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Beruf

Der Mord an einem Sportredakteur

Von Gerhard Lukesch

Warum war der Schuss in den Kopf von Günther Schädel so genau gezielt? 20 Jahre nach dem Mord scheint nun Aufklärung möglich.

Es war keine „große Geschichte“, die dem Sportredakteur Günther Schädel (42) von den „Oberösterreichischen Nachrichten“ im Februar 1988 das Leben kostete. „Es war ein ganz banales Motiv“, sind die Ermittler der Kripo überzeugt, warum „Mungo“ durch einen Schuss in den Kopf starb.

Der Fall ist absolut rätselhaft, in Journalistenkreisen jedoch unvergessen: Der gebürtige Steirer Günther Schädel, der es selbst am liebsten hörte, wenn er „Mungo“ gerufen wurde, war am 26. Februar 1988 nach der Berichterstattung über die Olympischen Spiele in Calgary gegen 23.15 Uhr von der „OÖN“-Redaktion zu einer Lokaltour in die Altstadt aufgebrochen.

Wie die Ermittlungen der Polizei ergeben haben, hatte Schädel gemeinsam mit einer schwarzhaarigen Frau die Lokale „Vanilli“, „s’Linzerl“, „Antiquitätenstuben“ und die „Sansibar“ in der Altstadt besucht. Schädel ist ausgelassen, heiter, trinkt ein paar Bier. Dann trennten sich die Wege von Günther Schädel und der Frau, der Sportjournalist blickte am 27. Februar gegen 3.30 Uhr noch kurz alleine in das Lokal „Klausur“ und wollte über den Tummelplatz nach Hause gehen.

Ab diesem Zeitpunkt beginnt für die Linzer Kripo das große Fragezeichen. Sicher ist, dass Günther Schädel gegen 3.45 Uhr von einem Taxifahrer bewusstlos und mit blutigem Kopf im Schnee auf dem Tummelplatz gefunden wird. Der Taxilenker alarmiert die Rettung.

Obwohl Herz und Atmung von Günther Schädel bereits ausgesetzt haben, gelingt dem Notarztteam des Roten Kreuzes zunächst eine Wiederbelebung. „Es hat zunächst nur danach ausgesehen, dass der Patient im Schnee ausgerutscht ist, auf den Kopf gestürzt und sich dadurch die schweren Verletzungen zugezogen hat“, erinnert sich ein Sanitäter. „Die alarmierte Polizeistreife ist auch wieder weggefahren, weil es nicht nach einem strafbaren Delikt ausgesehen hat“.

Im Notfallraum des Allgemeinen Krankenhaus Linz stellt sich rund 50 Minuten später die vermeintliche Sturzverletzung im Röntgen als Kopfschuss heraus: Das Projektil, Kaliber 7.65 mm, war zwei Zentimeter vor dem rechten Ohr eingedrungen und im Stirnbereich stecken geblieben. „Wir waren alle überrascht, als wir im Röntgen das Projektil gesehen haben“, sagt ein Arzt, der in der Notfallaufnahme war. „Bei uns gibt es ja kaum Schussverletzungen, die noch bei uns im Spital landen, schon gar keine, die durch Fremdverschulden verursacht sind.“ Alle ärztlichen Bemühungen sind vergeblich: Gegen 5.45 Uhr stirbt der Journalist, der seit rund 21 Jahren bei den „Oberösterreichischen Nachrichten“ tätig war, noch vor einer Notoperation.

Bereits mit dem Ablauf und den Umständen der Auffindung von Günther Schädel begannen die Probleme in den polizeilichen Ermittlungen: Nachdem starker Schneefall herrschte und Einsatzfahrzeuge und Sanitäter am Fundort aktiv waren, konnten rund zwei Stunden später von den Kriminaltechnikern mögliche wichtige Spuren nicht mehr gesichert werden. Welche Fußabdrücke im Schnee gehörten zu wem? Welche Reifenspuren waren von Taxi, Polizei und Rettung? Eine schier unlösbare Aufgabenstellung.

Zunächst war auch unklar, ob es sich bei der Tatwaffe um einen Revolver oder um eine Pistole handelt. „Wir haben die ganze Umgebung des Fundortes mit einem Metallsuchgerät durchkämmt“, erinnert sich ein Spurensicherer. Nach Stunden, am Nachmittag des Tattages, findet die Polizei schließlich die Hülse einer Patrone des Kalibers 7.65 Millimeter im Schnee.

Diese Hülse ermöglicht wenige Tage später die Identifizierung der möglichen Tatwaffe. „Höchstwahrscheinlich ist eine, Frommer stop’ oder, Frommer Baby’ die Pistole“, stellen die Kriminalisten nach Schusstests fest. Beide Modelle haben das Kaliber 7,65 Millimeter und wurden ab 1911 in Ungarn hergestellt. Diese Waffentype wurde auch im ersten Weltkrieg verwendet. Beide Pistolen sind auch in Sammlerkreisen äußerst selten, da sie seinerzeit nur in einer relativ geringen Stückzahl hergestellt wurden. Es beginnt eine mühevolle Kleinarbeit: Rund 50 registrierte Frommer-Pistolen werden überprüft, doch alle scheiden als Tatwaffe aus. „Höchstwahrscheinlich war die Pistole nicht registriert und stammte noch von irgendeinem Dachboden“, rätseln die Kriminalisten. In den folgenden Jahren tauchten immer wieder „Frommer“-Pistolen oder Teile davon auf, doch keine war die Tatwaffe.

Die damals sichergestellte Hülse des Tatprojektils könnte jetzt die große Chance der Kriminalisten sein: „Ja, wir werden die nach dem Mord am 27. Februar 1988 entdeckte Hülse auf DNA-Spuren untersuchen lassen“, bestätigte der oberösterreichische Sicherheitsdirektor Alois Lißl. Die Kriminalisten stützen sich dabei auf eine wissenschaftliche Publikation aus England. Zwei Experten der Staffordshire University untersuchten, wie weit DNA-Spuren auch auf ausgeworfenen Patronenhülsen sicherzustellen sind. Die Arbeit mit dem Titel „The Retrieval of a DNA profile from Spent Cartridge Cases“ („Die Gewinnung von einem DNA-Profil von ausgeworfenen Patronenhülsen“) wurde wissenschaftlich publiziert und die Methode in England und den vereinigten Staaten von Amerika bereits mit Erfolg angewendet. „Wir haben große Hoffnung, denn der Täter muss ja die Patronen beim Befüllen des Magazins angreifen. Dass damals jemand Handschuhe verwendet hat, ist unwahrscheinlich“, sagen Kriminalisten.

„Wir haben in dem Fall noch immer mehrere Verdächtige. Wir werden sie zum DNA-Test bitten, um damit bereits mögliche Vergleichsproben für die Spuren auf der Hülse zu erhalten“, sagt Sicherheitsdirektor Lißl. Rätsel um Täter und das Motiv bleiben: War es Rache? Oder Eifersucht? Ein Zusammenhang mit dem Beruf des Opfers wird von den Ermittlern „mit Sicherheit“ ausgeschlossen. „Günther Schädel war an keiner heißen Story dran“. Für die Kriminalisten stehen bis heute vier Verdächtige im Akt. Bisher gibt es jedoch keine Beweise.

Erschienen in Ausgabe 12/2008 in der Rubrik „Beruf“ auf Seite 94 bis 97 Autor/en: Gerhard Lukesch. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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