ARCHIV » 2008 » Ausgabe 12/2008+01/2009 »

Medien

Wir kriegen die Krise

Von Harald Fidler

Harald Fidlers Medientagebuch: Faymann und die „Krone“, ORF und die Krise, teils hausgemacht, teils Weltwirtschaft: Sie wird Österreich und den Rest der Medienwelt noch ereilen.

Jän 1 2008 ist doch ein perfektes Jahr für ein neues Buch nach „Vorhof der Schlacht“ 2004. Ein erster Befund über „Österreich“, das heuer zwei Jahre auf dem Markt erleben sollte. Unter den seit Jahren streitenden Gesellschaftern der „Krone“ zeichnet sich Friede ab, Herausgeber Hans Dichand wird Ende Jänner 87, und kampagnisiert heftiger denn je (mit Vorliebe gegen die EU). Styria und Moser Holding legen ihre Gratiswochenzeitungen zu einem österreichweiten Ring zusammen, als Kampfansage an die „Krone“ im Werbemarkt. Die ersten Katastrophen seit der Wahl von ORF-Chef Alexander Wrabetz lassen sich auch schon analysieren, ohne dass der nächste ORF-General vor der Tür steht. So sieht es jedenfalls Anfang 2008 aus, und da beginne ich, konkret an meinem nächsten Band zu werken. Ein Lexikon diesmal. Erspart rote Fäden durchs Buch, denke ich, und die Form ermöglicht, auch auf kleinere Phänomene der Branche einzugehen, die bisher höchstens in Fußnoten vorkamen. Dass Lexika noch mehr Detailarbeit und Präzision erfordern, hab’ ich mir nicht so genau überlegt. Zeigt sich ohnehin bald beim Schreiben. Auch meine privaten Prognosen, zum Beispiel über die Haltbarkeit von ORF-Führungen, muss ich bald nachjustieren.

Jän 7 Oft schon erwartet, jetzt wirklich: Der Rechnungshof beginnt offiziell, den ORF zu prüfen. General Wrabetz erhofft vom Bericht Rückenwind für Sparmaßnahmen. Mitte September, mitten im Wahlkampf, kommt der wenig freundliche Befund.

Jän 23 ORF-Chef Alexander Wrabetz pilgert zum Papst nach Rom. Um eine DVD von der ORF-Aktion „Fragen an den Papst“ zu überreichen. Sollte er Segen für seine Geschäftsführung, für die Prüfungen durch Rechnungshof und EU-Behörde und ganz allgemein das Wohl des ORF erbeten haben: Der Papst oder Gott, so es ihn gibt, können dann a) nicht gnädig oder b) nicht ganz bei der Sache gewesen sein.

Jän 24 Wolfgang Fellner schachtelt die Vielzahl von Firmen hinter seiner Tageszeitung um, eine neue Stiftung kommt ins Spiel, was Vermutungen über den Nachschuss von Familiengeld in den Verlag nährt. Die Stiftung stockt ihren Anteil im Laufe des Jahres noch auf. Parallel wird Fellner in diesem Jahr kräftig weiter Personal abbauen, darunter Geschäftsführer und Projektmanager Gert Edlinger.

Jän 26 Puls 4 zieht knapp vor dem Neustart als österreichweiter Sender das geplante Moderatorinnenduo ab und überlässt die erste Vorabendshow den erfahrenen Morgenmoderatoren. Meistgesehene Programme ab dem Neustart (4. Februar): die Spielfilme im Hauptabend. Die so mühevoll begonnene Vorabendshow wird in den nächsten Monaten ebenso ganz verschwinden wie so manches Projekt. Selbst das Publikumsinteresse an Natascha Kampuschs Sendung, ein genialer Mediencoup, enttäuscht trotz gewaltiger Vorauspromo in diversen Blättern. 114.000 Zuschauer im Schnitt bei Sendung 1, Folge 2 wollen nur noch 32.000 sehen. Die Kündigung von Betriebsräten, die den Mitarbeitern den „Sweatshop“ Puls (Exmoderator Thomas Rottenberg) etwas weniger brutal gestalten wollen, bringt auch nicht die beste Presse. Der Selbstmordversuch der ehemaligen Assinger-Geliebten nach Besprechung in einer Ausgabe von Christina Lugners „VIP-Club“ hebt das Image nicht gerade. Bis in den Herbst verdoppelt der Sender seinen Marktanteil in der Werbezielgruppe – auf an die zwei Prozent.

