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Beruf

Gute Journalistinnen kommen nach Wien

Von Astrid Kuffner

Vorbilder, Vernetzung und Vereinbarkeit bleiben wichtig für Frauen in deutschsprachigen Medienunternehmen. Konkrete Vorsätze und Vorschläge nahmen die Teilnehmerinnen des Seminars „Die Zukunft ist weiblich“ mit in ihre Redaktionen.

Länderübergreifende Vernetzung von Journalistinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz war Ziel des von der Bundeszentrale für Politische Bildung in Bonn organisierten und gemeinsam mit dem „Journalist“ in Wien durchgeführten Seminars: „Die Zukunft ist weiblich. Gute Journalistinnen kommen überall hin“. Sabine Schicke, stellvertretende Chefredakteurin der „Nordwest-Zeitung“, führte durch inputgeladene zweieinhalb Tage und gab den Teilnehmerinnen manchen Spruch für das Karriere-Stammbuch mit.

Die Themen waren eher Dauerbrenner als brandneu. Dennoch förderten die individuellen Karrieren der Referentinnen einige Empfehlungen und Maßnahmen zur Förderung von Frauen in Medienunternehmen zutage. Tipps für die Vereinbarkeit von Kindern und Medienjob blieben vage: „Organisation ist alles“, „das Kind aus der Hand geben wollen“, „die Väter emanzipieren“ und „Geld in die Hand nehmen“.

Frauen fördern. Mentoring für Frauen im ORF ist für die Gleichbehandlungsbeauftragte Monika Rupp „eine wesentliche, effiziente und kostengünstige Maßnahme“ mit vielen Vorteilen: Die Mentees erhalten (in rund zwölf vereinbarten Stunden) vertrauliches Feedback zu eigenen Stärken, Schwächen und Zielen; erarbeiten einen individuellen Entwicklungsplan, knüpfen Kontakte, lernen erfolgreiche Strategien an Vorbildern und informelle Spielregeln. Die Mentorinnen können eigene Erfahrungen reflektieren, dadurch ihre Führungskompetenz und Beratungsfähigkeiten stärken; ihr Kontaktnetz erweitern, sich mit neuen Ideen auseinandersetzen und gewinnen Einblick in andere Unternehmensbereiche. Der ORF profitiert von erhöhter Motivation der Mitarbeiterinnen und neuen Informationswegen zwischen Abteilungen.

Auf Basis der Erfahrungen des ersten Durchgangs geht die Maßnahme Ende 2008 mit 23 Tandems (auch in den ORF-Landesstudios) in die zweite Runde. Das Mentoring dient ausdrücklich der individuellen Zielerreichung der Mentees, nicht zwingend der Karriereförderung.

Christian Lindner, Chefredakteur der „Rhein-Zeitung“, stellte das mit 2002 eingeführte Traineeprogramm seiner Redaktion vor: Es ist nahe an der Chefredaktion angesiedelt und bietet pro Jahr bis zu vier Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem Lokalbereich die Möglichkeit, sich mehrere Monate in der Zentralredaktion in Konzeption, Controlling, Leitung und Entwicklung einzubringen – also an mittel- und langfristigen Prozessen mitzuwirken – mit Rückkehrrecht ins Tagesgeschäft. Aus dem Programm wurden bereits neue Lokalchefinnen rekrutiert. Alternativ können Kolleginnen erleben, wie die Arbeit am Newsdesk des Mantels ist, an der Schnittstelle zwischen Zentrale und den 18 Lokal- ausgaben.

Seit 2005 hat sich eine Checkliste für die Blattkritik des Mantels eingebürgert. Punkte wie „Wo im Blatt hat es gemenschelt?“, „Wie relevant ist der Aufmacher auf der Titelseite“ oder „Was ist heute der schlechteste Text?“ werden jeden Tag beantwortet. Die Aufgabe wandert wöchentlich, gezielt auch zu den Menschen, die gute Arbeit leisten, in der Hierarchie aber weiter unten stehen und sich selten von alleine melden. Der Blattkritiker darf nicht unterbrochen werden. Die „Rhein-Zeitung“ setzt seit 2008 auch auf ein kurzfristig organisierbares Sabbatical-Modell, für alle „Fährnisse des Lebens“.

Die Schonzeit ist vorbei, war der Tenor der Podiumsdiskussion „Die Zukunft ist weiblich – wie gehen die Medien damit um?“. Für Friedrich Roeingh, Chefredakteur der „Westdeutschen Zeitung“, ist die erste Phase der Emanzipation, in der für Frauen mehr getan wird, gelaufen. Jetzt kommt es auf die individuelle Emanzipation an, nach dem Motto: „Ich kann das und ich will das“.

