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Special Sport

Nicht nur Tore, Meter und Sekunden

Von Interview: Freddie Kräftner

Sport I. Rainer Fleckl, 2008 erneut zum „Sportjournalist des Jahres" gewählt, über Rapid, ÖFB und ORF.

?Sind Sie ein bekennender Rapidler?

Rainer Fleckl: Wieso diese Frage?

Weil Sie sich zur Feier der „Journalisten des Jahres" Rapid-Präsident Rudolf Edlinger als Laudator gewünscht haben.

Ich hatte eine Affinität zu Rapid, habe diese aber nicht exzessiv ausgelebt in meiner Schul- und Studentenzeit. Ich war nie auf der (Anmerkung: berüchtigten) Westtribüne, sondern saß auf der Südtribüne. Als Journalist habe ich nicht nur oft im Hanappi-Stadion gefroren, sondern auch die heißeren Eisen angepackt. Der „Kurier" hat im Herbst 2007 als erstes Medium umfassend über die finanzielle Situation bei Rapid berichtet (Anmerkung: „Alarmstufe Rot"). Edlinger kann mit konstruktiver Kritik umgehen. Er hat öfters zu mir gesagt: „Seltsam. Ich habe den Eindruck, außer Ihnen interessiert sich kaum ein Journalist dafür, wie Vereine finanziert werden." Als Ex-Finanzminister kann Edlinger meine Arbeit beurteilen.

Dann hätten Sie ja vielleicht auch gern Edlingers Vorgänger Günther Kaltenbrunner als kommenden ÖFB-Präsident gesehen. Er galt als Favorit, herausgekommen ist der Oberösterreicher Leo Windtner. Was halten Sie von dieser Wahl?

Kaltenbrunner dürfte sich beim finalen Hearing nicht allzu geschickt verhalten und die Sache zu locker genommen haben – sein Handy hat zwei Mal geläutet. Windtner ist als Generaldirektor der Energie AG ein Profi aus der Wirtschaft, muss sich aber als langjähriger Vizepräsident den Vorwurf gefallen lassen, maßgebliche Entscheidungen der letzten Jahre mitgetragen zu haben. Österreichs Fußball hat sich trotz aller Versuche, EM-reif zu werden, nicht rasend erfolgreich entwickelt – Platz 92 der Welt, hinter Bahrain, Irak oder Libyen.

Wo sehen Sie die größten Probleme, die auf Windtner zukommen?

Im Nachwuchs. Das sündhaft teure Challenge-Nachwuchsprojekt, dessen Schirmherr Windtner ist, wird von den Bundesliga-Vereinen extrem kritisch hinterfragt.

Selbst Austria-Ikone Herbert Prohaska hätte den Rapidler Kaltenbrunner für die bessere Wahl gehalten. Das mag was heißen. Zitat Prohaska aus einer gepfefferten Polemik in der „Krone": „Mit Kaltenbrunner wäre (…) erstmals auch ein Vertreter des Spitzenfußballs Präsident geworden. Er war als Spieler, Trainer und Präsident ein Profi. Windtner vertritt den Amateurfußball." Und: „Offenbar musste der neue Präsident aus dem gleichen politischen Lager wie der alte kommen." Weiters verweist Prohaska auf „mehrere Querschüsse gegen verschiedene Teamchefs, meist aus sicherer Deckung." Teilen Sie diese Analyse?

Prohaska war mutig und unterhaltsam, ich teile aber nicht bedingungslos seine Argumentation. Ein ÖFB-Präsident muss nicht zwingend Länderspiele absolviert haben, er sollte sich jedoch die richtigen Berater halten und den Fußball, der seit Jahrzehnten im eigenen Saft brät, für Ideen und Visionen von außen öffnen. Daran wird Windtner zu messen sein. Aus politischer Sicht hatte Kaltenbrunner alle Chancen: Er gilt als bekennender Großkoalitionär.

Wie politisch vereinnahmt war und ist das Sportleben in Österreich?

Zu politisch, zu vereinnahmt. Ich halte es diesbezüglich ganz mit meinem „Kurier"-Kollegen Jürgen Preusser. Eine Konstellation mit ÖOC, BSO, ASKÖ, Union und ASVÖ ist nicht mehr tragbar. Selbst auf legalem Weg verschwinden in so einem überdimensionalen Dachstuhl des winzigen Sport-Hauses Österreich Förderungsmillionen für die Selbstverwaltung. Ich meine auch: Ein guter Sportpolitiker nützt den Sport nicht ausschließlich als Bühne zur Selbstdarstellung.

