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Sprechstunde

Was Sie schon immer über Medien wissen wollten. Dr. Media beantwortet drängende Fragen der Branche.

Verliert News-Boss Oliver Voigt seinen Job?

Dr. Media: Absoluter Schwachsinn ist dieses Gerücht, das von der Konkurrenz gestreut wird. Das Gegenteil ist wahr. Sein Vertrag als Vorsitzender der Geschäftsführung und als Generalherausgeber der Gruppe wurde diese Tage verlängert.

Hauptgesellschafter Gruner+Jahr kommentiert prinzipiell keine Vertragsdetails – aber die Info stimmt. Der Umtriebige bleibt Wien also erhalten. Auf längere Zeit.

Was halten Sie von der Absage der Weihnachtsfeier des ORF-Sports?

Dr. Media: Blöder Populismus. Dieses Fest war seit Jahren DER Advent-Event in Wien. Hier trafen sich die wichtigsten Personen aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Medien – und natürlich Sport (Karl Schranz etc.). Mit ein bisserl Restintelligenz hätte der ORF locker zwei oder drei Sponsoren finden können – so teuer ist das Fest ja nicht. Offenbar will man signalisieren, dass das Haus vor der Pleite steht.

Imageträchtige Veranstaltungen zu sparen, dürfte im Moment aber auf der Agenda der Medien-Sparefrohs stehen. Der deutsche Springer-Verlag hat alle Großveranstaltungen für kommendes Jahr abgesagt.

Was empfiehlt Dr. Media als Weihnachtsgeschenk?

Dr. Media: Das neue Standardwerk von Harald Fidler: „Österreichs Medienwelt von A bis Z“ (Falter-Verlag). Fidler gilt als wandelndes Lexikon – und wird von recherchierfaulen Kollegen des öfteren als Quelle belästigt. Jetzt hat er sein Wissen und sein wohl gigantisches Archiv in Buchform gebracht. Auf 630 eng beschriebenen Seiten. Die „Neue Zürcher Zeitung“ schrieb über Fidler: „Pflichtlektüre für jeden, der sich über Österreichs Medien informieren will.“

Naturgemäß leserfreundlicher als ein Lexikon mit 1.000 Stichwörtern (von „Abzockfernsehen“ bis „Zeitungssterben“), ist „Trotzdem“, die von Klaus Stimeder („Datum“) und Eva Weissenberger („Kleine Zeitung“) verfasste Biographie über Oscar Bronner (Ueberreuter-Verlag). Es ist das Porträt eines Mannes, der trotz vieler Warnungen von Freunden „trend“, „profil“ und vor 20 Jahren den „Standard“ gegründet hat. Er wollte es wissen – und schreibt jetzt Gewinne. Deshalb auch der Titel „Trotzdem“. Passt zu Bronner.

Wie geht es weiter mit dem ORF?

Dr. Media: Es kommt ein neues ORF-Gesetz, allerdings frühestens im März kommenden Jahres. Die Regierung wartet auf eine Entscheidung der EU-Kommission. Dann geht es freilich rund. Als gesichert gilt, dass der erfolglose Programmdirektor Wolfgang Lorenz in Rente geschickt wird, wahrscheinlich auch Info-Direktor Elmar Oberhauser. Letzteres erspart dem ORF enorme Reisespesen. Man will ja sparen. De facto entmachtet sind sie schon. Die potienziellen Nachfolger rangeln, eine seriöse Prognose ist nicht möglich. Bis März kann sich ja noch vieles ändern. Logischer Info-Direktor wäre Karl Amon, derzeit TV-Chefredakteur.

Um nicht mehr Öl ins brennende ORF-Feuer zu schütten, bleibt Wrabetz. Aber nur bis September des kommenden Jahres. Das ist informell in der Koalition besprochen. Nachfolge noch offen. Aber da gibt es ja auch noch Zeit.

Wie war das mit der Haschisch-Uschi?

