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Special

Gut, grauslich, gratis!

Gratis II. Der "Journalist" hat erstmals die Gratiszeitungen des Landes verglichen - und dabei nach den besten gesucht.

Nur da zu sein, ist inzwischen zu wenig. Die Zeiten sind vorbei, wo der Erfolg einer Zeitung schon alleine dadurch garantiert war, dass man es zu den Leserinnen und Lesern schaffte – mit einem Riesenvorteil für die breit gestreuten Gratistitel. Heute kämpfen viele Medien um das Zeitbudget ihrer möglichen Nutzer. Einzig, dass Gratismedien mehr oder weniger gut an ihre Zielgruppe kommen, garantiert ihnen noch einen Startvortteil. Aber mehr schon nicht. Von da an müssen auch sie um Aufmerksamkeit kämpfen: Mit einer inhaltlich und optisch ansprechenden Titelseite, mit Themen, die reinziehen, einem Titellogo das klar und wiedererkennbar ist. Innen dann mit einer spannenden Mischung, mit guter Schreibe, ansprechenden Bildern und natürlich einer bestmöglichen Blattführung. Ja, und dann noch die Verpackung. Im Jahr 2008 lässt sich auch im hintersten Dorf niemand mehr ein X für ein U vormachen und was modern ist, wissen die am Land oft besser als die Städter. Passt die Grundschrift? Schafft genügend Weißraum den Eindruck von „modern“?

Neben den drei kostenlosen Tageszeitungen erscheinen zwischen Eisenstadt und Bregenz zahlreiche Gratistitel, viele davon wöchentlich als Zeitungen, einige als monatliche Magazine. Manche in unserer Branche rümpfen über diese Macher und ihre Produkte die Nase. Aber würde es die- se Titel nicht geben, würden vermutlich nicht wenige Österreicher nie in ihrem Leben mit eine Zeitung in Berührung kommen. Dabei gibt es viel Schrott, aber auch erstaunlich Gutes. Journalismus hat bei den Ersteren bestenfalls die Rolle als Platzfüller rund um die Anzeigen, bei anderen wundert man sich, dass sie gratis abgegeben werden.

Abseits von den klassischen Reichweitenerhebungen hat der „Journalist“ erstmals eine qualitative Bewertung der einzelnen Titel versucht. Wie gut ist die Titelseite, wie die Themenmischung, wie die Schreibe und zuletzt: Wie „verkaufen“ die Redaktionen ihre Arbeit optisch. Beim Titel haben wir 5 Punkte als Höchstnote für jene vergeben, die ihren Lesern ein spannendes Schaufenster bieten mit Themen, die ins Blatt zwingen. Im Innenteil legten wir Wert auf eine überzeugende „Führung“ durchs Blatt, mit mindestens zwei, drei Geschichten, die man lesen muss. Titel, Vorspänne, Bildtexte und Bilder sollten stimmig sein. Beim Layout musste mindestens so Banales wie lesbare Grundschriften erfüllt sein. Das Verhältnis von Texten und Bildern sollte zum Lesen verführen. Überladene Seiten erhielten Abzüge. Insgesamt konnte man 15 Punkte erreichen – woran sich nur wenige Titel erstaunlich nahe herangetastet haben. Um eine Vergleichbarkeit herzustellen, haben wir drei Kategorien aufgestellt: Tageszeitungen, Zeitungen, Magazine.

Für alle schlecht bewerteten Titel zum Trost: Wertungen wie diese sind natürlich augenblicksbezogen und sowieso absolut subjektiv. Für die gut Benoteten zur Info: Zwei der insgesamt drei Jurymitglieder haben jahrelange internationale Erfahrung als Mitglieder beim jährlichen European Newspaper Award. Die Jury hat versucht nach bestem Wissen und Gewissen zu werten. Möglicherweise werden wir damit den einen oder anderen guten Freund verlieren, vielleicht auch den einen oder anderen Anzeigenkunden. Vielleicht hilft aber unsere Kritik – als eine Art Zukunftssicherung.

1.