Jän 31 Vielleicht brachte Wrabetz’ Pilgerreise nach Rom doch ein bisschen etwas: Die EU-Generaldirektion Wettbewerb kümmert sich in ihrem ersten, streckenweise durchaus knackigen Befund nicht weiter um die Frage, ob ORF 1 (und vor allem seine Finanzierung) sowie Ö3 zu einem öffentlich-rechtlichen Sender passen. Aber: Sie vermutet verbotene Quersubventionierung bei TW1, kritisiert ORF Sport Plus, vermisst unabhängige Kontrolle, dass der ORF nicht mehr Gebühren einnimmt, als er für den öffentlich-rechlichen Auftrag braucht. Die SPÖ beschwichtigt noch im Frühjahr per Antwortschreiben nach Brüssel, ohne die deutlich kritischere ÖVP groß einzubinden.

Feb 2 Der Publikumsrat stimmte am 28. Jänner gegen die Gebührenerhöhung, der Stiftungsrat segnet sie heute per Beharrungsbeschluss endgültig ab. 9,4 Prozent mehr ab 1. Juni. Retten den ORF auch nicht so wirklich, wie sich spätestens im Herbst zeigen wird.

Feb 16 Red Bull verleiht Flügel: Dietrich Mateschitz sieht zuwenig Logos in seinem „Red Bulletin“ und stanzt die Führung um Christian Seiler.

Feb 19 Anfang vom Ende einer Ära: Heinz Fiedlers schwarze Liste ist nicht mehr stimmenstärkste bei der Zentralbetriebsratswahl. Rote und Unabhängige machen seinem Vorsitz in der Belegschaftsvertetung ein Ende. Ein schwerer Schlag für den jahrzehntelangen Betriebsratskaiser, und nicht der einzige in diesem Jahr. Gerhard Moser (Unabhängiger) lässt sich am 25. Februar für zwei Jahre zum Vorsitzenden wählen und dürfte das spätestens im Herbst bereuen.

Feb 28 Die deutsche Media Broadcast (mit französischer Mutter) bekommt den Zuschlag für Handyfernsehen in Österreich. ORS, A1 flogen mit mangelhaften Bewerbungen früh aus dem Rennen, zuletzt auch die Bundesländerverlage.

Mär 4 Die 50:50-Partnerschaft zwischen Herbert Pinzolits und Styria hielt nur wenige Monate: Die Steirer übernehmen die Mehrheit am Joint Venture aus Styria Multi Media und Sportmagazin- Verlag. Die Styrianer beginnen munter Abverkauf und Einstellungen: „Ocean7“, „Gartenmagazin“, das „Reisemagazin“ als Publikumszeitschrift, den „Wiener“, nein, pardon, da trennen sie sich vorerst nur von den nächsten paar Chefredakteuren.

Mär 31 Die Innsbrucker Moser Holding stellt ihre „Neue“ nach kaum vier Jahren im Markt ein und ersetzt sie ein paar Wochen später durch die kostenlose Pendler- zeitung „TT kompakt“. Neue Linie: Gemeinsame Dachmarke „TT“, auch für das kleinformatige Sonntagsblatt. Auch das Format der „TT“ könnte auf Sicht schrumpfen. Mit der „Neuen“ geht eine Handvoll Redakteursjobs verloren, das Beiboot entsteht nun nebenbei in der Redaktion der „Tiroler Tageszeitung“. Eine Aufwärmrunde für das Mosersche Sparprogramm bei der „Oberösterreichischen Rundschau“ im Herbst.