Dr. Media: Ich war nicht dabei. Aber da Uschi Fellner nie dichtet, glauben wir, was sie in einer ihrer stets köstlichen Kolumnen geschrieben hat. Vor vielen Jahren, „in einer unbeschwerten Lebensphase“ (also wohl vor Wolfgang Fellner und der Doppelbelastung als Mutter und Herausgeberin), fuhr sie in einem klapprigen VW-Käfer in die Steiermark, „wo auf einem Hippie-Hof entspannt wirkende Typen schamanische Schwitzhütten-Rituale vollzogen. Gebacken wurde auch. Allerdings handelte es sich um Kekse, in die Substanzen eingebacken wurden, die zur gelösten Stimmung beitrugen.“

Mittlerweile ist die Dame gereift, braucht keine Substanzen.

Und ist auch grundvernünftig geworden. Dem vermeintlichen Trend, Schönheitsoperationen zu Weihnachten zu schenken (stand in ihrem Blatt), erteilte sie eine klare Abfuhr. Wer ihr das schenke, bekomme den Rest der Weihnachtsgans auf den Kopf. Eh klar. Die schönste Herausgeberin des Landes braucht das nicht.

Gibt es Weihnachtsfrieden zwischen Dichand und WAZ?

Dr. Media: Nein, bei den vielen Schiedsgerichtsverfahren nach Schweizer Recht sollen zwei Randthemen ruhend gestellt werden. Es handelt sich um das Engagement von Dichand beim „U-Bahn-Express“ – Vorgänger der jetzt von der Schwiegertochter geleiteten Gratiszeitung „Heute“ – und um eine Petitesse über WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach. Selbst das ist noch nicht fix. Die wirklich heiklen Punkte sind noch offen. Das freut die Anwälte, die in der Causa seit Jahren ziemlich gut verdienen. Das geht weiter …

Sind Österreichs Journalisten deppert?

Dr. Media: Könnte durchaus sein, wenn man der neuesten Studie des Medienhauses Wien glaubt. Obwohl sich 51 Prozent der österreichischen Journalisten als „links“ einstufen und die Medien, besonders die Tageszeitungen (54 Prozent) als rechts oder eher rechts sehen, sind die „linken“ Journalisten zu 60 Prozent und die „rechten“ sogar zu 79 Prozent zufrieden mit der politischen Linie des Unternehmens. Vielleicht auch, weil nur ein Prozent häufig von Gewissenskonflikten geplagt werden und 72 Prozent nie. (Manager dagegen kennen zu 49 Prozent Gewissenskonflikte.) Unsicher sind sie auch über ihre Rolle: Einmal wollen sie zu acht Prozent „voll und ganz das politische Tagesgeschehen beeinflussen“, dann wieder zu 31 Prozent die „politische Tagesordnung beeinflussen“. Jedenfalls sind die Journalisten zufrieden: 57 Prozent mit der täglichen Arbeitsbelastung (trotz durchschnittlich 49 Arbeitsstunden pro Woche der Angestellten) und 58 Prozent haben nicht einmal Karrierewünsche. 64 Prozent sind zufrieden mit der beruflichen Sicherheit. Die Journalisten wollen gleichzeitig (67 Prozent) neutral und präzise informieren und gleichzeitig unterhalten und Entspannung (bis 57 Prozent) bieten. Dabei sehen sich nur 24 Prozent als Entertainer.

Eine heile Medienwelt oder Realitätstrübung? 60 Prozent wollen sich „für die Benachteiligten in der Bevölkerung einsetzen“ und 92 Prozent möglichst neutral und präzise informieren, 42 Prozent halten es außerdem für wichtig, ihre eigenen Ansichten präsentieren zu können, in Medien, die anderer politischer Meinung sind, und ohne Chance auf Karriere mit einem Lohn, der bei Freien oft knappe 1.000 Euro im Monat ausmacht, im Durchschnitt 1.500.

Dr. Media beantwortet in der „Journalist“-Sprechstunde regelmäßig Leserfragen zur Medienbranche. Fragen bitte per eMail an: sprechstunde@ oberauer.com

Erschienen in Ausgabe 12/2008 in der Rubrik „Rubriken“ auf Seite 120 bis 121. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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