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ARCHIV » 2008 » Ausgabe 12/2008+01/2009 »

Medien

Online auf dem Weg zur Weltmarke

Von Interview: Johann Oberauer

Der „Guardian“ verliert erneut fünf Prozent seiner Leser – in der Zeitung. Im Internet gewinnt er dagegen massiv. Chefredakteur Alan Rusbridger über die Konsequenzen.

?Vor kurzem hat der „Guardian“ seinen Lesern Klavierunterricht gegeben – mit einem exzellenten Supplement. Davor konnte man Journalismus lernen. Was kommt als Nächstes? Eine Anleitung: Wie wird man Schilehrer?

Alan Rusbridger: Ja, warum nicht (lacht).

Wenn Sie Hilfe benötigen, wir stehen Ihnen gerne zur Verfügung. Im Ernst: Machen Sie mit solchen Nischenthemen wirklich mehr Auflage?

Ja. Leider verlieren alle Zeitungen derzeit Käufer. Und alle Zeitungen versuchen unterschiedliche Ansätze, um diese Entwicklung zu stoppen. Die einen verschenken eine Flasche Wasser, wir bieten Kurse für Piano oder Journalismus an.

Es ist allerdings schwer zu glauben, dass sich die mehr als eine Million „Guardian“-Leser für Piano, Journalismus oder gar Schifahren interessiert.

Nun, wir haben uns entschieden, anstatt einer Flasche Wasser unseren Lesern Bildungsangebote zu machen. Vor zwei Jahren haben wir große Poster beigelegt, dann bedeutende Reden, wichtige Gebäude erklärt, selbst Unterricht in Fremdsprachen haben wir angeboten.

… auch Englisch?

Ja, auch Englisch. Fakt ist, dass wir mit diesen Beilagen unsere Auflage über das gesamte Monat hinweg um 10.000 bis 15.000 Exemplare erhöhen können.

Was funktioniert am besten?

Serien mit Zeichnungen von Tieren, Bäumen, Pilzen. Da verkaufen wir 15.000 bis 20.000 Exemplare mehr.

Trotzdem verlor der „Guardian“ in diesem Jahr fünf Prozent seiner Leser, das Schwesterblatt „Independent“ sogar zwölf Prozent. Was haben Sie falsch gemacht?

So einfach lässt sich das nicht sagen. Erstens ist es unmöglich, jeden Tag extrem aufwändige Beilagen zu machen, um die Leser zu halten. Und zweitens, wenn Sie sich die Zahlen genau ansehen, dann hat der „Guardian“ noch nie so viele Leser gehabt, wie aktuell. Allerdings kaufen sich diese dafür keine Zeitung, sondern sie lesen uns im Internet.

Und von dieser Rechnung kann man auch leben?

2007 hatten wir Online 30 Millionen Pfund (Anm.: knapp 40 Millionen Euro) Umsatz. Das sind rund 15 Prozent von unserem Gesamtumsatz. Wir rätseln ja alle, aber die Werbung ist noch immer den Lesern gefolgt. Es sollte also mehr werden.

Machen Sie bereits Gewinn mit Ihrem Online-Angebot?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, auch weil es davon abhängt, wie man zählt. Wir haben 150 Leute in unserer Online-Redaktion, aber diese nützen wiederum viele Leistungen ihrer 650 Zeitungskollegen.

Wie würde es dann aussehen, wenn es keinen gedruckten „Guardian“ mehr gäbe? Könnten die Online-Redakteure dieselbe Qualität liefern? Und könnte dieser digitale „Guardian“ auch überleben?

Wir sehen alle, dass die Zeitungsauflagen insgesamt nach unten gehen, während die Online-Nutzung weiter steigt. Richtig ist auch, dass wir dafür noch keinen wirklich funktionierenden Businessplan haben.

Ein deutscher Trendforscher hat kürzlich in Berlin prophezeit, dass für Qualitätsjournalismus goldene Zeiten anbrechen werden. Das Internet würde diese Entwicklung sogar unterstützen. Je mehr Nachrichten angeboten werden, desto wichtiger werden solche, auf die man sich verlassen kann. Nun kostet guter Journalismus bekanntlich viel Geld, welches allerdings immer weniger durch Werbung zu verdienen ist. Welchen Spielraum sehen Sie beim Verkaufspreis von Zeitungen?

