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Medien

Land gewinnen, Furchen ziehen

Von Engelbert Washietl

Der jährliche „Furche“-Heurige ist so etwas wie ein überparteiliches Sympathisantentreffen aller Wohlmeinenden. Neue Gäste wundern sich, wer da aller kommt: Kanzler, Bundesminister, Bischöfe, die hohe Wissenschaft, Politiker aller Lager, Generaldirektoren, Banker, Journalisten. Das einfache Treffen bei Schmalzbrot und Wein ist wie ein Symbol des politischen und sozialen Friedens. Aufmerksame Medienbeobachter könnten sich freilich auch darüber wundern, dass „Die Furche“ dieses Potenzial von Anhängern nicht proportional in Auflage und Bedeutung umsetzt. Auf ihre Verkaufsauflage von 12.125 (ÖAK 1. Halbjahr 2008) bringen es auch die „Braunauer Rundschau“ und der „Osttiroler Bote“. Für eine hochgestochene Zeitung intellektuellen und gesellschaftskritischen Zuschnitts ist das zu wenig, und ein paar Tausend zusätzliche Exemplare, die hauptsächlich in Schulen landen, machen das Kraut auch nicht fett.

Es kann nicht an der „Furche“ allein liegen, man müsste auch im honorigen Kreis der Beweger, Leaders und Einflussreichen nachfragen, warum sie sich zwar einmal pro Jahr mit der „Furche“ zeigen und freuen, sich danach aber mit ihren Neuigkeiten doch lieber auf die ausgetretenen Pfade der Medienwelt begeben und der „Furche“ jene Breaking News versagen, die dem Blatt viel bringen könnten und den Spendern nichts kosten würden.

Im heurigen Jahr haben sich die „Furche“-Verlagschefs den Heurigen erspart und durch ein Fest im Leopold-Museum ersetzt, auf dem die Wochenzeitung ihre „neuen Seiten zeigen“ möchte. Es findet am 8. Oktober statt. „Wir wollen heraus aus der Nische“, sagt Geschäftsführerin Gerda Schaffelhofer. „Die Stärke der Marke bleibt erhalten, im aktuellen Wochengeschehen wird ‚Die Furche‘ mehr als bisher mitmischen. Das Ziel: Tageszeitungsleser sollen unser Blatt als Zweitzeitung entdecken.“

Ein ehrgeiziges, aber nicht unlogisches Unternehmensziel. Zweierlei Hebel werden angesetzt. Der erste sollte schon wirksam sein. In einem Überraschungscoup wurde am 1. Juni die redaktionelle Spitze verändert. Chefredakteur Rudolf Mitlöhner trat freiwillig und vielleicht sogar gern in die zweite Ebene zurück und machte Claus Reitan Platz. Dass er direkt von der Zeitung „Österreich“ kommt, mag manche irritiert haben, doch wird das Spannungsvolle daran durch den Umstand ausgeglichen, dass zuvor genauso gerätselt werden konnte, wie der einstige Chefredakteur der „Tiroler Tageszeitung“ (1995-2005) eigentlich zu „Österreich“ passte, wo er 2006 sogar zum Chefredakteur aufstieg.

Reitan definiert seine dortige Aufgabe primär als Blattmacher. Als „klassischer Journalist mit Berufserfahrung“ habe er den Aufbau der „Österreich“-Redaktion begleitet – eine Arbeit, die sich inzwischen erledigt hat. Für die Boulevardzeitung „Österreich“ hatte Reitan gewiss auch einen ideellen Wert. Die Redaktion einer Zeitung, in der fast jeden Tag gehobelt wird, dass die Späne nur so fliegen, konnte mit Reitan wenigstens einen feinen Pinkel als Ethik-Botschafter vorzeigen.

So gesehen passt Reitan jetzt auch wieder in „Die Furche“. Er ist in der Lage, eine ihrer Aufgaben aus dem Stegreif mit folgenden Worten zu definieren: „Die wissenschaftliche Meta-Ebene mittransportieren, aber auch für alle nachvollziehbar gestalten, ohne zur Ratgeberliteratur zu werden.“ Da er zugleich geholt wurde, um die Reichweiten der „Furche“ zu verbreitern, scheint insgesamt alles zu passen, runder wird es nicht.

