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Medien

Oberösterreich: Die Stunde des Revisors

Von Engelbert Washietl

Die Tiroler Moser Holding räumt mit der „OÖ Rundschau“ auf, vernichtet 120 Jobs und versetzt den Journalistenmarkt in ein künstliches Koma.

Der Zeitungsmarkt ist ein Hund. Im März 2007 rechnete der Chef der Tiroler Moser Holding, Hermann Petz, vor, dass die Leute im Bundesland Oberösterreich unterdurchschnittlich wenig Zeitung lesen. Somit sei, so seine damalige Rechnung anhand der Media-Analyse, in Oberösterreich am meisten zu holen – sowohl Leser als auch Inserenten. „Die Oberösterreicher liegen mit 85,3 Prozent kumulierter Reichweite am weitesten unter der Indexzahl 100, die alle Zeitungen gesamtösterreichisch erreichen.“

Mathematisch lag der dynamische Verlagschef richtig, es fehlen aber jegliche Anzeichen, dass die Oberösterreicher inzwischen mehr lesen als damals, obwohl mit Petz und dem Herausgeber der Tageszeitung „Österreich“, Wolfgang Fellner, zwei dynamische Zeitungsmacher ins vermeintliche Vakuum vorstießen. Die Moser Holding kaufte sich Ende 2006 überraschend in die Wochenzeitung „Oberösterreichische Rundschau“ ein und gewiss spielte die Idee, sie in eine richtige Tageszeitung umzuwandeln, eine Rolle beim Aufmarsch. Fellner engagierte für die Oberösterreich-Ausgabe von „Österreich“ eine 20-köpfige Redaktion und ließ den Menschen in den Ballungszentren von Linz und Wels die tägliche Ausgabe geradezu nachtragen.

Aber Ende 2008 wirkt auch die OÖ-Ausgabe des Boulevardblattes dünner denn je, in der Redaktion sitzen nur noch vier bis sechs Leute, wer weiß schon genau, wer bis 31. Dezember noch ausscheidet. 21.816 Stück verkaufte „Österreich“ im täglichen Durchschnitt des Halbjahres 2008, 16.082 wurden verschenkt. Die „Oberösterreichischen Nachrichten“ setzten 99.959 Kaufexemplare ab und die „Kronen Zeitung“ 141.761.

Nicht weit von der geschrumpften „Österreich“-Redaktion entfernt zerlegt Hermann Petz im Gebäude des Landesverlages die traditionsreiche „Rundschau“ in Filetstreifen wie ein Koch die Hühnerbrust. Das Defizit des Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Pressverein hervorgegangenen Traditionsblattes war unerträglich geworden. Und die Oberösterreicher lesen nicht mehr, vermutlich auch nicht weniger als früher, und genauso ist es mit den Inseraten. Neu ist höchstens, dass sich viele über das ärgern, was mit ihrem Leibblatt „Rundschau“ geschieht.

Das sei hier der Ordnung halber nachgetragen: Am 5. November informierte Petz die Belegschaft der „Rundschau“, dass die Zeitung in zwei voneinander unabhängige Firmen und Produkte aufgespalten werde. „Zwei Unternehmen, die Oberösterreichische Rundschau GmbH und die Print Wochenzeitung Verlag GmbH, werden ab 4. Jänner 2009 die, Rundschau am Sonntag‘ bzw. ab 8. Jänner 2009 die, Bezirksrundschau am Donnerstag‘ herausgeben.“ Beide Blätter würden als Gratiszeitungen den Markt bedienen. Die Maßnahme erfordere eine Umstrukturierung des Verlages und eine Kürzung der Mitarbeiterzahl.

In der zu diesem Zeitpunkt druckfrisch vorliegenden November-Ausgabe des „Österreichischen Journalist“ sollte Petz wegen seiner Leistungen zum „Medienmanager des Jahres“ ausgerufen werden. Auf Grund der besorgniserregenden Nachrichten aus Linz zogen die Herausgeber der Medienfachzeitschrift die Ehrung jedoch zurück, ehe sie überreicht worden war. Sie passte nicht zu einer Entscheidung, 120 Arbeitsplätze in einem Medienverlag zu streichen.

