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Special Medizin

„Ich bin doch kein Volltrottel“

Von Interview: Ekkehard Brandhoff

Hademar Bankhofer, der bekannteste Medizinjournalist ist ins Gerede gekommen – der Vorwurf: Schleichwerbung.

Am 24. Juli 2008 geht über die Ticker eine Presseerklärung des WDR: „Die Zusammenarbeit mit Prof. Hademar Bankhofer, der bislang als Gesundheitsexperte in der Service-Rubrik des ARD-Morgenmagazins tätig war, ist mit dem heutigen Tage beendet. Grund dafür ist der Anschein auf Schleichwerbung unter anderem für Produkte aus dem Gesundheitsbereich.“ So schnell kann es gehen. Gestern noch der Heilsbringer der Nation, heute Verdammter auf dem Scheiterhaufen. Die Instrumente der Inquisition bestanden zunächst aus einem Freiburger Wissenschaftler, welcher sich wohl beim WDR bitterlich über Bankhofers fehlende Kompetenz in Sachen Schulmedizin beklagte, dann aus einem zusammengeschnittenen Video, welches Bankhofer beim Aussprechen des verdächtigen Terminus „Klostermelisse“ zeigt, und später aus dem Gremium der seriösen Wissenschaftsjournalisten, welche den bereits verurteilten Ketzer zusätzlich ächteten. Ein Abweichler hat es immer schwer, denn die reine Lehre will rein bleiben. Was klar ist: Geschmierter Journalismus ist glitschiger Journalismus. Aber Nachtreten auf Gestolperte ist auch nicht ruhmreich. Und muss alles so sein, wie es in einer Pressemitteilung des WDR („Anschein auf Schleichwerbung“) ja auch lediglich nur angedeutet ist?

Herr Prof. Bankhofer, wie sehr hat Sie Ihre unfreiwillige Demission beim WDR persönlich und gesundheitlich angegriffen?

Hademar Bankhofer: Es beschäftigt mich natürlich, wie schnell man mit einer anonymen Beschuldigung – noch dazu drei Jahre alt – auf Verdacht und ohne zugestandene Unschuldsvermutung, die sonst üblich ist, eiskalt abgeschossen werden kann. Gesundheitlich hat sich nichts verändert. Stressbewältigung ist ein Thema, mit dem ich mich schon seit Jahren befasse.

Was war Ihr erster Gedanke im Moment der definitiven Aufkündigung der Zusammenarbeit mit dem WDR?

Das kann doch nach zwölf Jahren Zusammenarbeit nicht wahr sein …

Haben sich die Moderatoren-Kollegen vom Morgenmagazin einmal bei Ihnen gemeldet?

Selbstverständlich. Wir mailen und telefonieren.

Es schien immer als hätten Sie ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu den Kollegen der Sendung. Oder ist da vieles an Freundschaften nicht echt?

Diese kollegiale Zusammenarbeit und Freundschaft war nicht gespielt. Wir haben ja in den zwölf Jahren auch viele gemeinsame wunderbare Aktionen, die große Zuschauer-Erfolge waren, durchgeführt: Außenschaltungen von Erdbeer-, Kürbis- und Spargelfeldern, der Einsatz auf der Schweizer Alm während der Fuball-EM, wo wir in Schlafsäcken und bei kaltem Wasser die Tage verbracht haben. Ich sage nach wie vor: Ein Traum-Team, wunderbare Kolleginnen und Kollegen.

Für was hielten Sie die Kollegen: Einen Journalisten, einen Naturmedizin-Verfechter oder gar für einen Mediziner?

Natürlich haben alle gewusst, dass ich Medizinjournalist bin, der sehr stark naturorientiert ist. Keiner hat mich für einen Mediziner gehalten. Ich habe das ja auch seit 35 Jahren deutlich in meinen Büchern und in Interviews zum Ausdruck gebracht, schon allein, weil ich mit vielen namhaften Ärzten und Wissenschaftern zusammenarbeiten darf und mich deutlich von ihnen abgrenzen wollte und will. Auch meine Kollegen haben mich als Mittler zwischen dem Publikum und der Ärzteschaft gesehen.

