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Special Medizin
Der gläserne Patient
Von David Röthler
Die Suchmaschine Google feierte vor wenigen Wochen ihren 10. Geburtstag. Die Erfolgsgeschichte des seit 2004 börsennotierten Unternehmens ist fast unglaublich. Innerhalb weniger Jahre dominierte Google, das bei einem jährlichen Umsatz von 16 Mrd. US-Dollar einen Gewinn von 4 Mrd. US-Dollar erwirtschaftet, den Suchmaschinenmarkt. In Deutschland und Österreich liegt Googles Marktanteil bei Suchanfragen bei über 90 Prozent. Mittlerweile ist Google die wertvollste Marke der Welt vor General Electric, Microsoft und Coca Cola.
Aber Google ist nicht nur eine beliebte Suchmaschine mit mehr als einer Billion (1.000.000.000.000) eindeutiger URLs in seinem Index, sondern ein höchst effektives durch Werbung finanziertes Medienunternehmen. Neben der bekannten Websuche hat Google Dienste wie Nachrichten (Google News), Landkarten (Google Maps), Videos (YouTube), eMail (Gmail) und eine digitale Bibliothek mit Hunderttausenden eingescannten Büchern (Google Books) in seinem Repertoire. Darüber hinaus bietet der Medienkonzern ein Online-Office-Paket (Google Docs) an. Kürzlich erregte der von Google entwickelte Internetbrowser Chrome die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Dieser Browser wird als Angriff auf Microsoft interpretiert, da einige der technischen Funktionen einem Betriebssystem immer näher kommen. Mit dem mobilen Betriebssystem Android verfolgt Google eine ähnliche Strategie im Bereich der mobilen Endgeräte. Kürzlich kam das erste Smartphone mit Android in den USA auf den Markt.
Google ist sich seiner Macht bewusst. Dies wird auch durch Googles Leitspruch Dont be evil ausgedrückt, dessen Glaubwürdigkeit allerdings von immer mehr Experten angezweifelt wird. Der österreichische Informatiker Hermann Maurer fordert gar in einer Ende 2007 veröffentlichten Studie die Zerschlagung von Google. Google habe durch sein Monopol eine Machtfülle, die eine Gefahr für unsere Gesellschaft bedeute.
Google Health. Mit Google Heatlh, das sich seit Mai 2008 in der Beta-Phase befindet und vorerst nur gemeinsam mit US-amerikanischen Gesundheitsdienstleistern angeboten wird, stößt Google in ein neues Segment vor. Medizin und Krankenversorgung gehören zu den höchsten gesellschaftlichen Gütern neben beispielsweise Bildung und Ernährung. Seit einigen Jahrzehnten gibt es eine enge Beziehung zwischen dem Fortschritt in der Medizin und der Informatik. Während humanistisch und religiös motivierte Barmherzigkeit ein wesentliches Motiv des europäischen Gesundheitswesens von der Spätantike bis um 1800 darstellte, kam seit dem 19. Jahrhundert die naturwissenschaftlich geprägte Medizin als Leitprinzip hinzu. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts scheinen indessen Wirtschaftlichkeit und Nützlichkeitsdenken mit den erstgenannten Aspekten immer stärker zu konkurrieren.
In Google Health können Patienten und Gesundheitsdienstleister gesundheitsbezogenen Daten eingeben, die dann zentral abgespeichert werden. Die Hauptverantwortung für die Daten liegt dabei beim Patienten. Sobald man sich mit ein paar Mausklicks bei Google registriert hat, kann unter www.google.com/health/ ein eigenes recht übersichtlich gestaltetes Gesundheitsprofil angelegt werden. Dazu gehört beispielsweise Basisinformation über Alter, Geschlecht, Größe, Blutgruppe und wie in den USA üblich Rasse bzw. ethnische Zugehörigkeit. Weiters Information über Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahmen, Allergien, Operationen, diverse Testergebnisse und Impfungen. Ein Informationsaustausch ist mit ausgewählten Gesundheitsdienstleistern wie Kliniken und Apothekenketten in den USA bereits in beiden Richtungen möglich. Darüber hinaus erlaubt Google Health die detaillierte Suche nach Ärzten.
Zur Einführung in Europa hält sich Karl Pall, Google-Österreich-CEO bedeckt: Google Health ist noch kein Thema in Europa, da es das noch nicht gibt. Neue Dienste würden von Google dann angekündigt, wenn sie kommen. Von Google gibt es daher zurzeit keine weitere Auskunft.
