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Medien

„Wenn Dichand scheitert, wäre das ein schöner Tag!“

Von Interview: Johann Oberauer

?Wer wird Bundeskanzler? Eine Prognose, Herr Perterer.

Manfred Perterer: Ich gebe keine Prognose. Aber wenn das Projekt des Herrn Dichand scheitert, wäre das ein schöner Tag. Es würde mich wirklich ärgern, wenn ich in der „Kronen Zeitung“ lesen müsste: „Wir haben gewonnen!“

Verärgert, weil nicht Sie den Faymann-Gusenbauer-Brief bekommen haben?

Mich ärgert nur, dass Spitzenpolitiker auf eine so schwachsinnige Idee gekommen sind, einen solchen Kniefall zu produzieren. Ich möchte nicht in der Haut des Herrn Faymann stecken. Sollte er Bundeskanzler werden, wird er sich jeden Tag anhören müssen, wer ihn dazu gemacht hat. Unfassbar, was hier aufgeführt wird. Ich bin froh, dass nicht nur einzelne das so sehen. So dumm sind die Leute nicht.

Sie könnten doch dasselbe auch mit Molterer machen – ein Gleichgewicht des publizistischen Schreckens schaffen.

Wir diskutieren manchmal intern, was wäre, wenn wir das tun würden. Die Leute würden uns fertig manchen, egal ob wir die SPÖ oder die ÖVP unterstützen. Und das zu Recht. Stellen Sie sich eine Pro-ÖVP-Kampagne bei der nächsten Landtagswahl in Salzburg vor. Jeden Tag in den „SN“: Haslauer ist super und Burgstaller ist – was weiß ich… Selbst ÖVP-Freunde würden sagen: Das ist zwar nett für den Haslauer, aber das ist nicht mehr meine Zeitung. Wir hätten Tausende Abbestellungen.

Also keine Gefahr für die Wiedergeburt der klassischen Parteizeitungen?

Ich habe ja geglaubt, es gibt mit ganz wenigen Ausnahmen keine Parteizeitung mehr in Österreich. Aber die „Kronen Zeitung“ führt sich momentan schon so auf. Ich wundere mich nur, dass es da keinen Aufschrei gibt.

Gibt es ja auch, aber nicht gerade laut.

Stimmt. Die bekommen schon Druck. Dann rudern sie auch wieder zurück, wie man immer wieder sieht. Mich wundert nur, dass die ÖVP sich nicht stärker wehrt. Aber ich glaube, der Vizekanzler Molterer sitzt da und wartet auf den Tag, an dem der Herr Dichand anruft und sagt, „Sie sind ja gar nicht so übel, Herr Molterer, machen wir ein Interview mit Ihnen“.

Was könnte die „Krone“ bremsen?

Ein paar hundert Abbestellungen machen der „Kronen Zeitung“ nichts, auch nicht 2.000, aber wenn es mehr würden, wird man auch dort hellhörig.

Ein 87-Jähriger, der nur noch stundenweise in der Redaktion ist, spielt mit Minimalaufwand eine ganze Riege junger, hochaktiver Chefredakteure an die Wand. Erklären Sie uns bitte, dass das nicht frustriert.

Frustrierend ist das nicht und ich glaube auch nicht, dass das eine Frage des Alters ist. Außerdem, man kann über Herrn Dichand sagen was man will, aber er kann einfach ausgezeichnet eine Zeitung machen, und schafft es, den Geschmack möglichst vieler Menschen zu treffen.

Ist die „Kronen Zeitung“ überhaupt noch eine Zeitung?

Nach journalistischen und demokratiepolitischen Kriterien kann man das bezweifeln. Sie ist im Moment eher ein Propagandainstrument für eine politische Partei und ein Propagandainstrument gegen verschiedene Einrichtungen, die EU zum Beispiel.

Färbt das EU-Trommelfeuer der „Kronen Zeitung“ auch auf Ihre Leser ab? Fragen welche an, ob die „SN“ nicht ein wenig schärfer beim Thema EU sein könnte?

Wenn die bei der „Krone“ ausrasten, ist uns das bei der „SN“ relativ egal. Dass es Kritik an der EU gibt, ist ja unbestritten und die sollte es ja auch geben. Aber wir sind Teil dieser EU. Die EU ist natürlich der ideale Sündenbock. Bisher war Wien Endstation für Suderanten, jetzt haben wir Brüssel. Dass wir bei jeder Entscheidung dabei sind und uns zu Hause dann nicht mehr erinnern können, ist ein anderes Kapitel.