Manche werfen Ihnen vor, dass Sie den Professoren-Titel nicht explizit genug als „nicht medizinisch“ deklariert bzw. offen gelegt haben.

Dieser Vorwurf ist eine ausgedachte Lüge, weil wir im ARD-Morgemagazin und bei fast allen anderen Auftritten meinen Professoren-Titel gar nicht verwendet haben. Und zwar bewusst, um solche Behauptungen zu verhindern. Und in allen meinen Büchern wird deutlich der Medizinjournalist betont.

Hat es vor Ihrer Kündigung beim WDR schon Anschuldigen hinsichtlich seitens Journalisten-Kollegen, Medizinern oder anderer Personen gegeben?

Es hat keine Anschuldigungen gegeben. Außer, dass der betreffende Wissenschafter, der jetzt über mich hergezogen ist, selbst aber auch kein Mediziner ist, vor drei Jahren von der ARD gefordert hat, mich wegen meiner Naturtipps aus dem Programm zu nehmen. Aber bitte, lassen Sie mich zwei Sätze zu den Worten „vor Ihrer Kündigung“ sagen: Es gab in all den zwölf Jahren keinen Vertrag mit dem WDR. Ich wurde alle 14 Tage am Donnerstag als „Interview-Gast“ für ein Honorar von 538 Euro eingeladen. Von Kündigung oder Entlassung kann also keine Rede sein. Dieser Eindruck ist aber in der Öffentlichkeit entstanden.

Gab es zuvor in all den Jahren beim WDR von Seiten des Senders Abmahnungen oder Ähnliches?

Nein. Es gab viele positive Reaktionen, auch von Ärzten.

Muss man nicht bei ganz objektiver Betrachtung der Tatsache, dass Sie mit einer bestimmten Firma einen Beratervertrag haben und dann im Rahmen einer Sendung des WDR einen Terminus erwähnen, der ein Produkt dieser Firma quasi featured, annehmen, dass das so etwas wie Werbung für dieses Produkt war?

Der Eindruck könnte entstehen. Aber es war nicht so. Ich wusste doch, wie sensibel dieses Thema seit der großen Schleichwerbung-Skanale im WDR vor einigen Jahren war. Ich wäre doch ein Volltrottel gewesen, hier meine Auftritte zu riskieren. Außerdem ist inzwischen allen klar, dass der Terminus „Klostermelisse“ bei Hildegard von Bingen ebenso vorkommt wie in Theodor Fontanes Roman „Irrungen und Wirrungen“. Dass das inzwischen ein geschützter Titel ist, war mir nicht bekannt. Ich bin sogar erstaunt, dass man so einen Titel schützen kann. Außerdem: Bei Nennung des Namens Klostermelisse ist man noch lange nicht beim Melissengeist angelangt, sondern eher beim Tee.

Sind Sie in Ihrer journalistischen Arbeit nicht eindeutig kommerziell positioniert und weniger objektiv, investigativ oder deskriptiv?

Ich kriege, wie Hunderte andere Kollegen natürlich auch Presse-Mappen von Agenturen zu mediznischen und naturheilkundlichen Themen. Was interessant ist, verwertet man, was nicht interessant ist, wirft man weg. Ich habe nie den Standpunkt vertreten, dass man als Journalist grundsätzlich immer gegen alles sein muss. Das ist ja keine echte Objektivität.

Ihre Homepage wirkt sehr gut beworben. Gefährdet das nicht die Objektivität?

Die Homepage wird mit Google-Werbung bestückt. Auf die Inhalte der Werbung hat die Homepage keinen Einfluss. Das ist wie mit Inseraten in Zeitungen.

