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Porträt

Der Vollprofi

Von Elisabeth Horvath

Finanzkrise I. Reinhard Göweil, Ressortleiter Wirtschaft im „Kurier“, erklärt Zusammenhänge und Auswirkungen derart anschaulich, dass es jeder versteht.

Es ereignet sich stets das Gleiche: 15.30 Uhr täglich ist in der Redaktion der Tageszeitung „Kurier“ deadline. Zu diesem Zeitpunkt müssen alle Beiträge fertig sein. Zeitlichen Spielraum gibt es keinen. 25 Minuten zuvor allerdings sitzt der eine aus der Redaktion immer noch mit dem Handy am Ohr und recherchiert und recherchiert. Für eine halbseitige Geschichte, von der er noch kein einziges Wort in den Computer gehämmert hat.

Das ist Reinhard Göweil, 48, Ressortleiter Wirtschaft. Nicht, dass er mit den Recherchen zu spät beginnt und Stunden vorher dem Nichtstun frönt. Nein. Jeder andere gäbe sich längst schon mit den Ergebnissen zufrieden, die er bis dahin gesammelt hat. Ausreichend sind sie ja zumeist für das Doppelte an Platz, als man zur Verfügung hat. Nicht so Göweil. Er ist geradezu besessen davon, bis in die verästeltsten Details ein Thema auszurecherchieren und seinem Leserpublikum zu bieten. „Mir geht es darum zu vermitteln, welche Auswirkungen wirtschaftliches Tun hat bzw. haben kann. Diese Finanzkrise ist das Irrste, was wir bislang zu sehen bekommen haben. Und da genügt es nicht, Fakten zu bringen. Es ist ja alles viel komplexer. Man muss darstellen, warum das geschieht und vor allem, welche Folgen das für den Einzelnen hat. Ich erkläre, was diese Krise für die Leser selbst bedeutet, und ich bemühe mich, alles so darzustellen, dass jeder die Zusammenhänge verstehen kann.“

Dass der „Kurier“ am Höhepunkt der Finanzkrise mehrmals das Buch „Wirtschaft“ vor jenes der „Politik“ gereiht hat und seit Mitte Oktober die „Wirtschaft“ generell an zweiter Stelle platziert ist (zuvor war es die „Chronik“), entschied zwar die Chefredaktion, Göweil hat dies zumindest mitinitiiert.

Reinhard Göweil ist ein Vollprofi: Neugierig, leidenschaftlich, professionell, ständig unterwegs, beseelt davon, nichts zu übersehen, sozial engagiert und mit Sensoren ausgestattet, die ihn Entwicklungen schon sehr früh erkennen lassen. Er habe aber auch ein Top-Team zur Seite, versichert der Ressortchef. Er sei stolz auf sein Team. Immerhin „müssen viel mehr Seiten als sonst gefüllt werden und das mit dem bestehenden Team. Die Leute bringen ein starkes Engagement mit.“

Für seine Vorgesetzten allerdings ist der gebürtige Oberösterreicher nicht immer ein leichter Fall. Göweil kann auch recht eigensinnig sein und beharrend auf seiner Sicht der Dinge. Das hat ihm innerhalb der Redaktion auch den Ruf eingebracht, manchmal geradezu skurril auf etwas zu bestehen. Für die Position eines Ressortsleiters jedoch ist gerade diese Eigenschaft ein Vorteil – auch wenn es für Obere unbequem sein mag.

Und was das Verhalten des Herausgebers Raiffeisen gegenüber dem Wirtschaftsressortleiter angeht, so gehen die Aussagen darüber auseinander. Glauben manche Kollegen, dass die Berichterstattung über bestimmte Wirtschaftsthemen – etwa über Raiffeisen und den Bankrott des Staates Island – für Göweil eine Gratwanderung ist, so klagt der Ressortchef selbst über ganz was anderes. Das sei nicht das Problem, versichert er. „Denn zu 99 Prozent weiß Raiffeisen vorher gar nicht, was ich schreibe und wer meine Quellen sind. Während hingegen viele Kollegen bei manchen Geschichten glauben, Raiff- eisen stecke dahinter oder Raiffeisen habe mir die Geschichte gesteckt. Das hat mich früher sehr geärgert.“ Mit den Jahren freilich hat auch Reinhard Göweil gelernt, das einfach wegzustecken. Ein Vollprofi eben.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2008 in der Rubrik „Porträt“ auf Seite 86 bis 86 Autor/en: Elisabeth Horvath. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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