War Friedrich Stickler zu weich für die in der Fußball-Funktionärsszene nicht unüblichen versteckten Fouls und Querschüsse?

Stickler ist weniger an Querschüssen als an seinem eigenen, behäbigen Apparat gescheitert. Auch bei ihm streifen wir ein wenig das Thema persönliche Eitelkeit.

Zum „Kurier": Seit August des Vorjahres leiten Sie den Sport, seit Jänner sind Sie auch formal Ressortchef. Ihr Vorgänger Preusser hat uns vor zwei Jahren gesagt, er sei ein Fan von Statistiken. Diese ergeben oft gute Geschichten, ohne sie gäbe es auch keine Allzeithelden. Teilen Sie diese Passion?

Ich persönlich nicht so ganz. Es geht in der Sportberichterstattung heute nicht mehr nur um Tore, Meter und Sekunden. Wiewohl gute Statistiken schon ihren Reiz haben und oft die Basis für den Hintergrund liefern. Berichte über Fußballspiele sind heute auch analytischer. Den Lattenpendler in der sechsten Minute oder die zwei gelben Karten kurz nach Anpfiff der zweiten Hälfte: Das hat man ja alles sofort im Internet oder per SMS. Man sollte aber auch Bilanzen lesen können. Wenn zum Beispiel ein Verein dringend Sponsorvorgriffe braucht, um den Spielbetrieb aufrechterhalten zu können, da wird man hellhörig. Oder wenn es gar zu einem Ausgleich oder Konkurs kommt wie bei Tirol, der mit rund 60 Millionen Euro immerhin die größte Insolvenz des Landes Tirol war.

Rapid wiederum sollte im Sommer 2007 Geld aus der Karibik erhalten…

Eine obskure Firma namens Yasmin mit Sitz auf den Virgin Islands hat Rapid 20 Millionen Euro für nahezu null Gegenleistung geboten – da kann ja was nicht stimmen. Das Geld gab es freilich – zum Leidwesen von Rapid – nicht. Auch Sportjournalisten haben eine Kontrollfunktion. Müssen Themen aufreißen und dranbleiben, haben zu prüfen, ob Gelder – zum Beispiel im ÖOC – richtig ankommen.

Oder die „Akte Kartnig" für die Sie 2007 von einer unabhängigen Jury nicht nur zum „Sportjournalist des Jahres" gewählt sondern quer durch alle Kategorien als „Journalist des Jahres" ausgezeichnet wurden. Und das mit gerade mal 32 Jahren.

Fundierter Journalismus ist nur bedingt eine Frage des Alters. Vielmehr eine Frage der Leidenschaft, der Neugier und der Bereitschaft, auch komplexe Zusammenhänge erklärbar zu machen.

Der Sportjournalist als Wirtschaftsjournalist und Aufdecker finanzieller Ungereimtheiten – wie die von Ihnen angesprochene Aufregung um Geldverschiebungen im ÖOC. Ist das auch – aber nicht nur – die Zukunft?

Nicht nur. Es geht im Grunde um Tiefenrecherche, und zwar auch bei weicheren Themen. Natürlich bedarf es der großen Porträts, der Geschichten über Helden und tragische Verlierer. Ganz wichtig bleibt die Gestaltung als Leseanreiz. Ich will die besten Bilder. Aber es zählt auch anderes. Ich nenne nur einen Namen: Thomas Kistner. Er ist Redakteur der „Süddeutschen Zeitung", Experte für Sportpolitik. Hat penibel recherchierte Bücher geschrieben wie „Der olympische Sumpf" oder „Das Milliardenspiel" über die FIFA.

Kistner und Sie sind da wohl Ausnahmeerscheinungen mit dem Ansatz, hinter die Kulissen zu blicken, statt die oft noch verbreitete Verhaberung zwischen Sportjournalisten und dem Gegenstand ihrer Berichterstattung zu pflegen.

Auch mein Kollege Erich Vogl ist längst auf den investigativen Geschmack gekommen. Das hat sich allgemein gebessert.

Auch im ORF?

Ja. Die Berichterstattung dort gefällt mir in letzter Zeit gut. Vor allem in „Sport am Sonntag". Da tut sich wieder was, die Dinge sind in Bewegung, es werden Gesprächsthemen geliefert, was längere Zeit nicht der Fall war. Stellvertretend für die Kollegen sei Hans Hengst erwähnt. Auch kritische Fragesteller wie Oliver Polzer bringen neue Blickwinkel.