Mai 8 Ausgeschieden: Eines der beliebten Schweizer Schiedsgerichte lässt Hans Dichand mit der Forderung abblitzen, die „Krone“ habe Anspruch auf 90 und nicht, wie in den heuer erstmals kündbaren Gesellschaftsverträgen vorgesehen, 70 Prozent der Mediaprint-Gewinne. Später im Jahr stoppen WAZ und Dichand eine Reihe weiterer Schiedsverfahren, wieder ein Schrittchen Richtung Frieden.

Juni 2 Der ORF startet seinen HDTV-Kanal. Für unbeirrbare TV-Skeptiker wie mich auch kein Argument. Bin aber eine Minderheit, schätze ich.

Juni 3 Die Styria steigt mit einer lokalen Wochenzeitung in Udine in Norditalien ein. Daraus könnte ein Gratisblatt mit Expansionsphantasie werden.

Juni 27 „Sehr geehrter Herausgeber!“ Bundeskanzler und SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer und der amtierende Wahl- und Lieblingsneffe des „Krone“-Herausgebers, also der damalige Infrastrukturminister Werner Faymann, schreiben Onkel Hans einen Leserbrief. Sie schwenken ihre Partei ruckartig auf den EU-skeptischen Kurs des alten Dichand: „…sind wir der Meinung, dass zukünftige Vertragsänderungen, die die österreichischen Interessen berühren, durch eine Volksabstimmung in Österreich entschieden werden sollen.“ Kniefall wäre dafür zu hoch gegriffen, der Regierungschef wirft sich mit dem Genossen Werner, aber eigentlich ja die Sozialdemokratie, flach in den Staub vor dem „Krone“-Herren. Neffe Faymann hätte das nicht nötig bei seiner innigen, langjährig gepflegten Freundschaft mit dem Alten, er lächelt seit Jahr und Tag aus dem Kleinformat, ob von Promotions (etwa der ÖBB oder der Asfinag zuletzt als Minister) oder redaktionellen Seiten. „Il Caymano“, der Kaiman, heißt ein Film über den italienischen Regierungschef Silvio
Berlusconi nach dessen Spitznamen, abgeleitet von der Krokodilart gleichen Namens. Berlusconi hat sein eigenes Medienimperium ebenso berechnend wie rücksichtslos für seine persönlich-politischen Interessen genutzt und wurde damit schon mehrfach Italiens Regierungschef. Warum fällt mir bloß ständig Il Faymano ein. Bestimmt nur mein lästiger Wortspielspleen. Der Brief und die Aussicht auf SPÖ-Führung und Kanzlerschaft seines Lieblingsneffen lässt Dichand senior eine seiner gnadenlosesten Kampagnen entfesseln, für Werner und die SPÖ, gegen die ÖVP und vor allem Außenministerin Ursula Plassnik.

Jul 2 01.45 Uhr. Um ein Haar wäre ich gerade hochkant aus der Eden Bar geflogen, und mit mir einer der Pressechefs einer ziemlich großen Bank. Wie das? Nun, eigentlich wollte ich nur einen Sprung auf zwei, drei stille Mineralwässer und vielleicht einen Espresso bei der 160-Jahr-Feier der „Presse“ im Kursalon Hübner vorbeischauen. Bis 23 Uhr geht das gut, bis ich entdecke, dass hier Bründlmayer-Sekt aus der Magnum ausgeschenkt wird. Gegen 1 Uhr komplimentiert „Presse“-Manager Reinhold Gmeinbauer die Gäste aus dem Kursalon, aber die Eden wäre für Unentwegte noch reserviert. Ich ließ mich überreden zur Eden. Leider hat die Bar die weiland so strenge Krawattenpflicht schon abgelegt, sonst wär’ ich gar nicht reingekommen. Aber auch bei gefühlten 60 Grad in der Schummerbude gilt weiterhin, selbst wenn man die Damen am Tisch um Erlaubnis gefragt hat, es abzulegen: Das Sakko an oder raus! Das macht Eden-Geschäftsführerin Susanne Mondel dem Pressemann und mir in einem Ton klar, in dem mir zuletzt wahrscheinlich Schwester Oberin in der Klostervolksschule erklärt hat, was sie davon hält, wenn man die Morgenandacht schwänzt. Immerhin hat „Die Presse“ diese Wellenlänge schon ein paar Jahre hinter sich gelassen. Ihre Jubelnummer legt die Latte für unsere 20-Jahr-Ausgabe im Oktober hoch. Aber: Wir haben Christian Ludwig Attersee an den Reglern, aber das wird natürlich noch nicht verraten.

