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ARCHIV » 2008 » Ausgabe 12/2008+01/2009 »

Special

Mehr als Musikgedudel

Von David Röthler

Radio I. Steht zehn Jahre nach dem Start der Privatradios in Österreich der Vielfalt der Programme auch eine Vielfalt der Inhalte gegenüber?

Auch mehr als zehn Jahre nach ihrem – im internationalen Vergleich sehr späten Start – haben es private Rundfunkanbieter nicht einfach. Privater Rundfunk ist „in Österreich eine Geschichte der Bewahrung von ORF-Interessen“, wie Harald Fidler im kürzlich erschienenen Lexikon zu Österreichs Medienwelt schreibt. Aber auch die Politik hat die Zulassung privater Sender in Österreich lange verzögert. Österreich wurde letztendlich zur Einführung des dualen Rundfunkssystems durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg gezwungen, der das Rundfunkmonopol im November 1993 als unvereinbar mit dem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung (Art. 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention und Teil der österreichischen Verfassung) betrachtete. Den Weg der Beschwerde beschritt Radio AGORA in Kärnten, das der slowenischen Volksgruppe den Zugang zu den elektronischen Medien öffnen wollte.

Aufgrund des Regionalradiogesetzes vom Juli 1993 wurden die ersten regionalen Radiofrequenzen vergeben. Das erste Gesetz war jedoch wegen mangelnder Bestimmtheit verfassungsrechtlich nicht haltbar und wurde von den leer ausgegangenen Mitbewerbern der ersten Vergaberunde erfolgreich zu Fall gebracht. Lediglich die Antenne Steiermark – mit achtbarem Erfolg gegenüber Ö3 – und Radio Melody in Salzburg, die sich mit den Beschwerdeführern einigen konnten und sie beteiligen, konnten im Jahr 1995 legal auf Sendung gehen. Die anderen Sender mussten sich bis zum 1. April 1998 gedulden.

Dennoch konnten bereits seit Mitte der 80er-Jahre Privatradioprogramme empfangen werden. Allerdings lagen die jeweiligen Senderstandorte außerhalb des österreichischen Staatsgebietes. So versorgte Radio UNO einen großen Teil Kärntens von Italien aus. Radio CD International ging 1990 von Bratislava aus on air und sendete von dort in deutscher Sprache recht erfolgreich nach Ostösterreich. Zudem waren zahlreiche engagierte Piratensender, die sogar Hubschraubereinsätze der Behörden auslösten, ab Anfang der 90er-Jahre aktiv und versuchten gegen das ORF-Monopol anzutreten. Die Piratenradios waren die Vorläufer der seit 1998 legalen nichtkommerziellen Radios.

Der Start wurde den Privatradios vielfach erschwert. Ein Problem bestand zum Beispiel in der Beteiligungsobergrenze für Medienunternehmen. Heute können Medienhäuser Radios zur Gänze besitzen. Auch die späte Genehmigung von bundesweitem Privatradio im Jahr 2004 hat die Entwicklung des Privatradiomarktes behindert.

Marktsituation. Der ORF hat im Radiotest für das erste Halbjahr 2008 im Hörfunkbereich einen Marktanteil (Anteil eines Senders an der gesamten Hördauer aller Sender) von 73 Prozent in der Altersgruppe zwischen 14 und 49 Jahren. Von diesen 73 Prozent entfallen 45 Prozent auf Ö3, das damit unangefochten an der Spitze liegt, 22 Prozent auf die ORF-Regionalprogramme, und lediglich drei bzw. vier Prozent auf Ö1 und FM4. Alle Privatsender gemeinsam kommen auf 24 Prozent. Drei Prozent Marktanteil können ausländische Sender für sich verbuchen. In allen Bundesländern liegen Ö3 und das jeweilige ORF-Regionalprogramm vor der privaten Konkurrenz. Im Vergleich zum Vorjahr konnten die privaten Sender insgesamt ihren Marktanteil etwas steigern.

Neben den starken privaten Regionalradios wie dem Life Radio in Oberösterreich, Antenne Steiermark, Antenne Salzburg, Radio Osttirol und Antenne Vorarlberg kann sich Kronehit mit einem Marktanteil von sechs Prozent als österreichweiter Privatsender behaupten. Als weiteres bundesweit zu empfangendes privates Hörfunk-Programm darf Lounge FM gelten. Allerdings wird dieses über DVB-H für den Empfang auf Mobiltelefonen ausgestrahlt. Die Aufnahme in den Radiotest wird Lounge FM bisher verweigert. Eine Klage nach UWG wurde beim Handelsgericht Wien eingebracht.

Interessant ist, dass sich die gesamte Hördauer von Radio von 186 Minuten im Jahr 1997 auf 205 Minuten täglich im Jahr 2007 steigern konnte. Radio ist damit das Medium, das täglich die längste Aufmerksamkeit erfährt.