Der „Independent“ hat eben den Verkaufspreis von 80 Cent auf einen Pfund erhöht und eine Menge Leser dabei verloren. Auch wir werden unseren Preis erhöhen müssen, auch weil in den nächsten Jahren die Einnahmen aus der Werbung weiter sinken. Allerdings werden wir damit so lange zuwarten, wie das nur möglich ist. Qualitätsjournalismus ist nun mal teuer. Ich bin überzeugt, dass wir auf Dauer das mit den bisherigen Modellen auch nicht mehr finanzieren werden können.

Unsere Zeitungsmacher wären glücklich, wenn sie nur annähernd so viele Anzeigen hätten, wie die britischen Blätter.

Vor allem unsere Regionalzeitungen durchleben eine schreckliche Zeit. Sie haben den Stellen-, Auto- und Immobilienmarkt an das Internet verloren. Der „Guardian“ ist bei den Anzeigen noch in einer weitgehend komfortablen Situation. Allerdings stecken auch wir in einer Kostenfalle. Auf der einen Seite belasten uns die Kosten für die Produktion der Zeitung bei gleichzeitig sinkenden Einnahmen. Und auf der anderen Seite haben wir enorme Investitionen im Internet. Beides zusammen ist ein enormer Druck bei einem gleichzeitig sinkenden Werbemarkt. In diesen Tagen beziehen wir einen neuen Newsroom mit eigenem TV- und Radio-Studio. Wir experimentieren und investieren sehr viel, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Video, Audio, Grafik, Community – alleine in diesem Jahr kommen dafür weitere 30 Journalisten dazu.

Hat der „Guardian“ mit Online die Chance ein weltweites Nachrichtenunternehmen zu werden?

Das sind wir bereits. Der „Guardian“ publiziert schon immer eine internationale Ausgabe mit einer Auflage von mehr als 30.000 Exemplaren. Jetzt haben wir durch das Internet zusätzlich sechs Millionen Leser in den USA und weitere sechs Millionen im Rest der Welt dazugewonnen.

Ist da noch mehr drinnen?

Ich glaube schon. Es ist sehr spannend, den amerikanischen Markt aufzurollen, und wir sind dabei auch sehr ambitioniert: Wir haben derzeit 15 Journalisten in den USA und möchten unsere Leser und unsere Erträge verdoppeln.

Will der „Guardian“ dasselbe im Internet schaffen, was CNN im Fernsehen erreicht hat?

Wir werden sicher nicht so groß werden wie CNN. Fernsehen ist extrem teuer. Internet dagegen ist extrem günstig. Wir haben eine viel geringere Kostenstruktur.

Möglicherweise ein großer Vorteil für Sie. Experten meinen ja, dass Fernsehen durch das Internet mindestens ebenso, vielleicht sogar noch stärkere Konkurrenz bekommt, als die Zeitungen.

Wir haben noch andere Vorteile. Trotzdem müssen auch wir uns fragen, wo wir uns in Zukunft konzentrieren wollen. Umwelt wird eines jener großen Themen der nächsten 20 Jahre sein, das sich lohnt. Das können Sie weltweit mit fünf Reportern machen und weiteren fünf in der Redaktion. Ich will für uns in diesem Bereich weltweit die besten Journalisten haben und ich hoffe damit auch die weltweit meisten Leser zu bekommen. Redaktionen werden sich in Zukunft konzentrieren müssen. Man wird nicht hervorragenden Sport und gleichzeitig hervorragende Kultur oder Politik machen können. Wer sich nicht konzentriert, wird am Ende verlieren.

Wird Internet auch in Zukunft kostenlos sein?

Ich sehe derzeit keine Alternative.

In Europa werden große Qualitätszeitungen von Stiftungen herausgegeben. Wird Qualitätsjournalismus am Ende des Tages nur mehr ein Hobby für reiche Leute und edle Institutionen sein? Und wäre das ein Problem?

Wenn wir daran glauben, dass die Berichterstattung über Wirtschaft, Wissenschaft, Umwelt, Politik, Kultur oder Recht in einer verantwortungsvollen Weise notwendig für unsere Gesellschaft ist und wenn das eine Stiftung als edlen Zweck übernimmt, dann ist nichts dagegen einzuwenden.

In den Vereinigten Staaten versuchen Stiftungen die Medien zu unterstützen, indem sie selbst teure Recherchen machen – und die fertigen Geschichten dann gratis anbieten. Eine gefährliche Entwicklung?