„Heute“: Verbreitungsgebiet: NÖ, Wien, OÖ; Auflage: Wien: 290.000 (gesamt: 540.000); Erscheinungsweise: 5x wöchentlich; Ersterscheinung: 2004; Anzahl der Redakteure:

Wien: 23 (gesamt: 35)

Titelseite: Immer zwei aktuelle Hauptthemen – das erste meist nur mit einer Headline „verkauft“, darunter das andere mit Bild. Ob die Leser das kapieren? Oder lesen sie zusammen: „Börsen-Pleitier tötet ganze Familie“, darunter das Bild von der „wunderschönen Jolie“. Hat er sie auch umgebracht? Äh…

3 Punkte

Inhalt: Beste Unterhaltung: Agenturmeldungen aus aller Welt, viele davon skurril („4.828 gebrauchte Unterhosen per Post an Kriegstreiber Bush“). Dazu viele eigene Beiträge, die mitunter hart an die Grenze gehen – und sie überschreiten. Oft genug müssen andere Redaktionen „Heute“-Themen aufnehmen. Erwartet man von einer Gratiszeitung nicht.

5 Punkte

Layout: Hübsch. Viele schöne Fotos, Mädchen, Tiere – Schock auf der nächsten Seite: zerschundene Körper nach dem Erdbeben, eingerahmt von zwei hübschen Nackten. Na, bravo! Gut lesebare Schriften, aufgeräumte Seiten. Viel Farbe. Schwach: „Wohin Heute“.

3 Punkte

Summe

11 Punkte

2.

„TT KOMPAKT“: Verbreitungsgebiet: Bahnhöfe und öffentliche Verkehrsmittel in Tirol; Auflage: 10.000; Erscheinungsweise: 6x wöchentlich; Ersterscheinung: 2008; Anzahl der Redakteure: Wird von der Stammredaktion der „TT“ gemacht.

Titelseite: Wurde absichtlich auf den Kopf vergessen? Furchtbar: Größe und Qualität des Aufmacherbildes. Und dann noch die eingehängten Textbalken. Ist das schon wieder modern? Völlig daneben: „Nackte Gewalt“ in Südafrika als Aufmacher, dagegen die Finanznöte eines Tiroler Holzindustriellen nur ein kleiner Anreißer.

1 Punkt

Inhalt: Sehr journalistisch gemacht. Im Zentrum stehen Nachrichten und nicht Unterhaltung. Das Thema des Tages zum Blatteinstieg wirkt überlegt – fast immer mit einem Bezug zu Tirol. Da werden nicht einfach Seiten gefüllt. Mit „Tirol“ geht es dann gleich weiter, ebenfalls gut gemacht. Insgesamt nahe an der Kaufzeitung „Tiroler Tageszeitung“ positioniert.

5 Punkte

Layout: Nach der grottenschlechten Titelseite überraschen die Innenseiten mit einem aufgeräumten Layout, die Seiten wirken modern, sogar die Seiten nebeneinander werden mitunter als Doppelseiten gemacht. Klare Seitenhierarchie.

4 Punkte

Summe

10 Punkte

3.

„Oberösterreichs Neue“: Verbreitungsgebiet: Linz, Wels, Steyr und alle zentralen Bezirkshauptstädte;

Auflage: 60.000; Erscheinungsweise: 5x wöchentlich; Ersterscheinung: 2006; Anzahl der Redakteure: 9

Titelseite: Kein klares Konzept für die Seite 1. Manchmal Nachrichten-orientiert – wie eine richtige Tageszeitung – oft Wischiwaschi-Themen: „Mädchen, Massen und Narzissen“. Ok. Aber wo bitte? Muss man gleich an Bad Aussee denken? Und warum spielt man nicht gezielt oberösterreichische Themen?

2 Punkte

Inhalt: Wenn man Unterhaltung mit Nachrichten gleich setzt, dann trifft dieses Konzept. Die obligatorische Nackte auf Seite 7 finden wir hier schon auf der Seite 3, meistens, und hübscher als in der „Krone“. Kaum eigene journalistische Leistung, wenn doch, dann ambitioniert: „Vater löscht Familie aus“ sogar mit Expertenmeinung, Landkarte und Infobox mit weiteren „Bluttaten im Familienkreis“. Texte und Bilder passen oft nicht zusammen.

3 Punkte

Layout: Gute Titel- und Grundschriften. Leicht lesbar. Gutes Text-Bild-Verhältnis. Noch nie gesehen: ein Kasten als 2. Spalte auf den Seiten 2, 4 und 6. Viel Klein-klein.

3 Punkte

Summe 8 Punkte

Erschienen in Ausgabe 06+07/2008 in der Rubrik „Special“ auf Seite 74 bis 75. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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