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Die Teutonisierung des österreichischen Deutsch

Je mehr Hamburger oder Berliner Fernsehfilme in Österreich ausgestrahlt und empfangen werden, desto stumpfer werden hierzulande die Abwehrkräfte gegen die Invasion binnendeutscher Ausdrucksweise in der Alpenrepublik. Hat man vor noch nicht allzu langer Zeit den Kopf geschüttelt, wenn einem Kriminalkommissar nach dessen Läuten am Haustor beschieden wurde, er möge doch „hochkommen“, statt ihn einzuladen „heraufzukommen“, so ruft es heute nicht die geringste Reaktion hervor, wenn auch in Österreich Kommissare ermitteln, obwohl es bekanntlich (?) in unserer Polizei keine Kommissare, sondern Inspektoren gibt. Der berühmte vierbeinige Wiener Polizist Rex wurde schon von allem Anfang an zum Kommissar ernannt, weil er sich als solcher im bundesdeutschen Raum besser vermarkten ließ, als wenn er Inspektor gewesen wäre.

Doch das nur nebenbei. Es geht uns nicht um Amtstitel, und wir wollen nicht darüber streiten, ob ein Hofrat ohne Hof in Österreich oder ein Ministerialdirigent ohne Orchester in Deutschland absurder klingt. Wirklich ärgerlich ist die Verdrängung des in Österreich verbreiteten Deutsch durch das in nördlicheren Regionen gebrauchte Binnendeutsch. Und am ärgerlichsten ist das Scheinargument, dass das österreichische Deutsch „provinziell“ klänge. Norddeutsche Sprachkritiker wehren sich mit mehr oder weniger Recht gegen die Infektion des Deutsch durch Anglizismen, haben aber weniger Verständnis für den österreichischen Widerstand gegen Teutonismen. Sie kritisieren, dass „Kids“ manches „cool“ finden, muten uns aber „Jungs“ und „Mädels“ zu, statt sie Buben und Mädchen sein zu lassen. Pfannkuchen mit Aprikosenkonfitüre wollen sie uns als Nachtisch zu Frikadellen vorsetzen, wenn wir nach Fleischlaberln gern Palatschinken mit Marillenmarmelade als Nachspeise serviert bekommen hätten. Lasst uns unsere Paradeiser und Erdäpfel! Sie sind nicht weniger deutsch als Tomaten und Kartoffel.

Neuerdings genießen die Stoßtruppen des Teutonismus in Österreich den Sukkurs einer Fünften Kolonne in Wien: Denn während sogar der Duden anmerkt, dass der deutsche Wissenschaftler in Österreich und in der Schweiz Wissenschafter – ohne „l“ – ist, während Radio und Fernsehen und die meisten Zeitungen dies in der Regel auch beachten, plädierte der Kulturchef einer mit Recht hoch angesehenen Wiener Tageszeitung im Frühsommer 2008 eine ganze Zeitungsspalte lang für die „Rückkehr“ des „l“ mit dem Argument, dass es erst Adalbert Stifter in seinem „Nachsommer“ gewesen sei, der das „l“ aus dem Wissenschaftler verjagt hätte, Als ob sich die Schweizer von einem Böhmerwalder Dichter (und Linzer Schulinspektor) vorschreiben ließen, wo und wann sie ein „l“ setzen! Da fehlte nur noch die These, dass ohne den sächsischen Schriftsteller Karl May in den Prärien Nordamerikas und den Wüsten Arabiens „Kundschaftler“ und nicht Kundschafter herumschlichen!

Peter Klar

Erschienen in Ausgabe 10+11/2008 in der Rubrik “Rubriken” auf Seite 8 bis 9. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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