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Die große Schreib- und Krabbelstube - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

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Leben

Die große Schreib- und Krabbelstube

Von Sophia T. Fielhauer-Resei

Zwischen Windel wechseln und trösten, unterhalten und füttern, können sie recherchieren, schreiben und Ressorts leiten. Journalisten-Mamas und Papas sind Organisationskünstler und vielfach auch Nachtarbeiter.

Brabbeln nebst Krabbeln, Kinderkrankheiten zum Frauenleiden Karriereknick. Freie Journalistinnen fürchten um Aufträge, die ihnen nicht mehr zugetraut werden und dessenthalben auch nicht zugeteilt. Sie machen ihre Mutterfreuden nicht allzu öffentlich. Andere haben Glück mit aufgeschlossenen Chefredakteuren, flexiblen Arbeitsplätzen und einem Bundesland, das kinderfreundlicher ist als Wien.

Karrieresprünge nach der Karenzzeit sind wohl eher die Ausnahme. Die Tiroler Journalistin Liane Pircher, 34, hatte Tochter Zoe, heute fünf, nicht eingeplant. Pircher und ihr Mann Robert Deutschmann, er sattelte vom Dipl.-Krankenpfleger in der Neurologie zum Goldschmied um, teilten sich beim ersten Kind die Karenz – je eineinhalb Jahre: „Ich kenne keinen männlichen Kollegen, der in Karenz ging, Väter mit anderen Berufen allerdings schon. Der Mann einer Kollegin ist Physiker und ging in Karenz, ein anderer, Oberarzt, reduzierte auf 80 Prozent. Bei Zoe habe ich mir als Redakteurin schon Sorgen gemacht, dass mich nach der Karenz ein Abstieg erwartet“ – doch es kam anders. Pircher kehrte in die „Tiroler Tageszeitung“ zurück. „Länger daheim zu bleiben wäre sicher ein Risiko gewesen. Ich habe immer Kontakt gehalten, war am Laufenden und habe immer wieder ein bisschen was gemacht. Ich war also nicht einfach weg.“ Eine Vorgangsweise, die Liane Pircher ihren Kolleginnen nur empfehlen kann. Und sie traute sich noch mehr zu: 2006 kam Sohn Theo auf die Welt und schon 2007 übernahm die Journalistin die Leitung des Kulturressorts. Dieses Jahr bekam sie von ihrem Chefredakteur Frank Staud das Angebot, die Leitung der „TT“-Sonntagsausgabe (startete als Kleinformat im August) zu übernehmen.

An zwei bis drei Tagen pro Woche ist Pircher in der Innsbrucker Redaktion, sie pendelt dann 45 Kilometer vom Familiensitz in der Gemeinde Mieming in die Hauptstadt, die restliche Woche arbeitet sie von zu Hause aus. „Ich habe daheim einen Anschluss an das Redaktionssystem und kann voll in die Seiten einsteigen. An den Redaktionstagen organisiere ich die Sonntagszeitung, das ist sehr effizientes Arbeiten – meistens ohne Mittagspause. Meine eigenen Geschichten schreibe ich mehr oder weniger immer nachts, weil da in der Redaktion keine Zeit bleibt.“ Während die Mutter in der Redaktion den Sonntag pflegt, sorgt sich der Papa daheim um Theo und Zoe. Er arbeitet derzeit in Elternteilzeit – also zeitlich eingeschränkt. Ein riesiger Vorteil, denn Liane Pircher muss ihre Kinder „nicht morgens in eine andere Umgebung verschiffen. Theo ist mit zwei Jahren ja doch noch sehr klein“. Was die Eltern während der väterlichen Vollzeitkarenz erlebt haben, ist einerseits zum Lachen und andererseits deprimierend. Liane Pircher wurde zu Kaffeekränzchen im Mütterkreis eingeladen, jedoch, sie hatte keine Zeit. Der Vater schon. „Die Mütter haben sich schwer getan, einen Mann einzuladen. Ja, das haben wir unterschätzt, die sozialen Netzwerke, die Frauen bilden. Da fehlt es einfach noch, mein Mann war viel alleine.“

Dass ihr das heikle Jonglieren zwischen Kindern und Zeitung überhaupt gelingt, hat also viele gute Gründe: „Ohne meine Leidenschaft für den Beruf würde es nicht funktionieren und der Chefredakteur kommt mir mit Flexibilität entgegen – was zählt, ist das Output. So eine Jobmöglichkeit mit zwei Kindern zu haben, ist toll.“ Es hat aber auch seine Nachteile: in ihrer Position muss sie immer erreichbar sein. Auch an jenen Tagen, an denen sie zu Hause ist. Das Handy kann Liane Pircher nicht einfach ausschalten.