14 Uhr: Die WAZ gibt bekannt, dass ihr Manager Andreas Rudas gerade einen privaten Fernsehsender in Albanien gekauft hat. Der sieht selbst die „Ironie der Geschichte“: Rudas, ehemaliger Generalsekretär von ORF und SPÖ, galt in den 1990ern als einer der erbittertsten Verhinderer von Privatfernsehen in Österreich. Im Herbst gibt die RTL-Holding bekannt, dass Rudas in ihren Vorstand wechselt.

Aug 3 Bei einer Enquete über Medienrecht und Opferschutz bekennt sich Justizministerin Maria Berger zu härterem Vorgehen gegen Blätter und Sender, die sich wenig um Privatsphäre und Anstand scheren. Das träfe „Krone“, „Heute“, „Österreich“ & Co wohl besonders. So mancher in der Branche führt auch darauf zurück, dass Berger dem nächsten Kabinett nicht mehr angehört. Wie kommen die bloß darauf, dass Faymann seine Minister Dichand zuliebe ausverhandelt?

Aug 13 Oscar Bronner gibt bekannt, dass er die 49 Prozent des Süddeutschen Verlags am „Standard“ zurückkauft. Eine Vertragsklausel gibt ihm die Möglichkeit zu offenbar guten Konditionen, wenn der Eigentümer des Münchner Printkonzerns wechselt. Formal kauft derStandard.at die 49 Prozent an der Zeitung. Ziel: eine gemeinsame Holding über Firmen für Print und Online.

Aug 24 „Österreich“ berichtet vom Sturz Hans Dichands – nicht als „Krone“-Chef, sondern ganz profan mithilfe der Schwerkraft, offenbar in seinem Haus in der Kaasgrabengasse. Schwiegertochter Eva reagiert nicht auf meine Anfrage nach seinem Zustand, Sohn Michael Dichand immerhin zwei Tage danach mit einem herzlichen „Lose my number!“ Dann auch noch eine Operation im September. Für einen 87-Jährigen ist nicht einmal ein eingewachsener Zehennagel ein Spaziergang, geschweigen denn einer mit eingewachsenem…, ach, lassen wir die Bilder. Ich sollte meine Zeitungsseite im Stehsatz über Leben und Wirken Hans Dichand wieder einmal aktualisieren, fällt mir schlagartig ein. Aber der bestbezahlte VW-Käfer der Medienbranche läuft und läuft und läuft munter weiter, Zehennagel hin, Operation und Sturz her. Selbstverständlich kann er mitfeiern, dass die SPÖ am 28. September unter ihrem neuen Chef Werner Faymann mit dem schlechtesten Wahlergebnis ihrer Geschichte, aber immerhin noch als stimmenstärkste Partei, durchs Ziel geht. Und Neffe Werner am 2. Dezember tatsächlich zum Bundeskanzler angelobt wird. Medienmacht hilft, ob eigene oder geliehene.

Aug 27 „Datum“ deckt Scheckbuchjournalismus von „Österreich“ (in dem Fall getarnt als „Bild“-Zeitung) und „Krone“ am Beispiel des angeblichen Quartiergebers von Radovan Karadzic in Wien auf. Wieder was nachgewiesen, danke!