Von Gesamtwerbeausgaben in Höhe von 2.382 Millionen Euro entfallen 170 Millionen auf Hörfunkwerbung. 57,5 Millionen konnten davon die privaten Rundfunkanbieter einnehmen. Rund die Hälfte davon lukriert die RMS, die gemeinsame Vermarktungsgesellschaft, für die Privatradios. Nach Steigerungen in den vergangenen Jahren wird im Jahr 2009 – bedingt durch die allgemeine Wirtschaftslage – ein Rückgang der Werbeeinnahmen befürchtet.

Roman Hummel, Leiter der Abteilung Journalistik im Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, sieht wachsende Konkurrenz durch Gratiszeitungen. Weiters könnte auch die beabsichtigte Übernahme von Ö3 (sowie des TV-Programms ORF 1) durch Raiffeisen gefährlich werden. „Ein privater Eigentümer hätte noch mehr Möglichkeiten, die bestehenden privaten Betreiber zu konkurrenzieren,“ so Hummel.

Harald Fidler resümiert: „Rund die Hälfte der Privatsender dürfte sich 2008, zehn Jahre nach dem flächendeckenden Start, zumindest um die Nulllinie zwischen Gewinn und Verlust bewegen, ein Viertel bis ein Drittel dürfte schwarze Zahlen schreiben.“

Qualität und Programmvielfalt. Andy Kaltenbrunner von der Forschungseinrichtung Medien- haus Wien konstatiert, dass „der Vielfalt der Anbieter keine Vielfalt der Programme gegenübersteht“. Die meisten Radiosender würden sich aufgrund ihrer ökonomischen Interessen an massenkompatiblen Inhalten zur Erzielung einer hohen Reichweite orientieren. Allerdings seien zehn Jahre noch kein langer Zeitraum. Andy Kaltenbrunner vermisst darüber hinaus klare medienpolitische Leitlinien.

Als erfolgreiches Beispiel für ein Lokalradio mit einer hohen Tagesreichweite von 23 Prozent in der Altersgruppe 14 bis 49 gilt Radio Osttirol. Das Radio versteht sich als lokale Kommunikationsplattform mit besonders authentischer Berichterstattung. Sechsmal täglich werden Lokalnachrichten sowie ein Mittagsmagazin produziert. „Bei dem gegenwärtigen Schneechaos sind wir die Schnittstelle zwischen der Bevölkerung und den Behörden. Ständig läutet das Telefon“, zeigt sich die Geschäftsführerin Christine Brugger über diese wichtige Schnittstellenfunktion erfreut. Ab Freitagmittag wird der Sender mit Volksmusik, einem Wunschkonzert und Bergtouren-Tipps zum lokalen Spartenprogramm.

Auch als eine Alternative zum weit verbreiteten Formatradio mit einheitlichem Musik- und Moderationsstil versteht sich Lounge FM. Der Sender hat 2005 als UMTS-Radio begonnen und ist mittlerweile österreichweit über DVB-H, im oberösterreichischen Zentralraum auch über UKW, zu empfangen. Geschäftsführer und Gründer Florian Novak: „Wir sind einer der wenigen kommerziellen Sender, die wirklich mehr Vielfalt ins Programm bringen. Chillout-, Lounge-Musik, Downbeat und Smooth-Jazz, kombiniert mit pointierten News-to-use.“ Lounge FM soll ein Begleitmedium durch Tag und Nacht, mit Musik, die man nicht immer hört, sein. In einer Kooperation mit „Standard“-Online wird Lounge FM die News-Inhalte der Tageszeitung radiojournalistisch aufbereiten. Lounge FM will ein besonders hochwertiges Umfeld für Werbekunden bieten.

Nichtkommerzielle Radios. Insbesondere die 15 nichtkommerziellen, werbefreien Radios stehen für Medienvielfalt im Äther. Gemeinsam ist diesen Radios die Ausstrahlung eines Komplementärprogramms, das große Teams von Sendungsmachern in Freiwilligenarbeit gestalten. Die Freien Radios sollen eine partizipative Plattform für regionales Kulturschaffen, Lokalpolitik, Musik außerhalb der Hitparade, authentische Jugendkultur, Programme von und für Senioren und Sendungen in vielen Sprachen bieten.

„Wir sind am richtigen Weg, weil wir mit mehr als zehnjähriger Erfahrung etwas ermöglichen, das mittlerweile mit, Citizen Journalism‘ Mainstream geworden ist, mit der Haltung, dass bei uns auch andere Sichtweisen möglich sind, “ ist Otto Tremetzberger, Vorstandsmitglied des Verbandes der Freien Radios und Geschäfts
führer des Freien Radios im oberösterreichischen Freistadt, überzeugt.