Neue Seiten. Somit wird am 8. Oktober der zweite Hebel angesetzt. „Die Furche“ erlebt einen Relaunch, der nicht zu übersehen sein wird. Moderneres Aussehen, mehr Platz für Bilder, mehr Flexibilität – die professionelle Aufgabe liegt beim neuen Art Director Dario Santangelo, der von „News“ kommt. Zeitungstitel und Format werden beibehalten. Die bisherigen vier „Bücher“ werden durch ein halbformatiges Supplement ergänzt. „Wir wollen auch den Anzeigenkunden etwas bieten“, sagt Schaffelhofer. Seit fünf Jahren schreibe „Die Furche“ schwarze Zahlen, der jetzige Vorstoß werde „mit den Ressourcen finanziert, die wir haben“. Gewinne des Vorjahres werden in das Projekt investiert.

Die Zeitung gehört dem Styria-Konzern, dessen Chef Horst Pirker nicht immer gnädigen Auges auf ein Produkt geblickt hat, das im Styria-Portefeuille und im unfairen Vergleich mit der „Kleinen Zeitung“ wie ein Kümmerling erscheint. Die Frage, ob die jetzigen redaktionellen und marktkämpferischen Anstrengungen vielleicht auf ein Ultimatum Pirkers zurückzuführen seien, weist Schaffelhofer empört zurück: „Dr. Pirker hat mir noch nie ein Ultimatum gestellt.“

Also kommt Freude auf. Die junge Sandra Huber, die von den „Salzburger Nachrichten“ kommt, ist für Marketing zuständig, „Die Furche“ wird auch in einigen Trafiken erhältlich sein, damit neue Leser zugreifen können. In dem Blatt soll laut Schaffelhofer vermehrt das behandelt werden, „was uns in der Woche geistig beschäftigt und wert ist, über die Woche hinaus reflektiert zu werden“. Als Zweitzeitung werde „Die Furche“ einen wochenspezifischen Nutzen mit einer Deutlichkeit erzeugen, dass die Leser das Blatt nicht gleich wieder weglegen und die Lektüre auf später verschieben. Wenn sie nämlich nur sagen: „Was da drin steht, ist ja ganz interessant, aber ich muss es nicht jetzt gleich lesen“ – dann sei das für ein Medienprodukt wie „Die Furche“ zu wenig.

Was damit genau gemeint sein kann, erläutert Chefredakteur Reitan. „Nehmen Sie die Kontroverse um die EU-Politik: Da ist ‚Die Furche‘ gefordert.“ Immer stärker stelle sich die Frage nach den Werten. „‚Die Furche‘ muss sich zu Wort melden, wenn eine Geschichte zusätzlich unsere Gewissen provoziert.“ Dabei wolle er das Blatt unter strikter Wahrung der Qualität und Seriosität bei der Auswahl der Themen etwas breiter anlegen, aktueller machen und leserfreundlicher gestalten. An der Länge der Artikel werde sich wenig ändern, das heißt, der Mut zu ausführlicher Gründlichkeit bleibt erlaubt. „Es gibt eine Menge von Leuten, die nicht das Aufregende, sondern das Wesentliche suchen, nicht das Sensationelle, sondern das Bedeutsame.“

Er wird nicht zuletzt als ehemaliger Chefredakteur von „Österreich“ wissen, was in der modernen Gesellschaft läuft. „Die Massenmedien sind die Antreiber, Klugheit und Feingefühl haben sich privatisiert“, sagt er. „Die Furche“ steht somit für die privaten Dissidenten zur Verfügung. Schaffelhofer formuliert den gleichen Gedanken so: „Wenn man die gesellschaftliche Diskussion dem Boulevard überlässt, ist das schlecht.“ Und: „Breiter werden heißt nicht banal werden.“

Interne Kommunikation. Das ist wahrscheinlich auch die Minimalanforderung, die die kleine, aber zwangsläufig individualistische und selbstbewusste Redaktion an die unvorbereitet auf sie eingebrochenen Neuerungen stellt. Es könnte noch mehr Erwartungen geben. Ein interner Kommunikationsprozess ist bei Reformen immer unvermeidlich.

Heinz Nußbaumer, neben Investkredit-Generaldirektor Wilfried Stadler einer der beiden Herausgeber des Blattes, gibt den Erneuerern in Redaktion und Verlag die geistige Richtung vor: „Umdröhnt von Trivialität, Banalität und einer empörenden Verluderung journalistischer Sitten sieht die Furche heute mehr denn je ihre Aufgabe – und ihre Chance: sich vor einer noch größeren Öffentlichkeit als bisher als anspruchsvoller Begleiter zu profilieren. Gegen geistige Provinzialität und Enge. Gegen postmoderne Beliebigkeit. Gegen Egozentrik und Schwarz-Weiß-Denken.“

Erschienen in Ausgabe 08+09/2008 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 112 bis 113 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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