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Leben

Duos ohne PS-Wahn

Von Sophia T. Fielhauer-Resei

Drei Damen und zwei Herren haben bewusst gewählt – elegantes Blech, liebevolle Details und Technik. Journalisten und ihre Autos.

Nicht Schnellfahrer, sondern Reifengourmets sind es. Ich bin, was ich lenke – der eine steuert ein Auto, andere lassen den Wagen gleiten. Zum Strahlen bringen Journalisten schöne Rundungen, ausgereifte Technik und hoch Betagtes.

Der ungewaschene Traum

Formel 1 live via TV ist sinnvoll, vor Ort zuzusehen gehört für „profil“-Herausgeber Christian Rainer, 46, „zu den langweiligsten Dingen des Lebens. Man sieht nichts und landet daher zwangsläufig bald vor einem Bildschirm. Spannend hingegen sind live die 24 Stunden von Le Mans. Da ist man mitten drinnen unter Autoenthusiasten, die oft im Zweimann-Zelt neben ihrem Jaguar E übernachten“. Rainers erstes Auto war ein 2CV in giftgrün, gebraucht gekauft – „mit großem Werkzeugkasten, den ich auch bediente“ –, der Ente folgte ein Alfa Bertone 1300 Sprint. Mittlerweile sind es zwei Ferraris. Außen schwarz, innen rot ist der 412i, Baujahr 1986, konstruiert etwa Anfang der 70er-Jahre. „Er gehörte mal Franz Mayer-Melnhof, daher ist der Fahrersitz auch weit nach hinten verschiebbar, Spezialumbau, der entspann- tes Sitzen möglich macht.“ Rainers „absolutes Traumgefährt“. Allein der Technik wegen weiß der Herausgeber in Leidenschaft zu verfallen: „Eine Mischung aus Lastwagen und Amerikaner mit Dreigang-Borgwarner-Automatik und entsprechendem Verbrauch. Bei vollem Tank und 50 km/h ist ein Drift auf regennasser Ringstraße vor dem Parlament nicht nur möglich, sondern unumgänglich“. Ein Viersitzer, denn die Kindersitze für die fünfeinhalbjährigen Zwillingstöchter Noomi und Lola müssen Platz finden. „Ich fahre Sommer und Winter damit, er parkt auf der Straße und wird nie gewaschen.“ Der zweite Ferrari ist ein 456er, den Rainer als „Vernunftauto“ deklariert. „Zum gegebenen Zeitpunkt bekommt Noomi den einen und Lola den anderen. Und ich kaufe mir einen Dacia Logan Kombi.“ Selbst Ferrari-Fahrer Christian Rainer kann Spitzengeschwindigkeiten allein in einem Rundkurs etwas abgewinnen, auch Pferdestärken sind nebensächlich, allenfalls spielt das Verhältnis von Gewicht und Kraft eine Rolle. Dass bei Frauen eher Aston Martins Eindruck schinden, ist Christian Rainer überzeugt. Seine Erinnerungen an das Gefährt sind düster: „Mein Bruder besaß einen, den ich leider in Frauenbegleitung und ohne Kaskoversicherung zu Schrott fuhr.“ Auch die schönsten Autos verschaffen noch keine Geltung. „Prestige ist ein Gesamtkunstwerk, zu dessen Qualität ein Ferrari nicht unbedingt beiträgt.“