Ihr Ruf scheint nicht allzu sehr beschädigt. Nicht nur der private Sender RTL-Bayern, sondern auch der ORF arbeiten offensichtlich gerne weiter mit Ihnen. Hat der ORF gründlich geprüft, ob Sie irgendwann mal im ORF in die Nähe von Schleichwerbung geraten sind?

Der ORF hat natürlich geprüft, nichts gefunden. Wobei das klar war, da ein Sicherheitsnetz von Redakteuren für alle Sendungen, in denen ich aufgetreten bin, vorhanden war und ist.

Wie wird man eigentlich Gesundheitsexperte? Gibt es da ein Geheimnis bzw. wie erklären Sie sich selber Ihren rasanten Aufstieg?

Das dürfen Sie nicht mich fragen. Ich habe mir diesen Titel nicht gegeben. Der ist in den Medien entstanden. Ich habe mich immer – auch in den Lebensläufen meiner Bücher – deutlich als Medizinjournalist ausgewiesen. Und das wird man durch Lesen, Lesen, Lesen, Informieren, durch Teilnahmen an Symposien und Kongressen, durch Kontakte zu in- und ausländischen Universitäten, durch ständiges Recherchieren und durch das Bemühen, schwierige Zusammenhänge verständlich weiterzugeben. Das machen aber auch Hunderte andere Kollegen. Ich finde aber auch den Ausdruck vom „rasanten Aufstieg“ übertrieben. Ich arbeite seit 35 Jahren als Medizinjournalist.

Können Sie sagen, für wie viele Printblätter genau Sie Kolumnen schreiben?

Es sind derzeit insgesamt fünf.

Auch bei den Firmenchefs der Gesundheitsmedizinbranche sind Sie offenbar sehr beliebt. Müssen Sie da nicht viele Werbe-Anfragen der Industrie abwehren?

Das weiß ich nicht, ob ich in dieser Ebene beliebt bin oder nicht. Da
rum habe ich mich nie gekümmert. Etwaige Werbeanfragen halten sich in Grenzen.

Hat es im Umkehrschluss unangenehme Reaktionen oder irgendwelche Demontageversuche der chemischen Pharmaindustrie gegeben?

Es schien mehrere Male so, aber es ist nicht zu beweisen.

Viele Medizinjournalisten-Kollegen müssen ganz schön darben bzw. verdienen nicht blendend. Hat Sie Ihre viele Arbeit sehr reich gemacht?

Erstens habe ich in meiner 35-jährigen Berufszeit als Medizinjournalist sehr karge Jahre erlebt, die ich nicht vergessen werde. Und das ist auch gut so. Nur die anderen gestehen einem das nicht zu. Zweitens hat mich die Arbeit nicht reich gemacht. Ich habe keine Traumvilla und auch kein Auto. Mein Stolz sind in meinem Garten das Bio-Gemüse und meine Kräuter. Aber es geht mir gut.

Hatten Sie in den vergangenen Wochen einmal das Gefühl, dass Ihr „Fall“ der Berufsgruppe der Medizinjournalisten Schaden zugefügt haben könnte?

Nein. Ich habe mit vielen Kollegen Gespräche geführt. Als Quintessenz ist dabei herausgekommen, dass es am besten ist, wenn man in Ruhe arbeiten kann und nicht zu bekannt wird, was man ja nicht steuern kann. Denn kaum bis du zu populär, kriegst Du eine über die Rübe. Speziell im deutschsprachigen Raum wird man hochgejubelt und dann wieder heruntergeholt. Da machen die Medien fleißig mit. Daher muss man wissen: Im Fernsehen zu sein, das ist nur eine zeitbegrenzte, geliehene Popularität, die schnell wieder vergehen kann.

Wie lange wollen Sie noch als Gesundheitsexperte arbeiten?

Ich möchte als Medizinjournalist arbeiten – wenn auch mit zunehmendem Alter tempogebremst –, solange ich mich fit fühle.

Erschienen in Ausgabe 10+11/2008 in der Rubrik “Special Medizin” auf Seite 76 bis 79 Autor/en: Interview: Ekkehard Brandhoff. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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