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Die Medien als Verführer?
Kommunikationswissenschaftliche Erkenntnisse für Journalisten. Aus dem Elfenbeinturm.
USA: Obama als Liebling der Medien
Barack Obama hat seinen Sieg nicht zuletzt dank der amerikanischen Medien eingeheimst. Während diese über Obama insgesamt ausgewogen berichteten, hätten sie in den letzten sechs Wochen vor der Wahl zu John McCain dreimal so viele negative wie positive Aussagen veröffentlicht – so konstatiert das Project for Excellence in Journalism, das den Wahlmarathon wissenschaftlich begleitet hat.
Noch krasser war der Vorsprung von Obama bei den Wahlempfehlungen, welche US-Tageszeitungen traditionell ihren Leserinnen und Lesern zur Wahlurne mit auf den Weg geben. Die Fachzeitschrift Editor & Publisher vermeldete als letzten Stand 240 so genannte Endorsements zugunsten von Obama, aber nur 114 für McCain. Auch meinungsführende Blätter wie die New York Times und die Washington Post hatten sich für Obama stark gemacht. Im letzten Wahlkampf hatte John Kerry mit 213 Empfehlungen nur einen knappen Vorsprung vor Bush mit 205.
Angeblich haben solche Wahlempfehlungen keinen Einfluss auf die Nachrichtengebung der Zeitungen. Zu den Mythen des amerikanischen Journalismus gehört die strikte Trennung von Nachricht und Kommentar: Facts are sacred, comments are free, heißt die Zauberformel die Fakten sind heilig, Kommentare sind frei. Bei einem internationalen Workshop von Medienökonomen, den die Universität Zürich soeben veranstaltete, ergab sich indes ein anderes Bild. Riccardo Puglisi (Freie Universität Brüssel) und James Snyder (MIT) haben den Mythos gründlich zerstört. Sie analysierten, wie 200 US-Zeitungen über 35 verschiedene politische Skandale berichtet haben. Dabei stellten sie fest, wie sehr Wahlempfehlungen und Skandalisierung miteinander verknüpft waren: Zeitungen, die Endorsements zugunsten demokratischer Kandidaten abgaben, hätten in ihrem Nachrichtenteil deutlich öfter republikanische Politiker skandalisiert und umgekehrt.
Links: www.journalism.org/node/13307
www.editorandpublisher.com/
Verschuldung: Ist das Fernsehen schuld?
Ein weiterer Beitrag zum Zürcher Symposion war brandaktuell, obschon es sich eigentlich um eine historische Analyse handelte: Lisa George vom Hunter College in New York glaubt zeigen zu können, dass das Fernsehen und die TV-Werbung ursächlich daran schuld sind, dass sich viele amerikanische Haushalte bis zur Halskrause verschuldet haben. Um das zu beweisen, muss die Forscherin allerdings in die 50er-Jahre zurückgehen: Ein flächendeckender Abgleich von Daten ist nur für eine Zeit möglich, als es noch viele Haushalte ohne TV-Zugang gab. Ihr Zahlenwerk deutete auf beeindruckende Weise auf den Zusammenhang hin, den George beweisen möchte. Aber sie betont, ihre Forschungsarbeit sei noch nicht abgeschlossen, es könnten auch ganz andere Veränderungen die Verschuldung ausgelöst haben. Mit Korrelationen ist das nämlich so eine Sache: Wenn weniger Babys auf die Welt kommen und es zugleich weniger Störche gibt, lässt sich damit leider nicht zweifelsfrei beweisen, dass uns die Störche die Babys bringen.
Lokal-TV: Höhere Wahlbeteiligung
Immerhin, das Fernsehen hat zumindest in der Schweiz auch seine guten Seiten, jedenfalls das Lokal-TV: Es stimuliert zu politischer Teilnahme an der Demokratie. Christine Benesch von der Universität Zürich kann anhand von Querschnittsdaten, die sie auf Gemeindeebene erhoben hat, zeigen, dass dort, wo sich Lokalsender etablieren konnten, vor allem bildungsferne Schichten mehr TV-Nachrichten gucken und sich dann auch häufiger an Wahlen beteiligen. Darauf dürften allerdings auch Politiker und Parteien reagieren. Wenn das Lokalfernsehen präsent ist, würden sie ihre Wahlkampagnen stärker personalisieren, statt sich auf politische Themen zu konzentrieren, vermutete die Forscherin beim genannten Workshop. Verstärkte politische Teilnahme sei allerdings nur dort zu beobachten, wo Sendegebiete und Kantonsgrenzen übereinstimmen. Für kantonsübergreifende lokale TV-Programme konnte sie den Effekt nicht nachweisen.
Erschienen in Ausgabe 10+11/2008 in der Rubrik “Rubriken” auf Seite 90 bis 91. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.