In Wien weiß ein Journalisten-Vater die Babywelt geschickt in die Schreiberei einzuweben und schafft dabei den Sprung in ein anderes Ressort. Timo ist sechs Monate alt, Sohn von Leo Szemeliker, 40, stellvertretender Ressortleiter der Wirtschaft im „Standard“, und einer Psychologin. Der Kleine ist berüchtigter Held der „Kinderwagen“-Kolumne und taucht regelmäßig unter dem Pseudonym „Wurm“ im Autoressort auf. Mit der Idee, Auto und Kind in Worte zu packen, ging Szemeliker bereits 1996, lange vor seiner Vaterschaft, schwanger. Der damalige Leiter der Motorredaktion wies das Ansinnen mit dem Vermerk „Blödsinn“ ab. Dabei hatte in Szemelikers Freundeskreis der „Babyboom“ eingesetzt, wunderbare Anekdoten bereicherten des Junggesellens Welt.

Elf Jahre später konnte der Journalist Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid auf der „Standard“-Weihnachtsfeier 2007 binnen Minuten überzeugen. Der „Kinderwagen“ debütierte am 15. Februar 2008 mit allen Belangen, von Speiben bis Kindersitz, von Babyhotel bis Jaguar.

„Meine Frau war im sechsten Monat schwanger, wir haben zum Kolumnenstart gerade Wohnung und Mobilitätsraum angepasst, ein Auto gekauft.“ Am 23. Mai schreibt der werdende Vater: „Ich überbrücke die Zeit bis zur Ankunft des jungen Herrn mit Lektüre. Die Montageanleitung für den Kindersitz etwa: Jedes Mal, wenn ich Derartiges lese, komme ich mir wie ein Analphabet vor. Jede Wifo-Konjunktur-Prognose, jede Analyse zur Finanzkrise ist einfacher zu raffen … Nächtens träume ich noch ein bisserl. Unlängst von einem Porsche, den ich mir im Traum geleistet hatte: einen weißen 911er SC aus dem Jahr 1981 …“ Der erträumte Porsche wandelte sich in einen realen Skoda Roomster. Am 3. Juni 2008 kommt Timo auf die Welt, Szemeliker schreibt nach dem Spital visionär: „Am Mittwoch fuhr ich knapp vor Mitternacht mit unserem tschechischen Kinderwagen nach Hause …“. Präventiv hat er gleich eine Entschuldigung ad Ökosauerei für seinen Sohn, in der Kolumne bereits 20 Jahre alt, parat: „Unser Tschechenauto war damals wie eine rollende Versorgungsstation … Der Liter Sprit kostete auch schon knapp 1,50 Euro. Ich weiß eh, gerade ein Viertel dessen, was er heute kostet …“.

Eine Entschuldigung für den Jaguar wird vielleicht folgen: „Der Wurm ist schon Jaguar gefahren. Testwagen, Achtzylinder, supercharged, 416 PS. Er ist in der Sekunde, als die Maschine startete, unbeeindruckt eingeratzt. Das macht er zu allen Maschinengeräuschen – Staubsauger, Geschirrspüler, Waschmaschine, meine bevorzugten Geräte zurzeit.“

Szemelikers „Standard“-Kolleginnen sind vom „Kinderwagen“ angetan, die Kollegen erzählen von eigenen Erfahrungen und Föderl-Schmid meint: „Die Frauenkolumne erscheint bei uns im Autoteil.“ Mails erhält Szemeliker zu 80 Prozent von Leserinnen. Ein Brief aus Vorarlberg erging gar an die Chefredaktion: „Die Frau hat sich wahnsinnig beschwert, dass ich meinen Sohn ‚Wurm‘ nenne und meinte, ich müsse ein schlechter Vater sein.“ Dabei, abseits der Freiheit, seine Kinder auch kleine Monster, Quälgeister und Zwerge zu nennen, haben Timos Eltern eine plausible Erklärung, basierend auf dem Ultraschallbild der neunten Woche: „Er war neun Millimeter groß und wurmartig. Dann hat meine Frau im Urlaub Schundhefterl wie „Gala“ gelesen und in ihrem Horoskop stand: Bei Ihnen ist der Wurm drin.“ Der „schlechte Vater“ Leo Szemeliker wird 2010 seine viermonatige Karenz antreten.