Stefan Keuchel, Pressesprecher von Google Deutschland hält fest, dass Google Health ausschließlich für den US-amerikanischen Markt gedacht ist. Dort mache man bei ersten Tests positive Erfahrungen. Allerdings gibt es derzeit keine Pläne, diesen Dienst nach Europa zu bringen.
Öffentliche datenbanken. Dienste wie Google Health müssen auch in Zusammenhang mit den öffentlichen Bemühungen um eine verstärkte Digitalisierung des Gesundheitswesens gesehen werden. In Österreich wird die e-card der Schlüssel (im übertragenen und tatsächlichen Sinn) zur geplanten elektronischen Gesundheitsakte ELGA. Die Gesundheitsakte soll der elektronischen Sammlung und Verwaltung von den Krankheits- und Behandlungsverlauf eines Patienten betreffenden Daten (Befunde, Diagnosen, Therapien, Behandlungsergebnis, zugehörige Korrespondenz) dienen. Die Daten und Informationen stammen von verschiedenen Gesundheitsdienstleistern und vom Patienten selbst. Sie sollen orts- und zeitunabhängig am Ort der Behandlung allen berechtigten Personen entsprechend ihren Rollen und den datenschutzrechtlichen Bedingungen zur Verfügung stehen. Mit der Umsetzung in Österreich ist die Arbeitsgemeinschaft ELGA betraut, die sich aus Vertretern von Sozialversicherungen, Bund und Ländern zusammensetzt.
Durch eine rasche Verfügbarkeit der relevanten Behandlungsinformationen für die an medizinischer Leistungserbringung Beteiligten soll die Anamnesezeit verkürzt werden, sich die Therapieentscheidung auf eine bessere Informationsbasis stützen und Doppeluntersuchungen vermieden werden.
Kritik. Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten personenbezogenen Daten. Hans Zeger, Obmann der ARGE Daten, der österreichischen Gesellschaft für Datenschutz, hält privaten Angeboten den einzigen Vorteil zugute, dass Patienten die am vertrauenswürdigsten erscheinende Datenbank auswählen könnten. Allerdings unterliegen insbesondere die US-amerikanischen Anbieter nicht dem österreichischen Datenschutzgesetz. Der Zugriff beispielsweise des amerikanischen Heimatschutzministeriums sei damit nicht ausgeschlossen.
Ob die wirtschaftlichen Effekte durch die Vermeidung von Doppeluntersuchungen eintreten, ist fraglich. Allein aus Haftungsgründen wird sich ein gewissenhafter Arzt nicht auf Untersuchungsergebnisse vorbehandelnder Ärzte verlassen wollen. Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang ist die zu erwartende Datenflut. Ist ein Arzt verpflichtet, alles zu lesen, bevor er eine Behandlung beginnt?, fragt Sylvia Groth, Geschäftsführerin des Frauengesundheitszentrums in Graz.
Darüber hinaus besteht für Versicherungen, aktuelle oder potentielle Arbeitgeber ein hoher Anreiz zum Kauf bzw. Missbrauch der Daten. Dies kann zum Verlust des Arbeitsplatzes, teuren oder keinen Versicherungsabschlüssen und somit zu sozialer Ausgrenzung führen.
Eine für Google spannende, für Datenschützer aber umso bedenklichere Konstellation wäre die Zusammenarbeit von Google Health mit dem Gen- analyse-Unternehmen 23andMe. Das Unternehmen wurde von Anne Wojcicki, der Ehefrau des Google-Chefs Sergey Brin, mitgegründet und Google hält Anteile an diesem. Google hätte dann nicht nur die Gesundheitsdaten vieler Menschen, sondern zusätzlich deren genetische Information.
Links:
Studie der technischen Universität Graz vom September 2007: Report on dangers and opportunities posed by large search engines, particularly Google zum kostenlosen Download
www.iicm.tugraz.at/iicm_papers/dangers_google.pdf
Arbeitsgemeinschaft Elektronische Gesundheitsakte
www.arge-elga.at
Genanalyse-Unternehmen
www.23andme.com
Linksammlung des Autors zum Thema
http://delicious.com/davidro/googlehealth
Erschienen in Ausgabe 10+11/2008 in der Rubrik “Special Medizin” auf Seite 80 bis 80 Autor/en: David Röthler. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wen
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