Die klassische Schönheit

Nach dem EU-Agrargipfel im März 1999 und einer durchwachten Nacht, hat die „Standard“-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid, 37, ihr MGB Cabrio (BJ 1973) erworben. Den Spontan-Kauf hat sie nie bereut. Ein Freund schleppte sie zu einer Messe, da war’s um die Journalistin geschehen. Begleitet von ihrem Mann Markus Föderl-Höbenreich, Chefredakteur n-tv, der einen Führerschein hat, aber niemals fährt. Sitzprobe: „Mein Mann ist größer, hatte aber auch bei geschlossenem Verdeck Platz.“ Probegefahren ist Föderl-Schmid nicht, erwarb den Wagen zum damaligen Preis von 20.000 Mark (ca. 10.000 Euro) und überließ ihrem Mann die Übernahme. „Ich habe ihm eine Checkliste in die Hand gedrückt, weil er sich nicht auskennt.“ Die erste MG-Testfahrt führte das Ehepaar am Gründonnerstag gleich von Berlin ins Mühlviertel, beide haben ihre Eltern dort. „Mit offenem Dach sind wir die Strecke durchgefahren.“ Föderl-Schmid reiht sich auch mit ihrem zweiten Oldtimer schon unter die Sammler. Den Jaguar S-Typ (BJ 1964), rechtsgelenkt, hat ihre Mutter 2006 im Internet für ihre Tochter entdeckt, in der Pension war dafür mehr Zeit. Er kostete 15.000 Euro, stand im steirischen Fonsdorf, benötigte Investition und parkt heute in Berlin. Den MG fährt die Chefredakteurin in Wien und leider zu selten. Wohnhaft im 1. Bezirk, kann sie zu Fuß in die Redaktion gehen. Für Auswärtstermine nimmt sie den Dienstwagen, ein 320er BMW. Faible für englische Autos hat sie seit ihrem Studium in Oxford, ein Semester lang und mit einem Stipendium der APA-Foundation. In ihrer Fahrkarriere hatte sie nicht einmal eine Delle, für sie gilt: „Der Weg ist das Ziel, nicht das Schnellfahren“. Den MG fährt Föderl-Schmid gerne an den Marchfeld-Schlössern vorbei, wenn denn Zeit bleibt. Als Pendlerin ist in Berlin am Wochenende der Jaguar dran.

„Meine Autos steigen im Wert und ich glaube, gegenüber der Wertsteigerung habe ich kaum etwas investiert.“ Auch Alexandra Föderl-Schmid ist durchaus Normalwagen gefahren – ihr erstes Auto war ein gebrauchter Fiat Panda. Als Korrespondentin in Berlin hatte sie lange gar kein Fahrzeug. Der Jaguar fährt verbleit, für den MG reicht Superbenzin. „Theoretisch bin ich ein Öko-Schwein, aber ich fahre so wenig. Unter der Woche erledige ich meist alles zu Fuß, habe also kein schlechtes Gewissen.“ Oldtimer-Rallyes interessieren die Journalistin nicht: „Stoßstange an Stoßstange durch die Landschaft zu fahren, finde ich wenig ansprechend.“ Angeberei sind Oldtimers nicht, aber durchaus vorteilhaft. „Der MG wird oft vorgelassen, ist ein kommunikatives Auto, das positive Reaktionen auslöst.“ Klein und wendig das eine, eine richtig wuchtige Limousine das andere. Einen Neuwagen kann sich Alexandra Föderl-Schmid nicht vorstellen, denn: „Die sehen alle gleich aus. Alte Autos sind unverwechselbar, es ist noch echtes Design“. Kein Statussymbol, sondern Vergnügen.

Die britische Katze

Ein paar Mal pro Woche schnurrt die bald 19-jährige Katze, sonst wartet sie in der Garage auf Auslass. Gefüttert mit stolzen 90 Litern Benzin. Ein Jaguar in Jade-Metallissée, XJ6, 240 PS, G-Kat. Hinterradantrieb, automatisches Vierganggetriebe.

