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Der Biedermann als Berserker - Der Österreichische Journalist - medien journalismus zeitung print magazin radio tv online

ARCHIV » 2009 » Ausgabe 02+03/2009 »

Porträt

Der Biedermann als Berserker

Von Freddie Kräftner

Josef Urschitz von der „Presse" mag keine Affen und Nasenbohrer in den Aufsichtsräten. Er hat auch was gegen die Agrarindustrie. Porträt eines Alten Wilden.

Er redet ruhig und leise, man versteht ihn kaum. Er wirkt leicht schüchtern und bieder. Das ist der eine Josef Urschitz, 57 Jahre alt. Der andere ist jener, dessen Texte im Wirtschaftsteil und auf der Kommentarseite der „Presse" zu lesen sind. Wortgewaltig bis berserkerhaft. Von Altersmilde keine Spur, ganz im Gegenteil.

Kleine Textprobe vom 13. Jänner: „Man darf sich als Laie den Aufsichtsrat einer großen Aktiengesellschaft (…) als Ansammlung von Nasenbohrern vorstellen, die sich ein paar Mal im Jahr zum Kaffee treffen und dafür hohe fünf- bis niedrige sechsstellige Summen verrechnen. Und deren Wappentier die berühmten drei chinesischen Affen sind:, Nix hören, nix sehen, nix sagen.’" Über die „drei Affen" hatte er schon vor drei Jahren geschrieben – Thema war die Ahnungslosigkeit und Unfähigkeit der BAWAG-Aufsichtsräte. Mittlerweile sind weitere Skandale durchs Land gezogen. Immofinanz, Kommunalkredit, Spekulationsgeschäfte der ÖBB, Medici Bank und zuletzt der Absturz der AUA. Geändert hat sich so gut wie nichts.

Keule Haftpflicht. Urschitz plädiert daher für „eine Keule der echten Haftplicht". Die gängige faule Ausrede („Der Vorstand hat uns das nicht gesagt") lässt er nicht gelten. Schließlich hat der Aufsichtsrat den Vorstand laut Aktiengesetz „zu überwachen" und hat das Recht, in Bücher und Kassen selbst Einsicht zu nehmen oder dafür „besondere Sachverständige" zu beauftragen. Kein Pardon jedenfalls. „Bonzensänften zur Ablenkung" war auch so ein typischer Urschitz-Titel in seiner „Presse"-Kolumne „Bilanz" (27. Jänner). Die Aufregung um die Dienstkarossen von Nationalbankdirektoren hielt Urschitz für eine typisch österreichische Neid-Diskussion, die nur die Frage verdrängt, ob man die Nationalbank in ihrer jetzigen Konstruktion überhaupt so braucht.

Weitere Kostproben: „Entmündigt die Länder" (über den Föderalismus-Dschungel) oder „Gepflegter Selbstbetrug" mit dem Tenor: „Glauben Sie nicht alles, was in einer Bankbilanz steht – die Kreativen sind am Werk."

Urschitz polarisiert: Den einen ist er ein Robin Hood gegen die Abzocker im feinen Tuch, andere halten ihn für „einen Jeannée der Wirtschaft", der polemisch nur jene Fakten verwendet, die seine Sicht der Dinge untermauern. Er weiß darum: „Eine Kolumne lebt nun mal von der Zuspitzung." Gelernt hat das der gebürtige Kärntner, den es nach der Matura nach Wien zog, im Publizistikstudium – von Thomas Chorherr. Urschitz lieferte einen klassischen Einerseits-Andererseits-Aufsatz ab und bekam zu hören: „Haben Sie keine Meinung?"

Das Studium hat Urschitz nicht beendet, im „trend" war eine Lehrredaktion ausgeschrieben. Peter Muzik machte die Auswahl. Testaufgabe war eine Recherche über Kredithaie. Der angehende Jungjournalist befragte zunächst einen Experten der Arbeiterkammer. Auf die Idee sind freilich auch andere gekommen. Der hilfreiche Kämmerer begann mit den Worten: „Sie sind jetzt schon der Achte vom, trend’". Neben „trend" schrieb Urschitz als freier Mitarbeiter auch für den A3-Verlag, 1980 kam er zur „Presse", von 1987 bis 1993 war er Wirtschaftschef der APA. 1993 dann die Rückkehr zur „Presse" als Ressortleiter, in dieser Funktion folgte ihm Michael Prüller. Urschitz verlegte sich mehr auf das Schreiben, auf seiner Visitkarte steht heute „Leitender Redakteur Economist" – damit ist er auch für die Berichterstattung über Anlagethemen verantwortlich.

Bilanzen kann er gut lesen, deshalb sind ihm sehr rasch die Ungereimtheiten bei Firmen im Umfeld von Julius Meinl V. aufgefallen. Und wie.

Schwer verändert habe sich der heimische Wirtschaftsjournalismus, bilanziert der Vater zweier erwachsener Kinder mehr als 30 Berufsjahre. „Es wird investigativer gearbeitet. Früher stand die Größenordnung der Berichterstattung in Relation zur Bilanzsumme eines Unternehmens", erzählt Urschitz über einen Anrufer aus der früheren Girozentrale. Der hatte genaue Vorstellung die Bilanzkonferenz betreffend und erinnerte an die Länge eines Artikels über die Creditanstalt.

Heute wäre dergleichen undenkbar. Vor allem die Gründung des „Standard" und die Ausrichtung der „Salzburger Nachrichten" über das eigene Bundesland hinaus habe die Konkurrenz belebt.

Ein Leibthema für Urschitz war über Jahre die Agrarwirtschaft. „Die hat die beste Lobby im Land; sie empfindet es nur als Beschimpfung, wenn man das schreibt."

Doch in letzter Zeit waren es vor allem Banker und Aufsichtsgremien, an denen sich Urschitz rieb. Mit einer Person hat er freilich fast Mitleid: „Den Elsner haben sie zu dessen Leidwesen wohl zwei Jahre zu früh erwischt." Er wäre heute vielleicht auf freiem Fuß.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2009 in der Rubrik „Porträt“ auf Seite 80 bis 81 Autor/en: Freddie Kräftner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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