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Zukunft

Gratis, schnell, vernetzt und bunt

Von Markus Peherstorfer

Zukunft VI. Online-Journalismus. Für das Leitmedium der Zukunft gelten die gleichen Qualitätskriterien wie für andere journalistische Produkte, sagen Experten. Aber: Glaubwürdigkeit muss man sich im Netz härter erarbeiten als sonst wo.

Was nichts kostet, ist nichts wert – dieser Spruch werde sich auch bei Online-Nachrichten durchsetzen, hieß es lange Zeit. Doch das scheint vorbei zu sein. „Der Trend geht eher in eine andere Richtung“, sagt Klaus Meier, Professor für Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt. „Bezahl-Inhalte haben einen entscheidenden Nachteil“, erklärt Meier: „Nur kostenlose Inhalte können massenhaft über Suchmaschinen erreicht werden. Und der meiste Traffic – auch auf journalistischen Websites – wird künftig über Suchmaschinen gesteuert.“ Eine Erkenntnis, die sich auch nach Österreich durchgesprochen hat: Bei DerStandard.at plane man, den bisher kostenpflichtigen Zugang zu archivierten Artikeln in Zukunft freizugeben, verrät Chefredakteurin Gerlinde Hinterleitner.

Online-Nachrichtenportale haben sich auch in Österreich längst zu einem Massenphänomen entwickelt: DerStandard.at hatte laut Österreichischer Webanalyse (ÖWA) im September 2008 nicht weniger als 1,3 Millionen Unique Clients – eine Reichweite, von der die Printschwester in Lachsrosa nur träumen kann. Damit steht der Online-Standard auf Platz drei der österreichischen Nachrichten-Websites.

Knapp davor liegt Oe24.at – der Online-Ableger von Wolfgang Fellners „Österreich“ kommt laut ÖWA auf 1,4 Millionen Unique Clients (auch wenn man beim Konkurrenten nicht müde wird zu betonen, dass der Großteil der Nutzer eigentlich gar nicht Oe24.at besuchen, sondern das damit verbundene Wetter.at). Unangefochten an der Spitze bleibt weiterhin ORF.at mit respektablen 3,6 Millionen Unique Clients.

Die Personalausstattung der Online-Redaktionen wird kontinuierlich besser. DerStandard.at beschäftigt bereits um die 50 Journalisten, bei Oe24.at sind es immerhin 16. Ganz neue Spezialisierungen sind entstanden, sagt Klaus Meier: Experten etwa für Multimedia-Storytelling, für Community-Management oder für Suchmaschinen-Optimierung.

Damit Geschichten bei Google & Co. ganz vorne landen, müssen sie mit den richtigen Schlagworten versehen sein – aber auch für jene Nutzer, die ihren Blick von vornherein über eine bestimmte Nachrichtenseite wandern lassen, sind die richtigen Stichworte in den Überschriften und Anreißern entscheidend. „Reizwörter“ nennt sie Gerlinde Hinterleitner: „Wurscht, wie gut die Geschichte ist, das wird angeklickt“. „Haschisch“ sei etwa so ein Wort.

Auf der anderen Seite gebe es aber auch Themen, „die wichtig wären, die aber keinen interessieren. Es ist halt frustrierend.“ Obwohl man im Netz in Echtzeit verfolgen kann, welche Geschichten wie oft gelesen werden, lasse man sich beim Online-Standard in der Themenwahl nicht beeinflussen, beteuert Hinterleitner: Es sei immer noch die Redaktion, die bestimmen müsse, was wichtig sei und was nicht.

Ganz andere Nachrichtenwerte herrschen im Universum des „User-generated Content“. Ein Projekt von CNN gilt hier als Vorreiter: Auf iReport.com kann jeder Texte, Bilder und Videos über aktuelle Ereignisse beitragen. CNN-Onlinechefin Susan Grant möchte das Konzept aber nicht überbewertet wissen: „Auf iReport erscheint zunächst einmal das, wovon die Nutzer glauben, es handle sich um Nachrichten. Das ist etwas anderes als auf CNN.com.“

Letztlich besuche das Publikum ein Portal wie CNN.com, weil es eine „verlässliche Informationsquelle“ suche: „Die Leute schätzen unsere Website, weil sie dort eine redaktionelle Einordnung finden. Wenn wir eine Geschichte ganz groß mit einem Bild links oben auf der Seite haben, dann heißt das: Das ist die wichtigste oder interessanteste Geschichte im Moment.“

Ins selbe Horn stößt auch Gerlinde Hinterleitner. Trotz allem Gerede von „Blogosphere“ und „Bürgerjournalismus“ im Netz, werde professioneller Online-Journalismus auch künftig gefragt sein, sagt sie: „Der Journalismus beschäftigt sich damit, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Das wird einem auch in Zukunft nicht erspart bleiben.“

„Was wir liefern, muss stimmen“. Letztlich gelten online die gleichen Qualitätskriterien wie sonst auch, sagt Susan Grant: „Was wir liefern, muss stimmen, muss schnell online sein und muss relevant sein.“ Gleichzeitig stellt das Internet auch neue Anforderungen. Themen müssen „greifbar und anschaulich umgesetzt“ sein, sagt Doris Rauh, die Video-Ressortchefin von Oe24.at. Und zwar „mit allen Mitteln, die zur Verfügung stehen: Bilder, Hintergrundinformationen, Vernetzungen zu anderen Geschichten, Video“.