„Wir waren seit Jahren ein krankes Unternehmen“, sagt Markus Gutenberger. Er ist 40 Jahre alt, Betriebsratsobmann und seit vielen Jahren bei der „Rundschau“. Er kann sich erinnern, dass die Passauer Verlagsgruppe, die 1991 der Diözese Linz den Mehrheitsanteil abkaufte, zumindest anfänglich „eine Vision“ gehabt habe. Später wurden einzelne Unternehmensteile, so etwa der Buchhandel, abgestoßen, Anfang 2006 erwarb der bayerische Zeitungsmacher Franz Xaver Hirtreiter 57 Prozent Anteil an der „Rundschau“, 40 Prozent blieben der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, die insgeheim den nächsten Deal vorbereitete: Ende 2006 stieg die Moser Holding zunächst mit 25,1 Prozent ein, heute gehört ihr der Verlag ganz. Der unablässige Eigentümerwechsel und der Wechsel vieler nicht unbedingt talentierter Geschäftsführer hinterließ schmerzhafte Kerben. „Jeder hat die Rundschau gemolken“, beendet Gutenberger den zeitgeschichtlichen Teil der Story. „Der ‚Rundschau‘ blieben die Altlasten.“ Wo 1999 noch ein Plus von 30 Millionen Schilling ausgewiesen wurde, klaffe jetzt ein Millionendefizit in Euro. „Ich habe den Eindruck, dass die Tiroler das nicht gewusst haben, und was jetzt geschieht, hatten sie nicht geplant.“

Dieser Eindruck deckt sich mit einem anderen verblüffenden Ereignis. Als die Moser Holding in die „Rundschau“ einstieg, zog sich die Südtiroler Athesia, die bis dahin mit 50 Prozent an der Moser Holding beteiligt war, fluchtartig zurück. Motto: Warum sollen wir unser Geld in Oberösterreich verlieren? Heute konstatieren sie, dass es richtig gewesen sei, fünf vor zwölf aus dem Bündnis mit den Nordtiroler Expansionisten auszusteigen.

Hatte Petz, der Vorsitzender der Tiroler Moser Holding und Aufsichtsratsvorsitzender der „OÖ Rundschau“ ist, im Juli 2007 die Marktchancen der „Donnerstags-“ und „SonntagsRundschau“ noch durch einen kräftigen Relaunch zu verbessern versucht, so geriet die „Umstrukturierung“ im November 2008 zum personellen Kahlschlag. Von den 274 Mitarbeitern verloren 120 den Job. Die „Donnerstags-Rundschau“ wird unter dem neuen Chefredakteur Michael Frostel zu einem kleinformatigen Anzeigenblatt nach dem Prinzip der „Bezirksblätter“ umgebaut, die in Tirol, Salzburg, Niederösterreich und im Burgenland erscheinen und den Tirolern gehören. Jede Bezirksfiliale wird mit zwei Journalisten, zwei Mitarbeitern in der Verwaltung und einer Sekretärin besetzt. Die „Sonntags-Rundschau“, ebenfalls im Tabloidformat und gratis, wird versuchen, unter dem neuen Chefredakteur Thomas Winkler die journalistische Tradition einigermaßen zu retten. Ein Artikelimport von Styria-Wochenblättern und von der „TT am Sonntag“ soll Kosten senken. Der bisherige „Rundschau“-Chefredakteur Josef Ertl war in der aufgeheizten Betriebsversammlung noch gemeinsam mit Petz aufgetreten, aber in den turbulenten Tagen reifte die Entscheidung, auch „diese Sache“ zu erledigen – Ertl wurde abgesetzt. Sein Vertrag läuft noch weiter, Ertl bestreitet aber die von der „Heute“-Konkurrenz gestreute Abfindung von 500.000 Euro. „In der Sache gab es einen Kompromiss.“