Sie haben viele Jahre als Korrespondent in Brüssel verbracht und gelten als EU-freundlicher Chefredakteur. Schadet Ihre Haltung den „SN“?

Nein. Wir sind ja mittlerweile eine der wenigen Zeitungen in Österreich, die einen grundsätzlich positiven EU-Kurs hat – bei aller Kritik, das muss ich immer dazufügen. Das nützt uns eher, als es uns schadet. Es gibt ja gar nicht mehr viele Zeitungen, die sich das trauen.

Gleich nach der Wahl, Anfang Oktober, steht mit einem Relaunch der „Salzburger Nachrichten“ Ihre erste öffentliche Bewährungsprobe als Chefredakteur an. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet? Wie gut schlafen Sie?

Gut! Ich schlafe wunderbar. Es ist ja eine Illusion, zu glauben, ein Relaunch ließe die Verkaufs- und Leserziffern steigen. Und wenn sie es nicht tun, ist das ein Misserfolg.

So war die Frage auch nicht gemeint. Oft genug sinken die Leserzahlen nach einem Relaunch.

Wir haben ja keine komplette Schönheitsoperation vor, und wir sind vor allem kein optischer Sanierungsfall. Deshalb ist unser Relaunch ein sanfter. Die Gefahr ist natürlich immer da, dass Menschen, die sich an die bestehende Form gewöhnt haben, zunächst verwirrt sind. Meine Erfahrungen im Vorfeld sind aber sehr, sehr gute. Wir testen ab, wie die neuen „SN“ ankommen. Ich zeige die Entwürfe auch persönlich vielen Menschen und die Reaktionen sind zu 90, 95 Prozent sehr positiv.

Fünf oder zehn Prozent der Leser zu verlieren, kann Sie ja nicht befriedigen.

Das heißt ja nicht, dass wir jene, die am Beginn der Umstellung Schwierigkeiten haben könnten, verlieren würden. Wir haben viele Tests gemacht und kein einziger Leser würde die „SN“ abbestellen, wenn sie in der geplanten Form erscheinen würde.

Man hört, es gibt keinen Chefredakteur in der jüngeren Vergangenheit, der so intensiv seine Leser erforscht. Steckt dahinter die Sorge, dass man etwas falsch macht?

Das Motiv ist nicht Sorge oder Angst vor Fehlern, weil man die auch mit den besten Forschungsergebnissen machen kann. Andere haben ja auch ihren Relaunch vorbereitet, haben ausreichend getestet und sind trotzdem gescheitert. Ich will wissen, was die Kunden von uns wollen, um möglichst nahe an das heranzukommen – bei Bewahrung aller journalistischer Freiheit.

Das setzt voraus, das die Leute wirklich wissen, was sie wollen. Und wie wir alle wissen, ist genau das ja nicht zu ergründen.

Wir machen es ja auch nicht so billig, wie Sie in Ihrer Frage unterstellen. So gescheit bin ich auch, um zu wissen, dass die Meinungs- und Marktforschung gerade diese Frage nie beantworten kann. Aber am bestehenden Objekt kann man sehr viel erfahren. Und da hilft zum Beispiel Readerscan enorm, weil man immer sofort sieht, wie wird das, was ich soeben gemacht habe, angenommen.

Und sind Sie jetzt gescheiter geworden?

Ja. Mit Readerscan sind wir auf den Boden der Tatsachen geholt worden. Plötzlich stellt man fest, dass Teile der Zeitung nur minimal gelesen werden, dass der eigene Kommentar mit einer Leserquote von 30 oder 40 Prozent bereits sensationell beachtet ist, dass man sich verabschieden muss von der Vorstellung, dass alles, was wir täglich machen, von unseren tausenden Kunden mit Ehrfürchtigkeit verschlungen wird. Das war eine gewisse Ernüchterung, die aber auch gut war, weil sie einen enormen Diskussionsprozess innerhalb der Redaktion ausgelöst hat.

Weltweit investieren Zeitungen seit Jahren massiv in ihre Optik. Selbst kleinste Lokalzeitungen haben einen Stab von Designern. Warum leistet sich das bei uns niemand? Oder anders gefragt: Haben wir zu viele Redakteure, aber zu wenige Layouter, Bildredakteure, Fotografen?

Dieses Verhältnis ist sicher noch nicht optimal. Bei uns ist es schon wesentlich besser geworden. Wir haben bei den „SN“ jetzt zum ersten Mal Profis, die sich täglich mit dem Layout der Zeitung beschäftigen. In der Vergangenheit haben das bei uns die Journalisten gemacht, und so haben die Seiten dann zum Teil auch ausgesehen. Künftig werden die Titelseite, die Seite 3 und die Aufschlagseiten von Layoutern gestaltet werden.

