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Zukunft
Zusperren ist keine Option
Von Engelbert Washietl
Zukunft I. Wirtschaftskrise, von oben und unten betrachtet: Österreichs Medien tauchen vermutlich ganz gut durch.
Schon in der zweiten Nummer in Folge versucht der Journalist” herauszufinden, ob und wie sehr sich Medienmenschen vor den Folgen der Wirtschaftskrise fürchten sollen. Medienmenschen: also alle, die in dieser Branche ihr Brot verdienen oder vielleicht sogar Einfluss auf Unternehmenskonzepte haben.
Die kurz gefasste und tröstliche Antwort: Trotz aller Sorgen, die realistisch sind, gibt es niemanden, der Zusperren zu den denkbaren Optionen zählt.
Verleger und Geschäftsführer reden selten darüber, dass ihre Unternehmen recht ordentliche Gewinne einfahren. Sie verhalten sich wie Ölmultis. Ihre Belegschaften merken von gestiegenen Gewinnen so wenig wie die Autofahrer von gesunkenen Rohölpreisen.
Medienhäuser haben in den vergangenen Jahren nicht nur ausgebaut, sondern auch den einen oder anderen Fettpolster angelegt. Medienunternehmen sind zumeist über die typischen Gewerbeplantagen der österreichischen Wirtschaft hinausgewachsen und keine Kleinen und Mittleren Unternehmen” (KMU) mehr. Laut Definition der Wirtschaftskammer, die konform mit EU-Definitionen geht, sind Unternehmen ab einem Umsatz von 50 Millionen Euro und ab einer Mitarbeiterzahl von 250 bereits als Großunternehmen zu betrachten. Im Umsatz schaffen die wenigen Konzerne wie Mediaprint, Styria, Moser Holding, News-Gruppe und ORF diese Hürde locker, selbst einzelne Zeitungsbetriebe liegen über der KMU-Marke. Sogar die Austria Presse Agentur, die keine Druckerei braucht und ohne die sündteure Vertriebslogistik einer Zeitung auskommt, bringt es im laufenden Jahr auf rund 58 Millionen Umsatz. Konzernmütter wie Media- print und Styria Medien AG bewegen sich an der 500-Millionen-Marke, der ORF schreibt 296 Millionen Euro Werbeeinnahmen in seinen Finanzplan, kann aber 504 Millionen Programmentgelte der Hörer und Seher dazu rechnen.
Der Umsatz allein ist keine brauchbare Kennzahl, ab einer gewissen Betriebsgröße wird mit ihm aber zumindest in einem gut geführten Unternehmen der Handlungsspielraum größer. Wenn die Konjunktur einbricht, ist noch lange nicht das Ende der Tage angebrochen. Personalpolitisch sind österreichische Verleger als notorische Sparer zu outen. Umsatzmäßig verfügen sie über ein Großunternehmen, aber mehr als 250 Beschäftigte hat im Jahresdurchschnitt nicht jeder ihrer Einzelbetriebe. Wenn die Konjunktur läuft, sind die Medienmanager vielleicht bereit, dort, wo fünf Mitarbeiter fehlen, doch zwei anzustellen oder ständig zu beschäftigen, aber auch wieder nur so provisorisch, dass sie sofort freizusetzen” wären, wenn es knapp würde. Für den Vorarlberger Medienzaren Eugen Russ sind Tageszeitungsjournalisten überhaupt ein Gräuel in der Jahresbilanz (siehe Umfragekasten Seite 30).
Wo die Personaldecke sowieso zu knapp ist, gibt es im Notfall auch wenig zu kündigen. Das ist der Unterschied, der schon im Krisenjahr 2001/2002 die österreichische Situation frappant von den Einbrüchen verschonte, die von großen und oft auch sehr vornehmen deutschen Medienhäusern gemeldet wurden. So viele Leute, wie dort beim ersten Konjunkturschnupfen abgebaut wurden, sind in österreichischen Betrieben gar nicht vorhanden.