Dem Betriebsrat gelang es mit Rückendeckung der Gewerkschaft ein 500.000-Euro-Sozialpaket für die Gekündigten auf zwei Millionen anzuheben. Da die Moser Holding zugleich alle Rechtsansprüche der 150 bleibenden Mitarbeiter – Kündigungszeiten, Abfertigungen, Urlaubsabgeltung – erfüllte, beziffert die Pressechefin Lisa Berger das Finanzpaket auf insgesamt 7,5 Millionen Euro. „Damit hat die Moser Holding Benchmarks auch für andere Medienunternehmen gesetzt“, sagt sie. Rund 25 Journalisten scheiden aus, nicht alle wegen Kündigung. Manche waren nicht bereit, sich in die angebotenen neuen Arbeitsverhältnisse außerhalb des Journalistenkollektivvertrags einzugliedern.

Betriebsratsobmann Gutenberger, der in der Inseratenakquisition des Verlages tätig ist, zögert nicht, solche Leistungen anzuerkennen. „Man muss erst jemanden finden, der die rechtlichen Ansprüche übernimmt und noch dazu ein Sozialpaket schnürt. Es ginge auch anders.“ Aber auf einen Konkurs konnte es Petz ja doch nicht anlegen, zumal die „Donnerstags-Rundschau“ die oberösterreichische Brücke zu seinem Lieblingsprojekt eines gesamtösterreichischen Bezirksblätterringes bilden wird.

Journalisten in- und außerhalb des Verlages sind sich in einem Punkt einig: Journalistisch ist der oberösterreichische Medienmarkt bis auf weiteres tot. Seine Hauptachse bilden so wie in frü
heren Zeiten die „Kronen Zeitung“ und die „Oberösterreichischen Nachrichten“, an personellen Abbau ist bei den zwei Tageszeitungen kaum zu denken. Die „Rundschau“ wurde zerstückelt, die hochfliegenden Pläne von „Österreich“ haben sich zerschlagen, die Zeitung wird bereits aus der Wiener Zentralredaktion dirigiert. Dem bisherigen Chef der OÖ-Redaktion, Gerhard Marschall, gelang eine sichere Landung als neuer Pressesprecher der Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, obwohl er vermutlich lieber im journalistischen Kerngeschäft geblieben wäre.

Ob und wo die „Rundschau“-Journalisten unterkommen werden, wird sich erst in einem halben Jahr herausstellen. Die von der „Österreich“-Redaktion abgebauten Mitarbeiter haben es teilweise schon geschafft, woanders Fuß zu fassen. Jürgen Tröbinger und Robert Loy, die zu „Österreich“ gehörten, landeten bei der Gratiszeitung „Heute“. Susanna Sailer, die im September 2006 vom „WirtschaftsBlatt“ zum neu gegründeten „Österreich“ übergelaufen war, erinnert sich emotional: „Was haben wir uns damals nicht alles vorgestellt. Wir sind mit großem Engagement ans Werk gegangen und wollten Bäume ausreißen. Ein Jahr später war die Euphorie vorbei. Die Wirtschaft, für die ich zuständig war, wurde immer weiter zurückgedrängt, sie bildete am Schluss nur noch einen Fremdkörper zwischen Chronikartikeln.“ Sailer arbeitet jetzt als Beraterin, bekommt Aufträge auch von der Wirtschaftskammer.