„Karriere machen ist nicht vergnügungssteuerpflichtig“, ergänzte Kommunikationsmanagerin Susanne Schaefer-Dieterle. Weil der Mangel an Fachkräften breit debattiert wird, sieht sie für Frauen das „historische Fenster“ weit geöffnet. Sie ermahnte die Anwesenden, endlich über Geld zu sprechen und Führungspositionen einzufordern. Das Know-how für Gehaltsverhandlungen würde in zahllosen Seminaren – außerhalb der Medienbranche – angeboten.

Lindner warnte davor hinter der Frage nach einer längerfristigen beruflichen Vision „eine Falle zu vermuten“. Er konnte selbst nicht genau rekonstruieren, ob er beim Vorstellungsgespräch schon Chefredakteur werden wollte, gab aber an, sich bietende Möglichkeiten ausgereizt zu haben. Dem weiblichen Nachwuchs attestierte er hohe Qualifikation, aber wenig Durchhaltevermögen in Routineprozessen und eine Schwäche beim aktiven Managen der eigenen Position.

Elfi Geiblinger, Programmchefin im ORF Salzburg, berichtete, dass ein Schema nicht zwingend zu Transparenz führt. Rechtzeitig fand sie heraus, dass ihr männlicher Vorgänger bei gleichem Grundgehalt eine höhere Überstundenpauschale verhandelt hatte: „Beim ORF ist das Bewusstsein gewachsen, Frauen in Führungspositionen zu haben, und bei Neubesetzungen besteht Rechtfertigungsbedarf.“ Friedrich Roeingh, dessen Familie für seine Karriere zwei Mal umgezogen ist, hat in seiner Laufbahn selten „den Aufstieg weiblicher Arbeitsbienen“ beobachtet, aber durchgehend mehr männliche Bewerber für hohe Posten gesehen. Der Tarifvertrag schädigt Frauen, so Roeingh weiter, denn: „wer länger sitzt, bekommt mehr“.

Fazit: Klare Verhältnisse, Strukturen und Entscheidungen, berechenbare Arbeitsverhältnisse und beherrschbare Arbeitszeiten bleiben in deutschsprachigen Medienunternehmen vorerst Wunschprogramm.

Es hat also keinen Sinn, still zu leiden oder zu warten, dass gute Arbeit gewürdigt wird. Stattdessen müssen Aufstiegswille, gewünschte Position, Gehaltsvorstellungen und Arbeitsbedingungen klar kommuniziert werden.

Frauen an die Front. An „Selbstbescheidung, Selbstkritik und dem Schiss vor der Öffentlichkeit müssen wir Frauen noch arbeiten“, so Eva Kohlrusch, Vorsitzende des Deutschen Journalistinnenbundes. In der Sprache wurden Frauen in den Medien lange „vernichtst“ und damit auch die Analyse ihrer Realität. Kohlrusch, einst erstes weibliches Mitglied in der deutschen „Bild“-Chefredaktion, sprach sich für „Diversity“ aus. Statt stets Binnen-I gälte es die weibliche Qualität und Quantität herauszuarbeiten, wenn es inhaltlich sinnvoll ist. „Tageszeitungen müssen in Zielgruppen denken“, ergänzte Friedrich Roeingh. Schon eine „Strichliste“, auf der die Repräsentanz von Frauen, Männern, Alten, Behinderten, Jungen, Angestellten, Unternehmern oder einzelnen Stadtteilen etc. im Medium visualisiert wird, erfüllt ihren Zweck.

„Wer glaubt, das Internet zu kennen, irrt sich“, stellte Pionierin Katja Riefler klar. Warum Online-Medien zwar viele weibliche Chefredakteure aber genauso familienfeindliche Arbeitsverhältnisse aufweisen, konnte sie beantworten. Start-ups und innovative Internetfirmen haben neue Arbeitsformen, nicht aber die Online-Redaktionen traditioneller Medienhäuser. Frauen müssten lernen zu experimentieren und ihre Perfektionsansprüche zu reduzieren, um Erfolg zu haben, und das eigene Angebot anhand folgender Fragen analysieren: Wer nutzt meinen und wem nutzt mein Internetauftritt? Geht es in Richtung Kundenzeitung oder investigativer Journalismus? Welche Themenspezialisierung habe ich? Als weitgehend unerschlossen im Netz identifizierte Riefler Firmenkommunikation und PR. Nicht die reine Lehre, aber ein Feld für Frauen.

Linktipp:

Drehscheibe von und für LokaljournalistInnen: www.drehscheibe.org

Bundeszentrale für Politische Bildung: www.bpb.de/themen/W112G1,0,0,Medien.html

Deutscher Journalistinnenbund: www.journalistinnenbund.de

Österreichische Medienfrauen: www.medienfrauen.at

Expertinnendatenbank Österreich: www.femtech.at

Global Media Monitoring Project: www.whomakest
henews.org

Erschienen in Ausgabe 12/2008 in der Rubrik „Beruf“ auf Seite 68 bis 69 Autor/en: Astrid Kuffner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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