So ausladend seine Beschäftigung mit dem „Kinderwagen“ scheint, der Journalist investiert bloß fünf Prozent seiner Arbeitszeit in die Kolumne, als Wirtschaftsredakteur hat er schließlich auch jenseits der Weltwirtschaftskrise genug zu tun. „Ich versuche, weniger Dienstreisen zu machen, wähle Abendveranstaltungen sehr selektiv aus. Ich weiß nicht, ob das hormonell bedingt ist, aber ich möchte beim Kind sein.“

Ihr Leben geschickt an die Bedürfnisse der Kinder angepasst, haben zwei oberösterreichische Journalisten. Paul kam am 20. Juli 2002 zur Welt, Claus wurde am 9. Juli 2008 geboren. Und auch die Eltern sind Juli-Geborene. Clemens Schuhmann, 38, und Claudia Werner, 37, sind noch vor der Geburt des ersten Sohnes von Wien zurück in ihre Heimat Oberösterreich übersiedelt, haben ein P
assivhaus gebaut und leben im grünen Puchenau, eine Autoviertelstunde von Linz entfernt. „Die Oberösterreicher sind viel netter zu Kindern und hilfsbereiter als die Wiener. Auch die Lebensqualität ist ungleich höher“, sagt Schuhmann. Claudia Werner sieht es nicht anders: „In Oberösterreich ist es selbstverständlicher, mehrere Kinder zu haben. Die Lebensqualität fängt schon bei Kindergruppen und grünen Plätzen an.“ Auch das soziale Netz der Eltern ist in Oberösterreich größer. Schuhmann: „Der Journalistenberuf ist nicht der familienfreundlichste, da hilft ein Netzwerk aus Großeltern und Freunden. Sogar Claudias 85-jährige Großmutter kümmert sich rührend um die Kinder.“

Erst in der Außenpolitik der „Presse“ tätig, heuerte Clemens Schuhmann vor Pauls Geburt in der Wirtschaftsredaktion der „Oberösterreichischen Nachrichten“ an.

Wie der „Standard“-Journalist Leo Szemeliker tritt auch Schuhmann 2010 eine viermonatige Karenzzeit an: „Ich bin gespannt auf diese Zeit, weil die Beziehung zu den Kindern sicher noch intensiver wird. Dann sehe ich sie nicht nur in der Früh und abends.“

Claudia Werner wird dann wieder in der Redaktion arbeiten, obwohl sie schon jetzt regelmäßig von zuhause aus schreibt. „Wo, wenn nicht im Journalismus, gelingt es mit wenigen Hilfsmitteln wie Computer und Telefon, wieder in den Job einzusteigen? Sobald die Kinder schlafen, und man selbst noch nicht streichfähig ist, kann es losgehen. Einziger Nachteil: Kreative Schübe und pfiffige Einfälle können oft nicht dann verarbeitet werden, wenn sie sich aufdrängen – und sind wieder dahin, sobald man zum Schreiben kommt.“

Schon vier Monate nach Pauls Geburt hat Claudia Werner wieder zu arbeiten begonnen, denn er war ein richtiges „Schlafkind“ und „daher oft bei Terminen mit dabei“. Für die Journalistin war es wichtig, keine allzu lange Schreibpause zu machen. „Um das Klischee der ‚Multitasking Mom‘ zu bedienen: Man lernt, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Meistens gelingt das sogar. Mit Kindern muss man die Kunst der Organisation perfektionieren. Außerdem sind Elternsprechtag, Klavierstunde und Fußballtraining unumstößliche Termine, die man einfach nicht vergessen darf.“ Als Paul ein Jahr alt war, fand sie eine Tagesmutter für zwei bis drei Vormittage pro Woche. Der passende Einstieg: Werner verfasste fünfmal pro Jahr die „Uni-Nachrichten“ der „OÖN“ wie auch Sonderbeilagen und Themenhefte. Nach ihrer ersten Karenz startete die ehemalige „Standard“-Journalistin im Ressort Leben der „Oberösterreichischen Nachrichten“. Die Kontaktpflege während des Heimspiels erklärt sie zu einer ihrer Prioritäten. „Als Journalistin in Karenz ist man zwar nicht in der Redaktion, aber auch nicht zwingend auf einem völlig anderen Gleis. Da viele Geschichten auf der Straße liegen, drängt es einen nicht selten, in die Tasten zu greifen. Dafür hilft es oft, Kontakt mit Informanten und den Kollegen aus der Redaktion zu halten.“

Erschienen in Ausgabe 12/2008 in der Rubrik „Leben“ auf Seite 58 bis 61 Autor/en: Sophia T. Fielhauer-Resei. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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