Video ist gerade bei Oe24.at ein großer Schwerpunkt, sagt Rauh: „Wir sind nicht auf die Zulieferung der APA angewiesen, sondern haben eigene Videoredakteure, die Berichte selbst gestalten.“ Als einziges Online-Medium in Österreich habe Oe24.at einen eigenen Video-Agenturfeed. In der Redaktion wird auch eine tägliche Nachrichtensendung namens „100 Sekunden“ produziert.

Über ein eigenes Videoteam denkt man auch bei DerStandard.at nach, sagt Gerlinde Hinterleitner. CNN.com wiederum hat den Vorteil, auf die haus- eigenen Fernsehkanäle zurückgreifen zu können. Das Programm wird, in kleine Videohäppchen unterteilt, nicht nur auf der Website angeboten: CNN-Videos lassen sich gratis auch auf beliebigen anderen Websites einbauen. Die Filmchen laufen in eigens gebrandeten Playern und vor dem eigentlichen Beitrag kommt ein 15-sekündiger Werbespot.

„Die Nutzer verstehen das auch, dass es die Werbung erst möglich macht, solche Angebote zu finanzieren“, sagt CNN-Onlinechefin Grant. Zum Glück gebe es mittlerweile eine ganze Reihe von Möglichkeiten, im Internet zu werben. Fast alle großen CNN-Werbeverträge beinhalten inzwischen eine Online-Komponente, in 50 Prozent der Fälle sei ein Online-Videoclip Teil des Geschäfts.

Online-Werbung hatte lang mit Problemen zu kämpfen: Zu unsicher waren die Methoden, mit denen Reichweiten gemessen wurden; demografische Daten der Nutzer werden überhaupt erst seit kurzem erfasst. Dazu kommt, dass einige Werbeformen beim Publikum nicht unbedingt auf rasende Begeisterung stießen. Aber man hat gelernt: „Bei uns gibt es schon seit längerer Zeit keine Popups mehr“, sagt Gerlinde Hinterleitner. Und Klaus Meier berichtet von „exorbitanten Zuwachsraten“: „Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis mit Online-Werbung mehr umgesetzt wird als zum Beispiel mit Zeitungswerbung.“

Eine Strategie werde von Nachrichtenwebsites bisher noch viel zu wenig genutzt, sagt Meier: „Es rentieren sich nicht nur Geschichten, die heute aktuell und morgen schon wieder alt sind, sondern auch langfristige Themen, die vielleicht nur eine kleine Zielgruppe interessieren. Über Suchmaschinen werden diese Geschichten immer wieder aus den Archiven gekramt.“ Auf langfristig wichtige Themen zu setzen, biete sich besonders bei aufwendig multimedial aufbereiteten Geschichten oder Flash-Animationen an.

Alles online – auch das Papier? Dass durch das Internet die klassischen Medien aussterben würden, ist nach allen Erfahrungen in der Geschichte der Massenkommunikation kaum zu befürchten. Aber: Gerade in den jüngsten Altersschichten gehen im Moment nicht nur Print-Auflagen, sondern mittlerweile auch die Reichweiten des Fernsehens zurück. Vor dem Hintergrund sinkender Einschaltquoten wundert es auch nicht, dass in Deutschland private Medienhäuser derzeit massiven politischen Druck ausüben, um die Online-Aktivitäten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einzuschränken. Sie fürchten um ihr Geschäft.

Wahrscheinlich sind solche Scharmützel aber nur vorübergehende Erscheinungen. Denn, so glaubt Doris Rauh, in ein paar Jahren werde es gar keinen Unterschied mehr geben zwischen Fernsehen und Internet. Ein und dasselbe Gerät werde beide Aufgaben übernehmen, statt linearem Fernsehprogramm könne sich jeder User selbst nach seinen eigenen Vorlieben aus dem Angebot bedienen.

Das gl
aubt auch Klaus Meier. Außerdem würden schon bald mobile Empfangsgeräte gang und gäbe sein, auf denen man online Texte lesen, Videos anschauen und Musik hören werde, sagt Meier. Und er legt noch eins drauf: „Ich denke da zum Beispiel an das ‚elektronische Papier‘, das vielleicht aussieht und faltbar ist wie eine Papier-Zeitung, aber über Funkverbindung permanent online ist und viel mehr kann als bedrucktes Papier.“ Womit dann wenigstens ermüdende Endlosdiskussionen über „Online first“ obsolet wären.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2008 in der Rubrik “Zukunft” auf Seite 46 bis 49 Autor/en: Markus Peherstorfer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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