Die Zeichnerin, Autorin (Stadtroman „Boboville“/ Residenzverlag 2008) und Regisseurin („Blue Moon“) Andrea Maria Dusl, 39, hat ihn auf den Motorseiten des Online-„Standard“ entdeckt. Gebrauchte Mini Coopers verblichen hinter Traumkarosserien zu erschwinglichen Preisen. Dusl war verloren. Die Katze stand in Graz, gab keinen Laut von sich – Dusl war enttäuscht, ihr Bruder, der Familien-Motorexperte, trotz allem beeindruckt. Nur eine winzige Unpässlichkeit, Verstopfung. Gesund und munter brachte der Händler den XJ6 zum Treffpunkt, Andrea Maria Dusl ließ die Katze nicht mehr ziehen. Die Limousine ist der erste eigene Wagen, hinter ihr liegen 35 Jahre Fahrrad, Zug und Straßenbahn. Ein schlechtes Gewissen mag sie sich nicht einreden lassen: „Mein Öko-Bewusstsein hat sich geändert. Die Wohnung verbraucht wenig Energie, ich fahre mit dem Rad, gehe viel zu Fuß. Mit dem Jaguar bin ich niedertourig, mit Automatik und Kat unterwegs“. Als „Falter“-Autorin hat Dusl es in der Wochenzeitung so beschrieben: „Höchstgeschwindigkeit 249 km/h, Verbrauch im Comandantina-Modus 9 Liter/90 km“. Unter Comandantina Dusilova führt sie ihren Blog. Die Jaguar-Fahrer sind „eine kleine Gemeinde von Wahnsinnigen“, diesen Club hat Andrea Maria Dusl unbeabsichtigt bereits vor vier Jahren betreten. Mit ihrem Film „Blue Moon“ von der Generalkonsulin in Hongkong geladen, wurde sie in einem Jaguar herumkutschiert. „Das hat mich hedonistisch infiziert. Weil es ein rechtsgesteuertes Fahrzeug ist, saß ich praktisch schon am Fahrersitz“. Gleiten in ihrem viertürigen, fünfsitzigen Wagen, ein „technisches Kunstwerk“, das Dusl nicht Auto nennt. Elektrisch verstellbare Sitze und Spiegel, getönte Scheiben, Leder und Nuss, an der Schnauze ein Chromjaguar. „Der Jag ist wie guter Sex, er kann wirklich alles, wozu man aufgelegt ist, ja sogar im Stehen kann er verzücken.“ Dusl liebt Werkzeuge, die „einfach funktionieren“– sei es stets nur eine Kugelschreiber-Serie oder Apple von Anbeginn. Auch die Katze ist bloß ein Werkzeug, hat keinen Kosenamen, wird nicht in ein Gespräch ver
tieft. Ein „Regie-Auto“, auch Kollegen wie Peter Zadek, Michael Haneke und Harald Sicheritz fahren ihn. Und er dient schlicht „der Optimierung von Lebensqualität. Es soll nicht arrogant klingen, doch wenn ich schon im Auto sitzen muss, dann lieber in einem guten. Ein Auto, das nicht beschleunigen kann, ist nicht lustig. Der Jaguar hat etwas mit Möglichkeit zu tun“. Unauffällig neben der Automatikschaltung liegt die Taste „Sport“, die dem Wagen enorme Kraft entlockt. Auf der Straße lässt die Katze goldene Felgen glitzern, ob sie noch vom Erstbesitzer und Märchendichter Folke Tegetthoff stammen, hat sie nicht verraten.

