. „Ich bin mit reingewachsen in den Beruf, mein Mann und ich haben alles gemeinsam gemacht. Und unseren Sohn, den hatten wir auch immer dabei.“

Volksschulzeitung. Was also anderes hätte demnach aus Richard Schmitt jun. auch werden sollen. „Ich wollte, dass Richard Jus studiert, denn bei der ‚Krone‘ hat es früher keinen einzigen freien Tag gegeben“, weiß die Mutter. Doch bereits in der ersten Klasse Volksschule fertigte der Junior seine erste Zeitung – Layout, Fotos und Text aus einer Hand. Sein Vater, Schmitt sen., 61, kann nicht ganz begreifen, was an seinem wohlmeinenden Plan für Sohn Richard so schief lief: „Alle Beamten machen eine schöne Karriere, auch die Pressesprecher führen ein so feines Leben“. Er weiß um die Kehrseiten des Journalismus Bescheid: „Ich habe damals für meinen Sohn ganz wenig Zeit gehabt, er wirft mir das auch bei jeder Gelegenheit vor. Ich vermisse heute, dass ich mein Kind im Kindesalter kaum erlebt habe. Vielleicht wollte ich deshalb, dass er Beamter wird.“

Doch Richard Schmitt jun. versuchte allen gerecht zu werden, bis zum Ende des ersten Abschnitts in Jus. Nebenbei arbeitete er vom 18. Lebensjahr an bei der „Krone“, war stets mit Schreibblock und Kamera unterwegs. Nicht ohne Konflikte. „Als bei der Bezirksbeilage ein Job frei wurde, habe ich mich beworben. Da war mein Vater gereizt und ungehalten, doch eine Beamtenkarriere war eher abschreckend.“

So sehr sich Schmitt sen. der negativen Mitbringsel eines Redakteursjobs bewusst ist, so euphorisch schwärmt seine Frau vom Gegenteil: „Wir sind so begeistert von der Medienwelt. Ich war immer miteinbezogen und der Richard auch. Außer Sonntag waren wir nicht alleine zu Hause.“ Kompensiert wurden die Stunden ohne Vater und Gatten mit dem Sport. Und so wurde Richard jun. zum Eiskunstläufer und Dritten in der Staatsmeisterschaft, während die Mutter in der Landesliga Tennis spielte. „Kind und Mutter waren ein gutes Team. Wir haben viel trainiert und das hat meinen Mann dann schon gestört, weil er außen vor war.“

Das Eiskunstlaufen ließ Richard Schmitt jun. nach der Matura sausen, dafür aber war er später bei der Journalisten-WM im Skifahren ganz vorne dabei. Vor kurzem übte er sich in Kanada wieder im Helicopter-Skiing und schrieb darüber eine Reiseseite in „Heute“. „Den Eiskunstlauf hat er wohl nur mir zuliebe gemacht“, denkt seine Mutter heute.

Abschalten. Richard Schmitt III. wünscht sich abends einen Schlussstrich unter das Thema Zeitungen. „Irgendwann muss in der Nacht ja auch ein Ende sein, aber meine Frau und mein Sohn haben das gleiche Naturell. Sie teilen das Überengagement. Er lebt nur für die Zeitung.“

Vor zehn Jahren hat Richard Schmitt sen. in Steinbach am Attersee ein Haus gebaut, dort kommt die ganze Familie Schmitt und Strasser beizeiten zusammen, wie zuletzt zu Ostern. „Leider reden wir dann sehr viel über die Medien. In anderen Berufen wäre das anders und besser“, resümiert Schmitt sen. Doch Austausch am Tag ist willkommen. Insbesondere bei Bild-Angeboten, die hart an der moralischen oder Ekel erregenden Grenze sind, holt Schmitt jun. gern den Rat des Vaters ein. „Oft stellt mir Richard Fragen, will Ratschläge. Das freut und ehrt mich recht. Aber natürlich haben wir einander noch nie Exklusiv-Geschichten verraten, soviel Professionalität muss sein. Das ist sein Job, das ist meiner. Von meiner Frau erfahre ich ja auch nichts.“