Die „SN“ werden auch nach dem Relaunch nicht gerade modern aussehen. Warum sind deutschsprachige Zeitungen entgegen dem Welttrend optisch so langweilig? Kann man den Lesern nicht Flotteres zumuten?

Vergleichen Sie die neue „SN“ mit jener davor oder vor zehn Jahren, dann werden Sie Quantensprünge feststellen. Mod
ern, luftig, leserfreundlich, elegant.

Sie haben für Ihren Relaunch mit Mario Garcia einen der weltbesten Designer und Konzeptionisten engagiert. Warum sieht man davon kaum etwas?

Man sieht Garcias Handschrift deutlich, vermischt mit unserer Kultur. Die Zeitung spiegelt die innere Einstellung eines Landes.

Aber bitte! Würde Audi, Mercedes oder VW einfallen, für den deutschsprachigen Raum ein „braveres“ Produktdesign anzubieten?

Die machen doch das auch wie wir. Die entwickeln das erfolgreiche Auto nur sanft weiter.

Ja, aber auf Weltniveau.

Sie sehen ja, wohin Versuche führen, etwas völlig anderes zu machen.

Hoffentlich meinen Sie jetzt nicht „Österreich“.

Das machen Sie. Mut ist sehr wohl vorhanden, in bescheidenerem Maß, und wenn man sich ansieht, wie sich die „Presse“ oder der „Kurier“ entwickelt haben, da hat sich schon was getan. Ich teile nicht Ihre Meinung, dass wir ein biederes, verschlafenes, ärmelschonendes Design betreiben.

Verzeihung, optisch spannend sind unsere Zeitungen doch wirklich nicht.

Das sehen Sie so. Sie brauchen ja keine Tageszeitung zu verkaufen. Man muss schauen, was die Leute akzeptieren, und das ist die Messlatte.

In den vergangenen 20 Jahren wurden die „SN“ als nationale Qualitätszeitung positioniert. In den zwei Jahren Ihrer Chefredaktion gewinnt man den Eindruck, dass sie eine regionale Qualitätszeitung sein will, eine Salzburger Zeitung. Werden Sie jetzt provinziell?

Nein. Richtig ist, dass wir ein Drittel unserer Leser außerhalb Salzburgs haben. Von allen Regionalzeitungen Österreichs sind wir die mit dem größten überregionalen Erfolg. Dass wir ein Zeitung aus Salzburg sind, dafür brauchen wir uns nicht zu schämen. Im Gegenteil. Wir bringen eine erfrischende Sicht zum Wiener Einheitsbrei. Unsere volle Konzentration gilt dem Heimmarkt. Wir werden aber unsere überregionalen Ziele nicht vernachlässigen. Eine Qualitätszeitung, die nicht aus Wien kommt, behaupte ich jetzt mal großspurig, gibt es außer uns ja nicht.

Damit werden einige Leute bei der „Kleinen Zeitung“ nicht einverstanden sein?

Stimmt. Hubert Patterer ist mir immer böse, wenn ich das sage, ich tue ihm da auch unrecht. Die „Kleine Zeitung“ ist auch sehr gut.

Gibt es mit diesem regionalen Ansatz Spannungen innerhalb der Redaktion – vor allem mit den Kollegen in Wien? Sind Sie da noch gut Freund?

Die Wiener Kollegen haben längst verstanden, dass sie Mitarbeiter einer Salzburger Zeitung sind und nicht eine Wiener Zeitung machen.

Sie haben zu Beginn Ihrer Tätigkeit ziemlich herumgewirbelt. Sind die Jobrochaden nun abgeschlossen?

Es wird immer wieder Veränderungen in der Redaktion geben.

Wir reden nicht von den Indianern, sondern von den Häuptlingen.

Es gibt nur einen Häuptling (lacht). In der Führung der Redaktion hat es erst vor kurzem eine sehr positive Änderung mit Sylvia Wörgetter gegeben, die Chefin vom Dienst geworden ist. Ich bin sehr froh, dass endlich nun eine Frau dabei.

Sind die „SN“ nach dem bevorstehenden Relaunch dort positioniert, wo Sie die Zeitung haben wollen und dürfen wir das auch als Lebenswerk von Manfred Perterer sehen?

Sie geben mir ja ein kurzes Leben! Das Lebenswerk ist das sicher nicht. Das Stadium in dem man sagt, das ist es jetzt, wird es nie geben.

Erschienen in Ausgabe 08+09/2008 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 78 bis 81 Autor/en: Interview: Johann Oberauer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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