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Editorial

Ist die Party zu Ende?

Von Johann Oberauer, Herausgeber.

Die Medienbranche zählt ohne Zweifel zu den verlogensten, wenn es um die eigenen Geschäftszahlen geht. Die Jahresergebnisse – gute wie schlechte – werden gehütet wie das Alter bei Frauen jenseits der 30. Als 2000/2001 die tiefste Depression in der jüngeren Mediengeschichte nicht mehr zu leugnen war, jubelten immer noch einzelne Medienmanager. Wir erinnern uns: Selbst die großen Tanker kamen damals in Seenot. „FAZ“ und „Neue Zürcher Zeitung“ schrumpften im Umfang zu Regionalblättern, die „Süddeutsche“ wusste phasenweise nicht mehr, womit sie ihre Journalisten am Monatsende bezahlen sollte – und musste letzten Endes sogar verkauft werden. In Deutschland verloren Tausende Journalisten ihre Jobs. Über Jahre war der Arbeitsmarkt tot, bevor es dann 2004 wieder steil bergauf ging.

Wie sieht nun die aktuelle Großwetterlage 2009 aus? Stehen wir zum zweiten Mal in diesem Jahrzehnt vor einem ähnlichen Wettersturz? Wer in diesen Wochen die Wirtschaftsnachrichten liest, verspürt den Wunsch, lieber im Bett geblieben zu sein. Galoppierende Inflation, Energiepreise zum Verrücktwerden, Nahrungsmittel so teuer, dass immer mehr Menschen hungern müssen. Und dann noch die angeblichen Säulen unserer Wirtschaft, die Banken: scheinbar lauter Idioten, Zocker, unfähig.

Und wir, die Medien? Die zurückliegenden Jahre haben uns verwöhnt, wenngleich nicht fett, auch nicht faul und nicht dumm wie die Banken werden zu lassen. Ich kann mich an keine Phase in unserem Geschäft erinnern, in der so viel expandiert und experimentiert wurde. Eine herrliche Zeit und ich frage mich, warum das nun zu Ende sein soll. Wir haben natürlich auch verdammt viel Glück gehabt. Wer hätte gedacht, dass bei den Tageszeitungen Stellenanzeigen nochmals einen wesentlichen Teil zum jährlichen Geschäftserfolg beitragen würden und damit den Zeitungen wieder Luft zum Atmen gegeben würde.

In Montreux haben in diesen Tagen die Schweizer Verleger zu ihrem jährlichen Kongress eingeladen. Die Sorge über die Zukunft der Häuser stand jedem Teilnehmer ins Gesicht gezeichnet. Das hat mich offen gestanden wenig überrascht. Erstaunt hat mich eine zweite Grundstimmung: Die Verleger sehen die Sicherung ihrer Häuser fast ausschließlich in der Qualität ihrer Journalisten. Juan Antonio Giner, Gründer der renommierten „Innovation Media Consulting Group“ in Norfolk (USA) und einer der großen Vordenker in unserer Branche, empfahl in Montreux drei Konzepte: Journalismus, Journalismus, Journalismus. „Die Medienkrise in den USA ist zu einem großen Teil auch eine Krise des Journalismus – wir haben vergessen, gute Geschichten zu erzählen“, sagte Giner dem Schweizer Publikum. Wenngleich man sich wie immer so einem Pauschalbefund nie vollkommen anschließen kann, machen Giners Worte doch auch nachdenklich.

Eine der unvorstellbarsten Geschichten liefert unsere Branche in diesen Tagen über sich selbst. Wer hätte gedacht, dass ein 87-Jähriger eine ganze Republik spalten könnte. Körperlich angeschlagen und nur noch Stunden in der Redaktion. Kein Journalist vor Hans Dichand hatte so viel Macht – und nützt sie auch (schamlos, wie viele meinen). Ohne Zweifel ist die Macht Hans Dichands das Gegenstück zur Ohnmacht der Politik. Je wichtiger Dichand genommen wird, desto mächtiger ist er auch. Dass das auch umgekehrt denkbar ist, haben wir unter Wolfgang Schüssel gesehen. Ein Lichtblick für alle Gegner Dichands und eine Mahnung für seine Freunde: Nach jedem extremen Ausschlag geht das Pendel in die entgegengesetzte Richtung. Je einflussreicher Dichand wird, desto mehr drängt sich die Frage auf: Wie mächtig soll ein Medium sein dürfen? Ebenso vehement wie aktuell eine Volksabstimmung zur EU gefordert wird, könnten plötzlich auch wir, die Medien, im Mittelpunkt einer solchen Diskussion stehen. Eine Diskussion, auf die wir uns freuen dürfen oder die wir fürchten müssen – je nachdem wo wir gerade stehen.

Apropos Geld. Im Gegensatz zu ihren Medienhäusern geben Journalisten bereitwillig Auskunft über ihr Einkommen. Wie viel zum Beispiel in der Redaktion von „profil“ gezahlt wird, lesen Sie in diesem „Journalist“. Gehaltsanführer Christian Rainer hatte seinen eigenen Lohnzettel sogar am Brett vor seinem Büro aufgehängt. Er war es auch, der die Einkommen seiner Kolleginnen und Kollegen per Mail verbreitet hatte – irrtümlich, versteht sich. „Allen antworten“ ist eine gefährliche Taste im Outlook, wie nun auch Rainer weiß.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2008 in der Rubrik „Editorial“ auf Seite 5 bis 9 Autor/en: Johann Oberauer, Herausgeber.. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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