Ein interessantes Modell. Und eine Variation von dem, was wir bereits besprochen haben. Wenn sich Zeitungen die Recherchen nicht leisten können, spricht nichts dagegen, dass ihnen Stiftungen bei aufwendigen investigativen Projekten helfen.

Die Finanz- und Börsenkrise hat inzwischen die reale Wirtschaft erreicht. Was bedeutet das für den „Guardian“, was erwarten Sie für die Medien – vor allem für die Zeitungen?

Niemand weiß natürlich, was nun genau kommen wird. Es könnte ja auch sein, dass das Internet langsamer wachsen wird – auch weil für die weitere Entwicklung weniger Geld da sein wird.

In den vergangenen Jahren haben G
ratiszeitungen auf Kosten der Kaufzeitungen gewonnen. In der Schweiz ist „20 Minuten“ heute die am meisten gelesene Zeitung. Sind Kaufzeitungen zu teuer geworden?

Das ist eine der großen Fragen. Der „Guardian“ könnte ohne Vertriebseinnahmen nicht überleben.

Michael Haller, ein deutscher Professor für Journalismus, hat kürzlich prophezeit, Gratiszeitungen seien nur ein Phänomen der nächsten Jahre. Sobald wir vernünftige mobile Medienangebote haben, wird niemand mehr Gratiszeitungen haben wollen.

Es wird von den Geräten abhängen. Wir warten ja alle auf eine brauchbare Lösung. Ein interessanter Ansatz ist das iPhone, auch das Amazon Kindle. In den USA kann man damit die „New York Times“ lesen. Ich gehe davon aus, dass es uns über kurz oder lang so gehen wird wie der Musikindustrie mit dem iPod. Und darauf sollten die Zeitungen vorbereitet sein. Das mobile Lesen hat sicher noch einige große Überraschungen für uns.

„The Guardian“ startete 2006 als einer der ersten mit „online first“. Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht? Ist das Internet ein Freund oder ein Feind der Zeitungen?

Niemand kann sich mehr vorstellen, dass wir in jene Zeit zurückkehren, als Nachrichten zuerst in der Zeitung waren. Oder dass Nachrichten zurückgehalten werden, um sie am nächsten Tag in der Zeitung exklusiv zu haben. Wir diskutieren heute auch nicht mehr darüber, dass wir Storys ständig weiter schreiben und dabei Gefahr laufen, zu Agenturjournalisten zu werden.

Scoops sind nicht mehr so wichtig für eine Zeitung, haben Sie kürzlich in einem Interview gesagt. Zeitungen können sich damit heute nicht mehr nachhaltig positionieren. Im Internet verschwimmen die Spuren viel zu schnell, um von Enthüllungsjournalismus zu profitieren. Was bleibt dann für die Zeitungen?

Es ist natürlich für die Zeitung wichtig, auch weiterhin nach Scoops zu jagen. Aber die Wichtigkeit im Vergleich zu früher hat sich geändert. Die Zeiten sind vorbei, als man Geschichten aufgedeckt hat und sie am nächsten Morgen exklusiv auf seiner Frontpage hatte. Heute sind die meisten Storys schon innerhalb von Minuten durch.

Was bleibt dann den Zeitungen?

Wir haben beim gedruckten „Guardian“ zur Zeit ein fantastisches Team an Kommentatoren, die die Nachrichten erklären, aber auch Dinge herausfinden.

Könnte diese Aufgabe über kurz oder lang auch das Internet übernehmen?

Eine interessante Frage. Vielleicht liefert die Zeitung künftig auch nur Kurzfassungen von den Inhalten im Internet oder sie wird eine Art „Fernsehprogramm“ für das Internet. Es könnte ja sein, dass sich die Rollen vollkommen tauschen. Wir werden da noch viel experimentieren müssen. Ein interessantes Beispiel ist Michael Tomasky, unser Kommentator in Washington. Mike ist ein fantastischer Kommentator und Blogger. Jetzt hat er noch kurze Zwei-Minuten-Videos gestartet und kommt damit unbeschreiblich gut bei den jungen Leuten an. Ich denke, dahin geht der Zug und wir werden schrecklich auf die Nase fallen, wenn wir nur textorientiert denken.

Erschienen in Ausgabe 12/2008 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 62 bis 65 Autor/en: Interview: Johann Oberauer. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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