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Titel

Abendrot im ORF

Von Freddie Kräftner

Geisterhaus-Stimmung am Küniglberg. Termin bei Generaldirektor Alexander Wrabetz. Am Montag nach seinem Urlaub in Lech hätte er Zeit, hat er gesagt; er habe keine Sitzungen, halte sich den Tag bewusst frei. Wir seien willkommen.

Es kam natürlich anders. Er hatte doch dringende Termine. 16 Uhr war ausgemacht. „Es dauert noch zehn Minuten", sagt Monika Kummerer, das Schutzengerl in der Generaldirektion. Wer Wrabetz ein wenig kennt, weiß, dass man dann zwischendurch in die Kantine gehen oder ein Ultra-Sudoko lösen kann. Also mehr als zehn Minuten.

Um 16.22 Uhr kam einer heraus, bei dem jeder Notarzt sofort Alarm schlagen würde. Die Gesichtsfarbe schwer zu beschreiben. Jedenfalls wäre Grau dagegen eine Signalfarbe. Das wirklich sichtbare Elend hat einen Namen: Pius Strobl, Marketing- und Kommunikationschef des ORF.

Dann weiter Warten. Ein paar verhuschte Gestalten, die nicht gesehen werden wollen, aber dann freundlicher grüßen als Japaner – haben wohl Angst, dass der Fremde ihnen was antut. Dann Grabesstille. So stellt man sich ein modernes Medienhaus nicht wirklich vor.

Am nämlichen Montag erschien ein Leitartikel im „profil", verfasst von Herausgeber Christian Rainer – wie fast immer am Punkt. „Im Zweifel für Wrabetz", meinte er. Unterzeile: „Noch nie war der ORF so unabhängig wie jetzt. Das will die Regierung natürlich ändern."

Die Fakten: Die Regierung plant ein neues Rundfunkgesetz, auch wegen kommender Auflagen der EU. Damit verbunden werden (inhaltlich nicht zwingend, aber realpolitisch logisch) Personaländerungen.

Hinter den Kulissen tobt also ein selten erlebter Machtkampf der Parteien um den trotz Quotenverlusten immer noch sehr wichtigen ORF.

Der Frontenverlauf. Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll hat immer noch nicht verwunden, dass seine Freundin Monika Lindner durch die so genannte Regenbogenkoalition aus dem Amt geputscht wurde. Er attackierte Wrabetz mehrfach in Interviews. Pröll sagt nie etwas bevor Entscheidungen gefallen sind, wie politische Beobachter interpretieren.

In der SPÖ gibt es auch eine neue Spitze. Zu Kanzler Werner Faymann hat Wrabetz eine korrekte Beziehung (was immer das unter Parteifreunden heißen mag), jedenfalls gehört er nicht zum engsten Kreis. In diesem sitzt Josef Ostermayer, neuer Medienstaatssekretär. Er hat in Faymanns Zeit als Stadtrat und Infrastrukturminister großzügig Inserate verteilt – bisherige Äußerungen zu Medienfragen waren für Branchenkenner vage bis kryptisch. In Fachkreisen gilt Ostermayer als medienpolitischer Lehrling, was er auch offen zugibt: „Ich schaue mir alles an, bevor ich mir eine Meinung bilde."

Das SPÖ-Mitglied Wrabetz hat also nicht wirklich das notwendige Backing der Partei.

Desasterteam statt Dreamteam. Ein ORF-General konnte sich nie wirklich sein Wunschteam aussuchen – das lehrt die ORF-Geschichte. So schlimm wie bei der vergangenen Wahl war es freilich noch nie. Also lebt Wrabetz, mehr schlecht als recht, mit mehreren Mühlsteinen.

An erster Stelle zu nennen ist Sissy Mayerhoffer. Von ihr ist er schwer enttäuscht, berichtet einer der wenigen Wrabetz-Vertrauten. Sie war ein Zugeständis an die ÖVP. Jedem war klar, dass Wrabetz (Kaufmännischer Direktor unter Gerhard Weis und Monika Lindner) sich weiter um das Schlüsselressort kümmern würde, Mayerhoffer (früher in der VP) sollte Verbindungsfrau zum bürgerlichen Lager sein. Dort ist sie freilich – aus mannigfaltigen Gründen – nicht mehr gut angeschrieben.

Die Fernsehdirektoren Oberhauser und Lorenz haben sich auch als echte Problemfälle erwiesen (siehe Kasten auf Seite 31). Der Rest: Quantité négligeablé.

Das Personal-Rätselraten. Jetzt wird viel gemunkelt. Als neuer ORF-General wird TV-Chefredakteur Karl Amon genannt.

Der wird allseits gelobt als Top-Journalist, er hat nur null Erfahrung als Stratege und Manager. Gilt als Sozi – ist aber entgegen landläufiger Meinung (anders als Wrabetz) kein SPÖ-Mitglied. Könnte die ÖVP also vielleicht schlucken. Amon will nur nicht. „Ich habe keine Ambitionen und unterstütze die jetzige Geschäftsführung."

