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Medien

Wachsen, wachsen, wachsen

Jede Hausfrau würde bei so viel Besuch verzweifeln: 25.000 kommen jedes Jahr am Londoner Kings Place vorbei, um die „Guardian“-Journalisten mal eben bei der Arbeit zu sehen, 100 jeden Tag. Seit kurzem ist der erst seit 2002 genützte Newsroom für Gäste gesperrt. Man ist „busy“. Die 800 Journalistinnen und Journalisten packen und übersiedeln wenige Häuser weiter in eine ultramoderne Großraumredaktion. Sogar ein eigenes TV- und Radiostudio gibt es hier. Es ist vermutlich das letzte Megaprojekt von Chefredakteur Alan Rusbridger, 54, der seit 13 Jahren die Redaktion mit großem Erfolg führt.

Mit einer täglichen Auflage von knapp 350.000 Exemplaren, fünf Prozent weniger als noch ein Jahr zuvor, zählt der „Guardian“ zu den kleinsten überregionalen Tageszeitungen in Großbritannien. Nur der „Independent“ hat mit 220.000 noch weniger. Im Zahlenvergleich in einer komplett anderen Liga dagegen der stärkste Titel, die blutige „Sun“. Sie schafft mehr als drei Millionen. Täglich. Ähnlich wie die „FAZ“ oder die „Neue Zürcher Zeitung“ gehört der „Guardian“ einer Stiftung, dem Scott Trust, der mit regionalen Tageszeitungen, Gratistiteln und Radiostationen Geld verdient und damit den „Guardian“ noch nebenbei füttert, um ihn „als eine wichtige Stimme in der britischen Gesellschaft und Kultur“ zu sehen. Was ohne Zweifel gelingt – und weit darüber hinaus. Mehr als 30.000 Exemplare werden als eigene internationale Ausgabe außerhalb Großbritanniens verkauft. Der „Guardian“ gilt als eine der wenigen weltwichtigen Qualitätstitel. Preise hüpfen ihm zu wie die aufdringlichen Eichhörnchen den Spaziergängern im Hyde-Park.

Doch die spannendste Erfolgsgeschichte schreibt der Online-Dienst des Hauses, www.guardian.co.uk. Und man hat den Eindruck, dass gerade der das eigentliche Herzensanliegen von Zeitungsprofi Alan Rusbridger ist. Nicht ohne Grund. Denn was Jahre zuvor Ted Turner mit CNN beim Fernsehen geschafft hat, könnte Rusbridger mit seinem Online-Dienst nochmals gelingen: die Schöpfung einer Weltmarke im Nachrichtengeschäft. Durch die Stiftung frei vom wirtschaftlichen Druck seiner Mitbewerber, investiert der „Guardian“ auf Teufel komm raus, 150 arbeiten alleine in der Online-Redaktion. Während die einen Journalisten rausschmeißen, stellt Rusbridger ein. Vor allem Online soll wachsen, wachsen, wachsen.

Sechs Millionen tägliche Leser hat der Dienst in den USA, nochmals so viele im Rest der Welt – außerhalb Großbritanniens. 15 Journalisten arbeiten bereits in den Staaten. Jetzt soll alles verdoppelt werden. Die Leser, die Erträge. Man fühlt es, Papier hat der Chef hier schon abgeschrieben: „Vielleicht liefert die Zeitung künftig auch nur Kurzfassungen von den Inhalten im Internet oder sie wird eine Art, Fernsehprogramm‘ für das Internet. Es könnte ja sein, dass sich die Rollen vollkommen tauschen“, sagt Rusbridger über die Zukunft (siehe Interview).

Erschienen in Ausgabe 12/2008 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 66 bis 67. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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