Sep 1 Habe eine neue Chefin. Kennt den ORF erfreulich gut: Andrea Schurian, bis vor acht Jahren selbst in der TV-Kultur zugange.

Sep 5 Als ich das ORF-Projekt eines hoch kommerziellen Onlineportals aufdecke, das Funktionen von Facebook bis Onlinedating und -shopping vereinen sollte, erklärt ORF-Chef Wrabetz, das Ding sei längst gestorben. Das kann Online-Direktor und Projektpartner Walter Meischberger (BZÖ) nicht so klar gewesen sein. Meischberger schimpft tags darauf via APA über Wrabetz’ Feigheit. Der hat schon ganz andere Sorgen, will sich aber noch nicht wirklich aussprechen.

Sep 15 Noch mag Wrabetz offenbar nicht mit der vollen Wahrheit herausrücken, der rote General will wohl mit einer ORF-Pleite nicht den Nationalratswahlkampf belasten. Meine Infos, wonach das Finanzergebnis des ORF, das wegen chronischem Minus im laufenden Geschäft stets die Bilanz rettet, wegen der Finanzkrise eingebrochen ist, kommentiert Wrabetz an diesem Tag noch zurückhaltend. Er bestätigt aber, dass der ORF mit Finanzanlagen im ersten Halbjahr nur noch 4,9 Millionen verdient habe statt 11,5 Millionen im ersten Halbjahr 2007. Der ORF-Chef sagt damals, er wolle „den Finanzern keinen Vorwurf machen, wir haben immerhin verdient“. So zitiere ich ihn am 16. September (und melde zudem die Verkaufspläne des ORF für das Rosenhügel-Areal). Von Verdienen mit Finanzanlagen ist binnen weniger Tage nicht mehr die Rede.

Sep 29 Zufälle gibt’s: Nur einen Tag nach der Nationalratswahl erhalten die Stiftungsräte (und die APA) den lange verlangten Bericht über die wirtschaftliche Lage des ORF. Die Daten nun: 60,5 Millionen Minus im Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit statt geplanter 27,9 Millionen. Statt geplanter 40,3 Millionen brächten die Finanzanlagen des ORF voraussichtlich 2008 nur 28,1 Millionen, auch die Werbeeinnahmen lägen 21,8 Millionen unter Plan. Es kommt noch dicker.

Okt 1 Werber Thomas Kratky liefert eine der meistdiskutierten Kampagnen des Jahres – jedenfalls in der kleinen Medienbranche: Michael Fleischhacker ziert mit Zeilen wie „Wer sagt eigentlich, dass Schreiben ungefährlich ist?“ die halbe Stadt auf City Lights. Der Chefredakteur als Testimonial seiner eigenen Zeitung, wo gibt’s denn sowas? So erregt sich etwa ernsthaft ein älterer Leser am Telefon und fordert, ich möge es ihm schriftlich gleichtun. Sorry, warum und wozu?

Okt 8 Erste Daten der Media-Analyse für „Österreich“: 9,8 Prozent. „Kurier:“ 8,7. Das Fellner-Blatt verdankt das vor allem Oberösterreich und Salzburg, das der „Kurier“ kaum beackert. „Krone“: 42,2. Kurt Falks „täglich Alles“ startete übrigens in den 1990ern mit 16,9 Prozent in die Media-Analyse.