Also müsste fast jedes Medienunternehmen nach fünf Jahren guter bis prächtiger Konjunkturlage eigentlich einmal auch ein negatives Jahresergebnis problemlos verkraften. Über ein potentes und der katholischen Kirche nicht gerade fern stehendes Unternehmen sagte ein Kenner der Lage: Was soll’s. Wenn die im nächsten Jahr nur noch knapp schwarze Zahlen schreiben oder sogar ins Minus rutschen der da oben (er deutete gegen den Himmel) kommt nicht in die Aktionärsversammlung.”
Aus Deutschland und erst recht aus Amerika treffen genau wie 2001 bereits die ersten Horrormeldungen ein. Der Chef von Gruner+Jahr, Bernd Kundrun, betrachtet es als notwendig, dass wir in den nächsten Wochen in all unseren Ländern unser Portfolio um jene Titel bereinigen, die keine Aussicht haben, die Krise zu überstehen”. Dass der News-Verlag, der zu G+J gehört, davon überhaupt nicht betroffen sein soll, darauf schwört News”-Boss Oliver Voigt. Der WAZ-Konzern will nach den Worten des Geschäftsführers Bodo Hombach einige Hundert Jobs streichen. Rundfunkanstalten klagen über sinkende Werbeeinnahmen. Die DPA zitiert Philip Meyer aus dem American Journalism Review” mit den Worten: Das Endspiel für die Zeitungen ist in Sicht.”
Aber auch bezüglich USA sind Differenzierungen angebracht. Ja, die Auflagen sinken in den USA dramatischer als in Europa und könnten 2008 ein Minus von nahezu fünf Prozent schaffen. Entlassungen in vierstelligen Größenordnungen sind nichts Neues in Konzernen, die von der Stakeholder-Peitsche getrieben werden. Der Marktwert der US-Medienunternehmen sei laut Investmentbank Goldman Sachs um rund 60 Prozent eingebrochen. Aber andererseits klingen die leidvollen Klagen darüber in den Ohren von Europäern, die auch als Autofahrer im Gegensatz zu den Amerikanern schon vor 15 Jahren den Wert verbrauchsarmer Autos zu schätzen gelernt haben, nicht ganz so schlimm. Branchenspezialist Peter Appert von Goldman Sachs meint in der Tat, dass die US-Zeitungsverlage angesichts weiter sinkender Werbeeinnahmen (2008: minus 14,1 Prozent) lernen müssen, mit Profiten von unter 20 Prozent zu leben”. Na eben.
Somit sieht auch die Chefin des österreichischen Media-Unternehmens PanMedia Western, Elisabeth Ochsner, auf Grund ihrer Kenntnis der Werbebranche keine Ursache für Panik. Die Werbung hat bis jetzt noch nicht reagiert. Es gibt keinen Rückgang”, stellt sie fest (siehe Interview Seite 38). Es gebe einen Block von Medien, die noch immer satte Gewinne machen.
In der klassischen Werbung hat die Printbranche in den ersten neun Monaten 2008 um 7,6 Prozent, bei den Tageszeitungen stieg der Werbewertsogar um 10,8 Prozent , als im Vergleichszeitraum 2007 natürlich nur brutto und als Anhaltspunkt genommen. Aber von einem Absturz kann bis Ende September nicht die Rede sein. Dem ORF-Fernsehen freilich geht es mit minus 5,7 Prozent nicht so toll. Im Reich der bunten Leichtgewichte des Magazinmarkts bietet die wirtschaftliche Großwetterlage offenbar die Gelegenheit, ein paar unnötige Titel verschwinden zu lassen. Styria mustert im Wiener Styria Multi Media”-Haus kräftig aus. Nicht alles hat Geld gebracht, wofür im Okular eine Zielgruppe vorhanden zu sein schien. In Vorarlberg geht das Echo” ein.