Die Enttäuschung über seinen „Österreich“-Trip sitzt auch Marschall noch immer im Nacken. Ihm wurde bei seinem Einstieg als OÖ-Chefredakteur erklärt, dass sich „Österreich“ qualitätsmäßig zwischen „Kurier“ und „Standard“ positionieren werde. „Ich habe mir manchmal den Kopf zerbrochen, ob ich damals etwas falsch verstanden habe. Immerhin sind wir mit 23 Leuten gestartet und haben tatsächlich frischen Wind nach Oberösterreich gebracht, aber die Chance wurde vertan. Das merkten wir schon nach einem halben Jahr.“

Walter Deil, einstiger „Österreich“-Redakteur, bearbeitet die Kommunikationsszene als Mitarbeiter der oberösterreichischen „Pleon Publico“. „Wir waren eine Vollgaspartie“, erinnert er sich an das Intermezzo in Fellners Zeitung. „Die Konkurrenz hat uns auch aufgestachelt.“ Ein „Schneechaos“ wurde zur Randepisode in seiner Laufbahn, aber doch typisch für die Befehlsstruktur bei „Österreich“. Die Geschichte wird von mehreren Seiten bestätigt, und noch heute erhält Deil kollegiale Grußmails, sobald es schneit. Die Geschichte ging so:

Am 2. November 2006 meldete die APA um 10.50 Uhr aus Linz: „Der Winter hat am Freitag in Oberösterreich mit Massenkarambolagen und erheblichen Verzögerungen im Frühverkehr Einzug gehalten.“ Marschall war auf Kurzurlaub abwesend, Deil leitete die Tagesarbeit und erhielt aus der Wiener Zentrale die Weisung, aus der „Schneekatastrophe in Oberösterreich“ eine Riesenstory zu machen. Der Redakteur blickte aus dem Redaktionsfenster des Generali-Hauses aufs angezuckerte Linzer Donauufer und hatte das düstere Gefühl, dass ihn bald eine Katastrophe anderer Art erreichen werde. Redaktionskollegen telefonierten in die höher gelegenen Regionen Oberösterreichs und erhielten die Auskunft, dass es schneie und Schneepflüge unterwegs seien – zu Allerheiligen nicht ungewöhnlich. Der Winter hatte sich gemeldet, am Mondsee schneite es besonders stark, aber für einen landesweiten Ausnahmezustand reichte es nicht. Am Nachmittag geriet Wolfgang Fellner in Rage, weil seine 20-köpfige Redaktion in Linz nicht in der Lage sei, exklusiv herauszufinden, was im „Österreich-Haus“ am Karlsplatz in Wien evident schien: Oberösterreich versinke im Schneechaos.

Deil erkannte, dass ihn bei der Zeitung fortan ein erkenntnistheoretisches Problem belasten werde. Er nützt den relativ milden Winter 2006 zur ontologischen Selbsterfahrung, sucht einen Posten und scheidet im März 2007 aus.

Er nützte den milden Winter. „Die mediale Vielfalt in Oberösterreich ist eine Katastrophe“, sagt der Oberösterreicher Marschall. „Es ist bedrückend, dass sich ein so wohlhabendes Bundesland keine kontroversiellen Debatten leistet. Das ist nicht nur in den Medien so, sondern auch in der Politik. Schwarz-Grün ist die Langeweile schlechthin.“

Der Niedergang der beiden Konkurrenten „Österreich“ und „Rundschau“ könnte Rudolf A. Cuturi, Eigentümer des Wimmer-Verlages, der die „Oberösterreichischen Nachrichten“ herausgibt, zufrieden stellen. Er sagt allerdings: „Gefühle der Einsamkeit habe ich noch nicht.“ Was mit der „Rundschau“ geschehe, sei ein Kahlschlag aus wirtschaftlichen Zwängen. Die „Rundschau“ habe sich konstant nach unten bewegt und sei jetzt zum Gratismedium geworden. Die Maßnahmen seien vielleicht logisch, aber im Wochenzeitungssegment bleibe die „Rundschau“ die Nummer zwei hinter den „Tips“ seines Hauses. „Ich habe den Eindruck, man hat das Kind mit dem Bad ausgeschüttet.“

Erschienen in Ausgabe 12/2008 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 98 bis 99 Autor/en: Engelbert Washietl. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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