Alle eher jünger. Alt ist mit 67 Heinz Prüller, den man jetzt vor die Tür setzt.

Eine Kultfigur, die polarisiert. Für ihn werden sich einige andere Kommentatoren-Türen öffnen. Ich bin mir sicher, dass er beim Saisonauftakt mit dabei sein wird.

Bei der Ski-WM waren Sie nicht vor Ort…

Ich muss als Sportchef nicht bei jedem Großereignis sein. Da sehe ich meinen Platz lieber in der Redaktion. Die EURO war für mich am Tag der Eröffnung quasi vorbei, während eines Großevents gibt es kaum noch Möglichkeiten für wirklich Exklusives. Das muss alles in der Vorbereitung laufen – zum Beispiel bei Besuchen i
m Trainingslager.

Ihr Vorgänger als Sportchef ist gut 20 Jahre älter und verdient jetzt deutlich mehr unter ihnen. Wie ist das Verhältnis?

Jürgen Preusser hat für den „Kurier" in mehr als zwei Jahrzehnten übermäßig viel geleistet, er bleibt Reporter und Kommentator, ist übrigens soeben mit überwältigendem Votum zum Vorsitzenden des Redakteursausschusses gewählt worden. Ich verstehe mich mit ihm sehr, sehr gut. Wir haben einander in den letzten zwei Jahren wohl deutlich öfter gesehen als unsere Frauen.

Man gewinnt den Eindruck, die „Kurier"-Sportredaktion ist so etwas wie der Talentepool des Hauses. Gert Korentschnig ist heute Kultur-Chef und stellvertretender Chefredakteur, Michael Hugnagl leitet das Ressort „Leben"…

… oder Harald Schume, der das Ohr auf Seite eins schreibt. Oder Bernd Fisa, der als Pressesprecher zu Ferrari wechselte. Es wird im „Kurier" Wert darauf gelegt, die Leute etwas probieren zu lassen. Er bietet eine ideale Plattform, sich zu entwickeln.

Und die „Kurier"-Sportler werden umworben. Sie hatten ein Angebot von „Österreich".

Wolfgang Ruiner, Fellners Sportchef, kenne ich schon lange. Er hat jahrzehntelange Erfahrung als Reporter und hat mir einst wichtige Tipps gegeben. Es war dann ein Bauchgefühl. Ich lasse mir meine Geschichten nicht zuspitzen oder umschreiben. Ich lege extrem viel Wert auf Seriosität. Deshalb blieb ich beim „Kurier".

Welchen Stellenwert hat der Sport in Österreich? In der Regierung ist er ja ein Wanderpokal. Jetzt sind die Agenden im Verteidigungsministerium angesiedelt.

Mir ist ein Ausspruch von Alexander van der Bellen in Erinnerung, als die Grünen über eine Koalition mit der ÖVP nachdachten: „Mit dem Sport lassen wir uns nicht abspeisen." Mittlerweile ist Sport wieder begehrt als große Bühne. Und Verteidigungsminister Darabos greift heiße Eisen an – und zwar nicht erst am Ende, sondern bereits zu Beginn seiner Amtszeit. Das wird noch spannend. Mal sehen, wie weit sein Mut reicht. Nicht nur in der Doping-Frage. Und es ist gut, dass ein Minister dafür zuständig ist. Die Staatssekretäre Schweitzer und Lopatka hatten ja kein Pouvoir.

Preusser hat Sie mal als typischen Steinbock beschrieben. Für jene, die bei Sternzeichen nicht so bewandert sind: Was zeichnet einen Steinbock aus?

Er geht mit dem Kopf durch die Wand und ist sehr hartnäckig.

Man weiß ja nie, was kommt. Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Oder in zehn? Weiterhin im Sport oder reizt Sie auch anderes?

Ich habe einmal mit dem Gedanken gespielt, mich in Richtung Wirtschaft zu orientieren. Mittlerweile denke ich, dass das Ressort-Denken überbewertet wird. Es geht um guten Journalismus. Und letztlich ist es unerheblich, ob eine Doping-Geschichte im Sport, in der Chronik oder in einer Sonntagsbeilage erscheint. Hauptsache, sie ist in der Zeitung.

Erschienen in Ausgabe 02+03/2009 in der Rubrik „Special Sport“ auf Seite 56 bis 57 Autor/en: Interview: Freddie Kräftner. © Alle Rechte vorbehalten. Der Inhalt dieser Seiten ist urheberrechtlich geschützt. Für Fragen zur Nutzung der Inhalte wenden Sie sich bitte direkt an die Redaktion.

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