Okt 11 Wie bitte? Die Ö1-Frühnachrichten an diesem Samstag erklären mir, Jörg Haider habe sich mit seinem Dienstauto in der letzten Nacht aus dem Leben katapultiert. Ist jetzt aber nicht wahr, oder? Wie Wolfgang Fellners „Österreich“ in den nächsten Tagen trauert, lässt ahnen, was Fellner dieser Figur verdankt. Auflagenwachstum dank unzähliger „Ansagen“ Haiders in Heldenpose, vor allem bei „News“. Was er ihm noch verdankt, bestätigte wenige Tage davor im Interviewband „miteinan
der.gegeneinander/politik.medien“ der FH Wien für Journalismus und Medienmanagement der ehemalige Justizminister der FPÖ: Dieter Böhmdorfer sagt dort offen zur umstrittenen Megafusion der „Kurier“-Magazine um „profil“ mit der Verlagsgruppe News: „Ich habe in meiner Zeit als Justizminister bewiesen, dass ich derjenige war, der die geringste Abhängigkeit von Jörg Haider hatte. Ich habe nie Dinge gemacht, die er wollte, wenn sie nicht sachpolitisch gerechtfertigt waren. Die einzige Ausnahme war der Zusammenschluss der Magazine profil/trend mit der News-Gruppe, die so- genannte ‚Formil-Fusion‘. Dagegen hätte ich gerne Einspruch erhoben, aber das wurde mir von der Parteispitze verboten.“

Okt 13 Denkste: „Wir wollen in den nächsten Jahren die Führung übernehmen“, sagte Helmut Schoaß, Gratiszeitungsmanager der Styria Medien AG noch am 17. September, und meinte damit die Führung vor der „Krone“ nach Lesern, die der Ring von Gratiswochenzeitungen von Styria („Woche“) und Moser Holding („Bezirksblätter“) erreichen sollte. Ziel: gemeinsam vier Millionen davon. Tage zuvor hatte das Kartellgericht erster Instanz den Deal durchgewunken. Aber die Bundeswettbewerbsbehörde macht den Partnern in spe vorerst einen Strich durch die Rechnung: Am 13. Oktober legt sie Rekurs gegen die erste Instanz ein. Das Gericht habe wesentliche Aspekte links liegen gelassen. Nun ist das Kartellobergericht, der Oberste Gerichtshof, dran. Styria-Chef Horst Pirker sieht darin politisch motivierten Gegenwind, was hier so nicht der Fall sein dürfte, doch der Verdacht ist verständlich: Seit Monaten schon schreiben „Krone“ und „Heute“ wild gegen die Post an, auch Noch-Infrastrukturminister Werner Faymann attackierte den gelben Konzern überraschend hart. Nahe liegender Hintergrund: Die Post wollte der Moser Holding ihre „Wiener Bezirkszeitung“ verkaufen, mit der sie die Lücke ihres Gratiszeitungsrings in Wien schließen kann, mit der die Innsbrucker Moser Holding ja die „Krone“ angreifen will.

Okt 18 04.30 Uhr: Vertriebschef Thomas Letz und Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid bringen Christian Ludwig Attersee zurück nach Wien, der die ganze Nacht in der Druckerei in Tulln an den Reglern stand, um aus zehn Titelseiten zum 20-Jahr-Jubiläum durch eigenhändige Farbabstimmung Unikate zu machen. Höchste Auflage in der bisherigen Geschichte: 220.000 Exemplare. Ich liege da schon lang im Bett, muss die Endendendendendredaktion meines Buches endlich fertig kriegen. Hätte gerne länger mitgefeiert in der Druckerei. Selbst schuld.

Nov 6 Schon wieder Moser Holding, die gibt heute in einer Betriebsversammlung in Linz bekannt: In Oberösterreich schließt sie ihre Gratiszeitungslücke mit der „Oberösterreichischen Rundschau“, die sie nun komplett übernimmt und ab 2009 als reine Gratiszeitung weiterführt. 120 Leute müssen gehen, die Zahl sticht in der jüngeren Mediengeschichte deutlich hervor. 7,5 Millionen Euro schwer wird der Sozialplan.

Nov 11 Faschingsbeginn, aber kein Witz: Der ORF korrigiert sein geplantes Ergebnis noch einmal kräftig nach unten. 100 Millionen Miese 2008 statt Ende September prognostizierter 60,5. 70 Millionen wegen der Finanzkrise, behauptet die Anstaltsleitung: Finanzergebnis null statt 40. Werbeerträge 20 Millionen unter Plan. Und zur Pensionkassa müsse der ORF wegen mieser Erträge (und alter Garantien) 10 Mille zuschießen.