Praktikum beim Vater. Das Journalisten-Vater-Tochter-Gespann Catherina Schmitt, 31, und Peter Strasser, 60, hatte die Karriere betreffend weniger Reibungsfläche. Wenn auch die Erinnerungen unterschiedlich sind. „Ich habe meinen Vater immer wieder in der Redaktion besucht, habe später wenig erfolgreich Publizistik studiert und mit 20 Jahren ein Praktikum in vielen Ressorts der ‚Krone‘ gemacht. Auch im Wien-Ress
ort bei meinem Vater. Er wollte mich nie von diesem Beruf abbringen“. Peter Strasser arbeitete subtil gegen das Ziel der Tochter: „Es ist ein harter und familienfeindlicher Beruf. Anfangs wollte ich meine Tochter vom Journalismus abhalten und sie weglenken. Sie hat es gar nicht bemerkt. Als ich gesehen habe, dass sie den Beruf unbedingt machen will, habe ich sie gefördert.“

Demnächst will Catherina Schmitt halbtags in das Auslandsressort von „Heute“ zurückkehren. Während ihres „U-Express“-Schaffens lernte sie ihren Zukünftigen kennen. „Dass sie ausgerechnet auf Richard gestoßen ist, war schon witzig“, verneinen muss er eine „Familienpolitik à la Habsburg. Ich habe nur über diesen bemerkenswerten Zufall lachen müssen.“

Denn den jetzigen Schwiegersohn kannte Strasser gut. Vor dem „U-Express“ und nach dessen Einstellung werkten Schmitt und Strasser gemeinsam im Wien-Ressort der „Krone“. „Wir konnten sehr gut miteinander, es ging reibungslos. Wir haben ähnliche Ansichten, wie etwas funktionieren muss und wir haben eine ähnliche Neigung zum Perfektionismus. Das Resultat muss 100 Prozent oder mehr sein. Wir akzeptieren beide nicht, wenn Fehler gemacht werden“, lobt der Schwiegervater.

Zeitungshunde. Abseits von „Heute“ wohnen die jungen Schmitts in einer Wohnung mit Terrasse, haben eine Jagdhütte am Attersee und beherbergen auch Funnie, den elf Jahre alten Beagle der Familie. „Ich habe sie mit in die Ehe gebracht, sie ist ein echter Redaktionsbeagle.“ Funnie reist morgens mit Richard Schmitt zu „Heute“ und kommt erst abends mit ihm heim. Bisweilen aber wird sie verliehen und macht es sich bei Peter Strasser in der „Krone“ gemütlich, wie früher. Wohl kaum ein Hund hat soviel Einblick in gleich zwei Tageszeitungen. Würde Funnie sprechen können, ach, was könnte sie ausplaudern. „In der ‚Krone‘ scherzen wir, es gäbe mehr Hunde bei uns als Redakteure. Die Funnie mag Zeitungsluft“, sagt Strasser.

Ganz nahe am Herzen der Schmitt Seniors gibt es noch Boxer Phillip, drei Jahre alt. Er pendelt seinerseits in Linz von „Heute“ zur „Krone“ und ist geliebter Streitfall. Thema: Wer darf ihn heute mitnehmen? Für Vera Schmitt kommt nur „Heute“ in Frage, findet sich doch rund um die Redaktion nahe der Nibelungenbrücke die attraktivere Äußerl-Zone. Bei Richard Schmitt sen. schläft er während der Redaktionskonferenzen unterm Tisch ein und schnarcht. Deswegen bevorzuge Phillip das „Krone“-Klima, geht es nach Richard Schmitt III. Der Journalistenclan Schmitt-Strasser ist also um zwei duldsame Volontäre reicher. Übrigens, Phillip und Funnie Schmitt können einander nicht riechen. Soweit aus dem Privatzoo. Direkt aus dem Politik-Gehege wird Schmitt den Lesern berichten, wie sehr sämtliche Parteien-Zweibeiner vor und nach der Nationalratswahl umeinander herumschwänzeln und knurren.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2008 in der Rubrik „Leben“ auf Seite 52 bis 55 Autor/en: Sophia T. Fielhauer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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