Für den Job an der Spitze wäre der Vollblut-Journalist auch wenig geeignet. Zu unberechenbar. Als seinerzeit der Posten des Wiener Landesdirektors zu vergeben war, sagte Michael Häupl dem damaligen Radio-Chefredakteur Amon: „Tut mir leid, du bist mir zu sehr Journalist." Ein Adelsprädikat aus dem Mund des Landeshauptmanns. Es wurde Brigitte Wolf.

Bleibt Wrabetz? Da sich die Koalitionsparteien nicht auf einen neuen ORF-Chef einigen können (viele bieten sich für den Horrorposten ja auch nicht an) dürfte Wrabetz bleiben – mit einem komplett neuen Team. Wogegen er wohl nichts hätte, er ist beweglich. Mit langem Schweigen wurde im „Journalist"-Interview die Frage beantwortet, auf wen er in Zukunft ungern verzichten würde. Für den als sehr diplomatisch bekannten ORF-Chef eine ungewöhnlich präzise Aussage.

Strukturreform. Klar ist nicht nur dem Rechnungshof, dass der ORF ein gewaltiges Strukturproblem hat. Die Kaufmännische und die Technische Direktion sollen als quasi Infrastrukturministerium des ORF endlich zusammengefasst werden." Dafür plädieren Kenner der haus Internen Struktur schon lange. „Das ist freilich ein Teufelsjob. Wer immer das macht, sollte ein Krematorium errichten. Da gibt es viele Leichen im Keller", ist zu hören.

Favorit ist der bürgerliche Christian Domany. Als Vorsitzender des Finanzausschusses im ORF-Stiftungsrat kennt er die Probleme ziemlich gut. In seinem jetzigen Job als Vorstand des Flughafens Wien soll er auch nicht gerade sehr glücklich sein. Jene, die ihn nicht wollen, werfen ihm Kostenüberschreitungen beim Flughafenausbau vor. Ziemlich perfide, gezielt aus dem ORF gestreute Stimmungsmache.

Als „externer Sanierungsexperte" wird laut einer mit der extrem heiklen Causa befassten Quelle auch Universitätsprofessor Franz Marhold genannt. Der Ex-ORF-Stiftungsrat und ausgewiesene Arbeitsrechtsexperte berät schon derzeit für nicht wenig Geld die ORF-Spitze. Wrabetz schätzt ihn.

Das Paket. Es gibt derzeit einen ziemlich üblen Postenschacher in der Faymann-Pröll-Regierung. Bei Redaktionsschluss war klar, dass die Roten im ORF halbwegs gut bedient werden – und die ÖVP im Gegenzug den nächsten EU-Kommissar stellen wird.

Info-Direktor wird wohl Karl Amon, Programmdirektor Reinhard Scolik. Hörfunk und Internet werden zusammengelegt. Hier bietet sich Brigitte Wolf mehr als an.

TV-Chefredakteur soll der Pröll-Spezi Richard Grasl werden. Als „jung und charmant" beschrieb „profil" den derzeitigen Chefredakteur des St. Pöltner Landesstudios. Auf der Liste sollte man einen unbedingt haben: Stefan Ströbitzer, derzeit Verantwortlicher der ZIB-Sendungen in ORF 2. Der Sohn des legendären Chefredakteurs der „Niederösterreichischen Nachrichten" machte zielstrebig unter schwarzer Flagge Karriere, wurde unter Amon aber immer röter, wie Kollegen erzählen. Jedenfalls ein Mann für alle Fälle.

Wird Wrabetz geknebelt? Die VP-Strategen haben einen nicht uncleveren Plan. Man denkt an einen Vierer-Vorstand laut Aktienrecht nach. Derzeit ist Wrabetz Alleingeschäftsführer des Hauses, die Direktoren sind quasi bessere Prokuristen.

Der ORF ist nicht mehr, was er einmal war. Gruftstimmung auch in der früher für ihren Tratsch bekannten Kantine. Ein paar Techniker jammern (die jammern immer, gehört offenbar zu ihrer Jobbeschreibung). Ein Redakteur erzählt, was er in den Zeitungen gelesen hat (sie lesen wieder die Blätter, nachdem der Pressespiegel systematisch zensiert wird). Eine Dame sagt mit leichtem Anflug von Galgenhumor: „Glauben Sie mir, wir haben schon viel überlebt." Ihr Wort in Gottes Ohren.

100

Millionen Euro Verlust schreibt der ORF im Jahr 2008, Rekordefizt.

1.000

Leute sind abbaubar, sagen alle Fachkundigen.

2

Direkoren sollen mindestens eingespart werden, mein
t die Politik.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2009 in der Rubrik „Titel“ auf Seite 28 bis 29 Autor/en: Freddie Kräftner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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