Nov 14 Wolfgang Fellner besinnt sich nach „Madonna“ gleich noch einmal alter Stärken jenseits der Tageszeitung und versucht, mit dem Fernsehmagazin „TV Austria“ die News-Cashcow „TV Media“ anzugreifen. Die Mediaprint will bald mit eigenen Magazinen zurückschlagen. Wird interessant, wie das der News-Gruppe bekommt.

Nov 20 Rappelvoller Saal in der Bundeswettbewerbsbehörde, die mich eingeladen hat, in ihren Räumlichkeiten mein Buch zu präsentieren, die Österreichische Marketinggesellschaft veranstaltet freundlicherweise mit. Pius Strobl und Eva Pölzl sind da, Karl Krammer, Thomas Madersbacher (gotv-Chef), Georg Spatt (Ö3-Chef), Hans Peter Lehofer (Verwaltungsgerichtshof), und, und, und Markus Breitenecker, der wie so viele als Erstes seinen Namen im Lexikon nachschlägt, Freunde, Family. Ich setze mich, unvernünftig, zwischen zwei Titanen und gehe in der kleinen Debatte der großen Publizist/inn/en Anneliese Rohrer („Kurier“) und Armin Thurnher („Falter“) ein bisschen unter wie die Titanic. Rohrer beklagt die „Versauung“ des Journalismus seit „Österreich“, die immer geringere Absicherung junger Journalisten, und rät, den ORF zu verschenken. Großer Sport. „Extradienst“-Chefredakteur Johannes Hofer fragt beharrlich, ob ein gedrucktes Lexikon in Zeiten des Internets noch zeitgemäß ist. Ich behalte die Gegenfrage für mich, wozu Christian W. Mucha noch Zeitschriften druckt, wo es das technisch doch deutlich überlegene Internet gibt. Beides hat, vermute ich, denselben wesentlichen Grund: Online ist, vorerst jedenfalls, deutlich schwerer zu finanzieren. Und, ganz ehrlich: Diese auf 632 Seiten dokumentierte Arbeit hätte ich mir für lau eher nicht angetan. Sie vielleicht?

Nov 26 „Geld sammeln und Bewusstsein schaffen“: Diese Devise hat ORF-Chef Wrabetz vor einer Woche zum heutigen Aktionstag für „Licht ins Dunkel“ ausgegeben. Für den ORF ist ihm das bei der Regierung nicht gelungen: In der Nacht auf 21. November strichen Werner Faymann und Josef Pröll bei finalen Koalitionsverhandlungen jede Absicht aus dem Regierungsprogramm, dem ORF Befreiungen von Rundfunkgebühren abzugelten, die immerhin laut Anstalt 57 Millionen Euro ausmachten. Auch mehr Werbezeiten und/oder -möglichkeiten will man ihm nicht zusagen. Die Regierung führt die ORF-Spitze am „Krepierhalfter“, sagen Auskenner. Anders gesagt: Wrabetz & Co sollen am Sparen scheitern, eine neue Mannschaft darf mit mehr Support rechnen. Raiffeisenboss Christian Konrad hat schon im Oktober im „Journalist“ Interesse an ORF 1 bestätigt, Ö3 würde er wohl gerne dazunehmen. Die ORS bekommt er jedenfalls 2009.