Unter Druck geraten auf jeden Fall die Journalisten. Die Medienbranche ist zu einem idealen Biotop für prekäre Beschäftigungsverhältnisse abgemustert worden. Die in Tageszeitungen angestellten Journalisten sind zwar nach wie vor die Bannerträger eines klassischen Journalismus, der tagaus tagein die gesellschaftliche Diskussion vorantreibt und das demokratische Selbstverständnis sogar in undemokratischen Phasen aufrecht hält. Aber siehe da: Die ökonomischen Rahmenbedingungen scheinen nebenbei auch die Gelegenheit für ein kleines Schlachtfest zu geben wenn schon nicht unter Opferung der Journalisten, so doch der Kollektivverträge. Sternförmig prasseln die Geschosse auf den Tageszeitungsjournalisten-KV ein abgefeuert vom Chef des Zeitungsverbandes VÖZ, Horst Pirker, von Eugen Russ und jetzt dezidiert auch vom Vorstandsvorsitzenden der Moser Holding, Hermann Petz. Er ist nebenbei im VÖZ auch der Vorsitzende des Kollektivvertrags-Ausschusses.
Der Kollektivvertrag für Journalisten bei Tageszeitungen produziert ein Durchschnittsgehalt, das mit anderen Branchen nicht vergleichbar und in heutigen Zeiten nicht haltbar ist”, behauptet Petz. Wahrscheinlich nur ein Drittel oder eher nur ein Viertel der Journalisten unterliegen diesem Kollektivvertrag, und ihre Konditionen übertreffen die aller anderen. Aber es ist utopisch, dass diese Konditionen für alle gelten könnten.” Weil der geltende KV im Kern in einer Zeit geschrieben wurde, in der es kein Internet gab und die heutigen Arbeitskonditionen nicht bestanden, sieht Petz den Moment für e
ine Generalreform gekommen: Da ist mein Ansatz, dass man sich dem Wandel stellt und eine ganz große Lösung sucht, auch mit Übergangslösungen für jene, die jetzt noch privilegiert sind. Das ist die Einladung, die ich schon lange ausspreche in der Hoffnung, dass es eine Verhandlungszusage der Gewerkschaft gibt. Ich bin für Kollektivverträge und nicht für einen kollektivvertragsfreien Raum. Aber zugleich für eine Lösung, die die absehbare Entwicklung abbildet und faire Übergangsbestimmungen vorsieht.”
Darüber wird man reden müssen. Aber ein Viertel der Journalisten als privilegiert zu punzieren, bloß weil in ihren Anstellungsverträgen auch der Wert ihrer journalistischen Leistungen durchschlägt, schaut von unten betrachtet anders aus. Unter dem Titel Privilegienabschaffung” sollen offenbar die Einkommen aller Journalisten auf einen Mindeststandard abgesenkt werden. Petz versucht zu beruhigen: So wie man Gratis- und Kaufzeitungen nicht in einen Topf werfen kann, kann man auch nicht von Einheitsjournalisten ausgehen. Ein Journalist, der die Serviceseiten in einer Bezirkszeitung macht, ist nicht mit einem Journalisten vergleichbar, der politische Interviews mit dem Bundeskanzler macht. Da muss es Differenzierungsmöglichkeiten geben. Würde man aber heute alle Zeitungen neu gründen und in das Medienspektrum einbetten, das es gibt, dann kämen wesentlich andere Bedingungen im Kollektivvertrag heraus, als heute drinstehen. Sie sind historisch in anderen Zeiten und mit einer ganz anderen Zahl von Mitarbeitern entstanden.” Eine Warnung, die der Medienexperte Paul Farhi in der Washington Post” erhob, könnte doch irgendwie auch in Österreich Aufmerksamkeit erregen: Jeder Einschnitt in die Redaktionen macht eine Zeitung weniger nützlich und attraktiv, das macht dann die nächste Kürzungsrunde erforderlich und so weiter: … eine Todesspirale.”
Erschienen in Ausgabe 10+11/2008 in der Rubrik “Zukunft” auf Seite 26 bis 27 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.