Der schöne Italiener

Meist parkt er ums Eck der „Österreich“-Redaktion. Claudia Semrau (ehemals Chefredakteurin „News Leben“) ist bei der Tageszeitung für Gesundheit und Reise zuständig. Er, das ist ihr Alfa Romeo 147, 105 PS. Dabei ist ihr gleichgültig, welche Kraft unter der Motorhaube steckt, wenn nur das Design entspricht. Das fängt mit dem Emblem an – rotes Kreuz, Schlange mit Drachenkopf. Das Mailänder Wappen, Sitz von Alfa Romeo. Und endet beim Kennzeichen, das an der Fahrzeugfront nach außen versetzt angebracht ist. „Alles, was außerhalb der Norm ist, entspricht und gefällt mir.“ Die Orient-Liebhaberin schätzt Gegensätze wie in Dubai. Auch in ihrem Zuhause – dort residieren Buddhas neben italienischen Sofas. Ästhetik, tiefes Schwarz, fünf Türen – leichtes Verstauen der Einkäufe. „Ich finde es unnötig, in Wien einen Maserati zu fahren, auch ein Jaguar passt besser zu einem englischen Lord. Ich würde nie ein Auto kaufen, das einen starken Motor und hohe Funktionalität hat, wenn es mir nicht gefällt.“ Vor über zwei Jahrzehnten lenkte Semrau einen alten Fiat, ihm folgten die öffentlichen Verkehrsmittel. Danach ein gebrauchter, weißer BMW und ein schwarzer 3er-BMW. Kommentar eines „News“-Kollegen: „Du fährst ja ein Macho-Auto“. Zuletzt besaß sie ein silbergraues BMW-Cabrio. Teuer im Erhalt, entschied sich die Journalistin für mehr Sparsamkeit. Der Mini zu klein und unsicher auf der Autobahn, der Smart ebenso und auch noch „abgehackt“ in der Erscheinung. „Wichtig ist die Linienführung, die Italiener können eben designen. Alfa steht für Sportlichkeit, Emotionen und Individualismus. Und dieses Marketing-Konzept ist bei mir offensichtlich aufgegangen.“ Claudia Semrau fährt unfallfrei und, wie Freunde behaupten, trotzdem „unkonzentriert“. Dass Frauen die besseren Autofahrer sind, bezweifelt sie: „Frauen fahren risikofreier und sicherer, aber auch holpertatschiger.“

Der Frisierte

Thomas Grumböck, 33, leitet das Ressort Auto und Motor der „Oberösterreichischen Nachrichten“, war Besitzer eines Fiat 127, VW Golfs und besitzt als dritten Wagen seines Lenkerlebens einen Mini. „Als Kind waren natürlich Ferrari und Porsche meine Traumautos. Je mehr ich Autos testete, desto mehr sank das Interesse an Sportwagen. Privat würde ich mir nur ein umweltfreundliches und sparsames Auto kaufen.“ Grumböck fährt Probe: günstige Autos wie den Dacia Logan und teure Schlitten wie einen Lamborghini um 200.000 Euro. „Früher war ich Schnellfahrer und Motorsportfan. Fan bin ich heute noch, aber die Geschwindigkeit steht im Hintergrund – das ist die Reife des Alters. Bis 25 hat man sich ausgetobt.“ Grumböck schätzt, dass die Autokäufer hohe PS aus Prestigegründen wählen. Den VW Phaeton, prominentes Unfallauto mit 360 PS, beurteilt der Motor-Experte im besten Sinne: „Er ist das sparsamste, billigste und vernünftigste Dienstauto in der Liga der Chauffeur-Limousinen“. Seit 2003 fährt Thomas Grumböck seinen Mini Cooper S, 200 PS, zu Kaufzeiten war er noch Autofanatiker. „Die meisten PS für das geringste Geld. Er ist frisiert, das war für mich Understatement – der Mini hatte serienmäßig nur 163 PS, kostete 20.000 Euro.“ Derzeit ist der Kleine bei Grumböcks Freundin im Einsatz, mit dabei ist auch der gemeinsame Golden Retriever. Grumböck fährt zwei Wochen lang ein Testauto, allein im Alltagseinsatz kommt er dabei auf rund 2000 Kilometer, bisweilen ist die Strecke nach Wien oder München dabei. Hiernach wird gleich wieder ein neuer Wagen getestet, weshalb er nicht zum Fahren des Minis kommt. Sein Zweitauto ist ein 30 Jahre altes Mercedes-Wohnmobil mit 69 PS, gebraucht um 5.000 Euro. Mit einer Spitze von 80 km/h reist er in Österreich, der Schweiz, Italien und Kroatien umher – als klassischer Städtetourist, nicht als Camper. An die reduzierte Geschwindigkeit muss sich der Motorjournalist aber jedes Mal erst wieder gewöhnen.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2008 in der Rubrik “Leben” auf Seite 72 bis 74 Autor/en: Sophia T. Fielhauer-Resei. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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