„Viele wollen wissen, wie man lokale Medien organisieren kann, wie man zu freiwillig produzierten Inhalten kommt, wie man Plattformen mit Lebendigkeit ausstattet. Während die Wirtschaft auf diesen Trend zum Teil unbeholfen aufspringt, können wir auf jahrzehntelange Praxis zurückgreifen.“

Die Bedeutung der Freien Radios unterstreicht Alfred Grinschgl, Geschäftsführer des Fachbereichs Rundfunk in der Telekom Regulierungs-GmbH anlässlich der Präsentation einer Studie über den nichtkommerziellen Rundfunk in Österreich und Europa im Oktober 2008. Er sieht in den besonderen Herausforderungen wie offener Zugang in der Sendungsgestaltung, in der Meinungsvielfalt und sozialen Kohäsion sowie auch in der vielsprachigen Gestaltung von Sendungen eine besondere Form des Radiomachens, die sich vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk und kommerziellen Rundfunk unterscheidet: „In diesem Sinne trete ich persönlich auch dafür ein, dass Freie Radios die dritte Säule im Rundfunkbereich abgeben.“

Medienförderung. 2008 wurde auf politischer Ebene über die öffentliche Förderung von privaten Rundfunksendern diskutiert. Nach der Bekanntgabe des Regierungsprogramms der SPÖ-ÖVP-Koalition machte sich Enttäuschung breit, obwohl die Koalitionsvereinbarung zumindest eine undefinierte Finanzierung in Aussicht stellt: „Zur Sicherung der Meinungsvielfalt ist es unabdingbar, faire Rahmenbedingungen für den Wettbewerb sowie Fördermaßnahmen in den Bereichen Content-, Aus- und Weiterbildung im Rahmen einer Medienförderung für kommerzielle und nicht-kommerzielle Privatrundfunkanbieter vorzusehen.“

René Tritscher vom Fachverband der Telekommunikations- und Rundfunkunternehmungen setzt sich für die Medienförderung ein, da „die privaten Rundfunkveranstalter beweisen konnten, dass sie einen wesentlichen Beitrag zur Meinungsvielfalt leisten. Eine öffentliche Förderung in der Höhe von 20 Millionen Euro jährlich für den gesamten Privatrundfunksektor einschließlich TV und nichtkommerzieller Radios ist notwendig, um die bisherige Benachteiligung der privaten Rundfunkveranstalter aufgrund der ORF-Gebühren und der Presseförderung zu beseitigen.“ Die Gespräche mit den politisch Verantwortlichen sollen im 1. Quartal 2009 intensiv weitergeführt werden.

Zukunft. Mit dem Internet hat das Radio einen neuen Übertragungsweg bekommen. Nicht nur der zeitversetzte und ortsunabhängige Empfang über Podcasting könnte mittelfristig zu einer Konkurrenz für die traditionelle UKW-Verbreitung werden, sondern auch das Live-Streaming über das Internet. 60 Prozent aller Berufstätigen arbeiten in Deutschland – laut statistischem Bundesamt – am PC, wobei ein Großteil der PCs ans Internet angeschlossen ist. Im Jahr 2003 waren es lediglich 31 Prozent. In Österreich dürfte die Größenordnung vergleichbar sein.

In diesem Umfeld startete die Moser Holding vor wenigen Wochen ihr Webradio-Angebot unter www.radio.at in Kooperation mit der deutschen Verlagsgruppe Madsack, die bereits unter www.radio.de eine entsprechende Plattform betreibt. „Die Website fungiert als Abspielgerät für 2.300 Radiosender aus der ganzen Welt“, erläutert Kommunikationsleiterin Elisabeth Berger den Hauptnutzen für die Konsumenten. Für die Werbeindustrie sind dabei die Targeting-Optionen wie Alter, Geschlecht, Geografie, Genre oder Musikpräferenz von großem Interesse, die gewährleisten, dass die Werbung ihre Zielgruppe erreicht. Mit Zustimmung der jeweiligen Radio- sender können auch Prestreaming-Spots gespielt werden. Für die Werbeindustrie ist weiters die im Internet mögliche Kombination von Audio- und Displaywerbung eine interessante crossmediale Option.

Der Trend zum Internetradio wird auch am WLAN-Radio, das über das Kaffee-Unternehmen Eduscho für 99 Euro erhältlich ist und über 7500 Sender weltweit empfangen kann, sichtbar. Es zeigt ebenso wie das soziale Internetradio last.fm oder diverse Streaming-Applikationen für das iPhone, wohin die Reise gehen könnte.

Erschienen in Ausgabe 12/2008 in der Rubrik „Special“ auf Seite 52 bis 53 Autor/en: David Röthler. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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