Nov 27 Lieber ORF, kann man dich keine fünf Tage allein lassen, ohne dass auf dem Küniglberg der mittlere Wahnsinn losbricht? Ich gönn mir mit der Piemont-Posse heuer die erste knappe Woche Urlaub im nordwestitalienischen Hügelland, Termin mit allen Teilnehmern haarscharf durchkoordiniert über Monate. Da brummt im Viertel- bis Halbstundentakt das Handy: Wrabetz stößt binnen Stunden seine Direktoren vor den Kopf, den Betriebsrat erst recht, den er wegen der Sondersitzung mit den Direktoren unentschuldigt versetzt, schließlich die Belegschaft mit a) viel Hurrawiesindwirgut zum Einstieg, dann b) der Schockankündigung von 1.000 Leuten weniger im Mutterschiff ORF (unter dem Strich sind es tatsächlich viel weniger, Gutteil: Auslagerungen, Pensionen, andere, natürlich schlechtere Dienstverhältnisse) und c) mit der Erklärung, dass die Direktoren mit ihren Konditionen bleiben. Die Regierung wirkt nicht so, als ob sie hinter dieser Ankündigung stünde. Mein erster Reflex auf Wrabetz’ Sparpaket, noch weitgehend unbeeinträchtigt von allfälligen Rotweinproben: eine Exitstrategie, die auf das Ziel hinausläuft: Die Stiftungsräte/Betriebsräte/Politik trägt mein Rettungsprogramm nicht mit, also nehme ich den Hut.

Dez 4 Mutter ORF kracht wie eine Kaisersemmel, Tochter ORS expandiert inzwischen munter: Sie erhält den Zuschlag für die Übernahme des Rundfunksendernetzes in Bulgarien. In Slowenien und Slowakei bewirbt sie sich um Digital-TV-Plattformen. Kommendes Jahr könnte Raiffeisen die Mehrheit bei der ORS übernehmen, der ORF braucht schließlich Geld.

Dez 5 Was lange gärt … Ich darf den Medienstaatssekretär interviewen. Seit zehn Tagen laufen wir ihm nach, mit der steten Versicherung, dass er allen Blättern am selben Tag zur Verfügung steht. Natürlich ist tags zuvor schon das erste kurze Interview zu Medienthemen in &#
x84;Österreich“ gestanden. Warum überrascht mich das bloß nicht? Josef Ostermayer ist seit 21 Jahren beruflicher Zwilling von Werner Faymann, und der ist zwecks Verteilung medialer Standbeine nicht nur mit seinem „Krone“-Onkel Hans Dichand dicke, sondern auch mit Wolfgang Fellner seit Jugendtagen befreundet. Das kann ja was werden mit der Regierung. Das lässt sich schon an banalen Parametern wie den Zeitvorgaben ablesen: Franz Morak (ÖVP) ließ sich, soweit ich mich erinnere, als Medienstaatssekretär noch eine Stunde ausfragen. Doris Bures nur noch 30 Minuten, als sie 2006 Medienministerin wurde. Ostermayer räumt nur noch 15 Minuten ein, meldet sich (nach vielen Verzögerungen) ein gutes Stück nach dem vereinbarten Termin, und verweist dann nach rund 10 Minuten auf den schon wartenden nächsten Termin. Immerhin: Heidrun Silhava dazwischen hatte gar keine Zeit für ein Interview zu Medienthemen, aber die war sich mutmaßlich der Vergänglichkeit ihres Jobs dort bewusst. Staatssekretär Ostermayer ist übrigens mit Fritz Ostermayer („Im Sumpf“ auf FM4) verwandt, allerdings nur sehr weitschichtig, berichtet Josef O.: Ihre Großeltern waren Cousins.

Die Mediaprint-Gremien winken die Übernahme von „Live“ durch. Als ich darüber in der Ausgabe vom 21. November berichtet hatte, fand „Live“-Erfinderin Eva Dichand gegenüber Kollegen noch wenig schöne Worte für mich. Der Papa wird’s schon richten: Das Gratismagazin kam nie so recht ins Laufen und belastete die offenbar durchaus ansehnlichen Ergebnisse von „Heute“. Die „Krone“ will daraus eine Frauenbeilage machen.

Dez 9 Abgabetermin für dieses Tagebuch beim „Österreichischen Journalist“. Was seither geschah, haben Sie eh noch aus dem „Standard“ und derStandard.at präsent, nehme ich an. Weichen Rutsch in ein beinhartes Medienjahr 2009, wünsche ich.

Erschienen in Ausgabe 12/2008 in der Rubrik „Medien“ auf Seite 112 bis 119 Autor/en: Harald Fidler. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

;